Jannes Wochenrückblick Vol. 62

Kolumne: Viele wollen ihn, viele wollen ihn nicht (mehr), viele brauchen ihn: ein Gedankenspiel mit dem guten neuen Euro

Ein Euro. Das sind circa zwei Brötchen im Backhus. Je nachdem, welche Finesse man unter seinem Frischkäse haben möchte. Oder 80 Milliliter Caramel-Macchiato bei dem Coffee Shop an meinem U-Bahnhof. Oder drei Liter Wasser inklusive Pfand von der Eigenmarke im Supermarkt. Brötchen, Kaffee und Wasser gibt es in gut oder schlecht oder in sehr gut oder in ganz schlecht. Je nachdem, wie man denn so leben möchte.

Was aber, wenn man sich diese Fragen gar nicht stellen, sondern sich erst einmal darum kümmern muss, dass man überhaupt an einen Euro kommt? Was daran macht das Leben vielleicht viel leichter, wahrscheinlich aber viel schwerer? Und gibt es gute und schlechte Menschen, die einen auf der Straße, in der Bahn oder vor dem Supermarkt danach fragen? Wegen der Herkunft? Der Hautfarbe? Der Direkt- oder vielleicht sogar Frechheit?

Einige Obdachlose verkaufen die Hinz & Kunzt mit Ausweis, andere Gratismagazine ohne. Ist man eher bereit, einen Euro zu geben, wenn der Bettler nicht bettelt, sondern dafür singt, tanzt, Witze erzählt oder Sprüche bringt? Eine Frau ist? Ein Kind ist? Einen Hund oder eine Ratte hat? Nicht übel riecht?

Wer sind wir, darüber zu urteilen, wer uns da gerade fragt? Wie es ihm dabei geht? Ob er nicht lieber etwas anderes machen würde? Den Rest vom Juli gebe ich jedem Menschen, der mich danach fragt, einen Euro. Oder mehr. Kein „Nein.“ Kein „Heute nicht, sorry.“ Kein Kramen nach ein paar Centstücken. Ein Euro für den „Showtime in der U-Bahn“-Sänger und andere  Typen in der U3, die mich irgendwie nerven. Warum eigentlich?

Danke Anja, für die Idee!

Habt einen schönen Start in die Woche, wir lesen uns Sonntag wieder. Jannes

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Polycore. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.