U Bahnhof Sternschanze

Bedrohte Räume #27 – U-Bahnhof Sternschanze und seine scharfen Kurven

Sie kennen das, als Mensch lieben wir mithin Sachen, die so gar nichts Liebenswertes haben, aber uns auch in tiefster Steppe ein Grunzen entlocken. Wie gerne finden wir so Dinge süß, wie die Leberflecke von Opa, den verkalkten Teekessel von Tante Jürgen oder den Silberblick des Türstehers vor dem Club, in dem wir gestern tanzten. Alles ganz normal …

Mein persönlicher Love-­Knall geht nun allerdings noch weiter. Wer mich kennt, weiß, verbeulte Verpackungen im ­Supermarkt lassen mich regelmäßig ins Schwärmen geraten. Ich zwinkere ihnen zu und tröste gern die billigen Dosen im untersten Regal. Doch angesichts so richtig heftig in die Jahre gekommener Gebäude, gerate ich regelrecht außer Kontrolle. Besonders alte Nutzgebäude, wie Ställe, Meiereien oder Apotheken hinterlassen auf meinem Antlitz glasige Augen und am Ende meiner Arme zwei feuchte Händchen. Immerzu möchte ich sie beschnüffeln, herzen oder, na, kennenlernen eben.

Die letzten 35 Jahre in Hamburg waren diesbezüglich ein geradezu erotisches Stelldichein. Schließwerke, Schleusen, Postgebäude, Zinnwerke, Bunker, überall charmant angeranzte Nutzgebäude. So was von süß! Doch da ist eine Sorte Gebäude, die hat es mir mehr als besonders angetan: Es ist der Bahnhof. Ach, Mensch, Bahnhöfe … wie sie ächzen, wie sie rackern, mit diesen kleinen Kacheln, ihren zarten geschwungenen Stahlträgern, ihren mitunter scharfen Kurven. Fetischcharakter. I love it!

In den letzten Monaten ­allerdings wird meine Liebes­beziehung zunehmend auf die Probe gestellt. Der HVV nämlich, knüpft sich die alten Bahnhöfe so richtig vor und stretcht, lackiert, gräbt und macht alles neu. Bis 2021 baut die Hamburger Hochbahn rund 95 Prozent ihrer 91 Haltestellen barrierefrei. Überall Wanderbaustellen, Skywalks mit Glasbrücken, Fahrstühle, erhöhte Bahnsteige und hochgestellte Dächer. Man will behindertengerechte und spektakuläre Nahverkehrsbahnhöfe … Barrierefrei, fein! Spektakulär – och, nö! Unsere Zukunft im Lackschuh von Hoheluftbrücke bis Lübecker Straße? Klingt ja ganz nice zuerst, aber dann kommt mein persönlicher Klopper:

MEIN U-BAHNHOF STERN­SCHANZE, ein Mekka an Bedeutungslosigkeit für viele, doch für Nutzgebäude-Liebhaberinnen wie mich, eines der süßesten Knuddelstücke überhaupt, soll abgerissen werden, falls es dem HVV zu teuer wird, ihm seine barrierefreie Gala-Robe anzulegen. „Diese Haltestelle hat einen extrem engen Kurvenradius, einen sehr schmalen Bahnsteig und eine niedrige Deckenhöhe“, sagt Hochbahnvorstand Lang im Abendblatt. Ja, natürlich, Herr Lang, der Bahnhof ist 106 Jahre alt. Die Treppen zum Bahnsteig sind eng, winkelig und klein dimensioniert; seine Decken niedrig, der Steig schmal. Es gibt nur einen einzigen, dafür sehr charmanten Nebenraum, der zum Verkauf von Backwaren benutzt wird und sich nicht für spektakuläre Shoplösungen eignet.

Aber der historische U-­BAHN­HOF STERNSCHANZE ist spektakulär süß, denn er ist viel kleiner als das spätklassizistische Gebäude des S-Bahnhofs Sternschanze – ehedem Schmuckstück und Sahneschnittchen der Hamburger Wallanlagen, dem ihre Veteranen von der Hamburger Hochbahn schon 1975 einfach die Rübe abrissen.

Und selbst, wenn hier niemals eine Fahrtreppe mit Orientierungshilfen für Menschen mit Sehbehinderung eingefügt werden kann, das Spektakuläre des süßen kleinen Bahnhofs bleibt. Er weist uns täglich in unsere Dimensionen zurück, er zeigt uns, dass die Schanze keine „Truman Show“-Kulisse ist, sondern nur eine bekömmliche Dosis an menschlicher Spezies verträgt und deshalb eher kleine Portionen Brötchen und Fahrgäste willkommen sind. Ein Abriss wäre nicht nur ein Vergehen an unserer Erinnerungskultur, sondern nimmt mir und uns einmal mehr ein geliebtes Kleinod mit sehr scharfen Kurven. Don’t do dat, Bro Lang!

Eure Raumsonde

Andrea


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie unter www.andrearothaug.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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