Bob Dylan hasste es früher, wenn andere wie ein forensisches Team in seiner Vergangenheit herumstocherten. Ganz bewusst lässt US-Regisseur James Mangold („Walk the Line“) dem heute 83-jährigen Singer-Songwriter seine Geheimnisse und Deutungshoheit über die Vergangenheit. Mangold weicht stattdessen geschickt und glaubhaft öfter ins Fiktive aus.
New York Anfang der Sechzigerjahre: Die Musikszene pulsiert, geprägt von der allgemeinen Aufbruchsstimmung. Robert Zimmerman, ein unbekannter 19-Jähriger (grandios: Timothée Chalamet) aus Minnesota, trifft im Greenwich Village ein – ohne Geld, ohne Kontakte, aber mit Gitarre und außergewöhnlichem Talent. Wenig später sitzt er in New Jersey am Krankenhausbett seines Idols Woody Guthrie. Er stellt sich ihm und dem anwesenden Pete Seeger (Edward Norton) als Bob Dylan vor. Dann greift der unangemeldete Besucher zur Gitarre und beginnt mit seiner rau-poetischen Ode an den viel bewunderten Guthrie und dessen Wegbegleiter („Song to Woody“). Die beiden Folk-Veteranen tauschen einen Blick aus, als ahnten sie, dass jener Junge aus Minnesota die Geschichte der amerikanischen Musik grundlegend verändern wird.
„Like A Complete Unknow“: Unsentimentales Biopic
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„Like A Complete Unknown“ (für acht Oscars nominiert) konzentriert sich nicht allein auf den Protagonisten, sondern spiegelt den Zeitgeist wider, die Mechanismen von Bewunderung und Abneigung. Ob kinderreiche Künstlerfamilie oder verliebte Kollegin – irgendwo findet Dylan immer ein Sofa zum Übernachten. Er avanciert bald schon zum Posterboy der Folk-Bewegung. Beziehungen wie mit Joan Baez ebnen den Weg nach oben. Dem 29-jährigen Chalamet gelingt die Performance als Sänger, am überzeugendsten aber beherrscht er den Part des arrogant hämischen Kobolds. Der Ruhm und die toxische Aufdringlichkeit der Fans nerven Dylan. Er will sich von niemandem vereinnahmen lassen, erfindet sich immer wieder neu. 1965 erscheint er mit E- Gitarre auf der Bühne des Newport Folk Festival. Sein Wechsel zur elektronischen Rockmusk („Like a Rolling Stone“) macht ihn in den Augen der Folk-Puristen zum Verräter, der Skandal ist perfekt.
Mangolds Biopic ist wundervoll unsentimental und unberechenbar wie der Protagonist selbst: amüsant, gehässig und dann wieder von jener einzigartigen dylanesken Poesie. Der Film basiert auf Elijah Walds Buch „Dylan Goes Electric!“, aber als eigentliche Inspiration bezeichnet der Regisseur den Film „Amadeus“ (1984) von Milos Forman: Mozarts Karriere geschildert aus der Sicht seines Neiders, des Hofkomponisten Salieri.
Hier gibt’s den Trailer zum Film:
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