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Serie: Altona. Das Künstler-Kombinat. Der Hausbesuch Teil 6

Im Eschelsweg hat sich über 16 Jahre hinweg ein Ort entwickelt, der Musiker, Tonstudios und kreative Werkstätten unter einem Dach vereint. Letzter Teil unseres Hausbesuches: Musikproduzent Philipp Schwär

/ von Regine Marxen. Foto: Philipp Jung

 

2. Stock. Philipp Schwär. Oben angekommen

 

„Bevor du überhaupt einen Rechner aufstellst, musst du eine Couch und Lampen hinstellen. Sich wohlzufühlen in einem Studio, finde ich unheimlich wichtig“, sagt Philipp Schwär (31). Das sieht man seinem kleinen Studio im zweiten Stock an. Eine Menge Deko-Kram ist hier zu finden. Kassettenhüllen, Bilder – und eine Couch. Die stammt noch aus den H.O.M.E Studios, wo Philipp seine ersten Jahre in Hamburg verbracht hat.

Franz Plaza ließ ihn damals in seinem Studio unterkommen. Eine super Zeit, aber nach vier Jahren, genauer 2012, war die Zeit gekommen: Er wollte sein eigenes Ding machen und kam im Eschelsweg  unter. Erst in einem der Studios im Zwischengeschoss; vor zwei Jahren zog er schließlich in den zweiten Stock. „Ich habe mich also hochgearbeitet“, lacht er. „Das ist hier echt alles Mega. Die Lage, die Leute. Wir haben hier einen großen Aufnahmeraum und helfen uns gegenseitig, was das Equipment angeht. Und weil das funktioniert, sind wir teilweise besser ausgestattet als das größte Studio. In diesem Haus gibt es alles, was du brauchst. Oder jemals brauchen wirst.“

Das Soll an Karriere ist erreicht: Philipp lebt von der Musik. Von echter Musik. 

Künstlerisch hat Philipp sich vor 10 Jahren entschieden, sich voll aufs Produzieren zu konzentrieren. Dieses Band-Ding ist nichts für ihn. „Da spielst du oft immer die gleichen 20 Song über Jahre. Hier habe ich immer unterschiedliche Sachen. Gerade eben habe ich einen Track für einen Straßen-Rapper gemixt, danach mache ich eine romantische Ballade für einen österreichischen Singer/Songwriter, danach mache ich ein bisschen Filmmusik. Das ist ganz viel Unterschiedliches.“

Was ihn an Musik interessiert, ist der Song, nicht die Form.

Deshalb hört er alles – und produziert die unterschiedlichsten Künstler wie Milliarden, Fayzen oder Tim Bendzko. „Ich finde alles irgendwie geil, so lange es eine gute Energie hat. Und ich muss es mit den Leuten, mit denen ich arbeite, zwölf Stunden in einem Raum aushalten können.“

Das sei mindestens genauso wichtig wie die Musik selber: Die Vibes miteinander.

Philipp ist zufrieden dort, wo er jetzt ist. Räumlich und beruflich. „Das Soll an Karriere ist für mich erfüllt. Ich kann davon leben, dass ich echte Musik mache. Nicht von Werbe-Tracks oder so, sondern von echter Musik von echten Künstlern. Ich habe Tageslicht, kreative Leute, die alle irgendwie was anderes machen. Guten Kaffee. Und einen Balkon.“

Philipp Schwär ist oben angekommen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Serie: Altona. Das Künstler-Kombinat. Der Hausbesuch Teil 5

Im Eschelsweg hat sich über 16 Jahre hinweg ein Ort entwickelt, der Musiker, Tonstudios und kreative Werkstätten unter einem Dach vereint. Teil 5 unseres Hausbesuches: Buchbinderei Altona-Inhaberin Kathrin Langenhagen

/ von Regine Marxen. Foto: Philipp Jung

„Ach, das ist so toll, dass es so was noch gibt.” Das ist so ein Spruch, der die Buchbinderin Kathrin Langenhagen (44) nervt.

„Dass es so was wie mich gibt, hat ja jeder selber in der Hand. Ob er ein Handwerk beauftragt oder im Internet ein standardisiertes Produkt bestellt.“

Seit acht Jahren ist sie mit ihrem Meisterbetrieb im Eschelsweg daheim. Bindet Bücher, Speisekarten oder Fotobände und gibt meist an den Wochenenden Buchbinder-Workshops. Der 150 Quadratmeter große Raum ist hell und lichtdurchflutet. Schmiedeeiserne Maschinen, Prägestempel, Schneidemaschinen und Papiere haben ihren Platz. Vor der Tür stehen Blumen in Setzkästen. Kathrin fühlt sich sichtlich wohl. „Die neuen Vermieter machen hier viel, kümmern sich, das gefällt mir. Hier hat sich viel getan.”

Damals war’s spezieller. Aber Zeiten – und Hausgemeinschaften – ändern sich

Im Haus selber hat Kathrin wenig berufliche Schnittmengen. Sie fällt als Handwerksbetrieb ein wenig aus dem Rahmen.

„Jeder macht sein Ding. Das war vor acht Jahren anders. Das Haus hat sich eben verändert. Unten waren Messgeräte-Produzenten für meteorologische Instrumente, eine Druckerei gab es, unten im Keller war ein italienischer Espresso-Maschinen- Bastler. Das war damals spezieller. Das hat sich schon verändert. Mit den neuen Mietern habe ich wenig Austausch. Das stört mich aber nicht. Dafür beschwert sich keiner, wenn ich mal laute Partys feiere. Das nachbarschaftliche Verhältnis stimmt einfach in diesem Haus.“

Mehr über die Buchbinderei Altona findet ihr unter www.buchbinderei-altona.de

Serie: Altona. Das Künstler-Kombinat. Der Hausbesuch Teil 4

Im Eschelsweg hat sich über 16 Jahre hinweg ein Ort entwickelt, der Musiker, Tonstudios und kreative Werkstätten unter einem Dach vereint. Teil 4 unseres Hausbesuches: die Chefrock Studios-Inhaber und Musiker Peter Keller & Tilmann Ilse

/ von Regine Marxen. Fotos: FB

2. Stock. Chefrock Studios. Peter Keller & Tilmann Ilse

Eschelsweg

Chefrocker mit Gast: Peter Keller (li.) und Tilmann Ilse (re.) mit Tim Bendzko. Screenshot:FB

Noch ist hier Baustelle, aber schon diesen Frühsommer feiern die Chefrock Studios im zweiten Stock ihre Eröffnung. Was hier entsteht, ist fett. Eine große Regie, mehrere Studios, eine Küche als Aufenthaltsraum – und das Ganze mit Tageslicht und Fußbodenheizung. Purer Luxus im Leben eines Musikers. Die beiden Inhaber Peter Keller und Tilmann Ilse haben einiges investiert – an Zeit, Geld und Muskelkraft. Und bei dem Gedanken an die Eröffnung steht ihnen die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Freude auch, klar. Aber Musiker sind eben keine Handwerker. Auch wenn Tilmann in diesem Bereich durchaus Talent hat, wie dieses Video auf Facebook beweist.


Die beiden sind im Eschelsweg keine Neulinge. Peter, der auch Teil von Achims und Arnes Band Wunder war, ist seit 15 Jahren mit seinem Studio hier beheimatet. Zusammen mit Tilmann betrieb er später rund zehn Jahre ein gemeinsames Tonstudio im Zwischengeschoss. „Wir sind da räumlich und musikalisch immer wieder an die Grenzen gestoßen. Tilmann und ich hatten daher schon vor Jahren den Wunsch, uns zu vergrößern. Wir haben glücklicherweise beide Projekte, die uns das finanziell gestatten. Ich spiele unter anderem mit Peter Maffay in der Band und produziere dessen Platten. Wir arbeiten auch gerade an einem ,Tabaluga‘-Kinofilm. Es ist also kein Harakiri-Projekt“, erzählt Peter. „Es war dann aber schwierig, das richtige Objekt zu finden. Wir waren so happy, als es sich abzeichnete, dass diese Fläche im Haus frei wird, weil das Immobilienbüro ausziehen wollte.“

Entstehen soll ein Ort, der Möglichkeiten eröffnet. Musikalisch und persönlich. Ganz im Geiste der Eschelsweg-Community.

„Ich bin so froh, dass mit dem letzten Verkauf des Gebäudes diese Künstler- Zelle nicht gesprengt worden und erhalten geblieben ist. Wenn ich durch das Treppenhaus gehe oder in einem der Studios sitze und fette Beats höre, dann inspiriert mich das. Hier oben soll auch ein Ort der Begegnung entstehen. Einen der Räume wollen wir zum Beispiel auch vermieten.“ Mindestens zehn Jahre müsse man mit den Studios hier bleiben, damit sich die Investition lohne. 25 Jahre wird Peter Keller dann im Eschelsweg zuhause sein. Ein Vierteljahrhundert. „Ich habe hier viele gute und viele schlechte Momente erlebt. Beruflich und privat. Ich stand hier neulich und fragte mich, was ich in den nächsten Jahren wohl erleben werde. Wahnsinn, da wird so ein Gebäude Teil deines Lebens.“

Mehr Infos über die Chefrocker unter www.chefrock.studio und bei Facebook

Serie: Altona. Das Künstler-Kombinat. Der Hausbesuch Teil 3

Im Eschelsweg hat sich über 16 Jahre hinweg ein Ort entwickelt, der Musiker, Tonstudios und kreative Werkstätten unter einem Dach vereint. Teil 3 unseres Hausbesuches: Laut gegen Nazis & Attraktor e.V.

/ von Regine Marxen. Foto: Philipp Jung

 

1. Stock. Zwischengeschoss Coworking Space. Laut gegen Nazis

 

Jörn Menge (50) ist seit August 2015 Untermieter im Coworking Space im ersten Stock und organisiert als Ein-Mann-Betrieb die Aktionen von Laut gegen Nazis. „Ich bin der Gründer dieser Kampagne“, sagt er. „Ich hatte lange eine Agentur, die hieß Büro Lärm. Wir haben für den Stern gearbeitet und Mut gegen rechte Gewalt gemacht, mit viel Unterstützung der Musikbranche. Als der Stern keinen Bock mehr hatte, Etats zu verwalten und zu schaffen, waren wir pleite. Ich habe damals gesagt, es kann nicht sein, dass eine der größten Initiativen gegen Nazis nicht mehr stattfinden kann. Und dann habe ich 2004 die Gründung der Kampagne Laut gegen Nazis vorangetrieben.“

Jörn kommt eigentlich aus der Musik-Promoter-Szene. Auf Partys sein und geil sein, das sei ja alles ganz cool, sagt er grinsend  aber er wollte etwas Sinnvolles machen.

„Ich hatte gleich tolle Partner: Smudo und Peter Lohmeyer, die sind beide noch heute dabei. Wir haben Konzepte ausgearbeitet, eine Tour geplant. 2008 gründeten wir den Verein Laut gegen Nazis, um die Förderung von Initiativen und deren Finanzierung durch Spenden voranzutreiben. Strategisch in ganz Deutschland.“

Es ist, wie es ist: Spenden fließen immer dann, wenn es brennt. Bei Laut gegen Nazis ist das leider oft wortwörtlich zu verstehen.

„Wenn Flüchtlingshäuser brennen, freut sich unser Spendenkonto. So bitter das ist. Um wirtschaftlich arbeiten zu können, haben wir daher den ganzen Koloss an Mitarbeitern abgeschafft. Wir waren bis vor Kurzem mehr Leute, waren auch Ausbildungsbetrieb. Aber in diesen dynamischen Zeiten müssen auch wir sparen.“ Nun sitzt Jörn allein mit seinem Schreibtisch in seinem Büro im Zwischengeschoss, hinter ihm stapeln sich Kartons mit Shirts, Jutebeuteln und anderem Kampagnenmaterial.

„Wir passen hier rein“

In der Ecke schräg gegenüber hat Lena Winkel ihren Arbeitsplatz. Seit Ende 2016 ist sie dabei. Die freie Grafikerin arbeitet eng mit Jörn zusammen und unterstützt ihn unter anderem bei der aktuellen G20-Kampagne. Oder bei der aktuellen Kampagne Love Speech Therapy. Lena ist unter anderem Teil der Jury.

Laut gegen Nazis

Liebesbotschaften gegen Hasstiraden. Mit der Aktion setzt LAUT GEGEN NAZIS unter anderem auch bei den Plakataktionen zur Bundestagswahl ein Zeichen.

 

Das ist es, was Jörn sehr schätzt an diesem Haus: die Synergien. „Hier habe ich ein gutes Netzwerk. Mit den Künstler-Managements, mit deren Künstlern wir auf Tour waren, mit Kreativen wie Lena. Dieses Gebäude finde ich toll, wir tauschen uns aus, Lena unterstützt uns grafisch. Das ist sehr kommunikativ und spart gleichzeitig Geld. Und wir kommen aus dieser Ecke, Laut gegen Nazis wurde auf St. Pauli geboren. Altona war für uns schon immer wichtig. Derzeit fühlen wir uns als Verein sehr gut aufgehoben. Wir passen hier einfach rein.”

Mehr Informationen zu Laut gegen Nazis unter www.lautgegennazis.de. Lena Winkel, im Beitragsbild oben rechts, erreicht ihr unter www.lenawinkel.com

1. Stock. Attraktor e.V.

230 Quadratmeter groß sind die Räumlichkeiten des Makerspace Attraktor. Und schon zu klein. Sagt jedenfalls Ole Popp, langjähriges Vereinsmitglied. Rasch führt er uns durch das Raumgeflecht, das vollgestopft ist mit Materialien aller Art von biederen Schrauben und Nägeln, Nähmaschinen und Stoffen bis hin zu 3D-Druckern und Laser-Schneidern. Monitore, Kabel, schier unerschöpflich ist die Auswahl an den unterschiedlichsten Werkstoffen.

Attraktor Hamburg, betont Ole, sei ein Makerspace, kein Slackerspace. Hier wird gemacht. Wer hier mitmachen will, muss eine eigene Idee haben. Dann findet er Hilfe. „Herkommen und nur zugucken, ist nicht drin.“

„Auch wenn alle so stumpf rüberkommen, wir sind gar nicht so doof “

 

Um die 120 zahlende Mitglieder hat der Verein. 32 Euro kostet eine Basismitgliedschaft im Monat. Dafür hat man Gleichgesinnte und einen Bereich, in dem man seine Ideen voll ausleben kann. „Wenn jemand einen künstlichen Muskel bauen will am Sonntag um 4 Uhr nachts, dann braucht man diesen Ort. Hier hat man ihn.“ Das Niveau sei hoch bei den Attraktoren. „Auch wenn alle so stumpf rüberkommen, wir sind gar nicht so doof “, lacht Ole.

„Wir sind sozusagen der militärische Flügel des Chaos Computer Clubs“

Seine Wiege hat der Verein im Chaos Computer Club Hamburg. „Das ist so die Hippie-Fraktion. Aber wir wollen was schaffen. Wenn du jedoch dieses Gesellschaftspolitische im Boot hast, kommst du nicht voran. Dann bist du sehr lange in Plänen gefangen. Die sind zudem sehr stark mit ihrem Fokus aufs Elektronische gerichtet. Also haben wir uns abgespalten. Wir sind sozusagen der militärische Flügel des Chaos Computer Clubs und machen pragmatisches Basteln in allerlei Formen.“

Eschelsweg

Pragmatisches Basteln aller Art im 1. Stock.

Seit 2014 sind die Mädels und Jungs Teil der Eschelsweg-Community. Sie sind die Exoten. Macht nichts. „Ich finde, wir passen strukturell ganz gut rein, weil wir einen Hauch von Freaktum mitbringen, der in diesem Haus noch nicht drinnen ist. Wir mögen komisch gekleidete Exoten sein, aber sind nach wie vor Teil der Szene.

Mehr Informationen über die Attraktoren findet ihr unter www.attraktor.org/willkommen

Serie: Altona. Das Künstler-Kombinat. Hausbesuch Teil 2

Im Eschelsweg hat sich über 16 Jahre hinweg ein Ort entwickelt, der Musiker, Tonstudios und kreative Werkstätten unter einem Dach vereint. Teil 2 unseres Hausbesuches: das Musik Kombinat im Zwischengeschoss 

/ von Regine Marxen. Fotos: Philipp Jung

Zwischengeschoss. Das Musikkombinat. Achim Köllner & Arne Ghosh

 

Eine große Küche, eine Sofaecke, drei Tonstudios sowie ein Aufnahmeraum: Willkommen im Zwischengeschoss Musikkombinat. Hier haben Achim Köllner (42, Beitragsbild links) und Arne Ghosh (44) 2001 ihr erstes Studio ausgebaut – und damit den Grundstock für eine Musik-Kreativ-Künstler- WG gelegt, die sich inzwischen über drei Stockwerke verteilt. „Damals“, sagt Arne, „waren wir noch aktive Musiker mit einer Band namens Wunder, die sehr viel Eigeninitiative mitgebracht hat, von Aufnahmen bis zum Booking. Wir hatten einen Proberaum in Hamm, der Aufnahmen nicht hergab. Wir brauchten einen größeren Raum.“

Über Sprinkenhof waren sie an die Räumlichkeiten im Zwischengeschoss gelangt. Und haben zugeschlagen. „In dem Jahr hatten wir ein bisschen Geld, und dann standen wir da mit Akku-Bohrer und  Styropor-Wänden und haben das alles selber ausgebaut. Ein Studio nutzten wir selber, zwei haben wir vermietet.“ 2008 hätten sie dann eine weitere Fläche im dritten Stock gemietet und ebenfalls ausgebaut. „Weil wir den Platz brauchten. Und der Bedarf da war“, sagt Achim.

„Wenn du günstige Proberäume suchst, findest du Räume in Rissen oder in Billstedt. Aber auf jeden Fall nicht in Altona. Da gibt es die Bunker, und das war’s. Wir wollten aus den Bunkern raus. Wir dachten, es muss eigentlich nicht sein, dass wir die nächsten 20 Jahre ohne Tageslicht in einem Keller mit Eierschachteln verbringen.“

Als sich mit dem letzten Vermieterwechsel 2013 die Möglichkeit ergab, die nächste Fläche im ersten Stock über dem Zwischengeschoss zu mieten, schufen Achim und Arne schließlich eine Kombilösung aus Arbeits- und Bürowerkstätten und Studios. Der Name Zwischengeschoss für das Gesamtkonstrukt blieb dabei bestehen. Oben und unten befinden sich Studios mit Aufnahmeräumen, in der Mitte als Pufferzone ein Coworking Space für freischaffende Kreative wie Grafiker, Fotografen und Promoter.  „Wir legen Wert darauf, dass es kein typischer Coworking Space ist. Unsere Verträge laufen mindestens einen Monat. 22 Plätze bieten wir an. Ein wenig Fluktuation herrscht hier, aber wenig. Bei den insgesamt elf Studios dagegen haben wir seit 16 Jahren keinen Leerstand.“

„Das hier, das ist unser Mutterschiff“

Geplant war diese Expansion nicht, sie ergab sich über die Jahre quasi von selbst.

„Wir haben festgestellt, je mehr gutes Umfeld du zusammenführen kannst, desto mehr Synergie-Effekte entstehen. Die Idee ist, dass alle zusammenschmeißen und sich unterstützen. Mit Equipment und Know-how“, so Arne.

Monetär sei das Zwischengeschoss nicht relevant. „Das hier ist nichts, was uns ruiniert, aber auch kein Geschäftsmodell. Das müssen wir uns manchmal schönrechnen“, sagt Achim lachend. „Das ist einfach ein guter Ort für kreative Leute, den wir hier hingebaut haben. Und der trägt sich eben so. Und wir haben die Möglichkeit, hier mittendrin zu sitzen, mit Künstlern zusammenzuarbeiten, zu helfen.”

Lebenswege ändern sich. Aber das Zwischengeschoss als Klammer bleibt. 

Obwohl, so oft sind Achim und Arne nicht mehr im Zwischengeschoss anwesend. Mitte der 2000er Jahre kam der Shift und die berufliche Veränderung. Arne verschrieb sich immer stärker dem Manager- Dasein, gründete parallel die Firma 380 Grad und betreut neben internationalen Künstlern unter anderem die Hamburger Band Boy oder Fotos. Er ist viel unterwegs, auf Tour, in seinem Zuhause auf dem Lande vor den Toren Hamburgs oder in Berlin, wo er ein weiteres Büro aufgebaut hat.

Achim gründete zwischenzeitlich ein eigenes Label, macht immer noch Musik, ist zudem als Programmierer tätig und verbringt die Hälfte des Jahres im Ausland. Dennoch, im gefühlten Niemandsland in Altona haben die zwei Zwischengeschoss-Gründer eine Heimat gefunden.

„Es ist das zweitlängste Zuhause nach meinem Elternhaus“, sagt Arne. „Und in zwei Jahren das am längsten. Das hier, das ist unser Mutterschiff.“

Interesse an einem Schreibtisch im Zwischengeschoss? Mehr Infos findet ihr hier: www.zwischengeschoss.de

Serie: Altona. Das Künstler-Kombinat. Hausbesuch Teil 1

Im Eschelsweg hat sich über 16 Jahre hinweg ein Ort entwickelt, der Musiker, Tonstudios und kreative Werkstätten unter einem Dach vereint. Hier macht jeder sein Ding. Allein – und doch zusammen. Teil 1 unseres Hausbesuches: Die Schaltzentrale & die Esche

/ von Regine Marxen. Fotos: Philipp Jung

Ein Gewerbehaus, Baujahr 1960. Die Südseite ist eingerüstet, auf der Nordseite sieht man die langen Laubengänge, die sich an zwei Stockwerken entlangziehen. Eigentlich an drei, aber eine der Etagen ist ein Zwischengeschoss, also nur von der Nordseite sichtbar. Steht auch dran, in großen schwarzen, abblätternden Buchstaben auf der Fensterfront. Das C und das G fehlen inzwischen ganz. „Der Lack ist ab“, wird Achim Köllner vom Zwischengeschoss Musikkombinat später in unserem Gespräch sagen. Stimmt nicht. So ganz und gar nicht.

Eschelsweg

Im Nirgendwo in Altona hat sich über fast 16 Jahre hinweg eine Hausgemeinschaft entwickelt, die eines eint: Hier wird nicht gechillt, sondern gemacht! Musik. Bücher. Grafiken. Texte. Illustrationen. Fotos. Modelle. Und wilde Basteleien. Willkommen im Eschelsweg. Foto: Philipp Jung

An diesem Morgen beginnt unser Besuch in der Kreativ-WG im Eschelsweg bei Torsten Meyer. In seinen Räumen im Zwischengeschoss auf dem Laubengang links laufen alle Fäden zusammen. Er verwaltet das Gebäude für die HGG Immobilien, die das Haus im Auftrag einer Hamburger Familie betreut. 2012/13 hat diese den  Komplex von einem großen Immobilienunternehmen gekauft. Von einer „Heuschrecke“, die das Haus vor Jahren von der Hamburger Immobiliengesellschaft Sprinkenhof erworben hatte – und der es vor allem um den Werterhalt, weniger um Wertsteigerung ging. Investitionen gab es keine, ein Interesse an dem Haus auch nicht.

„Die machen hier richtig Alarm.“

Anders bei der Hamburger Familie, die namentlich nicht genannt werden möchte. „Wir suchten bereits lange nach einem Gebäude dieser Art, um ein Jugendkunsthaus zu gründen und der Stadt etwas zurückzugeben“, heißt es auf Nachfrage. „Das konnten wir im Eschelsweg im Erdgeschoss mit der Esche sehr gut umsetzen. Deshalb kauften wir das Haus. Wir haben viel investiert in dieses Objekt, in die Esche und in das Gebäude selber, und haben großen Spaß daran.“

Torsten Meyer, der Mittelsmann vor Ort, ist seit 2016 mit im Boot. „Ich hatte schon langweiligere Jobs“, sagt der 54-Jährige und schmunzelt. Das liegt vor allem an den Mietern, diesem Mix aus mehreren Musik- und Tonstudios und kreativen Freigeistern. „Turbulent. Normal ist das hier nicht“, sagt Torsten Meyer. „Aber erfrischend.“ Im Eschelsweg herrsche immer Betriebsamkeit, 24 Stunden, sieben Tage die Woche. „Die Chillgeneration“, sagt Torsten, „ist hier nicht unterwegs. Alle die hier sind, machen irgendwas. Die machen hier richtig Alarm.“

Erdgeschoss. Esche. Das Jugendkunsthaus

 

Esche

Andreas Fleischmann von der Esche hat den Laden im griff und starke Partner im Boot. Foto: Philipp Jung

 

Esche-Geschäftsführer Andreas Fleischmann (35) sieht müde aus heute. „Meine Kollegin ist im Urlaub, da habe ich hier gut zu tun”, sagt er und begrüßt parallel die hereinströmenden Kids. Der Graffiti-Kurs unter Leitung des legendären und nicht minder lässigen Beat Boy Delles startet gleich. Die Esche im Erdgeschoss ist jüngstes Mitglied der umtriebigen Mieterschar im Eschelsweg. Am 1. Februar 2016 feierte das Jugendkunsthaus seine Eröffnung. Das Ziel: Kinder und Heranwachsende ab der 5. Klasse an die Kunst heranzuführen und sie langfristig zu halten. Die Esche ist spendenfinanziert – und wird wunderbar angenommen.

Rund 150 bis 200 Kinder nutzen die insgesamt 18 kostenlosen Kurse von Tanz bis Songwriting, DJing, Trickfilm oder Rap jede Woche. „Bei uns wird nicht gechillt“, betont Andreas. „Wir haben eine Küche, in der immer Äpfel oder Tee und Wasser stehen. Aber ausruhen dürfen sich die Kinder hier nicht. Sie müssen dann schon an einem der Kurse teilnehmen.“ Schlaflose Nächte hatte Andreas, als die Esche loslegte. Der Wahl-Hamburger und geborene Münchner begleitete den Verein von Anfang an, vernetzte sich, bildete Schulkooperationen und holte starke Partner wie Lütville oder DeluxeKidz ins kommt, wenn wir eröffnen.“ Immerhin hat die Hamburger Familie, die die Esche ins Leben rief, viel investiert und auf rund 600 Quadratmeter helle und moderne Trainings- und Gruppenräume geschaffen, die auch bespielt werden wollen. Andreas’ Sorge hat sich inzwischen erledigt. Denn für das, was die Esche bietet, herrscht großer Bedarf – in Altona und darüber hinaus.

„Die Esche, glaube ich, kann Lebenswege ändern.“

Die Jugendlichen kommen aus der ganzen Stadt, auch wenn Andreas seinen Schwerpunkt in der Vernetzung auf diesen Stadtteil legt. „Wir möchten hauptsächlich Kinder erreichen, deren Eltern sich keine Tanz- oder Malschule leisten können. Wenn man Eltern hat, die Flyer lesen, dann sind das meistens engagierte Eltern. Deren Kinder kommen sowieso. Wie aber erreiche ich die anderen? Das versuche ich über die Jugendberatungszentren, die Schulen, das Jugendamt, den Jugendschutz. Die Jugendschutz- Polizei hat auch gerade Kinder vorbeigebracht“, so Andreas. „Wir wollen eine Ergänzung für die offene Kinder- und Jugendarbeit sein. Jugendzentren bieten auch Kickern und Ähnliches an, das machen wir nicht. Hier gibt es nur feste Kurse.“

Neben dem eigenen Programm vermietet die Esche auch Räume für Veranstaltungen oder organisiert Workshops,  zum Beispiel an die Zeit-Stiftung, um diese möglichst gut auszulasten und weitere Synergien zu bilden. Das funktioniert auch innerhalb des Hauses. „Wir passen wunderbar rein hier. Mit den Grafik- Büros und mit den Werbetextern habe ich mich schon abgestimmt für Flyer und mit Attraktor e.V. sind wir vernetzt und nutzen auch deren Räume, um Schaltkreise oder Lego-Roboter zu produzieren. Das ist total gut und nett mit den Leuten.”

Klingt klasse, läuft klasse und fühlt sich klasse an.

„Die Esche, glaube ich, kann Lebenswege ändern. Wir wollen Jugendliche nachhaltig für Kunstformen begeistern. Die hängen sich echt rein. Ich weiß, einige haben es nicht leicht da draußen. Aber hier finden sie ihre Struktur.“

Mehr Informationen über das Jugendkunsthaus ESCHE gibt es im Internet unter www.esche.eu