Ein verborgenes Kapitel: Tresoröffnung im Reichshof Hamburg

Anlässlich seines 115-jährigen Bestehens bot sich dem Reichshof Hotel in diesem Jahr die Gelegenheit, einen alten Tresor zu öffnen, der bislang verschlossene Geheimnisse barg
Tresorspezialist Jordan Caffrey in den letzten Zügen vor der Öffnung des historischen Tresors ©Maire-Luisa Nielsen
Tresorspezialist Jordan Caffrey in den letzten Zügen vor der Öffnung des historischen Tresors ©Maire-Luisa Nielsen

Knapp drei Stunden arbeitete Tresortechniker Jordan Caffrey am Dienstagmorgen, dem 26. August, an dem Tresor, den er auf etwa 100 Jahre schätze. Das schwere Möbelstück misst rund 180 cm in der Höhe und 80 cm in der Tiefe und verfügt über zwei Türen: oben die Haupttür und darunter ein weiteres Fach.

Das Hotel lud zu der besonderen Öffnung des Tresors ein. Die Anwesenden versammelten sich unmittelbar davor und verfolgten gespannt die letzten Handgriffe, die zur Öffnung führen sollte. Die Spannung wuchs, während das robuste Tresorschloss so widerstandsfähig war, dass das Werkzeug des Spezialisten mehrfach versagte – bis das Schloss schließlich nachgab.

Der Moment der Tresoröffnung: Ein Stück Geschichte kommt ans Licht

Hoteldirektorin Kathrin Wirth-Ueberschär vor dem eben geöffneten Tresor ©Maire-Luisa Nielsen
Hoteldirektorin Kathrin Wirth-Ueberschär mit einem Fach des Tresors ©Maire-Luisa Nielsen

Hoteldirektorin Kathrin Wirth-Ueberschär, fieberte der Öffnung sichtlich entgegen. Bis zuletzt blieb ungewiss, was sich hinter dem Tresor verbirgt – wertvolle Hinterlassenschaften  oder doch nur leere Fächer? Man vermutete, dass der Tresor seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr geöffnet wurde und daher möglicherweise Gegenstände jüdischer Gäste enthielt, die während der NS-Zeit verfolgt oder vertrieben worden waren. 

Dann war es endlich so weit: Die Hoteldirektorin öffnete die schwere Haupttür des Tresors und zog das erste Fach heraus – leer. Das zweite Fach hingegen enthielt Gutscheine für den Flugzeugshuttle sowie für Englische Hafenrundfahrten in D-Mark. In diesem Moment war davon auszugehen, dass der Tresor in den 60er und 70er Jahren von der Hotel-Gründerfamilie Langer genutzt worden war. Damit bestätigte sich jedoch auch, dass die frühere Annahme, der Tresor sei seit rund 100 Jahren ungeöffnet geblieben, nicht zutrifft. Im weiteren Verlauf der Öffnung zeigte sich, dass der Tresor bis Anfang der 90er Jahre in Gebrauch war. 

Anders als zunächst erwartet, enthielt er vor allem Unterlagen aus dem täglichen Hotelbetrieb: Quittungen, Dienstpläne bis 1990 und sogar die Visitenkarte des damaligen Chef-Portiers Horst Nielsen. Für die Kathrin Wirth-Ueberschär bedeutete das Ergebnis der Öffnung weder Erleichterung noch Enttäuschung, sondern ein Zwischengefühl: Eine Mögliche Aufarbeitung von Inhalten aus der NS-Zeit wäre eine große Hypothek gewesen, doch man wäre darauf vorbereitet gewesen. Stattdessen freue sie sich nun über die vielen wertvollen Erinnerungsstücke, die die Geschichte des Hotels bereichern.

Ich bin weder erleichtert noch enttäuscht, sondern irgendwo dazwischen.

Kathrin Wirth-Ueberschär

Ein weiteres Stück Hotelgeschichte

Ein Ausstellungsstück in der Hotellobby: Brief aus dem Jahr 1925 ©Maire-Luisa Nielsen

Die Dokumente sollen nun restlos aufgearbeitet und der hoteleigenen Ausstellung hinzugefügt werden. In der Hotellobby des Reichshof Hotels gibt es bereits zwei Vitrinen, die wertvolle Gegenstände und Überlieferungen aus der Geschichte des Hauses bewahren. Dort sind unter anderem eine alte Speisekarte des „Stadt-Restaurants“ zu sehen, historische Uniformen von Mitarbeitenden sowie ein bewegender Brief aus dem Jahr 1925: Ein Bewerber, der sich auf eine Stelle im Hotel beworben hatte, schrieb darin an seine Herzensdame, dass er die Anstellung im Hotel nicht erhalten habe und es daher nur natürlich sei, dass er sich ihr nicht weiter näherte. Damit folgte der Verfasser den damaligen gesellschaftlichen Konventionen, denn Männer ohne feste Anstellung galten häufig als „nicht standesgemäß“ oder „nicht in der Lage, eine Familie zu versorgen“. 

Mit der Öffnung des Tresors wurde eines der letzten Geheimnisse aus der Geschichte des Reichshofs gelüftet und damit ein weiteres Puzzelstück seiner langen Tradition hinzugefügt. Gästen wie Mitarbeitenden eröffnet sich so die Möglichkeit, noch tiefer in die Geschichte des Hauses einzutauchen. 

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