Beruf mit Tradition: Ausbildung zur Brauerin und Mälzerin

Marielle Müller, Auszubildende zur Brauerin und Mälzerin bei der Ratsherrn Brauerei GmbH, wollte ursprünglich nur auf Führungen andere für Ratsherrn begeistern, doch dann entbrannte ihre Leidenschaft endgültig für diesen Beruf

Die Ratsherrn Brauerei hat zwar eine lange Tradition, die nutzt man hier aber nicht, um sich darauf auszuruhen. Schon wenn man in das Unter­nehmen hineinkommt spürt man überall eine fröhliche und leben­dige Umtriebigkeit. Ratsherrn nutzt sein langes Brauwissen, um immer wieder mit neuen Innovationen neue Geschmackserlebnisse zu erzeugen. Das Einzige, was man hier als bierernst bezeichnen könnte, ist die Gewissenhaftigkeit, mit der hier alles kreiert wird: von den erstklassigen Brau­Produkten bis zur detailverspielten Ausstat­tung. Und dafür bekommt dann auch nicht ohne Grund drei Mal Gold beim Meininger Internatio­nal Craft Beer Award.

Moin Marielle, erklärst du einmal direkt zu Beginn wie du auf diesen Berufswunsch gekommen bist? 

Marielle: Okay, die Berufswahl ist vielleicht nicht so ganz typisch, aber ich habe auch schon vorher einen Beruf erlernt, der nicht so ganz gewöhnlich ist. Ich bin Milchtechnologin und mich hat immer schon sehr interessiert, wie ein Produkt entsteht, das ist sicher­lich der Grund. Nach meiner ers­ten Ausbildung bin ich dann nach Hamburg gezogen und habe Rats­herrn kennengelernt. Ich fand die Brauerei und ihre Produkte sehr nice und wollte mehr über das spannende Unternehmen erfahren.

Was hat dich denn dann dazu gebracht, unbedingt noch eine zweite Ausbildung hier bei Ratsherrn absolvieren zu wollen? 

Es begann mit einer Brauereifüh­rung, die ich mitgemacht habe. Als Besucher war ich schon total be­ geistert, wie das hier läuft. Es war so ganz anders, als ich es bisher bei anderen Brauereiführungen ken­nengelernt habe. Bei den anderen wird man nur mal so durchgeführt und zum Abschluss gibt es halt das Bier. Hier bei Ratsherrn wird man auch als Besucher erst einmal durch ein junges Team sehr herz­lich aufgenommen. Auf der Füh­rung wird dann viel ausführlicher über die gesamte Bierhistorie erzählt und dann speziell über die Hamburger Biertradition, die vielen wahrscheinlich gar nicht so bewusst ist. Bei Ratsherrn ver­kostet man dann sehr unterschied­liche Biere und bekommt einen tollen Eindruck über die Vielfalt, die möglich ist und bei Ratsherrn eben auch gebraut wird. Zu jedem Produkt gibt es eine schöne Ge­ schichte, die erzählt wird. Das wollte ich dann auch machen.

Was passierte dann?

Dann habe ich mich erst einmal beworben, auch diese Führungen und Verkostungen machen zu dürfen. Seit November 2019 habe ich das dann auch mit viel Freude gemacht. Abends bin ich dann immer noch einmal rüber zu den Brauern, um mit denen gequatscht und einfach gespürt wie mein Herz für diesen Beruf schlägt. Es ist einfach ein sehr junges, entspann­tes und vor allem innovatives Team hier, dass macht Ratsherrn auch so besonders. Man folgt hier keiner Norm. Das sieht man schon, wenn durch den Store geht und die Vielfalt der hier gebrauten Biere sieht. In unserer Mikro­Brauerei werden ständig neue Biere kreiert, hier gibt es keinen Stillstand.

 

Geschmacksvielfalt und Brauqualität

 

Den Punkt nehme ich mal gerne auf. Ihr braut ja auch sehr viele Spezialitäten – Stichwort Craft Beer. Erklärst du einmal, was bei euch der Unterschied zu den sogenannten Konzern-Bieren ist.

Das Spannende ist, dass hier eben nicht primär auf Masse produziert wird, sondern Geschmacksvielfalt und Brauqualität im Vordergrund steht. Gerade beim Geschmacks­erlebnis versuchen wir uns ständig weiterzuentwickeln, um die Men­schen dazu zu bringen, nicht im­ mer das Gleiche zu trinken. Ich selber war ja auch so eine typische Pilstrinkerin und war total über­rascht als ich die New Ära Biere hier probiert habe. Großartig, was alles möglich ist und damit wollte ich mich einfach intensiver be­schäftigen. Die Vorstellung, die Hamburger für ihre Hamburger Bier zu begeistern, finde ich groß­artig. Und Ian, einer unserer Braumeister, steckt mich geradezu an mit seiner Akribie, immer wieder etwas Neues zu entwickeln.

Gib uns doch einmal einen kleinen Einblick in deinen Ausbildungsalltag.

Durch meine vorherige Ausbildung habe ich schon einige Erfahrungen und Kenntnisse im Lebensmittel­bereich gesammelt und konnte daher auch direkt im zweiten Aus­bildungsjahr beginnen. Insofern weiß ich über einige wesentliche Dinge für die Lebensmittel­ und Genussbranche, wie etwa Hygiene, sehr gut Bescheid. Insofern geht es für mich natürlich auch ganz konkret darum, die Geheimnisse des Bierhandwerks zu erlernen. Genauso wichtig ist das Erlernen eines guten Gespürs für die Qua­litätskontrolle der Zwischenpro­dukte, zum Beispiel die Würze, aus denen dann das Bier entsteht. Wir lernen sehr viel über die Abfülltechnik, spannend war da mein erster Monat in der neuen Abfül­lung, die hier gebaut wurde, und ich bei der Inbetriebnahme dabei sein konnte.

Du wirst ja auch Mälzerin. Was passiert in einer Mälzerei?

Da wird das Malz vorher geröstet bzw. gedart, das bedeutet getrocknet, bevor es dann später verarbei­tet wird.

Welche Schwerpunkte habt ihr in der Berufsschule?

Das sind sehr verschiedene Be­reiche. Im Kern sind es Fächer zur Lebensmittelkunde und ganz wich­tig sind auch die Technologien, um zum Beispiel zu verstehen, wie Pumpen und vieles mehr funktio­niert. Wir lernen viel über Wasser­aufbereitung und Energiegewin­nung. Themen, die man vielleicht nicht so präsent hat, aber für einen reibungslosen Brauvorgang sehr wichtig sind. Sonst gibt es eben auch kein Bier. Dann kommen noch die Klassiker wie Mathe und Politik beispielsweise dazu.

 

„Es ist großartig, nach Feierabend mit einem selbst ge­brauten Bier dazusitzen“

 

Was bereitet dir am meisten Freude an deiner Ausbildung?

Es ist einfach großartig, nach Feierabend mit einem selbst ge­brauten Bier dazusitzen und genau zu wissen, wie es geht und was dahintersteckt. Es ist toll zu wissen wie die unterschiedlichen Ge­schmacksrichtungen entstehen und auch andere Menschen dafür zu begeistern. Ich liebe es einfach über meinen Beruf zu erzählen, und die meisten möchten darüber auch viel lieber etwas hören, viel mehr als über Milch. Wer hätte das gedacht. Das ganze Paket ist einfach schön hier. Es ist ein tolles Team und mir wird viel erklärt und ich wurde hier sehr gut aufgenommen. Darüber hinaus darf man hier sehr selbstständig arbeiten und genießt ein schönes Vertrauen innerhalb des Kollegen­kreises.

Gibt es eigentlich Eigenschaften, die man braucht, um eine gute Brauerin und Mälzerin zu werden?

Man muss auf jeden Fall Bier mögen, das ist ja klar. Wirklich wichtig ist aber, dass man hand­werklich begabt ist und man muss mit anpacken können. Was auch nicht schadet, ist ein gutes Impro­visationstalent, damit man sich selbst zu helfen weiß, wenn mal etwas nicht gleich richtig funktio­niert, etwa wenn eine Verschrau­bung sich nicht problemlos löst. Einfach mal um die Ecke denken hilft. Man sollte sich einfach für sein Fach interessieren, nicht nur für das Endprodukt, sondern für die Geschichte, die Rohstoffe. Im Prinzip für alles, was hinter und in so einem Produkt drinsteckt.

Also einfach über den Bierglasrand hinausschauen. Hast du heute schon konkrete Vorstellungen, was du nach deiner Ausbildung machen möchtest? 

Klar denke ich darüber nach, aber ich bin mir noch nicht so ganz sicher. Wenn ich darf, möchte ich sehr gerne hier in der Brauerei bleiben. Cool wäre lang­fristig geplant, wenn ich Bier­Sommelier werden könnte und die ganzen Aromenunterschiede beherr­schen würde, um gegebenenfalls auch Fehlaromen genau herauszuschmecken. Genauso kann ich mich auch für Marketing und Design begeistern und auf der Ebene kreativ sein. Wenn man sich bei Ratsherrn umschaut und sich nur alleine einmal die unter­ schiedlichen Etiketten anschaut, dann sieht man wie viel Herzblut in die Ausgestaltung gesteckt wird. Hier im Unternehmen ist alles irgendwie kreativer und kein Standard. Aber zuallererst mache ich erst einmal meine Ausbildung fertig, um dann richtig in den Beruf als Brauerin zu starten.

Wenn du also eventuell Richtung Sommelier gehst, dann passt meine letzte Frage ja ganz gut. Was ist für dich das Besondere an einem guten Bier?

Sicherlich hat das auch mit ganz viel persönlichem Geschmack zu tun, ein eingefleischter Pilstrinker wird einem sicherlich sagen, dass ein Bier nur so schmecken darf, wie er es gewohnt ist. Hier bei Ratsherrn habe ich ja auch erst wirklich die Vielfalt kennengelernt und inzwischen kommt es bei mir sehr auf die Stimmung oder Situation an. Das kann schon die Jahreszeit sein, unser Moby Wit ist für mich zum Beispiel ein tolles Sommerbier, weil es sehr erfrischend ist. Für mich ist ein gutes Bier ein Bier aus einer Brauerei, die auch Abwechslung bietet.

Im Prinzip entwickelt sich doch der Biergenuss ein wenig so, wie wir es vom Wein kennen. Unterschiedliche Geschmacksangebote für unterschiedliche Anlässe oder auch Gerichte.

Genau richtig. Deswegen machen wir hier bei Rats­herrn auch Führungen, bei denen zu den untesrchied­lichen Bieren unterschiedliche Speisen verkostet werden können. Ich habe mal ein sehr starkes Bier, das Imperial, ein Pilsener mit 7,5 Prozent, mit einem Cheddar­Käse zusammen probiert und das hat total gut geschmeckt. Entsprechend kann man zu Hause wirklich mal ausprobieren, welches Ratsherrn zu welchem Gericht am besten schmeckt. Wir kreieren hier immer wieder etwas Neues, zum Beispiel kommt demnächst unser Hamburg Hell auf den Markt. Es macht einfach Freude, immer wieder dabei zu sein und mitzumachen, wenn etwas Neues entsteht.

www.ratsherrn.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Ausbildung, 2021. Das Magazin ist seit dem 19. September 2020 im Handel. Bestellt euch das Heft oder Blättert hier durch das Magazin! 

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Mitten rein: Studienstart im Lockdown

Eigentlich sollte im März die beste Zeit ihres Lebens beginnen. Doch diese wurde zur unsichersten: Svea Fischer und David Abel starteten mitten in der Corona-Hochzeit in ihr Studium: David Medien- und Kommunikationsmanagement an der Macromedia. Svea Bekleidung, Technik und Management an der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW)

Interview: Markus Gölzer

 

Svea Fischer und David Abel (Foto: Leon Bültmann)

Uni-Extra: Wie habt ihr im Studium den Übergang in die Corona-Zeit erlebt? 

David: Ich war zwei Tage an der Uni, dann ging der Shutdown los. Das war für das erste Semester nicht das Schönste. Uns wurde gesagt, ok, das Studium findet eine Woche später statt. In dieser Woche wurden wir informiert, dass alles komplett online stattfindet. Wir wurden darauf vorbereitet, dann gingen die Online-Vorlesungen los.

Svea: Ich war in der Orientierungswoche. Am Freitag wäre eine Begrüßungsparty gewesen, die aber schon nicht stattfinden konnte. Am Montag darauf hätte es eigentlich angefangen, aber dann war Lockdown, und es hat ein bisschen gedauert, bis wir auf Online umspringen konnten. Es war anders als bei David, weil unsere Uni nicht so richtig vorbereitet war. Deshalb hat sich alles nach hinten verschoben.

Wie liefen die Online-Vorlesung ab? 

David: Ich habe jeden Tag Vorlesungen gehabt, live alles miterlebt, konnte mit den Professoren reden. Wir waren 25 bis 30 Leute, manchmal auch 40, das lief ganz gut. Heißt, der Professor war durchgehend zu sehen, man konnte mit ihm sprechen, man konnte auch die anderen sehen. Es war sozusagen die beste Lösung.

Svea: Ähnlich wie bei David. Der Professor hatte dauerhaft seine Kamera an, damit man weiß, wer zu einem spricht. Das war eigentlich ganz nett. Die Kommilitonen hatten die Kamera nicht an. Wenn man eine Frage hatte, hat man sein Mikrofon angemacht, was gesagt und sein Mikrofon wieder ausgemacht. Hauptsächlich hat der Professor gesprochen. Es war ein Zuhören, es ist nie ein Gespräch oder eine Diskussion entstanden.

Wie kamen die Professoren zurecht? Gab es unterschiedliche Herangehensweisen?

Svea: Manchmal wussten die Dozenten nicht, wie man mit den Programmen umgeht, weil es kaum Vorbereitungszeit gab. In Mathe und Chemie hat unser Professor Videos hochgeladen mit Aufgaben, die wir erledigen mussten. Das war nicht live. Dann gab es leider auch Kurse, wo wir gar nichts hatten. In BWL bekamen wir eine E-Mail mit einem Artikel, den wir durchlesen sollten. Andere haben häufig Folien von der Vorlesung hochgeladen, die man sich selbst angeguckt hat. Richtig gut geklappt hat das nicht, weil es von Kurs zu Kurs unterschiedlich war. Jeder Professor hat das so gemacht, wie das für ihn am besten war.

David: Die wurden in der ersten Woche geschult, damit sie mit dem Programm „Teams“ arbeiten konnten. Mit der Zeit hat jeder dazugelernt. Wir haben uns gegenseitig geholfen, haben gezeigt, wie die Dinge funktionieren. Zwischenzeitlich war es etwas hektisch, aber insgesamt hat es gut funktioniert.

Haben die technischen Voraussetzungen gestimmt? Konnten eure Unis die Datenmengen stemmen? 

David: Die Uni war gut vorbereitet. Auch als Schüler musste man bereitstehen. Ich hatte das Glück, dass ich das ganze technische Material zu Hause hatte. Es gab auch viele, die sich ein iPad kaufen mussten, weil sie nur einen schwachen Windows-Rechner vom Vater hatten und deshalb die ersten beiden Wochen nicht dabei waren.

Svea: Wir hatten den E-Mail-Verteiler von der Uni, und da kamen schon öfter mal Mails rein, dass der Server wieder abgestürzt wäre. In den Vorlesungen war zwischenzeitlich mal die Dozentin zehn Minuten vom Bildschirm verschwunden. Von der Studentenseite her war es so, dass man zu Hause die Voraussetzungen wie gutes WLAN brauchtest.

Gab es Kommilitonen, die wegen Geldmangels ins Hintertreffen gerieten?

Svea: Das weiß ich nicht, weil ich nur mit wenigen Leuten zu tun hatte. Aber es kann natürlich sein. Wir sind ungefähr 45 Leute und die Teilnehmerzahl hat immer so zwischen 25 und 35 geschwankt. Es war nie vollständig. Und das könnte natürlich daran liegen, dass die keine Möglichkeit hatten, auf einen Computer zuzugreifen.

David: Ja. Viele. Das Image einer Privatschule ist immer: Das Studium wird von reichen Eltern finanziert. Richtig ist: Die Hälfte der Leute studieren zum zweiten, dritten Mal, sind allein nach Hamburg gezogen, müssen eine Wohnung bezahlen, studieren hier, weil es das Studium nicht an einer staatlichen Uni gibt. Da gab es auf alle Fälle Leute, die sagten, das wäre jetzt schwer zu stemmen.

Habt ihr die soziale Dynamik des Hörsaals vermisst?

David: Ich habe das ganze Unileben vermisst. Das ist auch das, was viele suchen, wenn sie zur Uni gehen. Ich kann sehr gut verbal lernen. Wenn jemand vor mir steht und mir das erklärt, dann lerne ich besser, als wenn ich von einem Blatt Papier ablese. Nach sechs Stunden vor dem Bildschirm ist es schwer, sich zu konzentrieren.

Svea: Auf jeden Fall. Eigentlich habe ich mir vorgestellt, ein richtiges Studentenleben zu haben. Mittlerweile studieren wir ein Semester lang, und ich hätte alle Leute, mit denen ich studiere, schon längst kennenge- lernt. Das fehlt mir, und ich fühl mich auch nicht wirklich als Studentin, weil ich nur online vor meinem PC gesessen habe.

Gab es noch irgendwelche Fragmente vom Studentenleben?

Svea: Gar nicht. Es war wirklich so, als würde ich mich privat fortbilden und mir Videos angucken.

David: Fast gar nicht, würde ich sagen. Man kommuniziert über verschiedene Plattformen, aber man lernt sich nicht kennen. Ich habe die ersten zwei Tage eine kleine Gruppe kennengelernt. Am Ende des Semesters haben wir uns einmal als Gruppe von 40 Leuten im Park getroffen, nicht ganz legal, um uns kennenzulernen. Mehr gab es auch nicht. Wir hatten keine Feiern, keine Gegebenheiten, uns zu sehen. Das fehlt natürlich. Die Unitür schließt sich nie hinter einem. Es entsteht kein Feierabendgefühl.

Hat sich die Wahrnehmung eures Zuhauses verändert, seit es gleichzeitig Hörsaal ist?

David: Auf jeden Fall. Das hat mir auch nicht wirklich gefallen. Man steht auf und hat direkt die Uni neben sich. Ich würde lieber in die Uni gehen. Ich will einen Ort haben zum Studieren.

Svea: Ich habe anfangs in meinem Zimmer gesessen während der Vorlesungen. Dann im Wohnzimmer am Esstisch. Einfach, um mal eine andere Location zu kriegen. Als es warm war, habe ich mir das in der Sonne angehört. Meine Wahrnehmung hat sich nicht geändert.

Habt ihr euch bewusst für die jeweilige Studienform entschieden?

David: Ich habe den Studiengang danach ausgewählt, was ich machen möchte. Ich bin ein praktischer Mensch und habe deshalb einen praktischen Studiengang gesucht. Ich wollte statt einer Ausbildung studieren, damit ich meinen Bachelor habe. Richtung Medien gibt es wenig Studiengänge, die nicht privat sind und mir gefallen haben. An der Uni Hamburg gibt es Medien- und Kommunikationswissenschaften. Das ist sehr, sehr wissenschaftlich und halt nicht praktisch. In meinem Studium habe ich einen BWL-Anteil, einen wissenschaftlichen Anteil und vor allem viel praktische Übungen – Fotografie, Design – und das hat mir gefallen.

Svea: Ich stand zwischen der öffentlichen HAW und der privaten AMD (Akademie Mode und Design). Ich habe superlange überlegt, ob ich staatlich oder privat studieren möchte. Man muss an einer privaten Uni mit Studiengebühren von 600 bis 700 Euro im Monat rechnen. Trotzdem wollte ich schließlich privat studieren. Mein Studiengang „Bekleidung, Technik und Management“ heißt an der AMD „Modemanagement“. Das hat für mich kreativer geklungen, besser für meine Interessen. Dann habe ich an beiden Unis Dozentengespräche gehabt. Die HAW war tausend Mal sympathischer. Eine Freundin studiert an der AMD meinen Studiengang und kennt Leute von der HAW. Die sah keinen großen Unterschied. Da war mir klar, dass ich an die HAW gehe. Das Studium an der AMD hätte einfach zu viele Kosten und zu viel Aufwand bedeutet, um an das Geld zu kommen. Ich bereue die Entscheidung bis jetzt auf gar keinen Fall.

Findet ihr die Corona-Maßnahmen insgesamt angemessen oder übertrieben?

David: Wenn man sieht, wie die Zahlen sind und was alles passiert ist, haben wir das in Deutschland alles gut gehändelt. Natürlich habe ich auch keine Lust mehr auf Corona, aber das kann man nicht ändern.

Svea: Ich finde es schon angemessen. Aber es hat mich dann schon gewundert, dass die Schulen ihren normalen Betrieb wieder aufgenommen haben, und bei uns wird es auch im kommenden Semester so sein, dass die Präsenzlehre nicht zu 100% stattfinden kann.


Cover_SZ1020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2020. Das Magazin ist seit dem 27. September 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Berufsberatung: Wie findest du deinen Traumberuf?

Ein Gespräch mit Ragnhild Struss, Gründerin der privaten Studien- und Berufsberatungsfirma Struss & Claussen in Hamburg, über die optimale Ausbildungsplatzsuche

Im Leben muss gefühlt alles immer sofort passieren, häufig lohnt es sich aber, einmal innezuhalten und sich genau zu überlegen, was man will. Gerade, wenn man nach der Schule seine berufliche Zukunft plant. Bei der Berufswahl orientiert man sich häufig an dem, was man kennt, aber gar nicht so sehr daran, was der eigenen Persönlichkeit entspricht. Bei über 9.000 Bachelor-Studiengängen und um die 320 Ausbildungsberufe kann man kaum ohne Hilfe erkennen, was wirklich zu einem passt.

Struss & Claussen unterstützt seit über 15 Jahren erfolgreich junge Berufseinsteiger, zu erkennen, wo ihre Talente und damit Potenziale liegen. Das Credo ist, die Kandidaten in ihrer Entscheidung unabhängiger von äußeren Einflussfaktoren zu machen und sich die Persönlichkeit anzuschauen, um darauf aufbauend gemeinsam mit den Eltern einen Zukunftsplan zu besprechen und abzustimmen. Wichtig ist eben, aus sich heraus fühlen und vor allem benennen zu können, was zu einem passt.

Um genau das jedem Abiturienten zu ermöglichen, hat Ragnhild Struss gemeinsam mit Christine Mahrenholz eine spannende und einzigartige Online-Plattform auf die Beine gestellt. „Toni Knows“ hilft Gymnasiasten, ihre individuellen Stärken und Potenziale zu entdecken und sicher einzusetzen. Die Basis sind psychologische und psychometrische Tests und diese Ergebnisse werden in einem Matchingprozess in Beziehung zu passenden Studiengängen oder Ausbildungen gesetzt. In einem Interview lässt uns die Inhaberin Ragnhild Struss erleben, was sie mit ihrem Geschäftspartner Johann Claussen und hoch motivierten Mitarbeitern auf die Beine stellt: Jeden Tag Zukunft kreieren.

 

Interview mit Berufscoach Ragnhild Struss

 

Ragnhild Struss (Foto: Florian Janssen)

SZENE HAMBURG: Einen schönen guten Morgen, Frau Struss, kommen wir am Anfang doch direkt einmal zum Ursprung. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Studien- und Berufsberatung zu gründen?

Ragnhild Struss: Ich habe jemanden zu einer Berufsberatung begleitet, während ich noch selber im Studium war. Ich fand das Ganze zwar interessant, hatte aber innerlich irgendwie das Gefühl, dass man das besser machen könnte. Während des Studiums habe ich langsam angefangen, mir zu überlegen, wie man so etwas aufziehen könnte, und habe mich nach meinem Studium tatsächlich sehr schnell selbstständig gemacht. Wenn man sich mit einer Gründungsidee beschäftigt, macht man sich natürlich fortlaufend Gedanken, wie man die Umsetzung immer besser machen kann.

Deshalb haben wir uns zum Beispiel schon vor Jahren darauf konzentriert, unser Angebot zu digitalisieren. Unsere eintägige Karriereberatung kann man beispielsweise komplett per Videotelefonie abhalten, während man die entsprechenden Testverfahren online absolviert. Die Ergebnispräsentationen erfolgen dann auch über Skype oder Ähnliches, weil es wichtig ist, den Kandidaten persönlich zu erleben. Und die Online-Optionen sind natürlich klasse, da wir damit auch für unsere Kandidaten im Ausland top zur Verfügung stehen können.

Gibt es noch weitere Vorteile durch die Online-Angebote?

Ich finde, dass Karriereplanung nicht vom Geldbeutel abhängen sollte, und so sind wir natürlich auch in der Lage, sie preissensibler anzubieten. Deshalb haben wir zum Beispiel Step up! e. V. gegründet, einen Verein, der Stipendien für eine Karriereberatung vergibt. Zudem haben wir ein Online-Tool aufgesetzt, das sich an der individuellen Karriereplanung orientiert. Es heißt Toni Knows und damit können Kandidaten auf Basis einer Persönlichkeitsanalyse ein zu ihnen passendes Studium und darauffolgend Beruf finden.

Erläutern Sie doch kurz den Prozess, den Kandidaten bei Ihnen erfahren dürfen …

Im Rahmen der Beratung bei Struss & Claussen bekommt der Schüler oder die Schülerin im Voraus Online-Testverfahren zur Verfügung gestellt, um die Fragebögen in Ruhe zu Hause zu beantworten. Das dauert etwa zwei bis drei Stunden. Dann kommen die Kandidaten für einen ganzen Tag zu uns, und in Form von persönlichen Interviews und kreativen Übungen werden weitere diagnostische Persönlichkeitsverfahren und auch kognitive Tests durchgeführt. Am Nachmittag präsentieren wir im Beisein der Eltern die Ergebnisse. Es wird erläutert, was wir herausgefunden haben, und die entsprechenden Empfehlungen vorgestellt.

Sei es für die Ausbildung, für Studienrichtungen oder für bestimmte berufsorientierte Praktika, bis hin zur Beantwortung der Frage, ob nicht auch erst einmal ein Gap Year Sinn ergeben könnte. Dieser Tag ist natürlich sehr intensiv, deshalb gibt es zum Abschluss einen umfangreichen Ordner mit allen Ergebnissen, Empfehlungen und wichtigen Erläuterungen, um sich damit zu Hause noch einmal in Ruhe zu beschäftigen. In unserem Angebot ist auch enthalten, dass wir ein Jahr lang für die Kandidaten jederzeit als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Man kann das Ergebnis auch zu einem späteren Zeitpunkt erneut nutzen, zum Beispiel sich im Rahmen eines Bewerbungsschreibens noch einmal anschauen, welche hervorstechenden Persönlichkeitsmerkmale man hat, und sich entsprechend auf ein Vorstellungsgespräch vorbereiten.

 

Für jeden gibt es den richtigen Platz

 

Worauf legen Sie in Ihrer Beratung großen Wert?

Im Kern unserer Beratung ist es vor allem unser Ziel, die Persönlichkeit zu erfassen. Häufig sind Berufsberatungen ausschließlich an den Interessen der Kandidaten orientiert, das machen wir gar nicht. Denn ein Interesse kann ich nur an etwas haben, wenn ich es schon einmal kennengelernt habe, aber es gibt so viele Dinge, mit denen gerade junge Menschen noch nie in Kontakt gekommen sind. Orientiere ich mich nur an dem mir Bekannten, verschließe ich mich vor so vielen spannenden Möglichkeiten im Leben. Deswegen ist es für uns so wichtig, den Menschen in seinem gesamten Potenzial zu erkennen, indem wir eine tiefgehende Persönlichkeitsanalyse durchführen.

Für jeden gibt es den richtigen Platz, die meisten machen aber den Fehler, sich von außen beeinflussen zu lassen, den Wünschen der Eltern, den Ideen von Freunden, gehypten Jobs in den Medien etc. entsprechen zu wollen. Diese Beeinflussung arbeiten wir heraus und versuchen sie abzubauen, um festzustellen, was man eigentlich wirklich aus sich heraus möchte. Vielen Jugendlichen fehlt das Selbstbewusstsein, um ihre ureigenen Potenziale und Fähigkeiten zu erkennen und daran auch zu glauben. Wir legen sie in der Beratung frei.

Sie versuchen erst einmal, das innere Bewusstsein zu öffnen und die Einflüsse von außen zu unterbinden?

Richtig. Ein Beispiel: Viele schließen ein Medizinstudium per se aus, weil der Numerus Clausus zu hoch sei. So ein Außenkriterium führt viel zu radikal dazu, beispielsweise etwas Medizinisches nicht in Betracht zu ziehen, statt auf Basis der Persönlichkeit auszuloten, ob es nicht doch eine Möglichkeit gibt.

Sehr spannend, machen Sie eigentlich auch eine Art Erfolgskontrolle?

Wie erwähnt begleiten wir unsere Kandidaten ja ein Jahr lang und führen sehr genau Buch über deren Entwicklung. Und wir machen auch Zufriedenheitserhebungen, und da kommt zum Beispiel raus, dass über 90 Prozent zufrieden mit dem vor- und eingeschlagenen Berufsweg sind – ein sensationelles Ergebnis. Und bei rund 87 Prozent ist eine deutliche Motivation zur Leistungssteigerung zu erkennen, worüber wir uns sehr freuen. Wenn man sich selbst viel besser wertschätzt, hat man auch gleich eine ganz andere, positive Ausstrahlung.

 

Potenziale entdecken, die in jedem schlummern

 

Warum sind Sie Unternehmerin geworden und was treibt Sie Tag für Tag an? 

Ich hatte immer schon Lust, Unternehmerin zu werden, und diese Form der Beratung ist entstanden aus der Neugier am Menschen. Ich liebe es, Menschen ein Stück in ihrem Leben zu begleiten und sie dabei zu unterstützen, sich selbst sehr gut kennen und schätzen zu lernen und den bestmöglichen Berufsweg für ihr Leben einzuschlagen. Und wie schon gesagt, hat mich der Ansatz vieler Wettbewerber irritiert, da sie meiner Meinung nach die Potenziale, die in jedem schlummern, mit den herkömmlichen Methoden unentdeckt lassen. Zusätzlich habe ich jeden Tag das Glück, mit tollen Menschen zusammenzuarbeiten, die Freude an ihrem Beruf haben, weil sie das machen, was sie wirklich mögen.

Oft steht nach dem Abitur die Frage im Raum, ob zunächst ein Auslandsjahr das Richtige ist. Wie sehen Sie das?

Das werden wir natürlich immer wieder gefragt. Unser Prinzip ist ja, dass nicht jeder gleich ist und es vor allem wichtig ist, was man denn so grundsätzlich will. Nur weil man ein Abi hat, muss ja auch nicht jeder zwingend studieren. So ein Jahr im Ausland sollte schon darauf ausgerichtet sein, was man später beruflich machen will. Wenn Sprachkenntnisse wichtig für das weitere Leben sind, dann ist ein Auslandsaufenthalt super, aber dann am besten nicht mit dem besten Buddy, um doch nur Deutsch zu sprechen.

Es bietet sich auch an, wenn man sich sozial engagieren will oder seine Persönlichkeit weiterentwickeln will und zum Beispiel mit Work and Travel sein erstes eigenes Geld zu verdienen, um unabhängig zu sein. Die Alternative wäre eine fachliche Vorbereitung, zum Beispiel lernen, wie man eine Mappe fürs Design-Studium erstellt, oder naturwissenschaftliche Kenntnisse erweitert, um sich für ein entsprechendes Studium zu bewerben.

Am Ende gibt es aber auch Menschen, für die ist es besser, direkt ein Studium in ihrem Heimatort zu beginnen, weil sie mehr Sicherheit als Abenteuer brauchen. Es geht also unterm Strich um eine bewusste Entscheidung, die eigenen inneren Beweggründe und Ziele bei diesen einzelnen Schritten. Wichtig ist auch mal darauf zu achten, ob man eine Entscheidung trifft, weil man gegen die Eltern rebellieren will. Das ist vielleicht manchmal nachvollziehbar, wäre aber eine Entscheidung durch einen äußeren Einfluss und kommt nicht wirklich aus dem Inneren.

Kommen wir zu einem aktuellen Thema. Corona bestimmt gerade alle Lebensbereiche. Spüren Sie dadurch eine Veränderung im Verhalten Ihrer Kandidaten und beeinflusst dies gegebenenfalls die Entscheidung, Stichwort Sicherheit?

Corona ist erst einmal auch ein äußerer Umstand und so gilt auch hier, sich davon nicht leiten zu lassen, sondern gemeinsam zu schauen, welche nächsten Schritte zunächst einmal wirklich zur Persönlichkeit des Kandidaten passen. Auch hier ist entscheidend, sich nicht verunsichern zu lassen. Natürlich macht der Virus Angst. Wir Menschen lassen uns durch Bedrohungen zu Pessimismus verführen und können dadurch keine klaren Entscheidungen mehr treffen. Zu viel Vorsicht ist nicht immer die richtige Grundlage für langfristige Planung, und wir stellen tatsächlich fest, dass einige inzwischen stark durch Sicherheitsgedanken gesteuert sind.

Deshalb empfehlen wir auch weiterhin, erst einmal den Potenzialanalyseprozess komplett zu durchlaufen, um zu schauen, was einen wirklich glücklich macht. Und auf der Grundlage kann man dann entscheiden, wie man mit dem Umstand Corona methodisch, institutionell oder auf der Eben des Ortes umgeht. Und man sollte nicht unterschätzen, dass durch die Corona-Zeit auch wahnsinnig viele neue Möglichkeiten entstehen.

Auf einmal muss man lernen, mit digitalen Lernsituationen umzugehen, man entdeckt neue digitale Arbeitstechniken und -prozesse. Für manche ist das Lernen zu Hause teilweise förderlicher als das Sitzen in überfüllten Hörsälen. Letztlich zeigt aber auch Corona, wie wichtig es ist, seinen Typus zu kennen, um für sich den optimalen Weg zu finden und den Umgang mit fordernden Situationen richtig einzuschätzen.

 

Erfolg durch Erfüllung

 

Wie bewerten Sie denn das Verhalten vieler Eltern, die primär wollen, dass es ihren Kindern immer gut geht und deshalb sehr auf Sicherheitsaspekte achten?

Logisch, dass Eltern ein natürliches Schutzbedürfnis haben und daraus resultierend versuchen, auch die Zukunftsentscheidung der Kinder unter Sicherheitsaspekten zu bewerten. Das macht aber häufig nicht wirklich Sinn, denn Erfolg hat vorrangig etwas mit Erfüllung zu tun. Und die höhere Wahrscheinlichkeit auf Erfolg liegt in dem, was man wirklich kann und liebt und seiner Persönlichkeit entspricht. Dieser Sicherheitsaspekt bleibt für mich trotzdem sehr spannend, weil man letztendlich in dem am sichersten auftritt und arbeitet, in dem man einen hohen Selbstwert verspürt, und Selbstwert hat immer etwas damit zu tun, dass das, was ich tue, mit mir übereinstimmt.

Was waren Ihre Berufswünsche als Kind? Und wussten Sie beim Schulabschluss schon genau, was dann folgen soll?

Als Kind wollte ich eigentlich immer Ärztin werden, und jetzt muss ich manchmal lachen, denn im Grunde genommen habe ich heute in einem metaphorischen Sinne eine ganz ähnliche Tätigkeit. Menschen kommen zu mir, haben ein Problem und ich analysiere sie, um hinterher quasi eine Empfehlung auf einen Rezeptblock zu schreiben. Von daher musste ich auch lernen, beruflich zu abstrahieren; man darf nicht immer in konkreten Berufsbildern denken.

Jemand, der zum Beispiel etwas Soziales machen möchte, muss nicht unbedingt Lehrer werden. Ein solcher Mensch kann beispielsweise eine Führungskraft und Talent-Manager werden oder im psychologischen Bereich arbeiten oder als Pastor glücklich werden. Deshalb ist es wichtig, nicht in konkreten Interessen oder Bildern zu denken, sondern aufzudecken, was die tatsächlichen Talente, Fähigkeiten und Eigenschaften eines Einzelnen sind und daraus abzuleiten, was wirklich passen könnte.

Man merkt wirklich, mit wie viel Leidenschaft Sie Ihren Beruf ausüben, können Sie mir auch noch einmal genau erklären, was Sie in Ihrem Beruf so richtig glücklich macht?

Vor allem erst einmal, dass ich meine Persönlichkeit voll ausleben kann und mich immer weiterentwickle. Jeden Tag lerne ich Menschen neu kennen. Seit 17 Jahren analysiere ich jeden Tag Menschen und ich habe noch nicht zwei getroffen, die gleich sind. Die Sache entfacht sich also immer wieder neu, je mehr man dazulernt, und nichts ist spannender, als immer wieder zu versuchen, Menschen zu verstehen.

Herauszubekommen, was einen Menschen glücklicher, zufriedener und produktiver macht, das macht mich glücklich. Ich glaube, wenn jeder das tut, was ihm wirklich entspricht, und dadurch zufriedener ist, dann leisten wir durch bessere Beziehungen und effizient gesteuerte Produktivität einen entscheidenden positiven gesellschaftlichen Beitrag. In dem Sinne ist es quasi ein Mandat, sich eingehend mit seiner beruflichen Wahl auseinanderzusetzen.

www.strussundclaussen.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Ausbildung, 2021. Das Magazin ist seit dem 19. September 2020 im Handel. Bestellt euch das Heft oder Blättert hier durch das Magazin! 

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Interview mit Florian Krehl, Ausbildungsleiter bei der HanseMerkur

Welche Bedeutung die interne Ausbildung für die Zukunft des Unternehmens hat, erzählt Florian Krehl, Ausbildungsleiter bei der HanseMerkur Krankenversicherung

Die HanseMerkur ist ein modernes und gleichzeitig eines der traditionsreichsten Unternehmen hier in Hamburg. Das Versicherungsunternehmen wird immer wieder zu einem der besten Arbeitgeber gewählt, zum Beispiel von kununu, einer Arbeitgeber-Bewertungsplattform, und der Zeitschrift Freundin zum Top Arbeitgeber 2016, und legt sehr viel Wert auf eine starke Bindung zu seinen Mitarbeitern. Die Grundsteine dafür werden bereits in der Ausbildung gelegt – und die ist nicht nur vielfältig, hier hat man auch unterschiedliche Möglichkeiten auf einen Einstieg ins Berufsleben.

Guten Tag Herr Krehl, die HanseMerkur ist die einzige selbstständige und konzernunabhängige Versicherungsgruppe am Finanzplatz Hamburg. Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere an Ihrem Unternehmen im Vergleich zu anderen Anbietern? 

Florian Krehl: Ich glaube, dass wir durch diese Unabhängigkeit eine große Stärke haben. Wir sind in unserer Geschäftstätigkeit zum Beispiel nicht von Aktionären abhängig, sondern wir können unsere Erträge direkt wieder in innovative Produkte und professionelle Dienstleistungen für unsere Kunden stecken, unseren sehr guten Kundenservice immer weiter ausbauen und eben auch viel in eine gute Infrastruktur für unsere Mitarbeiter investieren.

Sie sind mehrfach als einer von Hamburgs besten Arbeitgebern ausgezeichnet worden. Was machen Sie besser als andere Arbeitgeber? 

Wahrscheinlich würden dies jetzt auch andere behaupten, aber bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt und das wird auch bewusst in unserer Unternehmens-Leitidee manifestiert: „Hand in Hand ist HanseMerkur“. Wir achten sehr stark auf die individuellen Stärken und Interessen unserer Kollegen und auch sehr genau auf die Entwicklungswünsche des Einzelnen.

Das zeigt sich zum Beispiel schon bei der Einstellung von unseren Berufseinsteigern, wir würden niemals jemandem eine Ausbildung anbieten, ohne nicht schon perspektivisch den späteren, festen Arbeitsplatz im Blick zu haben. Andere stellen gerne erst einmal 20 Azubis ein und schauen hinterher, wer die zehn besten waren und übernehmen nur die. Das gibt es bei uns so nicht. Wir planen von Anfang mit unseren neuen Kollegen.

Sie wissen also schon vorher in welche Richtung es gehen soll?

Beim dualen Studium haben wir schon immer sehr genau den bei uns sogenannten Heimatbereich im Blick, bei dem es auf ganz spezifische Skills ankommt und haben hier dann auch einen ganz konkreten Plan für die Entwicklung. Wenn wir jemanden einstellen, wollen wir auch hinterher idealerweise sehr lange mit ihm zusammenarbeiten.

 

IT-Berufe und viele duale Studiengänge

 

Wie viele Auszubildende beschäftigen Sie aktuell und welche Ausbildungsberufe bieten Sie eigentlich an? 

Das ist unterschiedlich, weil wir eben wie er- wähnt bedarfsorientiert einstellen. Es sind zwischen elf bis 18 Azubis und duale Studenten pro Lehrjahr ungefähr jeweils zur Hälfte. Insgesamt haben wir also ungefähr 50 Kollegen, die in der Ausbildung sind und dies verteilt über sieben Berufsbilder. Dazu gehört natürlich der Kaufmann für Versicherungen und Finanzen, neu ist der E-Commerce-Kaufmann seit letztem Jahr. Wir bieten darüber hinaus sehr unterschiedliche IT-Berufe und ganz viele duale Studiengänge, die BWL mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten beinhalten, wie beispielsweise Wirtschaftsinformatik.

Sie haben angedeutet, dass Sie sehr zukunftsorientiert einstellen. Was können Auszubildende und duale Studenten neben einer fundierten Ausbildung noch erwarten? 

Wir bieten zum Beispiel viele Angebote zum Thema Persönlichkeitsentwicklung, also Dinge, die nicht vordergründig mit dem Arbeitsalltag etwas zu tun haben. Im ersten Lehrjahr bieten wir ein Seminar zu Lerntechniken, damit unsere Azubis es einfacher in der Berufsschule haben. Wir haben ein Seminar zum Thema souveräner Umgang mit Kollegen und insgesamt bieten wir acht unterschiedliche Seminare.

Darüber hinaus ist uns das Thema soziale und gesellschaftliche Verantwortung sehr wichtig. Wir haben zum Beispiel mit dem HanseMerkur Preis für Kinderschutz, den ältesten Sozialpreis Deutschlands, der uns sehr am Herzen liegt und deswegen haben wir auch Azubi-Projekte, die sich mit sozialen Themen befassen. Jedes Jahr machen wir eine Spendensammlung, bei denen die Auszubildenden für einen selbst gewählten Zweck Geld sammeln und dafür Aktionen erfinden und umsetzen müssen, zum Beispiel einen Alsterlauf oder Versteigerungen von selbst kreierten Kunstwerken.

Inzwischen gibt es auch den Social Day, an dem unsere Azubis einen Tag in einer sozialen Einrichtung arbeiten, einfach mal raus aus der Komfortzone und soziale Kompetenz beweisen müssen, weil es so enorm wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung ist.

Sie haben ja schon erzählt, dass Sie das duale Studium anbieten. Wie sehen dafür Ihre Einstellungsvoraussetzungen aus?

Erst einmal ist ein guter Fachhochschulabschluss mit guten Noten in Deutsch, Englisch und Mathematik wichtig. Man sollte auf jeden Fall eine hohe Affinität zu Mathematik haben, sonst wird es in Bereichen wie Wirtschaftsinformatik sehr schwierig. Genauso ist mir wichtig, dass die Kandidaten sich im Klaren sind, dass ein duales Studium einem sehr viel mehr abverlangt als ein reines Studium.

Die Zeit ist kürzer, das Lernvolumen ist aber identisch und statt der Semesterferien verbringt man die vorlesungsfreie Zeit im Betrieb. Kandidaten sollten schon von Anfang an vermitteln können, dass sie wissen, was da fachlich auf sie zukommt und spüren lassen, dass sie den entsprechenden Willen und Fleiß mitbringen.

 

Grundsätzlich bieten wir immer eine Übernahme an

 

Nach der Ausbildung beginnt ja dann erst richtig die Karriere. Wie sehen in Ihrem Haus die Entwicklungschancen grundsätzlich aus. Gibt es gezielte Führungskräfte-Förderprogramme? 

Grundsätzlich bieten wir immer eine Übernahme an und was heutzutage vielleicht nicht mehr ganz so gewöhnlich ist, in der Regel gibt es bei uns einen unbefristeten Vertrag. Danach kommt es auf die ganz individuellen Karrierepläne der einzelnen Mitarbeiter an, wir unterstützen verschiedene fachliche Spezialisierungen und bieten unterschiedliche Talentprogramme an, seit einigen Jahren zum Beispiel ein Projektmanagement-Talent-Camp. Darüber hinaus gibt es natürlich auch die klassischen Führungskräfteprogramme, in denen man individuelle Stärken ausbauen kann.

Auch ein nebenberufliches Studium kann gefördert werden, es muss natürlich zu unserem Geschäftsmodell passen. Wir entwickeln uns auch immer weiter und setzen entsprechend neue Programme auf, wie zum Beispiel im Rahmen der zunehmenden Digitalisierung und qualifizieren selbstverständlich unsere Mitarbeiter kontinuierlich auf den Stand der aktuellen Technologie. Oder auch aktuell durch Corona bedingt haben wir schnell Programme und Infrastrukturen aufgesetzt, um uns alle fit für das reibungslose Home-Working zu machen.

Kommen wir doch einmal zu Ihnen. Wie sah eigentlich Ihre persönliche Karriereentwicklung aus? War Ihnen schon Immer klar, was Sie einmal werden wollten? 

Nicht wirklich, es fing vielleicht ein wenig holprig an. In meiner Heimat Bad Oldesloe habe ich mein Wirtschaftsabitur gemacht und habe gedacht, dass es damit Sinn machen könnte, BWL zu studieren und habe das dann in Kiel erst einmal begonnen. Im Laufe der ersten drei Semester hatte ich dann das leise Gefühl, dass das doch nicht so passt. Überall wurde gerechnet und Mathe war schon in der Schule nicht mein Steckenpferd und unter Marketing hatte ich mir auch etwas anderes vorgestellt als lauter Formeln zu lernen.

Ich spürte meine Unzufriedenheit und musste mir eingestehen, dass das nicht von Erfolg gekrönt sein würde. Ich habe immer schon begeistert Fußball gespielt und neben dem Studium eine F-Jugend- Mannschaft trainiert und da wurde mir klar, was mir wirklich liegt: anderen Menschen etwas zu vermitteln und Jugendliche für etwas zu begeistern. Daraus resultierte dann ein neues Studium im Bereich Pädagogik und Soziologie und damit war die Grundlage für das Personalwesen gelegt und nach einigen Stationen bin ich seit drei Jahren zufrieden hier bei der HanseMerkur tätig.

 

Entscheidend ist der Spaß an der Arbeit

 

Eine Karriere verläuft selten linear und häufig anders als geplant …

Die Arbeitswelt verändert sich teilweise so gravierend, vieles war vor wenigen Jahren undenkbar. Erzkonservative Unternehmen legen plötzlich Start-up-Mentalitäten an den Tag. Wir arbeiten daher mit einem Moving Target, das bedeutet, dass wir immer wieder nachjustieren auf dem Weg zu Ziel. Ähnlich einer Rakete, die auch nicht auf dem direkten Weg zum Mond unterwegs ist und sich den Windgebenheiten und vielen anderen Einflüssen anpasst und gegensteuert. Starre Konzepte können nicht funktionieren.

Sie sind ein Arbeitgeber, der sehr auf das Wohl seiner Mitarbeiter achtet?

Die Rahmenbedingungen in unserer Branche sind grundsätzlich erst einmal sehr gut, wie zum Beispiel die Vergütung mit über 1.000 Euro im ersten Lehrjahr bei 14 Gehältern. Man zahlt nur 30 Euro für das HVV-Ticket, die Arbeitszeiten liegen bei 38 Stunden pro Woche und einem Urlaubsanspruch von 30 Tagen – das ist schon eine sehr gute Basis.

Das wirklich Entscheidende ist aber letztlich der Spaß an und bei der Arbeit und da achten wir sehr drauf, dass die Chemie einfach zwischen uns allen stimmt. Und wir bieten unseren Auszubildenden eine exzellente Betreuung, in der sich unsere Ausbilder immer wieder sehr viel Zeit nehmen, um fachlich auszubilden und die Auszubildenden einfach in allen Belangen an die Hand nehmen. Die Tatsache, dass viele, die hier gelernt haben, immer noch da sind, bestätigt uns und zeigt wie stark hier die Gemeinschaft gelebt wird.

Was haben Sie als Unternehmen für sich aus der Corona-Zeit mitgenommen?

Total viel. Wir haben es geschafft, innerhalb kürzester Zeit 90 Prozent der Kollegen ins Home-Office zu versetzen und wir haben es tatsächlich geschafft, auch eine weiterhin gute Ausbildung in dieser Situation zu gewährleisten. Unsere Ausbilder haben viel ausprobiert und wir haben auch viel gelernt. Unsere Auszubildenden haben zum Beispiel gelernt, noch eigenverantwortlicher zu arbeiten, während wir neue technische Mittel etabliert haben, um auch aus der Ferne gut zu erklären und zu unterstützen. Wir haben Dinge auf die Beine gestellt, die wir vor Corona wahrscheinlich für unmöglich gehalten hätten. Aber Hand in Hand schafft man doch viel.

 www.hansemerkur.de/karriere


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Ausbildung, 2021. Das Magazin ist seit dem 19. September 2020 im Handel. Bestellt euch das Heft oder Blättert hier durch das Magazin! 

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Sönke Fock über Ausbildungsmarkt und Perspektiven

Ein Interview mit Sönke Fock, Vorsitzender der Geschäftsführung in der Agentur für Arbeit Hamburg, über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Ausbildungsmarkt und Perspektiven

Sicherlich hat sich durch die Corona-Pandemie einiges verändert am Ausbildungsmarkt, aber für Unternehmen wie auch Berufseinsteiger gilt, weiterhin langfristig zu planen. In naher Zeit werden viele Fachkräfte in die Rente gehen und den Unternehmen fehlen, deshalb sind sie angewiesen auf gut ausgebildeten Nachwuchs, idealerweise aus ihrem eigenen Betrieb.

Herr Fock berichtet über die aktuelle Situation und gibt aus seiner Erfahrung heraus persönliche Tipps, auf die man achten sollte, wenn man sich über seine Ausbildung Gedanken macht. Ebenfalls gibt es seitens der Agentur für Arbeit verschiedene Angebote zur Unterstützung, um schon rechtzeitig ein gutes Gespür für einen erfolgversprechenden Einstieg ins Berufsleben zu entwickeln. Grundvoraussetzung für Zufriedenheit und Erfolg im Berufsleben ist vor allem das zu machen, was einem wirklich liegt und Freude macht.

Herr Fock, vor einem Jahr haben wir mit Ihnen schon einmal gesprochen und die Welt sah noch ganz anders aus. Sie benannten für Ende September 2019 noch 11.500 offene Stellen, denen insgesamt 9.000 Bewerbende gegenüberstanden. Dann kam Corona und die Welt hat sich für uns alle dramatisch verändert. Spiegelt sich dies auch im Angebot von Lehrstellen wider?

Sönke Fock: Ja, wir erkennen, dass das Gesamtangebot an freien Ausbildungsstellen in Hamburg insgesamt niedriger ausfällt als im Vorjahr. Zahlreiche Unternehmen und damit auch Ausbildungsbetriebe haben in einer von Kurzarbeit geprägten Zeit deutlich weniger zu tun, erzielen weniger Umsatz, mussten vielleicht sogar Personal entlassen. Es gibt aber auch zahlreiche Unternehmen, die ihr Ausbildungsniveau halten und händeringend Nachwuchskräfte suchen. Das ist gut und eröffnet damit nach wie vor einen grundsoliden Berufseinstieg.

Gibt es aus Ihrer Sicht Branchen, bei denen das Ausbildungsangebot stabil im Vergleich zu den Vorjahren geblieben ist? In der Gastronomie und Veranstaltungsbranche wird es sicherlich spürbare Veränderungen geben.

In den nächsten zehn Jahren werden branchenübergreifend knapp 188.000 beschäftigte Mitarbeitende in Hamburger Unternehmen in den Ruhestand gehen, alle sind heute 55 Jahre alt und darüber. Und, der überwiegende Anteil in Höhe von 163.100 Menschen – oder anders formuliert, erstaunliche 86,7 Prozent davon – sind Fach- und Führungskräfte, mit entsprechend langjährigem Knowhow und Berufserfahrung.

Diese frei werdenden Arbeitsplätze werden nicht durch künstliche Intelligenz, Automatisierungen oder qualifizierte Einwanderung ersetzt werden können. Daher werden und sind langjährig beschäftigte Arbeitnehmer insbesondere durch junge Beschäftigten zu ersetzen sein, die über eine berufliche Ausbildung verfügen müssen. An- und ungelernte Arbeitskräfte dagegen werden zukünftig größte Herausforderungen haben, einen Job zu bekommen oder ihre Arbeitslosigkeit zu beenden, weil sie von den Unternehmen seltener nachgefragt werden.

 

Talente, Neigungen und Fähigkeiten in der Berufswahl

 

Es scheint, dass sich Jugendliche nicht mehr unbedingt an Trendberufen orientieren, sondern eher an der Frage, welcher Beruf ist in einer unüberschaubaren Welt verhältnismäßig sicher. Können Sie so einen Wandel bestätigen?

Persönliche Sicherheit ist ein Aspekt bei der Berufswahl, der in diesen Zeiten an Bedeutung gewinnt. Ja, das nehmen wir in den Beratungsgesprächen mit den Jugendlichen durchaus wahr. Aber, Sicherheit hin oder her, Trendberufe wurden in der Vergangenheit auch nicht selten durch ein cleveres Marketing oder sogar durch Fernsehserien gepusht. Berufseinsteigende können oder müssen nach absolvierter Ausbildung über 40 Berufsjahre absolvieren. Wer also nicht seine persönlichen Talente, Neigungen, Fähigkeiten, aber auch sein (lacht) persönliches Unvermögen in die Berufswahl einfließen lässt und nur auf Sicherheit fährt, wird schnell unzufrieden. Clevere Personalentscheider durchschauen das ohnehin.

Die letzten Jahre waren ja vom demografischen Wandel beeinflusst und Unternehmen haben versucht, frühzeitig Fachkräfte für die Zukunft auszubilden und an sich zu binden. Ist es so geblieben oder handeln Unternehmen und Betriebe jetzt doch notgedrungen wieder kurzfristiger?

Die Hamburger Wirtschaft bekennt sich sehr deutlich zur beruflichen Ausbildung und besetzt jährlich über 13.000 betriebliche Ausbildungsplätze. Das sind 13.000 ganz persönliche Angebote, sich nach einer dreijährigen Berufsausbildung ein sicheres Einkommen zu erwirtschaften, unabhängig von staatlichen Leistungen und immer mit der Option, sich nach der Berufsausbildung fortzubilden, ein Studium zu beginnen oder Karriere zu machen. Die Berufsausbildung ist und bleibt für mich das Fundament für eine berufliche und persönliche Stabilität.

Man liest immer häufiger, dass es eigent­lich mehr auf die sogenannten „Soft Skills“, also die Persönlichkeit des Menschen ankommt, um erfolgreich zu sein. Und doch scheint es so, dass Bewerber am Ende wegen ihres Notendurchschnitts vorschnell aussortiert werden. Wie beurteilen Sie diesen Umstand?

Natürlich gibt es bestimmte Auswahlkriterien, die Unternehmen für sich definiert haben, um geeignete Bewerbende zu finden, die den zum Teil sehr hohen schulischen Anforderungen in der Berufs- oder auch Fachschule gewachsen sind. Kommunikative oder handwerklich geschickte Talente erhalten aber auch bei nur ausreichender Note in einem Hauptfach ihre Chance auf ein Vorstellungsgespräch, wenn sie sich gut, offen und glaubwürdig präsentieren. Das können Jugendliche zuvor üben, die Berufsberatung in der Jugendberufsagentur Hamburg unterstützt sie dabei vielfältig. Dazu bieten wir auch berufsvorbereitende Bildungsangebote an, die die persönliche Berufswahl schärfen.

 

In Hamburg gibt es über 600 verschiedene Studiengänge

 

Gerade viele Abiturienten wollen ja häufig erst einmal eine Ausbildung machen, um dann zu studieren. Für die Ausbildungsbetriebe eine eher unglückliche Situation. Wäre für beide Parteien nicht eine noch stärkere Forcierung der dualen Ausbildung spannend? 

Für viele Abiturienten ist der Berufseinstieg über eine Ausbildung ein richtig guter Weg, weil sie sich im Alter von 17 oder 18 noch kein Studium zutrauen oder auch nicht genau wissen, ob sie überhaupt studieren möchten. Das ist ein Entscheidungsprozess, der notwendig ist und der Zeit braucht. Aber, fast alle mittelständischen und größeren Unternehmen in Hamburg bieten sogenannte duale Studiengänge an.

In Hamburg sind es über 600 verschiedene Studiengänge, die zur Auswahl stehen. Spannend ist, dass diese Angebote in allen Bereichen zu finden sind: Wirtschaft, Technik, Handwerk, Sozialwesen, Verwaltung, Gesundheit, Kultur. Also vielleicht über ein duales Studium nachdenken. Praktisch lernen und studieren ist ein sehr guter Weg anspruchsvoll ins Berufsleben zu treten. Über www.karriere-dual.de sind alle wichtigen Informationen dazu eingestellt.

Was sind für Sie die entscheidenden Faktoren, auf die sich ein Jugendlicher besinnen sollte, um für sich den richtigen Ausbildungsplatz oder das geeignete Studium zu finden?

Zeit und Kommunikation. Es gibt Jugendliche, die wissen schon im Alter von zehn Jahren, was sie werden wollen und verfolgen diesen Weg unbeirrt. Aber es gibt auch sehr viele, die haben keine richtige Vorstellung von ihrer beruflichen Zukunft. Die eigene Berufswahl ist aber ein Entscheidungsprozess, der Zeit beansprucht und nicht an einem einzigen Nachmittag gelingen kann. Die persönliche Berufsorientierung beginnt zu Hause, wird in der Schule vertieft, reift über Praktika, entsteht im Schülerjob, festigt sich, wird verworfen und braucht vielleicht mehrere Anläufe.

Daher macht es durchaus Sinn, sich früh zu fragen, welche Tätigkeiten und Berufsbilder interessieren, wo die eigenen Stärken und Schwächen liegen, was gar nicht in Frage kommt. Hilfreich ist es dabei, sich mit dem eigenen Umfeld auszutauschen. Freunde, Eltern, Lehrer, Verwandte können gute Berater sein. Und natürlich empfehle ich meine Kolleginnen und Kollegen unserer Berufsberatung.

 

Berufsberaterinnen sind an jeder Hamburger Schule

 

Wie kann die Agentur für Arbeit in diesem Kontext unterstützen? Wie sehen Ihre Beratungsangebote aus? 

Die Berufsberaterinnen und -berater sind an jeder Hamburger Schule zu finden, sie informieren und beraten vor Ort, gemeinsam mit den Berufskoordinatoren der jeweiligen Schule. Sie sind Fachleute zu allen Fragen der Berufsorientierung und -wahl, ob Sek I oder Sek II. Egal, ob Ausbildung, Studium oder Au-Pair, die Berufsberater kennen sich mit allen Themen sehr gut aus und beraten individuell.

Neben der individuellen „Schülerberatung“ gibt es zahlreiche Internet-Angebote, richtig gut und hilfreich sind www.abi.de, www.planet-beruf.de oder ganz neu „Check U“ – ein Tool, um sich besser einschätzen zu können. Jugendliche können sich auch in ihrer Jugendberufsagentur melden, die es in jedem Bezirk gibt. Dort können sie sich ebenfalls vollumfänglich beraten lassen.

Nicht immer ist der erste Anlauf der richtige. Scheitern ist aber leider auch häufig mit einem Makel behaftet. Was geben Sie jemanden mit auf den Weg, damit er den Mut nicht verliert?

Ja, das kommt leider gar nicht so selten vor. Für den betroffenen Azubi natürlich unangenehm. Aber es gibt immer einen Ausweg aus dieser Situation. Wichtig ist, dass junge Auszubildende sich so schnell wie möglich ihrem Ausbildungsbetrieb anvertrauen und vermeintliche Probleme offen ansprechen. Ist tatsächlich die falsche Berufsentscheidung getroffen worden, müssen Alternativen gesucht werden. Auch hier hilft die Berufsberatung mit der Ausbildungsvermittlung. Und natürlich ist es wichtig, auch diese Herausforderungen mit Freunden und Eltern zu diskutieren. Das hilft ungemein und entlastet entsprechend.

In einem Berufsleben ist nicht immer alles Sonnenschein. Mit Ihrer eigenen Berufserfahrung, was sind für Sie die wichtigen Kriterien, um auch in schwierigen Phasen die Motivation zu behalten und am Ende ein gutes Maß an Zufriedenheit aus dem beruflichen Alltag zu ziehen?

Es gilt, die Frage ehrlich zu beantworten, was wirklich wichtig im Leben ist: Gesundheit und eine für mich sinnvoll und leistbare Aufgabe.

www.arbeitsagentur.de/vor-ort/hamburg/startseite


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Tipps zu Berufseinstieg und Karriereplanung

Corona sollte die Berufsentscheidung nicht zu stark beeinflussen, rät Astrid Nissen-Schmidt, Vizepräses der Handelskammer Hamburg. Auf der Suche nach der richtigen Wahl finden junge Menschen hier Unterstützung

Die Handelskammer Hamburg ist neben der Agentur für Arbeit für viele junge Menschen der erste und wichtigste Anlaufpunkt zur professionellen Berufsorientierung und damit ein entscheidender Schritt in ihr Berufsleben. Die Handelskammer zeigt mit vielen Programmen und persönlicher Beratung auf, welch vielfältige Optionen es gibt, um in eine gute Zukunft zu starten. Vizepräses Astrid Nissen-Schmidt erzählt über die aktuelle Lage am Ausbildungsmarkt und gibt Tipps zu Berufseinstieg und Karriereplanung.

Frau Nissen-Schmidt, seit längerer Zeit haben Ausbildungsbetriebe erhebliche Probleme, geeignete Ausbildende zu finden. Dann kam Corona. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation am Hamburger Ausbildungsmarkt ein?

Die Corona-Krise hat auch den Arbeitsmarkt stark getroffen. Die Zahl der neu eingetragenen Ausbildungsverhältnisse lag Ende Juni mit minus 20 Prozent deutlich unter dem Niveau der Vorjahre. Wir gehen davon aus, dass der Rückgang im Wesentlichen auf die Corona-Krise zurückzuführen ist. Schulausfälle, die größtenteils fehlenden Berufsorientierungen in den Schulen und vereinzelt verzögerte Schulabschlüsse haben zu Verunsicherungen geführt.

Außerdem wurden die Auswahl- und Bewerbungsprozesse in den Betrieben erschwert und verzögert. Wie hoch die gesamte Abweichung für das kommende Ausbildungsjahr am Ende sein wird, können wir jetzt nicht sagen. Viele Betriebe suchen noch Auszubildende. Ein Start in die Ausbildung ist in dieser schwierigen Zeit auch später im Herbst möglich. Jeder Jugendliche hat also noch die Chance, in diesem Jahr eine Ausbildung zu beginnen, wozu ich alle sehr ermuntern möchte.

Die Bundesregierung hat im Rahmen der aktuellen Situation das Programm „Ausbildungsplätze sichern“ aufgesetzt. Was verbirgt sich genau dahinter und zeigt es auch Wirkung am Markt? 

Das Programm richtet sich an kleine und mittelständische Unternehmen, die durch die Corona-Krise gebeutelt sind und bereits Fördermaßnahmen in Anspruch genommen haben. Sie erhalten zusätzlich einen festen Zuschuss, wenn sie weiterhin einen Ausbildungsplatz anbieten. Es ist also eine direkte Förderung, die gerade angelaufen ist. Die Wirkung können wir deshalb noch nicht abschätzen. Wir begrüßen es sehr, dass die Bundesregierung hier ein so klares Signal setzt und damit zeigt, welche überragende Bedeutung der dualen Berufsausbildung in diesen schwierigen Zeiten zukommt. Viele Unternehmen, auch die großen Betriebe, denen diese Förderung nicht zusteht, halten nach wie vor an ihren Auszubildenden fest. Unser Eindruck ist, dass die Ausbildungsplätze das Letzte sind, an dem gespart wird. Die Unternehmen erkennen, dass sie trotz der Krise ganz sicher in drei Jahren weiterhin gute, neue Mitarbeiter brauchen. Das ist ein tolles Signal.

Sollte man Jugendlichen, mit diesem Hintergrund, eher zu einer sicheren Ausbildung raten? Oder was ist ihr Rat?

Eine duale Berufsausbildung ist immer ein guter Start in die Karriere und bietet viele Entwicklungsmöglichkeiten in alle Richtungen. Damit ist sie auf jeden Fall ein spannender Berufseinstieg und auch ein sicheres Standbein. Was heutzutage eine sichere Ausbildung ist, lässt sich gar nicht genau vorhersagen. Die Welt um uns herum ist so sehr in Bewegung, dass ganz schwer zu sagen ist, was morgen Sicherheit gibt. Das ist aber gar nicht entscheidend und auch Corona sollte meinem Empfinden nach nicht beeinflussen, für welchen Beruf sich die jungen Menschen entscheiden.

Wichtig ist, sich auf seine ureigenen Stärken und Interessen zu besinnen. Sich selbst fragen, womit man sich gerne beschäftigt und wofür man eine Leidenschaft hat. Denn wofür man brennt, da ist man auch am besten. Gerade Eltern denken gerne an die finanzielle Sicherheit, wenn es um die Zukunft ihrer Kinder geht. Das wird sich aber immer finden, wenn man etwas mit echter Leidenschaft macht. Ich bin sehr optimistisch: Wer seine Talente mit Freude ausleben kann, wird damit immer erfolgreich sein.

Am Ende legt ja jeder Auszubildende seine Prüfung vor der Handelskammer ab. Wie unterstützen Sie junge Menschen beim Berufseinstieg?

Wir unterstützen in der wichtigen Phase der Berufsorientierung. So gehen wir zum Beispiel mit Unternehmensvertretern in die Schulen und klären die Jugendlichen über die Vorteile einer dualen Berufsausbildung und die an- schließenden Karrieremöglichkeiten auf. Auch Azubis werden zu solchen Terminen mitgenommen und berichten live über ihre eigene Ausbildung. Das gibt den Schülerinnen und Schülern einen guten Überblick über die Vielfalt der über 150 Berufe der dualen Ausbildung im Bereich Dienstleistungen, Handel und Industrie.

Ganz wichtig sind in diesem Zusammenhang unsere Azubi-Messen, die wir leider in diesem Jahr nicht durchführen konnten. Damit wir aber trotzdem so viele Jugendliche wie möglich in eine Ausbildung bringen, veranstalten wir am 22. und 23. September ein Azubi-Speeddating. Zehn Minuten haben die jungen Leute Zeit, sich bei ihren potenziellen zukünftigen Ausbildungsunternehmen zu präsentieren. Das Unternehmen kann sich gleichzeitig ein Bild von der Persönlichkeit des Interessenten machen und ist nicht nur auf die Bewerbungsunterlagen angewiesen.

Sie bieten den „Integrierten Ausbildungsservice (Intas)“ an. Was genau verbirgt sich dahinter und wie hilft es den Ausbildungsplatzsuchenden? 

Der integrierte Ausbildungsservice ist eine Lehrstellen- und Ausbildungsplatzvermittlung der Handelskammer Hamburg. Hier werden ein erster Test und ein persönliches Vorstellungsgespräch angeboten. Daraus wird ein Bewerbungsprofil erstellt und suchenden Unternehmen zur Verfügung gestellt. Somit haben die Bewerber die Chance, gleich mehrere Unternehmen auf sich aufmerksam zu machen.

Gibt es von Ihnen Tipps, was Eltern lieber lassen sollten? Und wie sie wirklich hilfreich unterstützen können? 

Eltern sollten bei der Berufswahl ihrer Kinder eher ein Coach und weniger ein Ratgeber sein. Wichtig ist es, die Jugendlichen nicht alleine zu lassen, weil sie bei dieser sehr wichtigen Entscheidung Hilfe brauchen. Die Eltern können beispielsweise durch die richtigen Fragestellungen unterstützen: „Wo siehst du dich in drei Jahren?“, „Was kannst du richtig gut?“.

Dadurch kommen die Jugendlichen viel besser auf die Idee, was für sie das Passendste ist. Das ist definitiv der bessere Weg, als genaue Berufsvorschläge zu machen oder schon den Schritt nach der Ausbildung zu planen. Es geht erst einmal darum, die echten Interessen abzuklopfen, zum Beispiel ob jemand gerne kreativ arbeiten möchte, und sich dann darauf aufbauend unterschiedliche Berufsoptionen anzuschauen.

Das Thema der bekannten Azubi-Messen hatten Sie ja schon angesprochen. Gibt es situationsbedingt aktuell Überlegungen für neue digitale Angebote?

Wir haben ja schon viele digitale Angebote, die jetzt noch weiter ausgebaut werden. Das Thema der digitalen Transformation hat durch die Corona-Krise noch einmal deutlich an Beschleunigung in allen Bereichen gewonnen, sodass wir unsere Programme damit einhergehend immer weiterentwickeln. Unser Auftritt wird noch digitaler werden, um über diese neuen Kanäle besser mit den jungen Leuten kommunizieren zu können und sie da abzuholen, wo sie täglich unterwegs sind.

Wenn Sie auf Ihr eigenes Berufsleben zurückblicken, welchen Rat können Sie heute einem jungen Menschen geben, der noch ganz am Anfang seiner Reise steht und ganz sicherlich das eine oder andere Hindernis vorfinden wird, um recht gut durch sein Berufsleben zu segeln? 

Rückblickend auf mein eigenes Berufsleben, aber auch aufgrund der Tatsache, dass ich Hunderte junge Leute in den letzten zwanzig Jahren auf einem Teil ihres Berufsweges begleitet habe, habe ich viele erfolgreiche, aber auch einige weniger erfolgreiche Berufslaufbahnen beobachtet. Mit dieser Erfahrung empfehle ich, Schritt für Schritt zu denken und zu planen.

So kann man immer wieder neu planen, anstatt einem sehr fernen Traumziel hinterherzurennen. Das Berufsleben ist nicht nach drei Jahren vorbei und bis dahin kann sich auch so viel verändern. Durch die äußeren Umstände, aber auch bei einem selbst. Und man sollte auch akzeptieren, dass nicht jeder Weg, den man einschlägt, der richtige sein wird. Es gibt dann Alternativen und neue Möglichkeiten, die besser zu einem passen.

www.hk24.de/produktmarken/ausbildung-weiterbildung 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Ausbildung, 2021. Das Magazin ist seit dem 19. September 2020 im Handel. Bestellt euch das Heft oder Blättert hier durch das Magazin! 

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