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05.10. | Theater | Wir haben getan, was wir konnten | MalerSaal

Kritik

„Respice finem“ – „Bedenke die Folgen beziehungsweise das Ende“. Die roten Buchstaben werden gleich zu Beginn von der Spielfläche im Malersaal gefegt und bilden nun eine Blutlache aus kleinen Steinen unter dem Schattenbild eines Patienten. „Wir haben getan, was wir tun konnten“ lautet der Titel der medizinisch-theatralischen Recherche, mit der Autor und Regisseur Tuğsal Moğul am Schauspielhaus dem deutschen Gesundheitswesen auf den Zahn fühlt. Und der entpuppt sich als höchst marode.

Es schnürt sich einem der Magen zu, wenn York Dippe sich als Apotheker mit Grandezza in den schwarzen Barocksessel fläzt und erzählt, wie er durch illegalen Medikamenten-Pfusch über Jahre hinweg zu Reichtum kam. Oder wenn Ute Hannig und Christoph Jöde als reuelose Pflegekräfte berichten, wie sie ihre Patienten reihenweise mit Todesspritzen ins Jenseits beförderten, um sie von ihrem Leid zu erlösen oder eben nur, um den „Kick“ zu spüren.

 

Reale Fälle

 

Dass das Stück damit reale Fälle der jüngsten deutschen Kriminalgeschichte aufgreift, wirft Fragen auf. Etwa, ob Menschen wie diese vielleicht nur die hässlichen und pervers gefährlichen Auswüchse eines prekären Gesundheitssystems sind, das die Profitmaximierung über die Heilung des Patienten stellt und das Ärzte und Pflegekräfte bis an die Grenzen der Belastbarkeit ausbeutet. Dabei ist Moğuls Regieeinfall, die Psyche der Massenmörder mit barocken Gesängen in einer überhöhten ästhetischen Betrachtung zu spiegeln, schlichtweg umwerfend. Das liegt nicht nur an der exquisiten Auswahl der Arien und Lieder von unter anderem Gesualdo, Purcell und Pergolesi, sondern auch an Geigerin Swantje Tessmann, Kontrabassist John Eckhardt und Cembalist Tobias Schwencke, dessen filigran gearbeiteten Arrangements die Stimmen der drei Schauspieler wunderbar zur Geltung bringen.

Tuğsal Moğuls unaufgeregt stimmige, durchaus auch humorvolle Figurenführung tut ein Übriges für diesen ebenso erschreckenden wie beglückenden Abend. Und: Der Mann weiß, wovon der spricht, ist er doch neben seiner Theaterarbeit auch praktizierender Anästhesist und Notarzt in Münster.

/ Sören Ingwersen

Schauspielhaus (Malersaal)
05.10.2020, Uhr


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