Recht auf Stadt!

2009 war das Jahr der Hausbesetzer. Aus dem Kampf der Aktivisten gingen die Genossenschaften Gängeviertel 2010 eG und die fux eG in der Viktoria-Kaserne hervor. Während erstere mit der Stadt kooperierte, drehte letztere ihr den Rücken zu. Was hat sich bewährt?

Ein Vogel müsste man sein. Dann könnte man über die Neustadt fliegen und mit einem Blick begreifen, was das Gängeviertel ausmacht. Ganz ruhig würde man angeflogen kommen, über die Flachdächer der gläsernen Bürotürme, Shoppingcenter und Hotels hinweggleiten und schließlich Kreise ziehen über einer kleinen Siedlung, die aus sehr alten Häusern besteht. Menschen schlendern hier durch die Gassen, umgeben von bemalten Fassaden, einem Sandstrand, Hängematten, Blumen, Bänken und Tischen. Man könnte sich gar nicht satt sehen am bunten Treiben in diesem gallischen Dorf inmitten einer neoliberalen Stadt.

Eine Maus müsste man sein. Dann könnte man in Altona durch die Mauerspalten in die Viktoria-Kaserne einsteigen und mit einem Blick sehen, wie in der ehemaligen Militäranlage das kreative Leben tobt. Man könnte durch die Flure flitzen, die mit Aufklebern und Skulpturen geschmückt sind. Man würde sich unter den Türen hindurchquetschen und Kulturschaffende in ihren Ateliers beobachten, wie sie Monster aus Metall bauen, Stühle aufpolstern oder Musik abmischen. Man würde im Planungsbüro über die Grundrisse des Backstein-Ungetüms trippeln, das sich von der kreativen Trutzburg zum Ort für kommunale Freiheit mausert.

Das Gängeviertel in der Neustadt und die ehemalige Militärkaserne in Altona sind zwei Orte, die aus Besetzungen hervorgingen. Sie sind eng mit der „Recht auf Stadt“-Bewegung in Hamburg verbunden. Beide Male waren Kulturschaffende und Bürger nicht mit dem Abriss oder Leerstand von Gebäuden einverstanden. Beide Male wollte man ein Zeichen setzen – gegen eine unsoziale Stadtentwicklung und Gentrifizierung, für Freiräume und ein nicht kommerzielles Leben. Beide Orte werden heute durch Genossenschaften verwaltet, die Anfang 2015 Furore machten: Die fux eG, weil sie die Viktoria-Kaserne der Stadt abkaufte. Die Gängeviertel 2010 eG, weil sie sich im Kooperationsvertrag mit der Stadt hintergangen fühlt.

Gängeviertel & Stadt: Zweckehe

Um zu verstehen, worum es hier geht, ist ein Blick in die Vergangenheit unabdingbar: Im August 2009 besetzten Aktivisten die Überbleibsel des historischen Gängeviertels in der Innenstadt. Nach der Sanierung Ende des 19. Jahrhunderts, dem Zweiten Weltkrieg und dem Bau des Unilever-Hochhauses (1958 bis 1964) standen nur noch wenige historische Gebäude. Um sie herum war eine moderne Stadt gewachsen. Scheinbar vergessen, verfiel die ehemalige Arbeitersiedlung zunehmend, die Stadt veräußerte das Areal. Ein holländischer Investor erhielt im Höchstgebotsverfahren den Zuschlag, im Jahre 2009 sollten auch die letzten Häuser weichen.

Dagegen formierte sich eine Bewegung. Aktivisten besetzten das Gängeviertel und machten lautstark auf sich und den fahrlässigen Umgang der Stadt mit dem baulichen Erbe aufmerksam. Es kamen immer mehr Menschen hinzu, auch aus dem bürgerlichen Lager erfuhren sie Unterstützung. Das Viertel wurde zu einem bunten Ort des Widerstandes, es wurde gefeiert und diskutiert. Die Besetzer forderten einen Raum für alle, wo Kunst, Kultur und soziales Leben stattfinden dürfen. Sie kamen, um zu bleiben.

Ihr Erfolg wurde amtlich, als die Stadt im Dezember 2009 das Gängeviertel vom Investor zurückkaufte. Die Besetzer organisierten sich, aus der Initiative „Komm in die Gänge“ entstand der Verein Gängeviertel e.V., in dem ein Nutzungs- und Sanierungskonzept erarbeitet wurde. Zentraler Punkt: die historische Substanz der Häuser sollte erhalten bleiben. Im Dezember 2010 wurde die Gängeviertel Genossenschaft 2010 eG mit dem Ziel gegründet, das Quartier auch in Zukunft selbst zu verwalten. Die Stadt blieb Eigentümer der Gebäude, ein Kooperationsvertrag wurde geschlossen.

Viktoria Kaserne Fux Hamburg

Künstlerateliers in der ehemaligen Viktoria Kaserne

Fux & Stadt: frisch getrennt

2009 spitzte sich auch an einem anderen Ort ein stadtpolitischer Kampf zu. Das Frappant-Gebäude in der Großen Bergstraße in Altona sollte einem Neubau von Ikea weichen. 140 ansässigen Künstlern wurde die Kündigung ausgesprochen. Anwohnerinitiativen und der Frappant e.V. besetzten das Gebäude. Der Journalist und „Recht auf Stadt“-Aktivist Christoph Twickel erinnert sich: „Das war eine große Party mit 3.000 bis 4.000 Leute an einem Wochenende im Gebäude.“ Der Druck auf die Stadt wuchs. Nach dem Gängeviertel war dies bereits der zweite Ort innerhalb eines Jahres, der im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit stand. Die Ansage der Aktivisten war unmissverständlich: „Wir bleiben hier. Ihr könnt euch überlegen, ob ihr Ärger wollt.“

Der Ikea-Deal war bereits in trockenen Tüchern. Die Stadt sah sich gezwungen, den Künstlern eine Ausweichfläche anzubieten. Die Wahl fiel auf die ehemalige Kaserne am Zeiseweg. Sie stand seit geraumer Zeit leer, wurde zuletzt als Lagerfläche genutzt. Nun sollten die Kreativen zur Zwischennutzung für ein Jahr in den Komplex ziehen. Der Verein willigte ein. „Es war aber klar, dass wir uns nicht einfach weiterschieben lassen wollen“, erklärt Fabian Eschkötter, Vorstand des Frappant e.V. Man entwickelte ein Nutzungskonzept und verhandelte mit der Stadt, weit über die Jahresfrist hinaus.

Es brodelte derweilen an anderer Stelle: Etwa 500 Meter von der Kaserne entfernt verhüllten einige „Recht auf Stadt“-Aktivisten das leerstehende Electrolux-Gebäude an der Max-Brauer-Allee. Auch hier demonstrierte man gegen ungenutzte Räume und Gentrifizierung. Aus dieser Aktion ging 2011 die Gruppe Lux & Konsorten hervor. Sie bestand im Gros aus Gewerbetreibenden, die durch Verdrängung ihre Arbeitsräume verloren hatten. Weitere Aktionen folgten in der ehemaligen Gewürzmühle und den Güterbahnhallen der neuen „Mitte Altona“. „Wir besetzten symbolisch und waren auf der Suche nach Flächen, die wir nutzen können“, sagt einer der Aktivisten, Sacha Essayie. „Da blitzte am Horizont die Kaserne auf.“

Frappant e.V. und Lux & Konsorten trafen aufeinander. Menschen mit kulturellem und politischem Hintergrund mischten sich. Als Kollektiv verhandelte man erstmals 2011 mit der Stadt über eine langfristige Nutzung der Kaserne. „In den Elefantenrunden saßen Vertreter der Kultur- und Finanzbehörde, des Bezirks und der Kreativgesellschaft mit uns zusammen“, so Christoph Twickel. Die Verhandlungen scheiterten. „Wir hätten die Gebäude 10 bis 15 Jahre nutzen können. Die Stadt hätte mit unseren Mieten die Sanierung finanziert.“ Der Haken an der Sache: Nach Abschluss der Arbeiten hätten sie wieder auf der Straße gestanden.

Schließlich fanden neue Gespräche auf höherer Ebene statt. Plötzlich stand eine Kaufoption im Raum. Die Kultursenatorin sprach mit dem Finanzsenator. Aus einem Gutachten ging ein Preis von 1,85 Millionen Euro hervor. Fabian Eschkötter: „Wir haben uns zusammengesetzt und beraten, ob das für uns möglich ist. Architekturstudenten erarbeiteten ein Sanierungskonzept. Wir beschäftigten uns in Workshops mit der Frage, wie wir uns organisieren sollen.“ Im Oktober 2013 gründeten Mitglieder von Lux & Konsorten und Frappant e.V. die Genossenschaft fux eG. Diese kaufte im Februar 2015 die Viktoria-Kaserne der Stadt ab und plant die seit Jahrzenten fälligen Erhaltungsarbeiten in Eigenregie.

Gängeviertel & Stadt: kompliziert

Wenige Tage nach der Verkündung des Kaufes durch fux im Februar 2015 geht das Gängeviertel mit einer explosiven Nachricht an die Öffentlichkeit. Von einem Planungsstopp und dem Rücktritt vom Vorstand des Sanierungsbeirates ist die Rede. Anstoß des Zorns ist ein Modernisierungsvertrag. Dieser wurde zwischen der Hamburgischen Investitions- und Förderbank (IFB) und der Stadterneuerungs- und Stadtentwicklungsgesellschaft (steg) geschlossen, die Trägerin der Sanierung ist. Was genau dieser Vertrag besagt, ist schwer zu durchschauen. Für das Gängeviertel ist jedoch entscheidend, dass er ohne ihr Wissen geschlossen worden sei, und dass ihre zentrale Verhandlungsgrundlage, die Genossenschaftsbindung der Mietverträge nach der Sanierung, darin rechtlich ausgeschlossen werde.

Gängeviertel

Aktivisten des Gängeviertels im Jahr 2012

„Der Vertrag macht eine Selbstverwaltung unmöglich“, erklärt Christine Ebeling, Sprecherin des Gängeviertels. Somit seien die im Kooperationsvertrag vereinbarten Ziele aus ihrer Sicht verfehlt. Der ursprüngliche Plan: Die Gebäude sollten durch die Stadt mit öffentlichen Mitteln saniert werden. Im Anschluss wollte die Genossenschaft die Verwaltung übernehmen. Nur, wer dann Mitglied wird, kann die Räume des Quartiers mieten. Das sei wichtig, um den Geist der Bewegung am Leben zu halten.

Seit Mitte 2014 wird dieser Verwaltervertrag verhandelt, in dem es um die Rechte und Plichten der Genossenschaft geht. Zum Abschluss kam er bisher nicht. Man agierte auf Vertrauensbasis. Im Februar 2015 erfährt Christine Ebeling vom „heimlichen“ Vertrag und ist schockiert. „Als ich das gelesen habe, ist mir alles aus dem Gesicht gefallen. Wir sitzen regelmäßig mit der Stadt an einem Tisch und dann wird nicht einmal darüber gesprochen, dass so etwas im Raum steht?“ Ein krasser Vertrauensbruch. „Uns wurde die Unterstützung für eine genossenschaftliche Lösung zugesichert, so steht es explizit in der Presseerklärung der Stadt Hamburg zum Kooperationsvertrag.“ Ist das nicht möglich, sei das der Totschlag für das Projekt.

Seitdem ist das ohnehin strapazierte Verhältnis zur Stadt (man war sich jüngst in Sanierungsfragen nicht einig) noch deutlich komplizierter geworden. So kompliziert, dass man die eigene Überzeugung infrage stellt, den richtigen Weg bei den Verhandlungen eingeschlagen zu haben. „Wir sind leider nicht der Eigentümer. Mittlerweile leider. Ursprünglich war es uns wichtig, dass das Tafelsilber bei der Stadt liegen bleibt. Die Stadt soll ihrer Verantwortung zu Instandsetzung nachkommen. Wir kümmern uns um die Häuser, bespielen und füllen sie mit Leben. Das ist ein Geschenk. Tatsächlich mussten wir aber feststellen, dass eine Mitbestimmung ohne Eigentumsrechte nur sehr eingeschränkt möglich ist.“

Gängeviertel & Fux: Liebe

In der Hamburger Kultur- und Aktivistenszene kennt man sich. Die Aktivisten des Gängeviertels und der fux-Genossenschaft stehen in engem Kontakt zueinander. In letzter Zeit werden die beiden Projekte oft miteinander verglichen. Auf unfaire Art und Weise. „Ihr habt es richtig gemacht“, heißt es dann, wenn Vertreter der Behörden mit den neuen Besitzern der Ex-Kaserne sprechen. Eine problematische Einschätzung, wie Fabian Eschkötter, Vorstand fux eG, findet: „Wir sehen die Stadt in der politischen Verantwortung, ihre Gebäude instand zu halten und Räume für Projekte wie diese zur Verfügung zu stellen.“

Dennoch setzte sein Kollektiv kein Vertrauen in ein Kooperationsmodell zwischen Stadt und Genossenschaft. Auch, weil die Entwicklungen im Gängeviertel ein abschreckendes Beispiel sind. Die Aktivisten in der Neustadt gehen den anstrengenden Weg der politischen und moralischen Debatte. Sie entlassen die Stadt nicht aus ihrer Verantwortung und üben stetig Druck aus, einen Ort, der zum Abriss freigegeben war, einer öffentlichen Nutzung zuzuführen.

In Altona wählt man einen anderen Weg und kaufte den wilhelminischen Backsteinkomplex. Sacha Essayie, Vorstand der fux eG, erklärt: „Wir haben uns entschieden, dass wir nicht mehr andauernd die Stadt anrufen wollen, um etwas zu fordern. Du gerätst da echt unter die Räder.“ Einfacher ist ihr Weg deshalb nicht. Die größte Aufgabe liegt noch vor ihnen. „Unter uns gibt es viele, die prekär arbeiten. Wir wollen einen Ort, der in keinem guten Zustand ist, nachhaltig aufbauen. Unser Durchschnittseinkommen hier im Haus mag bei 1.200 Euro im Monat liegen. Das ist eigentlich nicht wirklich viel, um mehrere Millionen in einer Idee bewegen zu wollen.“ Mit Enthusiasmus und Ausdauer geht es vielleicht trotzdem. Zudem öffnet sich die Gemeinschaft nach außen, um investierende Genossen zu finden.

Ihr neuer Status macht es möglich, das Projekt über Generationen zu denken. Das Ziel ist, günstige Mieten von 5 Euro den Quadratmeter langfristig zu garantieren. Für so ein Projekt braucht es Pioniergeist. „Du kennst das Ende der Geschichte nicht, rennst los und hast die Hoffnung, ein Ziel zu erreichen“, meint Tanja Schwichtenberg, Mitglied der „AG Kommunikation“ der fux eG. „Die Zuversicht in dich und die Menschen in deiner Umgebung treibt dich an. Scheitern ist immer eine Möglichkeit, aber wir haben nichts zu verlieren und viel zu gewinnen.“

Im Gängeviertel hält man an seiner Vision fest. Auch wenn sich die Genossenschaft, so heißt es in der aktuellen Pressemitteilung, immer wieder in dem Eindruck bestätigt sieht, „(…) nicht ernst genommen und durch eine paternalistische Haltung zu Bittstellern degradiert zu werden“. Es kommt nach dem Eklat zu einem ersten Gespräch mit der Stadt. Man will die strittigen Punkte mit den Behörden klären, aber auch die Eigentumsfrage neu stellen.

Beide Geschichten zeigen: Die Beziehung zwischen Stadt und Aktivisten ist kompliziert. Aber so unterschiedlich man auch tickt, so sehr ist man aufeinander angewiesen. Die Stadt auf die Freigeister, denn sie geben der Metropole eine Seele. Die Freigeister auf die Stadt, denn sie brauchen den Raum zur Entfaltung.

Viktoria-Kaserne
Zeiseweg 9 (Altona-Nord)

Gängeviertel
Valentinskamp 39 (Neustadt)

Text: Lena Frommeyer
Fotos: Jakob Börner (fux) & Franziska Holz (Gängeviertel)

Dieser Artikel stammt aus der April-Ausgabe der SZENE HAMBURG.