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Hamburger Nachwuchs: Taschenlabel OAK25

Aus dem Hamburger Stadtbild sind sie kaum noch wegzudenken: Die Rucksäcke und Bauchtaschen von Oak25, die nicht nur praktisch und stylish sind, sondern durch ihre reflektierende Oberfläche auch Sicherheit im Straßenverkehr bieten. Hinter dem Label stecken die beiden Hamburger Emil Woermann, 19, und Jacob Leffers, 21

Interview: Daniel Schieferdecker

 

SZENE HAMBURG: Emil und Jacob, wie habt ihr beiden euch kennengelernt?

Emil: Wir kennen uns seit Grundschulzeiten aus dem Chor. Mit Einsetzen des Stimmbruchs hatte sich das Singen jedoch erledigt, und das entstandene Freizeitvakuum haben wir mit unzähligen Projekten gefüllt.

Jacob: Wir hatten einen YouTube-Kanal, haben eine Website …

Emil: … und einen Computer gebaut. Vor zwei Jahren haben wir darüber sogar ein Buch geschrieben: „Secret Book For Digital Boys“.

Jacob: Für uns war so etwas immer erfüllender, als jeden Tag nur vorm Computer zu sitzen und Fifa zu zocken.

Meist waren es digitale Projekte, um die es ja auch in eurem Buch geht. Warum?

Jacob: Uns hat es immer schon Spaß gemacht, sich in die Komplexität digitaler Themen reinzudenken. Ein Buch darüber hätten wir damals selbst gerne gehabt, aber das gab’s nicht. Also haben wir es kurzerhand selbst geschrieben.

 

„Wir sind da sehr naiv rangegangen“

Jacob Leffers

 

Wie kam es dann zur Gründung von Oak25?

Emil: In der Stadt nutzen wir zur Fortbewegung vor allem das Fahrrad. Unsere Eltern wollten immer, dass wir Warnwesten anziehen, damit wir von Autofahrern gesehen werden. Das fanden wir aber immer semi-sexy und kamen daher auf die Idee, reflektierende Rucksäcke zu machen.

Jacob: Das war der Ausgangspunkt für unsere Luminant Bag.

Wie habt ihr das finanziert?

Emil: Uns selbst fehlte das nötige Geld, also haben wir gekickstartert. Mit dem eingesammelten Startkapital von 20.000 Euro konnten wir loslegen.

Was waren die ersten Schritte?

Jacob: Wir sind da sehr naiv rangegangen. Wir dachten, wir zeichnen das mal auf und zeigen das jemandem, der uns daraus dann ein Muster näht – aber so einfach funktioniert das natürlich nicht. Allein das Zeichnen der Rucksäcke war kompliziert. Erst habe ich das auf Papier gemacht, aber damit konnte niemand arbeiten. Daraufhin hat Emil sich in Photoshop reingefuchst und darin die erste Vorlage erstellt.

Warum habt ihr nicht andere Leute gebeten, das für euch zu übernehmen?

Jacob: Weil wir uns in sämtliche Bereiche unseres Unternehmens lieber selbst reinfuchsen. Das dauert zwar und ist manchmal auch frustrierend, kostet aber weniger Geld und führt dazu, dass wir ständig lernen, uns weiterentwickeln und uns in allen Bereichen, die unsere Firma betreffen, perfekt auskennen.

Klingt, als hättet ihr beide eine Menge Geduld und eine hohe Frustrationstoleranz.

Jacob: Es gibt immer mal Phasen, durch die man sich ein bisschen quält, aber dass wir stets am Ball geblieben sind, hat uns eben auch erst vorangebracht. Und es dann geschafft zu haben, fühlt sich doppelt gut an.

„Wir haben uns gefühlt wie Steve Jobs“

Emil Woermann

 

Warum der Name Oak25?

Emil: Der hat mit dem Sitz unseres ersten Büros zu tun: in der Eichenstraße 25. Das war noch bei meinen Eltern. In deren Fahrradkeller.

Jacob: Büro ist leicht übertrieben – da stand halt ein Schreibtisch. (lacht) An dem saßen wir jeden Abend und haben gearbeitet.

Emil: Wir hatten immer die Vorstellung, ein Büro zu brauchen. Eigentlich voll unwichtig, aber das hat uns die Vision für das Ganze eröffnet. Wir haben uns dadurch ein bisschen wie Steve Jobs gefühlt, bei dem ja auch alles in seiner Garage angefangen hat. Mittlerweile haben wir aber richtige Büroräume in der Eimsbütteler Chaussee.

Wie sind eure Eltern mit eurer Geschäftstüchtigkeit umgegangen?

Emil: Die fanden das immer cool und haben uns unterstützt. Deren Sorge war bloß, dass die Schule dabei hintenüberfällt – oder später mein E-Commerce-Studium. Das pausiere ich aber gerade.

Gehst du davon aus, das Studium weiterzuführen?

Emil: Ich glaube nicht. Das hat zwar Spaß gemacht, war mir aber viel zu theoretisch.

Jacob: Ich habe meine E-Commerce- Ausbildung auch pausiert. Was uns immer gestört hat: Dass es immer darum geht, was man tun würde, wenn man mal in einem entsprechenden Unternehmen arbeitet. Wir haben stattdessen lieber ein Unternehmen gegründet und all unsere Ideen praktisch umgesetzt, nicht nur theoretisch.

 

„Wir zahlen uns keine Megagehälter aus, sondern konzentrieren uns vorrangig aufs Wachstum“

Emil Woermann

 

Könnt ihr von Oak25 schon leben?

Jacob: Ja. Im letzten Jahr haben wir Investoren gefunden, was es uns ermöglicht, das Ganze Vollzeit zu betreiben.

Emil: Wir zahlen uns aber keine Megagehälter aus, sondern konzentrieren uns vorrangig aufs Wachstum. Aber wir können davon leben und unsere Mitarbeiter bezahlen.

Wie viele Exemplare gab es von eurer ersten Kollektion?

Emil: 8.000 Stück. Die waren aber schnell ausverkauft.

Könnt ihr euch noch daran erinnern, als ihr das erste Mal auf der Straße einen Fremden mit einem eurer Rucksäcke gesehen habt?

Jacob: Ja. Da bin ich mit dem Fahrrad übern Jungfernstieg gefahren und hab da innerhalb von fünf Minuten drei Leute mit unserem Rucksack gesehen. Das war schon krass. Ich bin selten mit einem so breiten Grinsen nach Hause gefahren.

Ihr seid Freunde, die nun auch Geschäftspartner sind. Macht es das leichter oder schwieriger?

Emil: Sowohl als auch. Wir reden schon viel übers Geschäft. Gleichzeitig müssen wir aufpassen, dass wir im Büro nicht nur ständig über Privates quatschen.

Ihr wohnt auch noch zusammen. Ihr seht euch also nur nicht, wenn ihr schlaft.

Jacob: (lacht) Abends sind wir schon auch gerne mal für uns alleine. Und im Büro hat jeder von uns seine Aufgabenbereiche, sodass wir auch da nicht ständig aufeinanderhocken. Ich bin vorrangig fürs Marketing zuständig … Emil: … und ich betreue die IT und die ganze Administration – von Steuern bis Personal.

Was waren bisher die wichtigsten Learnings?

Emil: Dass man keine Angst haben sollte, Dinge direkt anzugehen. Manchmal macht es zwar Sinn, vorher noch mal einen Schritt zurückzugehen und mit etwas Abstand draufzukucken, aber uns hat es immer geholfen, direkt loszulegen. Und wenn man mal einen Fehler macht – auch nicht schlimm. Beim nächsten Mal ist man schlauer.

oak25.com


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2021. Das Magazin ist seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Bridge & Tunnel: Fair Fashion aus Wilhelmsburg

Ein kleines Wilhelmsburger Textillabel stemmt sich gegen den Fast-Fashion-Strom – und inspiriert die ganz Großen

Text: Leona Stahlmann
Foto: Jakob Börner

 

Die Insel nennen Wilhelmsburger ihren Stadtteil bescheiden. Dabei ist der Bezirk zwischen Norder- und Süderelbe nicht nur die größte der deutschen Elbinseln. Sondern, wie alle guten Inseln, viel mehr als ein bisschen flaches Land mit Wasser drumherum. Eine Insel, das ist immer auch eine Idee – eine Idee davon, dass die Dinge anders laufen können, wenn man es will: Utopia.

Das Hamburger Utopia heißt Wilhelmsburg. Über Brücken und durch Tunnel schlängelt sich die S-Bahn auf die andere Elbseite. Eine Inspiration für Conny. Sie fährt die Strecke jeden Tag zur Arbeit, Altona–Wilhelmsburg und zurück, über Brücken und durch Tunnel. Und hat ihr Unternehmen direkt danach benannt: Bridge & Tunnel heißt das Label, das sie zusammen mit Textildesignerin Lotte führt. Die muss zwar keine Hindernisse überwinden auf dem Weg zum Atelier von Bridge & Tunnel (Lotte lebt in Wilhelmsburg), aber seit 2015 schlägt sie jeden Tag gemeinsam mit Conny Brücken – für ihr insgesamt elfköpfiges Team im Atelier am Veringkanal, das alles anders macht, als es in der Branche üblich ist.

Bridge & Tunnel arbeitet mit Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt sind: Langzeitarbeitslose, Menschen nach einem Burnout und Geflüchtete etwa, die trotz handwerklicher Begabung keine Anstellung finden – zum Beispiel, weil sie ihre Qualifikationen nicht auf Dokumenten nachweisen können. Weil sie sich selbst das Nähen beigebracht, aber nie eine Ausbildung gemacht haben oder Zeugnisse auf der Flucht verloren gegangen sind wie bei Sayed, dem einzigen Mann im Team. Im Irak hat er als Herrenschneider gearbeitet. „Papiere sind uns schnuppe“, sagt Conny schlicht und sehr entschieden. „Hier zählt nur, was jemand kann.“

 

Bei der letzten Ausschreibung gab es 60 Bewerbungen

 

Das hat sich inzwischen herumgesprochen in Hamburg: Bei der letzten Ausschreibung gab es 60 Bewerbungen. Jeder bringt seine Fähigkeiten ein, und alle lernen voneinander – nicht nur das Nähen und Gestalten der schicken Designtextilien, sondern auch und vor allem: mit den Besonderheiten jedes Einzelnen umzugehen. Die gebürtige Russin Swetlana etwa ist gehörlos. „Gar kein Problem!“, versichert Conny. „Mit Lippen- oder Gebärdensprache verstehen wir uns prima.“

Swetlanas Haare leuchten fröhlich knallblau vor den deckenhohen Stoffregalen, aus denen es in allen Blautönen zurückleuchtet: Bridge & Tunnel vernäht ausschließlich Jeansstoffe. Dabei bezahlen sie ihren Mitarbeitern nicht nur faire Löhne, sondern brechen mit ihrer Produktionsweise ganz nebenbei auch noch alle anderen Regeln der Fast-Fashion-Betriebe, die den Weltmarkt der Mode regieren: Alle verarbeiteten Stoffe kommen von bereits getragenen Kleidern. Um eine einzige Jeans herzustellen, braucht es in der konventionellen Textilindustrie 8.000 Liter Wasser. „50 gefüllte Badewannen Wasser sind das!“, sagt Conny, und macht sich auf dem sympathisch abgewetzten Besuchersofa kerzengerade: „Fünfzig!“

In den Räumlichkeiten im Reiherstiegviertel, direkt über dem bekannten Alternativclub Turtur, werden unter den Händen von Sayed, Swetlana und den anderen Näherinnen alte Jeanshosenbeine und verwaschene Jeansjacken zu schicken Blousons, Taschen oder Kissen. Wer sich von seinen alten Jeans gar nicht trennen mag, kann das Leben der Lieblingsfestivalhose bei Bridge & Tunnel verlängern lassen: „Neulich haben wir aus den Jeans eines Brautpaars ein Ringkissen für die Hochzeit genäht“, erzählt Conny, „oder aus Umstandshosen nach zwei Schwangerschaften eine Reisetasche.“

 

Das Label gibt Menschen auf dem Arbeitsmarkt eine zweite Chance

 

Das Label gibt nicht nur Menschen auf dem Arbeitsmarkt eine zweite Chance, sondern auch unseren abgelegten Textilien. Aus ganz Deutschland schicken Menschen inzwischen Kleiderspenden zu Bridge & Tunnel, „Mit Liebesbriefen obendrauf“, erzählt Conny, „Und Schokolade fürs Team.“ Dass Fair Fashion und Upcycling gut ankommen und Verbraucher bewusster konsumieren wollen, merken derweil auch die großen Unternehmen – und orientieren sich an kleineren Playern, die den Fortschritt zwar mit kleinerer Marktmacht, aber viel größerer Agilität vorantreiben können.

Wenn dann große Tanker und kleine Kähne aufeinander- treffen, können sie sich ergänzen: Seit dem Herbst kooperiert Bridge & Tunnel mit einer Marke, die jedem Deutschen geläufig sein dürfte – und zwar nicht unbedingt ihrer Nachhaltigkeitspolitik wegen. Mit dem Claim „Jede Woche eine neue Welt“ hat das Traditionshaus Tchibo bislang Produkte in die Haushalte gebracht, dessen Sinnhaftigkeit nicht immer erkennbar ist: So nützliche Alltagshilfen wie der „LED-Toilettenpapierhalter“ oder den „mitzählenden Bierflaschenöffner“ zählen dazu, Konsumwelten also, die im Wochenrhythmus von einer neuen Produktpalette abgelöst werden.

Viele dieser Artikel sind aus Plastik hergestellt, ihre Lebensdauer ist begrenzt. Tatsächlich arbeitet Tchibo mit seiner Nachhaltigkeitsabteilung bereits seit 14 Jahren daran, seine Produktion nachhaltiger und fairer zu machen. So experimentiert Tchibo seit rund zwei Jahren erfolgreich mit einem Leihservice für Kinderkleidung. Über die Website tchibo-share.de können Eltern von T-Shirt bis Schneeanzug alles ausleihen, was benötigt wird, und zahlen eine monatliche Leihgebühr. Wachsen die Kinder aus den Kleidern heraus, werden sie zurückgeschickt und können vom Nächsten ausgeliehen werden, und so weiter und so fort.

Bis die Kleidung schließlich auseinanderfällt – und da kommt Bridge & Tunnel ins Spiel: Aus diesen Resten verschlissener Kinderkleidung stellt das Team noch einmal etwas Neues her: Bauchtaschen, Haarbänder, jedes Stück ein Unikat. Die beiden Unternehmen verlängern durch ihre Kooperation also den Produktkreislauf der Kleider um einen weiteren Schritt. Das hat so gut geklappt, dass wir uns im nächsten Jahr auf eine Ausweitung der Zusammenarbeit freuen können – es geht voran, mit kleinen Schritten auf eine neue Perspektive zu. Nicht nur in Wilhelmsburg können die Dinge anders laufen: rauf aufs Festland mit diesen Ideen!

bridgeandtunnel.de

 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2019. Das Magazin ist seit dem 29. November 2019 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Mode-Revolutionistas stürmen Hamburg

Neues von unserem liebsten Modelabel Kluntje, das sich seit dem letzten Update umtriebig zeigt.

Kurzzeitprojekt

Einen Monat lang können wir die nachhaltigen, lokalen Produkte von Kluntje und anderen live in der Innenstadt bestaunen: Am Neuen Wall eröffnet mit „The Hub“ ein Pop-Up Store voll nachhaltiger Marken. Eine edle Adresse, die faire Mode aus der spießigen Ökoecke herausholt. Fette Eröffnungsfeier ist am 3.5.2018. Zu Kluntje gesellen sich tolle Labels mit Taschen, Kerzen, Schmuck, Schuhe und Accessoires. Endlich mal wieder shoppen mit reinem Gewissen!

The Hub, Neuer Wall 72 (Innenstadt), 2.-30.5. Mo-Sa 10–18 Uhr
3.5. Eröffnungsparty

Stylischer Umbruch

Kluntjes meinen es ernst mit dem Thema Fair Fashion und deswegen geht ihr Einsatz über den Verkauf der eigenen Produkte hinaus. Ende April stellen sie mit anderen die Fashion Revolution Week in Hamburg auf die Beine. Mit diversen Events setzen sie das Thema nachhaltige Modeindustrie in Hamburg auf die Karte. Vom Filmscreening bis zum Kleidertausch mit 2000er-Musik – hier ist ordentlich was los.

  •  24.4. Expertentalk „Herausforderungen von Ethical Fashion im Massenmarkt“ 19–21 Uhr, Avodadostore (Lerchenstr.16a)
  • 25.4. „Vom Kleiderschrank zum Reißwolf – Neue Wege für alte Kleider“ 19–21 Uhr Podiumsdiskussion in der Hauptkirche St. Katharinen (Katharinenkirchhof 1)
  • 25.4. Filmscreening: „The True Cost“ 25.4. 18.30–21.30 Uhr, Pin Thought Works (Großer Burstah 46-48)
  • 26.4. Abtanzball/Kleidertausch/Millenium Party Betahaus 19–23

Ein Sack voll Aktionen, die zeigen, das in Sachen fairer Mode in Hamburg gerade richtig was passiert.

/ Sabrina Pohlmann


Was bisher geschah

Start up

Kluntje hat 2017 den Nordstarter-Contest gewonnen.

Im August 2017 haben die Mädels vom Kluntje-Team den Nordstarter Crowdfunding Contest gewonnen, den die SZENE HAMBURG gemeinsam mit der Hamburg Kreativ Gesellschaft organisierte. Kluntje hat sich nach dem Kandiszucker im Tee benannt und druckt plattdütsche Sprüche auf ihre Kleidung, die sie in Deutschland produzieren. Die Materialien sind fair gehandelt oder geupcycelt.


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