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Hamburger des Monats: Mohammed Ghunaim

Vor drei Jahren ist der Syrer Mohammed Ghunaim, kurz Ziko, nach Deutschland geflohen. Seit eineinhalb Jahren leitet der Journalist das Embassy of Hope – Café International vom Thalia Theater. Wie lokale Integration funktioniert, erzählt er in dem Gespräch.

SZENE HAMBURG: Ziko, was ist der größte Unterschied zwischen deinem Leben hier und dem in Damaskus?

Ziko: Sicherheit. Als der Krieg ausgebrochen ist, war ich 20 Jahre alt und in Damaskus zuletzt als Sanitäter beim Roten Halbmond, die Schwestergesellschaft des DRK, direkt in den Kriegsgebieten tätig.

Was hast du gemacht bevor der Krieg ausgebrochen ist?

Ich habe Arabische Literatur und Journalismus studiert. Kurz bevor der Krieg ausgebrochen ist, habe ich zusammen mit Freunden eine Internetseite für lokale Nachrichten aus Damaskus aufgebaut.

Du hast über deine Flucht einen Film gedreht …

Ja, genau, er heißt #myescape, eine 90-minütige Doku, die in der ARDMediathek zu sehen ist. Als ich alle Stationen und viele Momente während meiner Flucht dokumentiert habe, war mir noch nicht klar, dass daraus ein Film entsteht.

Wie war dein Gefühl als du in Deutschland angekommen bist?

Ich habe von Anfang dafür gekämpft, als Mensch anerkannt zu werden. Nicht als Flüchtling. Überall. Mit der Polizei an den Grenzen, in den Flüchtlingcamps und auch in Deutschland. Ich finde den Begriff Geflüchteter falsch, weil jeder Mensch grundsätzlich das Recht hat, woanders zu leben. Das ist in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankert. Die Politik kategorisiert die Menschen mit Begriffen. Ich komme aus einem Kriegsgebiet, aber ich fühle mich nicht als Geflüchteter. Hamburg ist meine neue Heimat.

Was brauchen Menschen, die hier neu ankommen am dringendsten?

Sie brauchen Zeit. Und Geduld von der Gesellschaft. Denn alle, egal aus welcher Schicht sie kommen, fliehen, um zu leben. Sie möchten Frieden finden. Natürlich sind nicht alle gute Menschen, aber das ist überall so. Die Neuankömmlinge sprechen kein Deutsch, aber von dem Moment an, in dem sie ankommen, wird erwartet, dass sie sich integrieren. Wir haben keine Zeit, uns von der Flucht zu erholen und uns zu orientieren. Mein Bruder hat zwei Jahre gebraucht, um sein Trauma zu bewältigen. Ich wünsche mir, dass beide Seiten sich noch mehr verstehen, und sich dafür Zeit geben und nehmen.

Zeit und Geduld finden sie im Embassy of Hope?

Wir veranstalten tolle Projekte, an denen jeder teilnehmen kann. Es haben sich Theater- und Musikgruppen gefunden, wir kochen zusammen und tauschen uns über unsere Kulturen aus. Viele Ehrenamtliche aus dem Viertel, geben Deutschkurse. Vor Kurzem haben wir eine neue Lesereihe gestartet, die regelmäßig im Thalia Gaußstraße stattfinden wird. Geflüchtete Menschen haben ihre Erfahrungen aufgeschrieben, die auf Deutsch und Arabisch vorgelesen werden. Wir versuchen die Sprache nicht nur über Bücher, sondern vor allem in der Praxis zu vermitteln.

Was für einen Ort möchtest du mit Embassy of Hope erschaffen?

Als wir 2015 eröffnet haben, waren wir ein Ort, an dem die Menschen aus den Erstunterkünften sich wohlfühlen sollten. Ein bisschen durchatmen konnten und zurück ins Leben fanden. Meine Vision ist, dass es nicht nur ein Ort bleiben wird, der Flüchtlinge willkommen heißt, sondern einfach Menschen. Es wäre toll, wenn wir alle einen Schritt weitergehen, und Menschen nicht mehr durch Begriffe definieren. Wir sollten uns alle, Neuankömmlinge und Deutsche, auf gleicher Augenhöhe begegnen. Denn wir können gegenseitig von uns lernen, wenn wir wollen. Nicht nur die Neuankömmlinge von den Hamburgern, auch umgekehrt. Hier im Café zum Beispiel, versuchen die Nachbarn, die kommen, auch auf Arabisch zu kommunizieren. Wir kommen uns alle entgegen.

Wie gut hat hier im Café die Integration funktioniert?

Wir arbeiten nach dem Prinzip des Austausches. Das Thalia Theater setzt Vertrauen in mich, auch wenn ich erst ein paar Jahre in Deutschland bin und die Sprache nicht perfekt beherrsche. Aber sie akzeptieren meine Vision und unterstützen diese. Ich kann hier meine Kultur einbringen. Und das möchte ich weitergeben. Wir haben viel dafür getan, dass sich die Kulturen im Embassy mischen. Und ab September wird der Samstag zum Familientag, damit auch Kinder mitkommen können, was zurzeit nicht möglich ist. Durch die vielen Möglichkeiten, die wir hier haben, konnten wir Impulse setzen und einige sind von hier in einen neuen Alltag gestartet. Zum Beispiel haben sich aus unserer Kochgruppe ein paar Leute zusammengetan und mittlerweile einen Catering-Service für arabisches Essen gegründet.

Was muss sich noch verändern?

Vieles läuft schon gut. Aber wir brauchen mehr Projekte, die sich um die Wohnungssituation der Neuankömmlinge kümmern. Ich habe sechs Monate lang in einer Erstunterkunft gelebt, was für den Zeitraum absolut akzeptabel war. Aber, wie einige, drei Jahre lang? Das ist schlimm. Das verhindert auch Integration. Ich hatte viel Glück, denn ich wohne in einem Umfeld, wo viele Deutsche wohnen. Deshalb habe ich die Sprache ohne Kurs und Lehrer gelernt. Aber die Menschen, die in den Containern leben, bleiben unter sich.

Du arbeitest auch noch bei der GWA St. Pauli e. V. …

Ja, ich leite dort das Projekt „Yalla – Rein in die Stadt“. Jugendliche produzieren Videos über Orte in Hamburg, die wir entdeckt haben und stellen diese ins Internet. Jeder, der wenig Geld hat und/oder neu in der Stadt ist, findet so tolle Möglichkeiten, trotzdem was zu unternehmen.

Was magst du an Hamburg?

Die Leute sind offen und nehmen teil. In Hamburg gibt es viele Vereine, wie Kampnagel und GWA St. Pauli, die offen sind für Integrationsprojekte. Viele Hamburger wollen etwas von mir lernen, es ist ein Geben und Nehmen. Ich kann hier ich selbst sein. Und fühle ich mich zu Hause.

Das Embassy of Hope – Café International findet ihr in der Gaußstraße 190 (Ottensen).

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Ana Maria Arevalo 

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 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

DUB:KE – Mit Arab Techno gegen Club-Rassismus

Anas Aboura kam 2015 aus Syrien nach Deutschland. Heute arbeitet er als Kurator. Zusammen mit Kollegin und Dramaturgin Nadine Jessen, veranstaltet er seit zwei Jahren die erfolgreiche Oriental-Karaoke Reihe. Im Juni startet ihr neuestes Projekt. Mit DUB:KE wollen sie Hamburg in die weite Welt des Arab Techno einführen und gleichzeitig eine Party etablieren, die den im Nachtleben häufigen Rassismus überwindet.

SZENE HAMBURG: Techno und die Kultur der elektronischen Musik kann in vielen arabischen Ländern nur im Untergrund stattfinden. Welche Gründe seht ihr dafür?

Nadine: Zunächst ist dies sicher nicht nur ein Problem in arabischen Ländern. Kaum eine Regierung mag diese Art von Rave-Kultur, die häufig mit Drogen und einem freiheitlichen, alternativen Lebensstil verbunden wird. Bestes Beispiel dafür ist Georgien, wo es in der Hauptstadt Tiflis kürzlich zu groß angelegten Razzien gegen die Clubszene kam. Aber auch in Deutschland gibt es immer wieder Clubs die geschlossen werden. Die Reflexe der Regierungen sind immer gleich. Viele junge Leute hören Musik, wollen tanzen, feiern und frei sein und das könnte gefährlich werden.

Trotzdem ist die Situation in arabischen Ländern repressiver als in den meisten europäischen Staaten …

Anas: Natürlich und das liegt daran, dass es dort häufig Diktaturen gibt. Der Versuch von Leuten Freiheit zu erlangen oder auch nur Freiheit zu spüren, soll im Keim erstickt werden. Es gibt viele Versuche Rave-Festivals in arabischen Ländern zu veranstalten, aber die werden meistens schon nach ein paar Stunden von der Polizei kontrolliert und beendet.

Wie versuchen Leute, dies zu umgehen?

Anas: Als ich noch in Syrien war, gab es zwar einige Clubs mit Musik einer bestimmten Richtung, die erlaubt war, aber sobald wir irgendetwas Neues machen wollten, mussten wir es im Untergrund machen. Ich kenne ein Beispiel aus dem Libanon, wo während eines Festivals mehrmals die Location gewechselt wurde. Aber man muss auch sagen, dass die Kontrollen im Nachtleben nicht die größten waren. Im normalen Leben waren sie viel stärker.

Im Juni startet eure Partyreihe DUB:KE auf Kampnagel. Wie kam es dazu?

Nadine: Das Ganze ist aus dem Migrantpolitan entstanden. Dieses kleine Holzhaus im Kampnagel-Garten ist seit über zwei Jahren ein Treffpunkt, in dem neue Formate des Zusammenarbeitens und Zusammenlebens erprobt und entwickelt werden. Ein Ort, der gesellschaftliche Zuordnungen in Flüchtlinge und Einheimische hinter sich lässt und wo gemeinsam kosmopolitische Visionen entworfen werden.

Anas: Mittlerweile ist Migrantpolitan auch zu einem kulturellen Café geworden, was fast täglich geöffnet hat und in denen wir Workshops und Jam Sessions veranstalten oder unsere eigene TV-Show „Hello Deutschland“ zeigen (Anm. d. Red: Neue Folgen ab 30.5. jeden Mittwoch, 20.15 Uhr). Einmal hatten wir dort eine Veranstaltung mit den Leuten der Hamburger Perfomance Studies und trafen den DJ des Abends. Er kam aus dem Iran und hat sehr viele interessante Tunes aufgelegt. So eine Art Slow Oriental-House. Wir kannten Ähnliches von der Hamburger Band Shkoon und uns wurde bewusst, dass es da noch viel mehr zu entdecken gibt.

Wofür steht DUB:KE?

Nadine: Viele orientalische Sounds klingen bereits sehr technoid. Aber mit DUB:KE wollten wir dem Ganzen einen Namen geben, der das Ganze ein bisschen lustig umschreibt und etwas überzieht. Es klingt einfach genau gleich wie der traditionelle Tanz. Natürlich ist Dub auch nicht Techno, aber wir wollen ja gerade nicht in diesen Kategorien denken, sondern solche überwinden.

Anas: Dabke heißt der traditionellen Tanzstil, der im Nahen Osten, aber auch in anderen Ländern wie Iran oder Afghanistan unter anderem Namen sehr beliebt ist. Wenn eine bestimmte Art der Musik anfängt, stellen sich alle in der Reihe auf, fassen sich an den Händen und fangen an zu tanzen. Das ist häufig sehr energetisch und hebt manchmal Grenzen zwischen den Leuten komplett auf und bringt sie alle zusammen.

Ist das auch das Ziel eurer Partyreihe?

Nadine: Auf jeden Fall. Es herrscht in Deutschland ein großer Rassismus im Partyleben. Das kommt natürlich nicht von der Regierung, aber von Clubbesitzern, die sagen, was für Leute sie im Laden haben wollen. Ich lehne diese Attitüde komplett ab. Und deswegen wollen wir neben Formaten wie Oriental Karaoke, dem noch mehr entgegenhalten und sagen „Hey, die Musik ist sehr cool, der Sound ist sehr cool, wir können zusammen feiern und du bist willkommen“. Wir glauben daran, dass wenn du nicht zusammen feiern kannst, kannst du auch nicht zusammen leben.

Der erste Gast bei DUB:KE ist DJ Dziri, a.k.a. Sadziky vom Soukcollective. Foto: Francois Huppertz

Was plant ihr für den Abend?

Anas: Unser erster Gast ist Sadziky. Sie ist in Brüssel aufgewachsen und hat tunesisch-belgische Wurzeln. Ihr großes Netzwerk mit dem Namen Soukcollective reicht bis Toronto. Eine unglaublich offene und inspirierende Persönlichkeit. Sie mischt tanzbare Folk-Musik aus arabischen Ländern mit Techno Beats oder hat zum Beispiel Oum Kalthoum geremixed. Aber es ist immer schwer Musik zu beschreiben, man muss sie spüren.

Nadine: Wir wollten zudem vor allem am Anfang unserer Reihe direkt klarmachen, dass es viele Frauen gibt, die in dieser Szene involviert sind. Und sie repräsentiert dieses Netzwerk.

Anas: Das Besondere am ersten DUB:KE Abend ist, dass er gleichzeitig mit dem Ende vom Ramadan zusammenfällt. Wir laden also alle ein, mit uns zusammen im Migrantpolitan das Zuckerfest zu feiern, um dann gemeinsam zur Party zu gehen.

Welches Publikum wünscht ihr euch?

Nadine: Wir sind absolut gegen Rassismus, Sexismus oder Homophobie, aber sonst ist jeder willkommen. Es soll ein Safe Space für jeden sein. Ein großes Problem ist ja auch, dass viele Menschen, die ihr Land verlassen müssen, immer von der großen Freiheit in Europa hören und dann in Deutschland teilweise nicht mal in Clubs gelassen werden. Ich hoffe, mit unserer Partyreihe können wir diesen Umstand überbrücken und diese Art von Rassismus überwinden. Wir wollen also auch gezielt Leute damit ansprechen, die neu in Deutschland sind.

Anas: Aus meiner Perspektive kann ich noch sagen, dass ich mir sicher bin, dass dies gelingt. Seitdem wir auf Kampnagel diese unterschiedlichen Events machen, habe ich schon viele arabische Leute getroffen, die sich willkommener fühlen. Hier wird keiner kontrolliert oder vorverurteilt und jeder zahlt, was er zahlen kann. Damit können wir das schöne Image des Lebens in Deutschland tatsächlich zeigen und für viele neue Leute sind solche Verbindungen eine große Hilfe um ihr soziales Leben zu erweitern.

Wie geht es weiter mit DUB:KE?

Nadine: Die Künstler, die wir für die kommenden Partys einladen werden, sind Leute, die aus diversen Ländern kommen und unterschiedlichen Sound spielen. Wir planen die Party alle zwei Monate, aber das hängt natürlich von unserem Budget ab. Am 29. September werden wir außerdem auf der großen We’ll come united-Demo dabei sein und den Abend vorher auf Kampnagel zusammen feiern. Für uns ist das Ganze eine Reise, die wir gerade erst beginnen.

Interview: Ole Masch
Beitragsfoto: Shahin Sheho

Die erste DUB:KE-Nacht steigt am 15.6.18, 23 Uhr, auf Kampnagel.

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 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

 

 


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Start with a Friend

Starthilfe! Ein Iraner, eine Deutsche, eine Freundschaft. Shahab (29) und Lena (28) sind seit etwa einem Jahr „Tandem“-Partner. Das Flüchtlingsnetzwerk hat die Modefotografin und den technischen Zeichner zusammengebracht. Ein Gespräch über Ängste, ausgeliehene Wohnungsschlüssel und Sarkasmus.

 

SZENE HAMBURG: Wieso macht ihr bei Start with a Friend mit?

Shahab: Ich habe durch einen Freund davon gehört. Ich wollte sofort mitmachen, mich mit einem Local treffen und mein Deutsch verbessern. Nach knapp zwei Monaten habe ich dann Lena getroffen.

Lena: Bei mir gab es verschiedene Gründe. Als ich das erste Mal von der Flüchtlingskrise hörte, war ich in Nordamerika und fand den Umgang damit ziemlich fragwürdig. Ich verstand nicht, warum sich die Leute nicht privat um einen Flüchtling kümmern. Wenn das jeder achtzigste Deutsche tun würde, wäre allen geholfen. Als ich im Sommer 2016 dann zurückkam und nach Hamburg zog, wollte ich einem Geflüchteten persönlich die Hand reichen. Ich dachte, es wird bestimmt einen Menschen aus einem anderen Land geben, der auch neu in der Stadt ist. Im Internet bin ich dann auf Start with a Friend gestoßen und nach einem Infoabend habe ich schnell den Kontakt von Shahab bekommen. Wir haben uns sofort getroffen und direkt super verstanden. Jetzt haben wir schon bald unser Einjähriges.

Was genau war für dich so fragwürdig?

L: Zum Beispiel, dass ständigdas Wort „Flüchtlingskrise“ benutzt wird. Obwohl während des Kosovo-Krieges auch 1,2 Million Menschen flüchteten, und auch heute – jetzt gerade – viele, viele Menschen in Afrika oder anderen Teilen der Welt ihre Heimat verlassen müssen, sprach und spricht niemand von „Flüchtlingskrise“. Klar, ist eine große Menge nach Deutschland gekommen, auf der Suche nach Perspektive und einem besseren Leben. Und ja, das war und ist eine Herausforderung. Aber eine Krise? Wie wäre es mit Chance?

Hattest du Bedenken vor dem ersten Treffen, Lena?

L: Ja, die hatte ich. Ich wusste, dass ich stabil genug bin, ein Tandem mit jemandem einzugehen, der aus einem Kriegsgebiet wie Syrien kommt. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob ich damit empathisch genug umgehen könnte, ohne dass mir das Ganze zu nah geht. Nachdem ich erfahren hatte, dass Shahab aus dem Iran kommt,war meine größte Sorge weg. Wobei Shahab auch krasse Sachen erlebt hat. Aber jemand, der frisch aus einem Kriegsgebiet kommt, ist wahrscheinlich anders traumatisiert.

Shahab: Als ich in Deutschland ankam, wollte ich die Kultur kennenlernen, hatte aber Angst, einen Fehler zu machen. Jetzt fühle ich mich wohl.

Und für dich Shahab? Hat das Tandem dir geholfen, in Deutschland anzukommen?

S: Ja, definitiv. Als ich in Deutschland ankam, wollte ich die Kultur kennenlernen, hatte aber Angst, einen Fehler zu machen. Jetzt fühle ich mich wohl. Ich habe einen Job als technischer Zeichner, wohne in einer WG, habe Freunde gefunden und spreche immer besser Deutsch. Ohne Lena hätte das vielleicht nicht so gut geklappt. Und das Beste: Wir verstehen uns sehr gut.

Woran merkst du das?

S: Lena ist bisher die einzige Person in Deutschland, die meinen Humor versteht (lacht).

L: Er ist super sarkastisch. Da muss man ihn schon etwas kennen, um das rauszuhören.

S: Außerdem vertraut sie mir. Das ist ein tolles Gefühl. Einmal hat Lena mich sogar zwei Wochen in ihre Wohnung gelassen. Bevor ich meine WG gefunden habe, war ich 22 Monate in einem Flüchtlingscamp untergebracht. Das war eine schreckliche Zeit. Da Lena durch ihren Job viel unterwegs ist, gab sie mir damals ihre Schlüssel und ließ mich bei ihr wohnen, um eine Pause vom Camp-Leben machen zu können.

L: Da ich als Fotografin durchschnittlich nur zehn Tage im Monat zu Hause bin, war das für mich kein Problem. Und ich hatte vorher ja schon die Möglichkeit, ihn eine Weile kennenzulernen. Ich vertraue ihm und hatte keine Bedenken.

Welches war euer schönstes Erlebnis?

L: Wir haben einmal bei schönem Wetter an der Alster gesessen, als Shahab mir lange von seinem Weg aus dem Iran nach Deutschland erzählte. Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass wir uns so sehr vertrauen, dass wir uns über alles austauschen können. Eigentlich eine ganz banale Situation, aber schön.

S: Für mich gibt es viele schöne Erinnerungen. Das Schönste ist, dass ich in Deutschland Menschen gefunden habe, die mir vertrauen.

Lena: Seine Heimat, seine Familie und alles zu verlassen, was einem lieb ist, erfordert wirklich Mut.

Was lernt ihr voneinander?

S: Ich lerne jeden Tag von Lena. Sie ist eine wirklich mutige und starke Frau, macht immer weiter, auch wenn es mal anstrengend wird. Das beeindruckt mich.

L: Seine Heimat, seine Familie und alles zu verlassen, was einem lieb ist, erfordert wirklich Mut. Trotz der Angst vor der Zukunft ist er gegangen und hat alles getan, was nötig ist, um hier ein neues Zuhause zu finden. Shahab ist das beste Beispiel, dass Integration funktioniert. Das macht mich wirklich glücklich. Außerdem verliert er nie seinen Humor, egal wie blöd alles ist. Davon könnte ich mir auch eine Scheibe abschneiden.

Was würdet ihr all denen sagen wollen, die Angst vorFlüchtlingen haben?

S: Man sollte versuchen, Geflüchtete kennenzulernen. Wenn man miteinander spricht, wird man merken, wie ähnlich wir eigentlich sind. So wie bei Lena und mir.

Und du, Lena?

L: Ich würde sagen: Können wir das Label Flüchtling weglassen und einfach über Menschen sprechen? Man sollte sich gegenseitig kennenlernen. Wenn dieser Mensch dann ein Idiot ist, geh ich ihm aus dem Weg; wenn er keiner ist, dann lern ich ihn besser kennen. Man sollte die Vorurteile zur Seite schieben.

Shahab: Alle meine Freunde möchten mitmachen, aber leider gibt es zu wenige ehrenamtliche Locals.

Warum ist ein Tandem empfehlenswert?

L: Man lernt eine neue Kultur kennen und kann sich gegenseitig unterstützen. Helfen macht auch glücklich.

S: Alle meine Freunde möchten mitmachen, aber leider gibt es zu wenige ehrenamtliche Locals. Wenn ich besser Deutsch spreche und mich ein wenig eingelebt habe, will ich selber Geflüchteten helfen, in Deutschland anzukommen. Ich möchte etwas von der Hilfe, die ich bekomme, zurückgeben.

Interview: Jana Belmann

Foto: Jakob Börner

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