(11.6.) Film, „In den Gängen“, Abaton, 19:15 Uhr

Sie war ein Höhepunkt der Berlinale: diese zarte Liebesgeschichte, die unter dem Neonlicht eines Großmarkts in Sachsen erblüht. Inmitten bleierner Einöde an einem Autobahnabschnitt, der nach der Wende zwar ausgebaut wurde, aber nur mäßig befahren ist. Hier fiebert keiner einer strahlenden Zukunft entgegen und vielleicht lebt man auch deshalb mehr im Jetzt – und auch ein wenig in der Vergangenheit. Als Bruno (Peter Kurth) noch bei der VEB war und den Lkw kreuz und quer durch den Osten lenkte. Heute ist sein Bock der Gabelstapler, den er virtuos durch die Getränkeabteilung und durch diesen ganz eigenen Kosmos fährt, in dem die Tiefkühlabteilung „Sibirien“ genannt wird und die Fischbecken „Ozean“, man trotz Verbots an der Laderampe gemeinsam eine schmökt und abgelaufene Waren aus dem Container zieht, sich schnell ein Würstchen in den Mund stopft oder ein Törtchen rettet.

Marion, die Süßwaren-Fee

In diese Welt tritt Christian (Franz Rogowski) ein, zögerlich und schüchtern, den Kuli in der Brusttasche und die Ärmel seines grauen Kittels lang über seine Tattoos gezogen. Man möchte gar nicht wissen, welcher Vergangenheit er den Rücken zukehrt, um hier noch einmal neu anzufangen.

Und es dauert nicht lange, da sitzt er in seiner Neubauwohnung und wartet sehnsüchtig, bis sein Großmarkt wieder öffnet. Dieser Zufluchtsort, solidarisch und abgeschottet wie einst die DDR, wo Bruno ihm beibringt, den Gabelstapler zu fahren und er sich am Kaffeeautomaten in die forsche Süßwaren-Fee Marion (Sandra Hüller aus „Toni Erdmann“) verliebt. Zögernd umwirbt er sie mit Kuchen und Cappuccino, bis sie bei der Weihnachtsfeier auf der Landerampe den Kopf auf seine Schulter legt.

Ein fast idyllischer Gabelstapler

Wie die Gabelstapler, die Hand-Ameisen und Servostapler tanzt auch die Kamera durch die Gänge, schwelgt in Horizontalen und Vertikalen, wirft den Blick durch die Regale hindurch und immer wieder auch auf die Fototapete mit Palmenstrand im Pausenraum.

Es ist ein großes Glück, dem allen zuzuschauen, diesem klugen Abgesang auf eine sterbende Landschaft, die Regisseur Thomas Stuber und Schriftsteller Clemens Meyer mit so umwerfend viel Gefühl und Seele aufladen. Schließlich hört sich der Gabelstapler, fährt man seine Gabel ganz hoch und lässt sie dann ganz langsam wieder runter, wie Meeresrauschen an.

/ Sabine Danek / Foto: Zorro

Abaton
11.6.18, 19:15 Uhr