Kritik: Das Tierreich

Ein Zoo voller Junkies: So ist die Abschlussinszenierungen von Schauspielstudenten im Thalia Gaußstraße (Garage)

Es lohnt sich, Abschlussinszenierungen von Schauspielstudenten zu besuchen. Zum einen erfreut die Kombination von ungeschliffener, experimenteller Spielfreude mit professionellem Anspruch. Zum anderen fasziniert in diesem speziellen Fall das besondere Maß von Rea-
lität in der Bühnenfiktion. Die Schauspiel-Eleven warten nämlich auf mit einem Stück, das sich mit der Übergangsphase von jugendlichem Experimentierdrang zu Erwachsenenzwang befasst. Die Darsteller spielen also gewissermaßen auch sich selbst – und das mit richtig viel Spaß.

In „Das Tierreich“ von Nolte Decar entfalten acht junge Frauen und Männer, eine Art repräsentativen Querschnitt deutscher Provinzjugend, szenische Bilder über den jugendlichen Hinterwäldler-Alltag während der Sommerferien im fiktiven Kaff Bad Mersdorf. Mitgefangen, mitgehangen: Seriöse Trinkspielerei, ein Panzer fällt vom Himmel, eine basisdemokratische Schulumbenennungs-AG scheitert – Teil einer Verschwörung? Partykatastrophen, grausame, amouröse Egoshooter-Spielchen; Amor ist eine sich drehende Flasche und jeder darf mal Schicksal spielen. Doch all die dramatischen Ereignisse bleiben flüchtig, die Erfahrung, Entscheidungen zu treffen und mit den Auswirkungen zu leben, haben sich die Figuren noch nicht zu eigen gemacht, sie sehen nur Zukunft.

Unter der einfallsreichen Regie von Christina Rast verwandeln die Jungschauspieler die Thalia-Garage an der Gaußstraße in einen eindringlichen, existenzialistisch angehauchten Zoo losgelassener Hormonjunkies. Ihre begeisternde Energie und die aus- statt vorgespielte Authentizität versetzen die Zuschauer unversehens zurück in alte Zeiten des Schultheaters. Dies ist wilder Jugendwahn par excellence, kurzweilig ohne Ende.

Text: Reimar Biedermann
Foto: Fabian Hammerl

Thalia Gaußstraße (Garage)
Gaußstraße 190 (Ottensen)
weitere Vorstellungen: 9.5., 22.6., 3.7., 6.7.