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SZENE HAMBURG im August 2019: Wie sozial ist Hamburg?

Lest in unserem Editorial, auf welche Geschichten ihr euch im August freuen könnt

Sich sozial zu engagieren, gehört heutzutage schon fast zum guten Ton. Die letzte Statistik aus dem Jahre 2014 besagt, dass 36 Prozent aller Hamburger ab 14 Jahren ehrenamtlich tätig sind. Und das war ein Jahr bevor die Anzahl der Geflüchteten anstieg und viele Initiativen in der Stadt gefühlt über Nacht entstanden sind. Aber: Wer kein Ehrenamt ausfüllt, muss sich jetzt nicht schlecht fühlen. Denn genauso wichtig ist das soziale Verhalten im Miteinander. Den Darwinismus ignorieren, die Augen aufmachen, hinhören – der ältere Nachbar im Haus freut sich vielleicht über eine vom Einkauf mitgebrachte Tüte Milch, oder einen kleinen Schnack. Die Tür für den Hintermann aufhalten und nicht vor der Nase zuschlagen. Denn je besser man sich behandelt fühlt, desto besser behandelt man andere, klar. Und einer muss ja den Anfang machen.

 

Mit dem Herz am rechten Fleck

 

Um Anfänge geht es auch in einigen unserer Geschichten. Wir porträtieren drei Kitas mit individuellen Ansätzen. Sie sind meist die erste institutionelle Erfahrung, die Kinder machen, und tragen einen Teil dazu bei, wie sie in die Welt starten und vielleicht auch, was sie auf ihre Reise mitnehmen. Eine andere Form von Neubeginn unterstützt der Fürsorgeverein, der ehemaligen Strafgefangenen Wohnraum und eine Begleitung zurück in den Alltag bietet. Stichwort: Resozialisierung. Ein großes Wort und ein großes Unterfangen. Warum es an vielen Stellen noch hakt, erzählt unsere Geschichte „Die Last der Freiheit“. Eine Straftat hinterlässt meist auch einen Geschädigten. Wie es den Opfern danach und wie es für sie weitergeht, erleben die Mitarbeiter vom Weißen Ring täglich. Seit 40 Jahren ist die Institution in der Stadt tätig.

In allen Bereichen, ob Kultur, Sport oder bei gesellschaftlichen Themen, zeigt sich: Die Hamburger sind Macher, voller Tatendrang und mit dem Herz am rechten Fleck.

Text: Hedda Bültmann, Redaktionsleitung SZENE HAMBURG


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Foto: Sophia Herzog

Hedda Bültmann, unsere Redaktionsleiterin, hat den Kopf voller Ideen und bei der SZENE HAMBURG das Ruder in der Hand. Mit ihrem Spirit, Tatendrang und Ideen prägt sie unser Stadtmagazin. Lust auf Austausch? Ihr erreicht sie unter hedda.bueltmann@vkfmi.de


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Pinkstinks: Aktivisten gegen Sexismus in der Werbung

Die Aktivisten von Pinkstinks sind im Einsatz gegen sexistische Werbung – denn an Sex sells glauben noch viele: Wer, warum, und was sich verändert hat, erzählt Pinkstinks-Redakteur Marcel Wicker

Interview: Markus Gölzer
Foto (o.): Mauricio Bustamante – Pinkstinks

SZENE HAMBURG: Marcel, das fängt ja gut an: Zwei Männer unterhalten sich über eine feministische Protest- und Bildungsorganisation. Wie bist du zu Pinkstinks gekommen und was macht ihr?

Marcel: Ich kenne Pinkstinks schon sehr lange und war auch vorher feministisch aktiv. Als ich gehört habe, dass Pinkstinks einen Redakteur sucht, habe ich mich einfach beworben. Ich bin ausgebildeter Journalist, habe vorher PR gemacht und empfinde es als irres Privileg, mit Aktivismus Geld verdienen zu können. Bei Pinkstinks geht es hauptsächlich darum, feministische Diskurse, die im linken Spektrum geführt werden, aufzugreifen und zu übersetzen. Sie sozusagen in den Mainstream zu holen. Damit es nicht eine elitäre Diskussion zwischen wenigen Leuten bleibt, sondern dass daraus ein gesamtgesellschaftlicher Protest werden kann.

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So könnte Bikini-Werbung
auch aussehen / Foto: Markus Abele – Pinkstinks

Was war für die Gründung von Pinkstinks ausschlaggebend?

Stevie Schmiedel ist 2011 aktiv geworden. Die Stadt Hamburg hatte dem Außenwerber Ströer 2.500 Werbeleuchtflächen zur Verfügung gestellt. Dadurch wurde Werbung im öffentlichen Raum in Hamburg viel sichtbarer – und eben auch der Sexismus. Stevie hat eine Petition gestartet, sexistische Werbung bundesweit verbieten zu lassen, Demos organisiert, ist mit der Politik in Kontakt getreten. So ist Pinkstinks entstanden. 2016 hat sich die SPD dafür ausgesprochen, sexistische Werbung kontrollieren zu wollen, was dann erst mal in einem Monitoring mündete, das wir seit zwei Jahren durchführen.

Auf der Plattform „Werbemelder*in“ sammeln wir sexistische Werbung, um das Sexismusproblem in Deutschland mit konkreten Daten belegen zu können. Jeder kann über Werbemelder* in Werbung bei uns einreichen und wir prüfen sie nach unseren Kriterien.

Wo hört Nacktheit auf und fängt Sexismus an?

Wenn wir über Sexismus in der Werbung sprechen, was unser Hauptaugenmerk ist, dann hat Sexismus nicht zwangsläufig mit Nacktheit zu tun. Es gibt Produkte, die man mit viel Haut präsentieren muss, wie einen Bikini. Der wird natürlich auf der nackten Haut präsentiert. Das ist Sexualität, die eine Gesellschaft aushalten muss.

Sexismus sehen wir dann, wenn eine Diskriminierung aufgrund von Geschlecht vorliegt. Wir haben zusammen mit der Juristin Dr. Berit Völzmann konkrete Kriterien entwickelt, mit denen wir unterscheiden, wann etwas sexistisch ist und wann nicht. Wenn eine Frau zum Beispiel nur als sexualisierter Blickfang eingesetzt wird, wenn sexuelle Verfügbarkeit suggeriert wird oder bestimmte Eigenschaften oder Fähigkeiten ausschließlich einem Geschlecht zugeordnet werden, dann sprechen wir von Sexismus.

Gibt es Branchen, die sexistischer sind als andere?

Im Moment zeigt sich schon sehr deutlich, dass Sexismus oft im Mittelständischen vorkommt, weniger bei großen Unternehmen. Ganz viel im Handwerk, auf Lkw und Pkw.

Gibt es es auch Unterschiede, ob Stadt oder dem ländlichen Bereich?

Ja, es kommt eher im Ländlichen vor. Es sind oft die Rohrverleger, die mit Wurfsendungen, an Baugerüsten und auf Fahrzeugen werben. Die ihre Werbung aus Kostengründen selber machen und dafür Ursel von nebenan bitten, sich mal für ein Foto über die Autoreifen zu legen. Wir können sagen, dass die großen Werbeagenturen nicht mehr das Hauptproblem sind, auch wenn sie häufig noch sehr stereotyp werben, was wiederum Sexismus befeuern kann. Das ist aber nichts, wogegen man rechtlich vorgehen könnte. Die Frage für uns ist: Wo ist die konkrete Diskriminierung?

Also funktioniert es nicht mehr so, dass Aufmerksamkeit immer gut ist, egal ob positiv oder negativ.

Es gibt immer noch Unternehmen, die das so sehen und die es drauf ankommen lassen. Aber sexistische Ausrutscher der wirklich großen Player können wir an einer Hand abzählen. Trotzdem leiden auch die unter dem schlechten Image, das sexistische Werbung schafft. Deshalb haben wir im letzten Jahr vermehrt mit Agenturen zusammengearbeitet.

 

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Pinkstinks-Preis: Für faire Werbung gibt’s den „Pinken Pudel“

 

Inwiefern?

Wir haben den „Pinken Pudel“ gegründet, einen Positivpreis, mit dem wir Werbung auszeichnen, die mit Stereotypen bricht. Damit wollen wir stärken, was wir gut finden. Außerdem haben wir mit fünf der größten Werbeagenturen eine Kampagne gestartet, die „Herz fürs Handwerk“ heißt. Wir haben uns mit Kreativen zusammengesetzt und ihnen ein „Worst of Werbemelder*n“ gezeigt, also eine Auswahl der schlimmsten Werbemotive, die wir eingesendet bekommen haben. Und wir haben sie gebeten, für die Produkte eine neue, diskriminierungsfreie Werbeidee zu entwickeln. Das Ziel war, den Handwerksbetrieben zu zeigen: Man kann auch aus langweiligen Produkten wie einer Heizdecke coole Werbung machen, ohne zu diskriminieren. Auch mit geringen Mitteln.

Was war das schlimmste Motiv?

Was ich gern als Beispiel bringe ist ein Schlagbohrer mit einer halbnackten, breitbeinigen Frau daneben und dem Slogan: „Wie rammst du ihn rein?“. Das grenzt schon an sexualisierte Gewalt. Solche Motive sind zwar nicht die Regel, aber auch nicht so selten, wie man meinen mag.

Eigentlich müsste euren Job doch der Werberat machen.

Der Werberat ist selbstregulativ und besteht aus Leuten aus der Werbeindustrie. Er spricht Rügen aus und arbeitet ausschließlich reaktiv. Mit Pinkstinks wollen wir proaktiv, durch Sensibilisierung und Kampagnen, gegen Sexismus vorgehen.

Wie viel Einsendungen bekommt ihr? Wie viel der Werberat?

Wir haben über Werbemelder*in 2018 doppelt so viel Einsendungen bekommen wie der Werberat. Und das nur zum Thema Sexismus. Der Werberat sammelt ja Beschwerden zu allen möglichen Themen. Generell kann man sagen, dass durch die #MeToo-Debatte ein Umdenken eingesetzt hat. Leute sind sensibler für das Thema und es gibt sehr viel schneller den Shitstorm aus der Gesellschaft, ohne dass wir ihn mit unserer großen Online-Präsenz anführen müssen. Interessant ist auch, dass wir seit #MeToo wahnsinnig viel Unterstützung auch von Männern bekommen.

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Auf der Plattform „Werbemelder*in“ lässt sich sexistische Außenwerbung markieren

Gibt es auch Sexismus gegen Männer?

Ob es Sexismus gegen Männer gibt, ist im Feminismus eine heikle Diskussion. Sicher ist, dass eine sexistische Gesellschaft immer auch Auswirkungen auf Männer hat. Wenn Männern erzählt wird, dass sie keine Gefühle haben dürfen, außer vielleicht Wut, dann führt das dazu, dass sich Männer eher das Leben nehmen, dass sie eher an einer Sucht erkranken, dass sie eher Straftaten begehen.

Ob man das „Sexismus“ nennt oder nicht, ist eine Definitionsfrage. Ihn abzuschaffen ist aber ein Gewinn für alle.

Neben Werbung kümmert ihr euch auch um Bildung …

Für uns ist Sensibilisierung auf möglichst vielen Ebenen wichtig. Wir machen Theaterarbeit an Schulen mit dem Stück „David und sein rosa Pony“. Im Stück wird ein Junge wegen seines rosa Kuscheltiers in der Schule gemobbt und am Ende von seinem coolen Fußballkumpel davon überzeugt, dass Rosa für alle da ist und auch Jungs zart sein dürfen. Damit versuchen wir, das Rosa-Blau-Gefälle in der Grundschule infrage zu stellen. Wir haben auch eine sehr umfangreiche Broschüre für Kitas und Eltern herausgebracht, in der es um gendersensible Erziehung geht. Für jugendliche Mädchen haben wir den YouTube-Kanal „Lu Likes“, in dem unsere Moderatorin Lara Themen wie Essstörungen oder „Germanys Next Topmodel“ aufgreift und bespricht. Und natürlich sind wir sehr stark in sozialen Medien aktiv.

Seid ihr Anfeindungen ausgesetzt?

Täglich. Wir bekommen ständig E-Mails, Kommentare und Nachrichten über Facebook oder Instagram, in denen wir angefeindet werden. Wenn wir eine neue Kampagne launchen oder ein neues Video online geht, kann man den Hatern dabei zusehen, wie sie sich zusammenrotten und organisiert trollen. Das kennen alle Organisationen und Personen, die sich im Netz für Vielfalt und Diversität einsetzen. Mich persönlich können die gerne beschimpfen und kacke finden, damit können wir als Team gut umgehen. Aber sie sollen unsere Community in Ruhe lassen. Da fühlen wir eine große Verantwortung. Pinkstinks-Kanäle sollen Orte für alle sein.

Pinkstinks.de


Szene-Hamburg-juni-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juni 2019. Titelthema: Was ist los, Altona?
Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel und zeitlos im 
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Hört der Welt zu! – die Lessingtage am Thalia Theater

Lessingtage: Zum zehnten Mal findet am Thalia Theater das internationale Festival für eine offene Gesellschaft statt und vereint die unterschiedlichsten Stimmen. Wie das auf der Bühne aussieht, erzählt die Chefdramaturgin Julia Lochte.

Interview: Hedda Bültmann
Foto: George Udeze

Julia Lochte setzt sich für den Toleranzgedanken ein

SZENE HAMBURG: Julia Lochte, das diesjährige Motto der Lessingtage ist „Hear Wor(l)d!“. Was bedeutet das?

Der Titel ist aus dem Namen eines zentralen Gastspiels entwickelt, „Hear Word! Naija Woman Talk True“, in dem Schauspielerinnen aus Nigeria erzählen, was die Frauen in ihrer Heimat bewegt. Wir haben daraus „Hört der Welt zu!“ gemacht. Wir wollen die Vielstimmigkeit zulassen, auch Stimmen, die sonst nicht gehört werden. Das ganze Festival ist ein Plädoyer für die offene Gesellschaft, entgegen der Ausgrenzungsmechanismen, die leider überall entstehen. Das Theater entwickelt eine große Kraft, wenn es so viele Stimmen aus den verschiedensten Ländern versammelt.

Die Stücke erheben eine Stimme, um auf ein bestimmtes Thema aufmerksam zu machen?

Ja, oder sie sind in sich selbst schon vielstimmig. Das russische Gastspiel „Who is Happy in Russia“ ist eine der großen Inszenierungen von Kirill Serebrennikov, der im Moment mundtot gemacht werden soll. Er befindet sich gerade in einem Prozess und steht schon lange unter Hausarrest. Trotzdem arbeitet er unter schwierigsten Bedingungen, kommuniziert nur über seine Anwälte. Aber sein Gogol Center in Moskau spielt weiterhin. Deshalb ist es so wichtig, dass das Stück auch außerhalb von Russland gezeigt wird.

Ebenso haben wir zwei Exil-Ensembles eingeladen. Collective Ma’louba mit syrischen Geflüchteten, die hier in Deutschland leben, reden über ihre Exil-Situation, und das Exil-Ensemble vom Maxim Gorki Theater Berlin zeigt die „Hamletmaschine“ von Heiner Müller.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die postkoloniale Emanzipation …

Der Postkolonialismus ist ja generell ein Thema. Wir zeigen zwei Stücke aus Afrika. Es ist uns wichtig, die Menschen, die es direkt betrifft, über sich und ihre Emanzipationsgeschichte sprechen zu lassen und ihnen Gehör zu verschaffen.

 

Seht hier den Trailer zu den Lessingtagen am Thalia Theater

 

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Noch 3 Tage! #vorfreude #lessingtage #lt19 #Thaliatheater #thaliagauß #uaidw #thaliainternational #moinhamburg #theaterinhamburg

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Worauf habt ihr bei der Auswahl der Produktionen geachtet?

Joachim Lux, Emilia Heinrich und ich kuratieren gemeinsam das Festival. Mindestens einer von uns hat die Produktion gesehen, die in Frage kommt und dann besprechen wir uns. So entsteht ein Programm, das natürlich immer in Gedenken an Lessing mit einer offenen Gesellschaft und dem Toleranzgedanken zu tun hat.

Was muss ein Stück mitbringen, damit ihr euch dafür entscheidet?

Sie dürfen sehr unterschiedlich sein. In der Gaußstraße zeigen wir zum Beispiel eine Tanztheater-Truppe aus dem Libanon, die das Stück „#minaret“ über die Zerstörung von Aleppo auf die Bühne bringt. Es zeigt, mit welchen anderen Mitteln als denen des Sprechtheaters künstlerische Formulierungen entstehen können. Beirut stellen wir, neben Hamburg und New York, auch auf der Langen Nacht der Weltreligionen vor.

Der Abend dreht sich um das Zusammenleben der verschiedenen Religionen in der Stadt. Dazu wird die deutsch-amerikanische Autorin Deborah Feldman kommen, die in ihrem Buch „Unorthodox“ erzählt, wie sie in der ultraorthodoxen jüdischen Glaubensgemeinschaft der Satmarer im New Yorker Stadtteil Williamsburg aufgewachsen ist.

Lessingtage „Hört der Welt zu!“: Thalia Theater,  18.1.–2.2.19


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2019. Das Magazin ist seit dem 21. Dezember 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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Kolonialismus – Spuren der Ausbeutung

Hamburg als Hafenstadt gilt als „Tor zur Welt“. Früher war es das Tor zur Unmenschlichkeit. Die der Stadt viel Reichtum brachte. Ein düsteres Kapitel, das gerne vergessen wird.

Die Donnerstraße im schicken Ottensen, das Straßenschild um­geben von Altbaufassaden. Da­runter das Hinweisschild: „Fa­milie D. (18. bis 20. Jh.) – För­derer gemeinnütziger Einrich­tungen“. Das klingt erst einmal gut. Nach einer Familie, die sich um das Gemeinwohl verdient gemacht hat. Und in der Tat: Die wohlhabende Kaufmannsfami­lie um Conrad Hinrich Donner (1774–1854) ging großzügig mit ihrem Vermögen um und un­terstützte unter anderem die Altonaer Sonntagsschule zur fachlichen Weiterbildung von Handwerkern und Künstlern, ließ für das Kirchspiel Othmarschen die Christuskirche errich­ten und das Erholungsheim in Döse an der Nordsee erbauen und anschließend dem Altonaer Kinderhospital übereignen. Was nicht auf dem Schild steht: Die Familie erwirtschaftete ihren Reichtum zum Teil mit fragwür­digen Mitteln. Die Firma C.H. Donner handelte intensiv mit Waren wie Tabak, Zucker und Kaffee, die unter Ausbeutung der einheimischen Bevölke­rungen aus fernen Ländern nach Hamburg gebracht wurden. 1899 gründete Conrad Hinrich Donners gleichnamiger Enkel in La Paz die Vereinigung zur Aus­beutung der Gummivorkom­men in Bolivien.

So waren damals eben die Verhältnisse und kein Mensch ist moralisch vollkommen, wen­det so mancher ein. Deswegen die Straßennamen zu ändern, sei der überzogene Versuch, die Geschichte moralisch zu reini­gen, sagen Kritiker. Die immer noch stattfindende Reduzierung kolonialer Eroberer und Aus­beuter auf ihre positiven Seiten sei eine nostalgische Verklärung der Kolonialzeit, wenden Post­kolonialismus­-Forscher ein. So viel ist sicher: Deutsch­lands Rolle in der Kolonial­zeit fand in der Vergangenheit kaum ein öffentliches Bewusst­sein, die von Deutschen began­genen Verbrechen wurden bis heute nur ungenügend aufge­arbeitet. Dazu gehört beson­ders der Völkermord an den Herero und Nama in der Kolonie Deutsch­Südwestafrika (heute Namibia) von 1904 bis 1908, in Folge dessen schät zungsweise 70.000 bis 80.000 Herero und ungefähr 10.000 Nama umgebracht wurden.

Der Historiker und Afrikawissenschaftler Jürgen Zim­merer verfolgt den mühseligen und von der deutschen Bun­desregierung halbherzig be­gegneten Versuch der Nach­fahren um Anerkennung und Entschädigung. Für ihn ist der Völkermord „der erste deut­sche Genozid“ des 20. Jahr­hunderts. In seinen Büchern arbeitet Zimmerer gegen das falsche Bild an, deutsche Ero­berer seien gute und harmlose Missionare gewesen. Seit 2014 ist er der Leiter der Forschungsstel­le „Hamburgs (post­)koloniales Erbe /Hamburg und die frühe Globalisierung“ an der Univer­sität Hamburg, wo er und seine Mitarbeiter die Rolle der Hafen­stadt Hamburg in der Koloni­alisierung und die heute noch sichtbaren Folgen erforscht.

Jürgen Zimmerer im Interview über den Kolonialismus in Hamburg

Prof. Dr. Jürgen Zimmerer beschäftigt sich als Historiker mit dem Kolonialismus in Hamburg. Foto: UHH/Dingler

SZENE HAMBURG: Herr Zimmerer, welche Bedeutung hatte Hamburg für den Kolonialismus?

Prof. Dr. Jürgen Zim­merer: Die spannendere Frage ist… welche Rolle hatte der Kolonialismus für Hamburg? Dazu muss man sagen: Hamburg, das sich gerne als Tor zur Welt preist, war Deutsch­lands Tor zur kolonialen Welt. Das betrifft nicht nur den Umgang mit den deutschen Kolonien – also die Jahre 1884 bis 1918, denn auch die übrige Welt, mit der man als Hafen­ stadt Handel trieb, war eine koloniale Welt. Ökonomisch ist Hamburg also eng mit dem Kolonialismus verbunden. Auch kulturell. Denken Sie etwa an das Völkerkundemu­seum, das jetzt umbenannt wird. Völkerkundemuseen stellten damals fremde „Kulturen“ aus. Das Bürgertum wollte Exotik sehen, und diese Exotik wurde ausgestellt. Die zur Schau gestellte „Primiti­vität“ und die Andersartig­keit verstärkten wieder das Überlegenheitsgefühl der Europäer und dienten auch als Rechtfertigung kolonialen Ausgreifens; es herrschte ein symbiotisches Verhältnis zum Kolonialismus.

Welche Spuren sind heute noch sichtbar?

Nehmen Sie Hagenbecks Tierpark. Hagenbeck wird ge­feiert für die Erfindung des Freigeheges für Tiere. Um die Jahrhundertwende perfek­tionierte er aber auch die Völ­kerschauen, also die Menschenzoos. Darüber wurde er weltbekannt. Man stellte Menschen in ihrem „natür­lichen“ Umfeld aus – was bis heute nicht wirklich aufgear­beitet ist.

Was noch?

Zum Beispiel die Spei­cherstadt, ein Weltkulturerbe. Was wurde da eigentlich ge­speichert? Da sind wir auch wieder bei den Kolonialwa­ren. Oder ein anderes Bei­spiel: Ein Vorläufer der Uni­versität Hamburg wurde 1908 als Kolonialinstitut gegrün­det. Lange Zeit hat sich auch die junge Universität über die Kolonialwissenschaften de­finiert. Im Dritten Reich gab es sogar den Plan, ein zweites Kolonialinstitut zu schaffen.

Durch die 68er gab es dann den ikonischen Sturz des Wissmann­-Denkmals, das vor dem Hauptgebäude der Uni­versität stand – eine erste Auf­lehnung gegen die kollektive Amnesie. Da zeichnete sich der Wandel vom Kolonial­institut zu einer Institution der Dekolonisierung ab – ein Prozess, der 2014 durch die Einrichtung der Forschungs­ stelle „Hamburgs (post­)kolo­niales Erbe /Hamburg und die frühe Globalisierung“ in ge­wisser Weise fortgesetzt wird.

“Hamburg ist tief mit dem Kolonialismus verbunden”

Sie kritisieren die Bundesrepublik häufig für ihre Trägheit in der Aufarbeitung der deutschen Kolonialzeit; besonders im Umgang mit dem Genozid an den Herero und Nama im heutigen Namibia. Wie sieht es mit der Aufarbeitung in Hamburg aus? Die Einrich- tung der Forschungsstelle ist doch ein positives Beispiel.

Ja! Die Einrichtung die­ser Forschungsstelle ist ein deutliches Signal und wirk­lich avantgardistisch – und die Politik hat dafür die Rah­menbedingungen geschaf­fen. Eine Forschungsstelle als Grundlagenforschung, die für die Kolonialgeschichte Ham­burgs die Faktenlage erarbei­tet, auf deren Grundlage dann gesamtgesellschaftlich ein Erinnerungskonzept disku­tiert werden kann – das ist der richtige Weg. Es ist die einzige Forschungsstelle dieser Art in Europa, sie ist also ein veri­tables Alleinstellungsmerkmal und findet trotz geringer Mittel internationale Beach­tung. Hamburg ist als Ort da­ für auch richtig, eben weil es als Hafenstadt so tief mit dem Kolonialismus verbunden ist. Mittlerweile, ist nicht zu­ letzt auf Drängen Hamburgs das Thema Kolonialismus auch mit in den Koalitions­vertrag der Großen Koalition in Berlin aufgenommen wor­den. Da bewegt sich langsam etwas, aber die Bundespoli­tik ist nun einmal träge. Wenn Berlin klug ist, nutzt es, was in Hamburg schon da ist.

Welchen Fragen gehen Sie in der Forschungsstelle nach?

Dem Kolonialismus und seinen Folgen in seiner gan­zen Bandbreite, und zwar wo immer möglich in Kollabo­ration mit Kollegen und Kol­leginnen aus den ehemaligen Kolonien. So haben wir dieses Jahr etwa drei Künstler aus Namibia hier, die an einem Projekt über historische Fotos aus der Zeit des Genozids an den Herero und Nama arbei­ten.

Ein anderer Kollege aus Dar es Salaam, der Partner­stadt Hamburgs, sitzt an einer Studie über die Erinnerung an den deutschen Kolonialismus in Tansania. Ein großes Pro­jekt befasst sich mit der Insze­nierung des Kolonialismus in Hamburg, in der Gesellschaft, ebenso wie in den Theater­ und Opernhäusern in Ham­burg. So konnten wir bereits zeigen, dass eben auch das Thalia Theater wie auch alle anderen Bühnen genauso pro­ kolonial waren wie etwa Ha­genbeck. Es gibt auch ein Aus­stellungsprojekt über Hagen­beck, aber leider nicht mit den Vertretern von Hagenbecks Tierpark. Sie konnten bisher nicht für eine Zusammenar­beit gewonnen werden.

“Die Handelskammer hatte einen Anteil daran, dass Deutschland zur Kolonialmacht wurde”

Welche zukünftigen Projekte sind geplant?

Wir wollen uns vor allem der kolonialen Wirtschaft widmen, sowohl den koloni­alen Warenketten als auch der Beteiligung von Hamburge­rinnen und Hamburgern am transatlantischen Sklavenhan­del. Damit wollen wir auch unseren Beitrag zum Deutschen Hafenmuseum leisten, das ja in Hamburg gebaut wird. Derzeit sind wir auch in Gesprächen mit der Handelskammer, weil sie historisch einen ganz konkreten Anteil daran hatte, dass Deutschland zur Kolonialmacht wurde. Es gibt ein Schreiben an Bis­marck von 1883, in dem steht, Deutschland möge doch bitte Kolonien gründen. Es wäre wichtig, wenn wir sie als Part­ner gewinnen könnten.

Beim 2. Transnationalen Herero- und Nama-Kongress im April hat sich Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda für den Genozid in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika bei den Nachfahren der Opfer entschuldigt. Sie haben die Situation anschließend als „bewegenden Moment“ bezeichnet.

Das war auch ein bewe­gender Moment. Als jemand, der sich sein Berufsleben lang der Erforschung dieses Genozids widmet und auch des Rassenstaates, der dort errich­tet wurde, hat mich Brosdas Rede beeindruckt. Und dann auch noch hier im Rathaus, ausgerechnet im Kaisersaal, der nach dem Kaiser benannt ist, der den Genozid mitzu­verantworten hat. Dass ein Politiker in diesem Rahmen den Nachfahren gegenüber die richtigen Worte findet, ist begrüßenswert, gerade auch weil sich die Bundesregierung hiermit so schwertut. Und für die Nachfahren der Opfer war es ungeheuer wichtig. Sonst wären sie wieder mit diesem Gefühl abgefahren, dass sich in Deutschland kein Mensch darum kümmert, wie es ihren Vorfahren erging.

Wussten die Hamburger damals eigentlich vom Genozid an den Herero und Nama?

Ja! Wir konnten etwa nachweisen, dass Hamburg als Hafenstadt im Herero­krieg eine zentrale Rolle ge­spielt hat. Die Woermann­ Linie besaß ein Monopol für Truppentransporte nach Süd­westafrika und folglich lief der gesamte Truppen­ und Nachschubtransport über Hamburg. Es wurden regel­rechte Abschiedsfeiern für die abfahrenden Truppen geschmissen. Dieser Krieg war also auch im städtischen Bewusstsein.

“Es gab kaum ein Unrechtsbewusstsein”

Gab es ein Unrechtsbewusstsein?

Ganz generell kann man sagen: Es gab kaum ein Un­rechtsbewusstsein. Man war allgemein der Meinung, dass die Verdrängung der einhei­mischen Bevölkerung durch die Weltgeschichte gerechtfertigt sei, weil die „zivilisa­torische Überlegenheit“ dazu berechtige. Eine Haltung, die sich als Muster durch die gan­ze Kolonialgeschichte zieht.

Das heißt, die Hamburger Bürger wussten konkret, dass Tausende Menschen ausgebeutet oder sogar umgebracht wurden?

Sie konnten es wissen. Auch wenn das im Einzelnen schwer zu messen ist. Aber Kolonialismus war präsent, und auch die damit verbun­denen Menschenrechts­verletzungen. Ich denke, es ist wie im Dritten Reich: Die Leute wussten viel mehr oder konnten zumindest viel mehr wissen.

Ein anderes Thema, das für viel Diskussionsstoff sorgt, sind die Straßennamen, die nach Personen aus der Kolonialzeit benannt sind oder auf die Kolonialzeit verweisen. Etwa in der HafenCity.

Die gibt es auch in Wands­bek und in anderen Vierteln. Der Dominikweg oder die Wissmannstraße zum Beispiel.

“Es wird nostalgisch verklärt”

Wie sollte man Ihrer Meinung damit umgehen?

Das ist eine ganz schwie­rige Frage. Man muss offen darüber diskutieren. Und an dieser Stelle kann auch die Forschungsstelle einen Bei­trag leisten, indem sie die Fakten zu den Personen lie­fert. Wir müssen ganz offen darlegen, wofür diese Na­men stehen. Denn meistens wird auch da noch nostal­gisch verklärt. Da wird in der Beschreibung des Straßen­ schildes schon mal aus einem Wissmann, der ein Eroberer und Kriegsverbrecher war, ein „Forschungsreisender“ oder „Afrikakenner“. Man kann sich auch nicht auf die Be­hauptung zurückziehen, dass es damals anders gemeint ge­wesen sei. Wenn Gruppen wie die „Initiative Schwarze Men­schen in Deutschland“ sich über die Namen beschweren und man sie trotzdem nicht umbenennt, dann ist das im Grunde ein Akt der Neuset­zung. Die Gesellschaft sagt: Nein, wir wollen den Kriegs­verbrecher ehren. Ob man das will, ist dann die Frage.

Ich finde, dass man einen Teil der Namen umbenennen kann. Wichtig ist nur, dass man sie in Übereinstimmung mit dem historischen Kontext umben­ ennt. Man sollte einen Wiss­mann nicht durch irgendje­manden ersetzen, sondern vielleicht durch jemandem, der im Widerstand gegen ihn oder gegen den deutschen Kolonialismus in Ostafrika war. So bliebe der historische Bezug, das historische Ge­dächtnis erhalten.

Aber Wissmann würde aus dem Bewusstsein verdrängt werden.

Man kann den Straßen­namen umbenennen und ein Schild hinzufügen: „Vormals Wissmannstraße“ und dann begründen, warum Wiss­manns Bild sich geändert hat und er kein Vorbild mehr für die deutsche Gesellschaft im 21. Jahrhundert sein kann. Vielleicht würde das mehr Aufmerksamkeit auf seine Taten lenken. Aber diese Ent­scheidung muss die Zivilge­sellschaft treffen, unter Ein­bindung der vom Kolonialis­mus und Rassismus am un­mittelbarsten Betroffenen.

Text und Interview: Ulrich Thiele
Beitragsfoto: Jérome Gerull

Online: Kolonialismus.Uni-Hamburg.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

 

 

 

 


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