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FoodSZENE – Nachhaltig essen mit der Rebowl-Lunchbox

Nach Recup ist jetzt ein neues Pfandsystem an den Start gegangen: die wiederverwendbare Lunchbox Rebowl. Bisher nur in München – bald auch in Hamburg?

Text: Jasmin Shamsi

Seit seiner Gründung 2016 hat das Münchener Startup Recup sein Mehrweg-Pfandsystem für Coffee-to-go-Becher in elf deutschen Städten etabliert. In Hamburg sind die hübschen Pfandbecher aus robustem, recycelbarem Kunststoff seit April 2018 im Umlauf. Unterstützt wird die Aktion im Übrigen von der Umweltbehörde.

Das Prinzip in Kürze: Die Becher sind gegen einen kleinen Pfand in den teilnehmenden Cafés erhältlich und können deutschlandweit bei allen Recup-Partnern abgegeben werden. Sie werden dann vor Ort gereinigt und dem Pfandsystem anschließend wieder zur Verfügung gestellt.

Nun hat das Münchener Unternehmen ein neues Projekt auf den Weg gebracht: die wiederverwendbare Lunchbox „Rebowl“. Die ist seit Mitte Mai in fünf Münchener Restaurants gegen eine Pfandgebühr von 5 Euro erhältlich. Man kann in ihr kalte wie warme Speisen transportieren und sie sogar – ohne Deckel – in die Mikrowelle stellen. Anschließend gibt man sie einfach wieder in einem der teilnehmenden Lokale ab.

 

Doggybags in hübsch und nachhaltig

 

Jetzt heißt es warten, dass die Testphase erfolgreich läuft. Dann könnte es die Rebowl vielleicht auch bald in Hamburg geben. Theoretisch wäre die Box in diversen Lokalitäten einsetzbar: in Restaurants, Cafés, Imbissen oder auch an Salatbars in Supermärkten. In Regensburg kooperiert das Münchener Unternehmen sogar mit dem verpackungsfreien Lieferdienst Vanilla Bean.

Nach einem Interview mit Tim Mälzer Anfang 2018, in dem wir unter anderem über die Themen Lebensmittelverschwendung und nachhaltige Doggybags sprachen, kommt das Pilotprojekt wie gerufen. Die Unterstützung der Stadt Hamburg ist auch hier wieder unabdingbar. Immer mehr Gastronomien und Großveranstaltungen in Hamburg setzen auf Müllvermeidung, etwa der Zero-Waste-Beachclub Karo Beach oder auch die neue Food Lane im Stadtpark. Ein positiver Trend, den es zu unterstützen lohnt!

 

 

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Rebowl.de


Foto: Philipp Jung

Unsere Kollegin Jasmin Shamsi schlemmt sich für uns durch Hamburg. Als Foodredakteurin schlägt ihr Herz für Kultur und Kulinarik – die zwei großen Ks, für die sie brennt. Für uns spürt sie die Geschichten über Macher und Marken auf und serviert sie brühwarm und immer neu gewürzt – online und in jeder Ausgabe der SZENE HAMBURG.


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Appetit auf mehr?

FoodSZENE – So könnte die Kantine der Zukunft aussehen

Welchen Anteil hat bewusste Ernährung an unserer Produktivität? Die Kitchen Guerilla zeigt, was Kantinenessen leisten kann.

Text & Interview: Jasmin Shamsi
Fotos: Sophia Herzog

Gemeinschaftsverpflegung – das klingt nach langen Schlangen vor sterilen Ausgabetheken und lieblos angerichteten Speisen auf Plastiktellern. Nein, diese Zeiten sind längst passé. Heute sind Kantinen – vor allem die großer Unternehmen – Wohlfühloasen, gar Aushängeschild der Corporate Identity. In der digitalen Welt ist das Thema Ernährung zur Ersatzreligion geworden. Wie und was wir essen ist Ausdruck unseres Lifestyles, zunehmend sogar eine Frage unserer Weltanschauung. Die Facebook-Kantine in der Hamburger Neustadt ist dafür ein Paradebeispiel. Kann sie auch als Vorbild für städtische Kantinenbetreiber dienen?

 

Visionär oder soziale Kontrolle?

 

Zuerst einmal sieht sie nicht aus wie eine Kantine, vielmehr wie ein großes, durchgestyltes Wohnzimmer mit Blick auf die Binnenalster. Das Licht ist warm und gemütlich, ein Billard- und Kickertisch laden zur Zerstreuung nach dem Essen ein. Frühstück, Kaffee, Mittagessen, Getränkekühlschränke – die Mitarbeiter können sich frei bedienen, sogar Freunde oder die Familie für einen Plausch empfangen. Bei Kinderbesuch kann man sich in einen Extraraum, genannt „Nest“, zurückziehen. Die Facebook-Welt hat an alles und jeden gedacht. Ist das schon soziale Kontrolle oder visionär?

Onur und Koral Elci von der Kitchen Guerilla sind seit vier Jahren für die betriebseigene Gastronomie verantwortlich. Was sie anders machen als reguläre Kantinen und wie sie vom Know-how des IT-Giganten profitieren, erklären sie im Interview bei gegrillten Kürbisspalten, Hackbraten und Salat.

 

Kantine-der-Zukunft_Kitchen-Guerilla_c_Sophia-Herzog

Kitchen Guerilla: „In normalen Kantinen geht es oft nur um Abfertigung“

 

SZENE HAMBURG: Koral und Onur, wie sieht das perfekte Mittagessen aus?

Koral: Du wirst heute kein Mittagstief haben. Das liegt an den Fetten, die wir benutzen – vor allem Olivenöl –, aber auch daran, dass wir ohne Zusatzstoffe auskommen.

Onur: Nicht zu viele Kohlenhydrate.

Koral: Zu viel Zucker und tierische Fette vermeiden. Der Hackbraten hier ist meiner Meinung nach die Genussgrenze.

Onur: Auf die Menge kommt es an, daher ist er relativ dünn geschnitten.

Was reizt euch daran, die Kantine eines großen IT-Unternehmens zu betreiben?

Onur: Als Facebook uns damals gefragt hat, ob wir den Job übernehmen wollen, war unsere erste Reaktion: bloß nicht! Wir kommen von der Event-Seite und konnten uns das zuerst überhaupt nicht vorstellen. Andererseits hat das Thema Gemeinschaftsverpflegung in den letzten Jahren extrem an Bedeutung gewonnen. Du kannst damit eine Menge Leute glücklich machen. Dass sich gutes Essen und frische Produkte positiv aufs Arbeitsklima auswirken, ist kein Geheimnis.

Koral: Die Kitchen Guerilla hat eine soziale Mission: Wir fühlen uns dazu verpflichtet, die Lebensqualität im Alltag zu erhöhen. Wo kann das passieren? In der Schule oder bei der Arbeit. Wir haben uns gefragt, wie wir unsere Erfahrungen in der Kantine einbringen können. Bei unseren Events gestalten wir die Menüs individuell, wir sind ganz frei und arbeiten kreativ. Normale Kantinenbetreiber haben diesen kreativen Impuls oft nicht, da geht es mehr um Abfertigung. Bei uns merkt man, dass wir trotz routinierter Abläufe mit Enthusiasmus kochen. Ein Vorteil für uns: An jedem FB-Standort weltweit gibt es ein „Culinary Team“, dass sich regelmäßig austauscht und von den Erfahrungen der anderen profitiert. Das ist total spannend und wir haben eine Menge dazugelernt.

 

„Heute muss man auf diverse Bedürfnisse eingehen“

 

Nenn mir ein Beispiel.

Onur: Das Unternehmen hat sich vor ein paar Jahren Gedanken gemacht und den Austausch mit Ernährungswissenschaftlern gesucht. Herausgekommen ist eine Ernährungsampel, die den Kantinenbesuchern Orientierung bietet hinsichtlich der Kalorienzufuhr. Ein Salat mit Gemüse und einer leichten Vinaigrette wäre grün, Quinoa mit Thunfisch und Avocado gelb. Heutzutage musst du auf die unterschiedlichsten Bedürfnisse eingehen: Der eine läuft Marathon, die andere isst kein Fleisch, wieder ein anderer verträgt nur gluten- oder laktosefreie Produkte … Darauf müssen wir Rücksicht nehmen.

Klingt aufwendig. Wie behält man das alles auf dem Schirm?

Koral: Am Ende ist es gar nicht soviel Aufwand, es macht sogar Spaß. Wir arbeiten mit Leuten zusammen, die extrem viel Erfahrung haben und visionär denken. Über eine spezielle Plattform können uns die Mitarbeiter außerdem nach jedem Essen Feedback geben, sodass wir sofort reagieren können.

Onur: Die Leute feiern diese Plattform ab. Das Beste: Sie wird von FB-Mitarbeitern weltweit genutzt. Das heißt, du siehst auch, was die anderen so machen. Man pusht sich gegenseitig. In einer normalen Gastronomie ist so ein direktes Feedback eher unüblich …

Koral: Stimmt, das geht oft unter. Bestenfalls kriegt der Kellner eine Rückmeldung, um sie an die Küche weiterzugeben. Bei der Geschäftsführung kommt dann meistens gar nichts mehr an. Die FB-Plattform ist offen gestaltet und für Mitarbeiter, Chefs wie Kunden zugänglich. Es geht dabei nicht ums Petzen, sondern um eine offene Kommunikation.

Setzt euch das nicht auch unter Druck?

Onur: Wir finden das super. Die Stimmung ist hier sehr familiär, die Herausforderung nehmen wir gerne an.

 

 

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Wie plant ihr das Essen für die Kantine?

Onur: Wir haben Wochenpläne, an denen wir wenig ändern. Wenn allerdings unser Fischhändler Sebastian Baier anruft und verkündet, er habe gerade guten Rotbarsch, dann reagieren wir flexibel darauf. Außerdem achten wir auf Nachhaltigkeit: Wenn Essen übrigbleibt, wird es verpackt und in die Kühlung gestellt. Wer mittags keine Zeit hat, kann sich das Essen später in der Mikrowelle aufwärmen. Oder man nimmt es abends mit nach Hause. Hier wird jedenfalls nichts weggeworfen. Auch übrig gebliebenes Obst vom Frühstück wird zu Dressings oder Smoothies verarbeitet.

Meinen Teller muss ich nach dem Essen aber wegschmeißen. Produziert man damit nicht sehr viel Müll?

Onur: Wir hatten anfangs auch Bedenken. Facebook verwendet an allen Standorten kompostierbares Einweggeschirr. Bei der Anzahl an Mitarbeitern, die hier täglich essen, spart man extrem viel Wasser (Anm. d. Red.: In der Hamburger Facebook-Kantine essen täglich 80 bis 100 Mitarbeiter, dazu kommen FB-Mitarbeiter aus anderen Büros, zum Beispiel aus London oder Dublin. Laut einer Studie des Bayrischen Rundfunks müsse man einen Keramikbecher 3.000 Male benutzen, damit er umweltfreundlicher sei als das kompostierbare Einweggeschirr).

Koral: Es ist auch eine Raumfrage. Wir haben hier gar keinen Platz für Keramikgeschirr und Spülmaschinen, geschweige denn für eine voll ausgestattete Küche.

Ihr kocht nicht vor Ort, sondern in eurer Produktionsküche in Moorfleet. An der Theke in der Facebook-Kantine stehen trotzdem immer zwei Köche, die die Mahlzeiten ausgeben. Warum?

Onur: Im Prinzip brauchen wir keine Köche, um das Essen auf der Theke warmzustellen. Ihr Vorteil ist aber, dass sie mit Lebensmitteln umgehen können. Sie sind mit Liebe dabei und erklären die Menüs fachkundig.

Kitchen Guerilla: Warnholtzstraße 4 (Altona)


Foto: Philipp Jung

Unsere Kollegin Jasmin Shamsi schlemmt sich für uns durch Hamburg. Als Foodredakteurin schlägt ihr Herz für Kultur und Kulinarik – die zwei großen Ks, für die sie brennt. Für uns spürt sie die Geschichten über Macher und Marken auf und serviert sie brühwarm und immer neu gewürzt – online und in jeder Ausgabe der SZENE HAMBURG.


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Appetit auf mehr?

 

 

Tim Mälzer – Ein Plädoyer für Zero Waste

Zero Waste ist mehr als nur Müllvermeidung. Es geht um nachhaltiges Konsumieren, ohne auf Genuss verzichten zu müssen. Tim Mälzer über bewusste Einkaufsplanung und die Kunst der Einfachheit.

Interview: Jasmin Shamsi
Beitragsbild: Frank Meyer

Das Überangebot an Lebensmitteln im Supermarkt kann überfordern. Einkaufsentscheidungen werden oft von Rabattaktionen abhängig gemacht. Warum uns dadurch ein Bewusstsein für den Wert von Lebensmitteln abhanden gekommen ist und was man dagegen tun kann, erklärt TV-Koch Tim Mälzer in seiner ARD-Sendung „Lebensmittel-Check“. Seine Devise: Selbst ist der Verbraucher!

SZENE HAMBURG: Was bedeutet bewusste Einkaufsplanung?

Tim Mälzer: Verbraucher wollen wissen, woher ihr Essen kommt – aber leider nur oberflächlich. Interesse allein reicht nicht, man muss sich gezielt informieren. Damit mag ein gewisser Aufwand verbunden sein, aber der zahlt sich definitiv aus. In unseren „Lebensmittel-Checks“ bereiten wir das Thema soweit vor, dass der Zuschauer alle wichtigen Informationen auf einen Schlag bekommt.

Auf deiner ARD-Sendungsseite findet man eine Menge nützlicher Tipps und entsprechende Links. Wie sieht dein Einkaufsverhalten aus?

Ich bewege mich täglich in einem relativ kleinen Radius. Aus Zeitgründen schaffe ich es oft nur zu einer Handvoll Läden in nächster Nähe. Dabei haben wir tolle Erzeuger in der Umgebung, etwa das Gut Wulksfelde in Tangstedt.

Gerade in Großstädten ist das ein bekanntes Problem: Nach der Arbeit schnell in den Supermarkt und ab nach Hause. Es scheint zu wenig Zeit für einen bewussten Einkauf zu sein.

Ich sitze hier seit zwei Stunden am Computer auf der Suche nach einem Urlaubsziel. Dieselbe Zeit hätte ich genauso gut für meine Einkaufsplanung verwenden können. Sicher ist: Die meisten Leute kaufen regelmäßig dieselben Produkte. Wir sprechen also von rund 25 Artikeln, die es wert sind, recherchiert zu werden. Es geht nicht darum, sofort alles richtig zu machen, sondern Schritt für Schritt ein Bewusstsein zu entwickeln.

 

„Preisnachlässe gehen immer auf Kosten der Erzeuger“

 

Warum bestimmen Großhandelsketten, wie viel wir für unsere Lebensmittel zahlen? Zahlen wir zu wenig?

Das hat etwas mit Kundenbindung zu tun. Gerade beliebte Produkte wie Milch und Fleisch werden oft rabattiert, um Kunden zunächst mal in den Supermarkt zu locken – in der Hoffnung, dass sie dort dann auch andere Produkte kaufen. Für Werbeaktionen sind wir sehr empfänglich. Absurd wird es, wenn man 20 Kilometer Fahrt in Kauf nimmt, weil das Bier gerade im Angebot ist. Wir dürfen uns nichts vormachen: Preisnachlässe gehen immer auf Kosten der Erzeuger.

Besteht die Lösung darin, Erzeuger und Verbraucher wieder näher zusammenzubringen?

Ja sicher. Die Schweiz geht da mit gutem Beispiel voran (Anm. Red.: Im Mai 2017 ist ein neues Lebensmittelrecht in Kraft getreten, das die Deklarationsvorschriften verschärft hat). Die Lebensmitteltransparenz macht die Konsequenzen unserer Kaufentscheidungen deutlicher. Wenn wir wissen, woher die Lebensmittel kommen, kaufen wir anders ein.

Wie kann man Zwischenhändler und damit lange Transportwege vermeiden?

Der Gang zum Wochenmarkt ist schon mal ein guter Anfang. Unter einer anonymen Marke lässt sich nämlich viel leichter Mist verkaufen, als von Angesicht zu Angesicht. Wirklich gute Produkte mögen ein, zwei Euro mehr kosten, aber es lohnt sich, weil der Geschmack einfach besser ist.

Wie wäre es mit einer einheitlichen und übersichtlichen Plattform, auf der man all dieses Wissen bündelt?

Die Idee finde ich super. Es gibt ja für alles Plattformen: für Unterkünfte, Restaurantbewertungen etc. Da sollte es doch nicht so kompliziert sein, ein digitales Nachschlagewerk bzw. einen Einkaufsratgeber für Verbraucher ins Leben zu rufen. Wo findet man gute Hofläden, wo einen guten Bäcker? Es muss ja nicht immer Bio sein – ich kenne viele Landwirte mit toller, konventioneller Ware, die einen großartigen Job machen.

 

„Erst, wenn mein Kühlschrank leer ist, wird wieder eingekauft.“

 

Stichwort Lebensmittelverschwendung: Wir werfen jährlich Tonnen Lebensmittel in den Müll. Was uns nicht mehr appetitlich erscheint, kommt weg. Sind wir übersättigt?

Wir leben in einer Überflussgesellschaft, das muss man sich klarmachen. Vor Kurzem habe ich zu Hause das Experiment gestartet, meinen Kühlschrank leer zu essen. Ich habe nämlich festgestellt, dass ich eine Menge Lebensmittel wegschmeiße. Einfach, weil ich mich von meiner Lust auf bestimmte Produkte leiten lasse. Diesen Teufelskreis wollte ich unterbrechen. Erst wenn mein Kühlschrank vollständig leer ist, wird wieder eingekauft. Das Beste: Ich spare damit auch noch wahnsinnig viel Geld!

Welche Tipps hast du?

Nicht mit Appetit einkaufen zu gehen! Außerdem sollte man sich einen Speiseplan machen. Wenn ich zum Beispiel weiß, dass ich heute Nudeln esse, koche ich gleich ein paar mehr für ein Gratin am nächsten Tag. Dasselbe mache ich mit Kartoffeln. Die kann man am nächsten Tag für Bratkartoffeln oder Kartoffelsalat verwenden. Oder mal versuchen, den Kühlschrank leer zu essen, der Kreativität freien Lauf lassen. Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen? Einfach mal aufmachen, gucken, probieren, riechen!

Wie stehst du zu radikaler Resteverwertung?

Von radikalen Bewegungen halte ich nichts. Genauso, wie ich dem Gastrotrend „brutal lokal“ nichts abgewinnen kann. Gut, solche Trends schaffen die nötige Aufmerksamkeit – aber sie müssen auch im Alltag umzusetzen sein, sonst werden sie sich bei der Masse nicht durchsetzen.

Aber sowas wie Stiele von Kräutern und Schalen von Gemüse, die man in Suppen oder Ähnlichem weiterverarbeitet: Ist das zu radikal?

Ja gut, das ist für mich als Koch natürlich eine Selbstverständlichkeit. Die Stängel von Petersilie sind für mich noch richtig Gemüse und kein Rest. Wichtig ist, dass wir unseren Horizont erweitern und ein bisschen mehr Bereitschaft zeigen, unsere Gewohnheiten zu ändern.

 

„Das Überangebot an Lebensmitteln ist omnipräsent.“

 

In Frankreich und Italien ist es Supermärkten untersagt, noch genießbare Lebensmittel weg­zu­schmeißen. Durch Steuererleichterungen werden Geschäfte dazu animiert, an wohltätige Organisationen oder Tafeln zu spenden. Sollte man so etwas auch in Deutschland einführen?

Ich bin auf jeden Fall dafür, behutsamer mit Ressourcen umzugehen. Wir haben mal in der Guten Botschaft den Versuch gestartet, kleinere Portionen anzubieten. Unsere Gäste waren anfangs richtig sauer, weil sie nach dem Essen nicht pappsatt waren. Dabei muss man nur zehn Minuten warten, bis das Sättigungsgefühl eintritt. Dann ist man richtig geil satt und nicht vollgestopft wie ein Masthuhn (lacht). Aber zurück zu deiner Frage: Man muss an die großen Handelsketten ran, weil die die Möglichkeiten und Macht haben. Was soll das denn eigentlich mit den verlängerten Einkaufszeiten? Als sei das Überangebot an Lebensmitteln nicht schon omnipräsent genug. Vor Feiertagen sieht es im Supermarkt immer aus, als sei der Krieg ausgebrochen. Als ob man wochenlang um eine Nachlieferung bangen müsste (lacht). Jeden Ansatz, diese „Zustände“ zu ändern, finde ich gut.

Wenn man auswärts isst, bleiben häufig Reste übrig. Doggybags sind da eine super Erfindung. Nehmen deine Gäste diese Möglichkeit wahr?

Vielen Gästen ist es unangenehm, danach zu fragen. Wir bieten es proaktiv an, weil es schade um das Essen ist und wir es sonst wegschmeißen müssten. Zu Hause würde man sich das Essen vom Vortag ja auch noch mal warm machen! Obwohl wir darauf eingestellt sind, ist die Nachfrage nicht besonders groß.

Vielleicht muss man an der Verpackung arbeiten? Sie irgendwie schicker und nachhaltiger gestalten?

Ich bin tatsächlich gerade dabei, ein wertiges Verpackungssystem zusammen mit dem Designer Peter Schmidt zu entwickeln. Die Sache ist allerdings extrem kostenintensiv. Niemand würde einsehen, so viel Geld für eine Verpackung zu zahlen. Pfandsysteme funktionieren ja momentan leider nur lokal.

Auch da könnte die Vernetzung mit anderen Partnern der Schlüssel sein …

Absolut – das tut gut, mal ein bisschen zu brainstormen! Toll wäre, wenn man weitere Gastronomien mit ins Boot holen würde. So ein kostspieliges Projekt ist nur durch Fördergelder realisierbar, eventuell durch staatliche Subventionen. Das hat mit dem Mehrweg-Pfandbecher-Poolsystem in Hamburg auch geklappt.

Gar nicht so abwegig. Die Bundesregierung hat ein großes – auch wirtschaftliches – Interesse daran, die Lebensmittel­verschwendung einzudämmen. Kampagnen wie „Zu gut für die Tonne“ beweisen das. Entsprechende Unternehmen könnten wiederum mit ihrem Know-how von Nutzen sein.

Das ist ein guter Ansatz. Wir können von kleinen Gastronomien einfach nicht verlangen, dass sie von der geringen Marge, die ihnen übrigbleibt, auch noch in bessere Verpackungen investieren. Ich würde ja gerne mal zum Runden Tisch von der Verbraucherschutzbehörde eingeladen werden. Da könnte man all diese Themen ausführlich besprechen und sich mit Partnern zusammentun. Ich finde, wir sollten alle an einem Strang ziehen!

 


Foto: Philipp Jung

Unsere Kollegin Jasmin Shamsi schlemmt sich für uns durch Hamburg. Als Food-Redakteurin schlägt ihr Herz für Kultur und Kulinarik – die zwei großen Ks, für die sie brennt. Für uns spürt sie die Geschichten über Macher und Marken auf, serviert sie brühwarm und immer neu gewürzt – in jeder Ausgabe der SZENE HAMBURG und auf Instagram unter @szenehamburg.essentrinken 


Der Gastro Guide SZENE HAMBURG Essen+Trinken 2018/2019 ist zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!


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FoodSZENE – Mut zum Rest

Jasmin unterwegs #9: Lebensmittelpreise rutschen in den Keller. Ein Überangebot nährt die Wegwerfgesellschaft. Wen juckt’s schon, wenn die Großpackung Rosenkohl für 50 Cent in der Tonne landet? Was vielen Verbrauchern nicht bewusst ist: Am Ende zahlen sie drauf. Über Wertschätzung, Regionalität und Resteverwertung sprachen wir mit der Spitzenköchin Cornelia Poletto.

SZENE HAMBURG: Wir zahlen zu wenig für Lebensmittel. Ist uns dadurch eine gewisse Wertschätzung abhanden gekommen?

Cornelia Poletto: Das Gefühl habe ich schon manchmal. Ich würde mir wünschen, dass wir Lebensmitteln mehr Respekt entgegenbringen. Dazu gehört auch, sich nicht immer nur die Rosinen herauszupicken und den Rest wegzuwerfen. Beim Rinderfilet etwa versuche ich immer, auch die weniger „attraktiven“ Stücke oder auch Innereien zu verwenden. Und wenn am Ende aus den Knochen eine leckere Suppe wird.

Wie kann man Erzeuger und Verbraucher näher zusammenbringen?

Ich kaufe so häufig es geht auf dem Markt oder auch direkt beim Erzeuger ein. Natürlich ist das etwas aufwendiger, weil man seinen Einkauf vielleicht nicht jederzeit und nicht immer um die Ecke erledigen kann. Aber die Mühe lohnt sich. Denn in der Regel schmecken regionale, frische Lebensmittel einfach besser als das, was man beim Discounter in der Auslage findet.

Von welchen Betrieben in und um Hamburg kaufen Sie gerne direkt ein?

In Hamburg direkt gibt es natürlich wenig, aber auf den Wochenmärkten findet man regionale Produzenten – von Galloway-Rindern über Sylter Austern, Muscheln, Fisch und sogar Sylter Meersalz. Auch ein Besuch des Käsemarktes auf dem Kiekeberg ist ein Fest. Milchprodukte und Butter liebe ich von der Molkerei Horst.

Wir werfen viel zu viele Lebensmittel weg. Auch Obst und Gemüse, das einfach nur nicht mehr appetitlich aussieht. Wie kann man das vermeiden?

Die alte Regel: Niemals hungrig einkaufen gehen! Ein kleiner Wochenplan ist hilfreich, gerade beim Einkauf von Obst und Gemüse. So kann man vermeiden, zu viel einzukaufen. Häufig hapert
es bei der Haltbarkeit von Obst und Gemüse auch an der Lagerung. Tomaten zum Beispiel haben im Kühlschrank nichts verloren und Äpfel bewahrt man am besten separat auf, weil sie ein Reifegas abgeben, das umliegendes Obst schneller verderben lässt. Grundsätzlich müssen Lebensmittel keinen Schönheitswettbewerb gewinnen, aber das Auge isst natürlich mit. Im Restaurant muss ich da selbstverständlich strenger aussortieren als zu Hause. Mich persönlich stört es aber nicht, wenn Obst und Gemüse kleine Macken haben.

Viele Reste wie Stiele von Kräutern oder Gemüse- und Obstschalen sind essbar. Besteht Auflärungsbedarf in Bezug auf die Verarbeitung von Lebensmitteln?

Ganz bestimmt sogar! Ich bin manchmal ganz erstaunt, wie wenig Produktwissen die Menschen haben. Aber das ändert sich. Kochsendungen tragen zum Beispiel dazu bei, indem sie Ideen liefern, wie man aus Resten und Abschnitten noch spannende Gerichte zaubern kann. Häufig braucht es auch einfach eine kleine Portion Mut: Wie schmecken Stiele, Schale und Co. eigentlich? In den meisten Fällen steckt in ihnen ganz viel Aroma. Schon mal eine Salatsuppe aus einem nicht ganz so knackigen Exemplar gekocht? Schmeckt großartig!

Wie gut klappt Resteverwertung in der Gastronomie?

Wir Gastronomen sind bereits beim Einkauf gefordert. Wer jede Woche Unmengen an Lebensmitteln wegwirft, plant schlichtweg falsch. Ich ordere lieber kleinere Mengen, dafür aber täglich. So kann ich auch viel besser auf die Wünsche meiner Gäste eingehen.

Sie unterstützen die Aktion „Zu gut für die Tonne“. Was kann man da lernen?

An der Initiative finde ich toll, dass sie ganz praktische Tipps gibt, was jeder Einzelne im Alltag tun kann, um den Umgang mit Lebensmitteln zu verbessern. Auf der Seite zugutfuerdietonne.de gibt es zum Beispiel einen Partyplaner, mit dem man ein Buffet für eine bestimmte Anzahl von Gästen planen kann, ohne dass Essen übrigbleibt. Ich habe auch ein Reste-Rezept beigesteuert, das Pasta vom Vortag und ein paar Überbleibsel aus dem Kühlschrank zu neuem Leben erwecken.

Interview: Jasmin Shamsi
Beitragsfoto: www.studiolassen.de

Mehr zum Thema Food Waste:

 


Who the fuck is…

Foto: Philipp Jung

Unsere Kollegin Jasmin Shamsi schlemmt sich für uns durch Hamburg. Als Foodredakteurin schlägt ihr Herz für Kultur und Kulinarik – die zwei großen Ks, für die sie brennt. “Sie hängen eng miteinander zusammen und befinden sich im ständigen Austausch”, sagt sie. Für uns spürt sie die Geschichten über Macher und Marken auf und serviert sie brühwarm und immer neu gewürzt – online und in jeder Ausgabe der SZENE HAMBURG.

jasmin.shamsi@vkfmi.de


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, April 2018. Das Magazin ist seit dem 29. März 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Karo Beach – Der Sommer wird öko

Deutschlands erster Zero Waste Beach Club, das Karo Beach, haucht einer langweiligen Asphaltfläche Stadtleben ein.

Zigarettenkippen, Plastikflaschen und Einweggrills im Sand, überquellende Mülleimer… Am Elbstrand vielleicht, aber nicht im Karo Beach! Auf der Freifläche vor der Rindermarkthalle eröffnen die Betreiber der zwei unverpackt-Läden „Stückgut“ einen Strandclub, in dem (fast) kein Müll produziert wird. Er ist der erste seiner Art in Deutschland. 

Der nachhaltige Dorfplatz

Die „Betonwüste“ vor der Rindermarkthalle soll zum urbanen Dorfplatz werden. Den Gründerinnen und Gründern schwebt ein ökologisches Idyll inmitten des Partytrubels vor; eine Großstadtoase, an der die Besucher rasten, ihre Füße hochlegen und klönen können. Eltern, die fair gehandelten Eiskaffee aus pflanzlichen Stroh-Halmen schlürfen, die Kinder backen den köstlichen Kuchen mit Sand aus der Region, Anzugträger und Studenten spielen nach Feierabend eine Partie Volleyball im Sonnenuntergang. Wenn die hamburgische Sommerluft bei Einbruch der Dunkelheit empfindlich frisch wird (also an den meisten Abenden), wärmt man sich am Lagerfeuer. Denn im Karo Beach wird es keine Heizpilze geben, die extrem viel CO2 abgeben. Ein Feuer zu machen, ist nicht nur gemütlich, sondern auch deutlich nachhaltiger.

Details machen den Unterschied: Hier gibt es keine To go-Becher, Plastik-Strohhalme oder Einwegflaschen. Die Gäste essen Gerichte aus den Läden in der Rindermarkthalle, die so regional wie möglich sind. Zero Waste, also wirklich gar kein Müll, ist das hehre Ideal, das die Richtung vorgibt. Zumindest gibt es weder Einweggeschirr noch Plastiktüten. Doch an jeder Lieferkette kommt irgendwann der Punkt, der sich nicht mehr beeinflussen lässt. Für das Karo Eck sind das die Kooperationspartner: „Wenn jemand in der Rindermarkthalle bestellt, um das nach draußen zu bekommen und ein Gastwirt eine Stück Fleisch aus einer Plastikhülle nimmt, können wir das nicht kontrollieren“, so Betreiber Dominik Lorenzen.

„eine Plattform für das Thema Zero Waste“

Die Betreiber vertreten aber ohnehin keine dogmatische „ganz oder gar nicht“-Einstellung. Stattdessen wollen sie es sich und ihren Gästen gut gehen lassen. „Müllvermeidung hat nichts mit Verzicht zu tun, sondern mit Spaß und der Bejahung von Leben“, sagt Mitgründerin Insa Dehne. Der Club will allen Interessierten Tipps für einen müllfreien Lebensstil geben und eine Plattform für das Thema sein ein. „Denkbar sind Sessions und vielleicht Mini-Kongresse zu Müllvermeidung.“, so Lorenzen. Das Karo Beach ist also nicht nur ein Club, sondern auch ein Versuchslabor für kreative Ideen im Bereich Müllvermeidung. Ideenklau ist erwünscht: Sie wollen eine Zero Waste Bewegung in der ganzen Hamburger Gastronomie. Der erste Schritt ist gemacht und das Karo Beach eröffnet.

Karo Beach, Neuer Kamp 31, (St.Pauli), ab 9.5.18, täglich 10–22 Uhr; www.karo-beach.de

Text: Sabrina Pohlmann


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

SZENE HAMBURG ESSEN+TRINKEN 2018

Der wichtigste Gastro-Guide für Hamburg ist ab sofort im Zeitschriftenhandel und im Onlineshop erhältlich. Hooray!

Hamburgs Gastroszene ist im Wandel. An allen Ecken und Enden poppen neue Läden auf. Junge, innovative Gastronomen bringen frischen Wind und Vielfalt in die Hansestadt. Gleichzeitig wurden 2018 sage und schreibe 19 Hamburger Restaurants mit dem Bib Gourmand ausgezeichnet – mehr als in jeder anderen deutschen Stadt! In den gekürten Restaurants kriegt man hervorragende Speisen zu einem top Preis-Leistungs-Verhältnis. Zwei unserer Testsieger, das Le Plat du Jour und Brechtmanns Bistro, gehören dazu. Hamburg ist damit ohne Zweifel Hauptstadt der Schlemmerei!

Foto: Ana Maria Arevalo

Satt und glücklich: Geschäftsführung Mathias Formel und Tanya Kumst (stehend) sowie das Projekt-Team Mira Eggerstedt, Ilona Lütje und Jasmin Shamsi (sitzend v. r.). Foto: Ana Maria Arevalo

Monatelang haben wir uns für Sie einmal quer durch Hamburg und Umgebung geschmaust. Und wir haben ordentlich zugelegt – am Bauch wie am Seitenumfang unserer 31. Ausgabe der SZENE HAMBURG ESSEN + TRINKEN. Auf ganzen 356 Seiten bieten wir in erkenntnisreichen wie amüsanten Momentaufnahmen Einblick in rund 600 Hamburger Restaurants und erzählen Geschichten von Machern und Marken. Wo lohnt sich der Besuch und was sollte man lieber lassen? Wir geben heiße Tipps! Vom Imbiss an der Ecke bis zum Gourmettempel mit Elbblick ist alles dabei. Vollständigkeit war dabei nicht unser Ziel – aber mittlerweile kommen wir ihr schon sehr nahe.

Küchenchefs, Gastronomen und Erzeuger kommen in unserem umfangreichen Magazinteil natürlich auch zu Wort: Für unseren Leitartikel haben wir mit Sternekoch Heinz O. Wehmann und Frischeparadies-Chef Michael Finck darüber diskutiert, wie wir in Zukunft essen werden. Beide sind sich einig: Komme was wolle, die Qualität muss immer an erster Stelle stehen. Dass sich rund um Hamburg jede Menge tolle Erzeuger tummeln, die uns Städter mit frischem Gemüse und Fleisch von glücklichen Tieren versorgen, haben viele gar nicht auf dem Schirm. Wir stellen Ihnen eine kleine Auswahl vor. Das A und O für einen verantwortungsvollen Umgang mit Lebensmitteln ist eine bewusste Einkaufsplanung – da ist sich TV-Koch Tim Mälzer sicher. Wie einfach das geht, verrät er im Magazin. Ein Gericht vom Arrangement auf dem Teller bis zur Wurzel zurückzuverfolgen, haben wir uns in unserer Reportage von St. Pauli über Friedrichskoog bis in den südlichsten Kreis von Schleswig-Holstein zur Aufgabe gemacht. Ganz schön aufwendig! Aber lange nichts gegen das, was Haco-Chef Björn Juhnke täglich an der Backe hat.

Was kommt, wer geht, wo trifft man sich für gemütliche Stunden mit Freunden zum Abendbrot? Wir stellen die besten Neueröffnungen und Trends vor und verraten unsere Top 10 der besten Fischbrötchen, Mittagstische, Burger & Co. Worauf Sie in dieser Ausgabe achten sollten, haben wir übrigens auch zusammengestellt. Dort erfahren Sie nicht nur, woran Sie unsere Testsieger und Hanseperlen erkennen, sondern auch, wonach wir die Restaurants bewertet haben. Hunger bekommen? Mit diesem Gastro Guide kann nichts mehr schiefgehen. Bühne frei für genussvolle Stunden!

Jasmin Shamsi (Projektleitung) 


Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG Essen+Trinken 2018/2019. Das Magazin ist zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!


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FoodSZENE: Food Love statt Food Waste

Jasmin unterwegs #6: Bewusster Genuss. Warum blindes Konsumieren teuer und ressourcenzehrend ist und was wir vom Buddhismus lernen können.

Da sitzen wir wieder auf unseren Bergen von Kunststoffabfällen. Seit Beginn des Jahres hat China dem Import von Plastikmüll aus dem Ausland einen Riegel vorgeschoben. Dort will man jetzt in den Aufbau einer eigenen Kreislaufwirtschaft investieren. Das Problem ist: Die Kapazitäten für das Recyceln von Kunststoff sind in Deutschland schon lange am Limit. Ein Großteil wird verbrannt – ist ohnehin viel billiger. Muss das sein?

In Hamburg gibt es mittlerweile eine Reihe von Läden, die ausschließlich unverpackte Lebensmittel anbieten: Stückgut in Ottensen, Twelve Monkeys in St. Pauli, Bio.Lose in Eimsbüttel oder auch Ohne Gedöns in Lemsahl-Mellingstedt. Außerdem wollen Initiativen wie „Refill it!“, ein Mehrweg-Pfandbecher-Poolsystem, dem unverhältnismäßigen Pappbecherverbrauch ein Ende setzen.

Wo wir beim Thema Lebensmittel sind: Auch davon landen hierzulande jährlich tonnenweise im Müll (wer es genau wissen will: pro Person und Jahr durchschnittlich 82 Kilogramm). Das Fatale: Ein nicht geringer Teil der weggeworfenen Lebensmittel ist durchaus noch genießbar. Wie kann das sein? Falsche Einkaufsplanung, schlechte Lagerung oder auch unzureichende Kenntnisse über die Weiterverarbeitung von Lebensmittelresten sind nur einige der Gründe. Plattformen und Apps wie „Zu gut für die Tonne“, „ResQ Club“ oder „foodsharing“ bieten innovative Lösungsansätze.

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Tainá Guedes: Die Küche der Achtsamkeit (c) Kathrin Koschitziki/ Verlag-Antje-Kunstmann

 

Klassischer Gemüseanbau ist betreuungsintensiv

 

Überangebot und niedrige Lebensmittelpreise haben dazu beigetragen, dass wir Nahrungsmitteln nicht mehr genügend Wertschätzung entgegenbringen. Hand aufs Herz: Wer hat den Lebenslauf der verschiedenen Gemüsesorten auf dem Schirm? Bis eine Möhre reif ist, braucht sie zwei Monate Zeit. Rote Bete wird nach drei bis vier und Rosenkohl nach fünf bis sechs Monaten geerntet.

Klassischer Gemüseanbau ist betreuungsintensiv und hat seinen Preis. Bei Discountern gibt’s Rosenkohl in Großpackungen à 0,50 Cent. Wenn da die Hälfte verdirbt, juckt das doch niemanden, oder? Wo ist der Haken? Dass wir dafür indirekt doppelt zahlen!

Jedes Lebensmittel – auch das billige – verbraucht für seine Herstellung wertvolle Ressourcen. Werfen wir es in die Tonne, zahlen wir sogar drauf, weil auch der Abtransport Energie benötigt. Außerdem, und das ist vermutlich den wenigsten bewusst, unterstützen wir mit dem Kauf von Billigprodukten den harten Wettbewerb im deutschen Einzelhandel. Den Preisdruck kriegen die Lieferanten und Erzeuger zu spüren: Um bestehen zu können, müssen sie an der Qualität der Inhaltsstoffe sparen, Kürzungen beim Umweltschutz vornehmen, die Lohnkosten senken. Auch dafür tragen wir am Ende die Rechnung.

Tainá Guedes: Die Küche der Achtsamkeit, Verlag Antje Kunstmann, München 2017, 208 Seiten, 28 Euro

Die Zauberwörter heißen: bewusste Esskultur. Genießen lernen. Noch ambitionierter: Ernährungsbildung von klein auf. Tainá Guedes’ neues Kochbuch „Die Küche der Achtsamkeit“ mag an der einen oder anderen Stelle etwas radikal und spirituell klingen – aber es hat mir definitiv die Augen geöffnet, was die vielfältigen Möglichkeiten der Resteverwertung, aber auch einen respektvollen Umgang gegenüber unserem Essen betrifft. Dabei bezieht sich die gelernte Köchin, Food-Aktivistin und Künstlerin auf ein Konzept aus dem japanischen Buddhismus: Mottainai. Was so viel meint wie: reduzieren, wiederverwenden, wiederverwerten, Dankbarkeit zeigen. Ein Ansatz, der auf alle Lebensbereiche übertragbar ist.

Tipp: Am 27. April 2018 zeigt Köchin und Kochbuchautorin Sophia Hoffmann in der Kurkuma Kochschule, wie Zero Waste Cooking geht. www.kurkuma-hamburg.de


 Yin und Yang

Caroline Franke, Daniel Schieferdecker: Forever Yang, Umschau Verlag, Neustadt a. d. Weinstraße 2017, 272 Seiten, 29,95 Euro

Stichwort Esskultur und Buddhismus: Nicht nur in Japan geht es beim Essen um Gemeinschaft, Kultur und Tradition, auch in China sieht es ähnlich aus. Isst man auswärts, bestellt man üblicherweise mehrere kleine Gerichte für alle mit. In China ist die Ernährung eine lebenslange Form der Gesundheitspflege, also viel mehr als bloße Nahrungsaufnahme. Die Fünf-Elemente-Lehre sowie das Konzept von Yin und Yang spielen hierbei eine wichtige Rolle. Davon konnten sich Kochbuchautorin Caroline Franke und Journalist Daniel Schieferdecker selbst überzeugen, als sie 2016 durch China reisten. Von wegen fettig, fleisch- und glutamatlastig: In ihrem Reise-Kochbuch „Forever Yang“ versammeln sie viele tolle Rezepte, die die chinesische Küche in einem neuen Licht erstrahlen lassen.


Who the fuck is…

Foto: Philipp Jung

Unsere Kollegin Jasmin Shamsi schlemmt sich für uns durch Hamburg. Als Foodredakteurin schlägt ihr Herz für Kultur und Kulinarik – die zwei großen Ks, für die sie brennt. Für uns spürt sie die Geschichten über Macher und Marken auf und serviert sie brühwarm und immer neu gewürzt – online und in jeder Ausgabe der SZENE HAMBURG.

jasmin.shamsi@vkfmi.de


Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Februar 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Zero Waste – Noch mehr Stückgut

Knapp ein Jahr nach der Eröffnung hauen sie die gute Nachricht raus: Stückgut eröffnet eine zweite Filiale. Schon bald lässt sich auch in der Rindermarkthalle unverpackt einkaufen.

Die Welt versinkt im Müll. Allein die Deutschen produzieren laut Bundesumweltamt jährlich 45 Millionen Tonnen, das sind rund 559 Kilo pro Einwohner. Um hier ein grünes Zeichen zu setzen, hat im Januar 2017 mit Stückgut Hamburgs erster Unverpackt-Laden in Ottensen seine Türen geöffnet. Per Crowdfunding hatten Christiane Bors, Insa Dehne, Sonja Schelbach und Dominik Lorenzen zuvor rund 43.000 Euro gesammelt, um ihren Traum von einem nachhaltigen Supermarkt zu verwirklichen. Hier gibt es (fast) alles – außer: Verpackungen. Und das kommt an. „Unsere Erwartungen wurden weit übertroffen“, freut sich Geschäftsführerin Insa Dehne. „Offenbar sehnen sich die Menschen danach, ihren Plastikverbrauch einschränken zu können.“

Jetzt planen die Macher ihre zweite Filiale. Im Frühjahr soll sie in der Rindermarkthalle eröffnen. Die Bauarbeiten haben bereits begonnen. Auf rund 100 Quadratmetern soll es auch dort Lebensmittel sowie Kosmetik und Haushaltsprodukte geben – alle verpackungsfrei und möglichst aus der Region. Denn schließlich geht es um Nachhaltigkeit und dafür braucht man keine weiten Wege. Wer einkaufen möchte, bringt sich seine Verpackungsbehälter mit – oder erwirbt einfach welche im Laden. Abfüllen, wiegen, fertig.

Der bestehende Laden in Ottensen bleibt von den neuen Plänen unbeeinträchtigt. Aktuell sucht das Stückgut-Team bereits nach Verstärkung für die neue Filiale. Es gibt viel zu tun: „Wir müssen die Ladeninneneinrichtung fertigstellen, Behälter und Ware bestellen und und und“, sagt Insa Dehne. „Aber diesmal wissen wir ja schon viel besser, wie es geht und was wir brauchen; das macht es etwas leichter.“ Auf Startnext hat das Stückgut- Team bereits ein neues Crowdfunding gestartet.

Text: Ilona Lütje

Unterstützt Stückgut auf Startnext unter www.startnext.com/stueckgut2

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Februar 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!