Curling: Schach auf dem Eis

Klein aber fein. Der Curling Club Hamburg e.V. ist mit 164 Mitgliedern der größte Curling Club in Deutschland
Sabine Belkofer-Kröhnert hat an Welt-  und Europameisterschaften teilgenommen, holte Platz 5 bei den Olympischen Winterspielen 2002 in Salt Lake City (USA) und ist seit 2022 Präsidentin des Curling Club Hamburgs
Sabine Belkofer-Kröhnert hat an Welt-  und Europameisterschaften teilgenommen, holte Platz 5 bei den Olympischen Winterspielen 2002 in Salt Lake City (USA) und ist seit 2022 Präsidentin des Curling Club Hamburgs (©Witters)

Hamburg und Wintersport – das klingt erst mal nach Nieselregen statt Neuschnee. Klar, in diesem Jahr war auf den verschneiten Wiesen tatsächlich der ein oder andere Langläufer zu entdecken. Aber Hamburg braucht weder Berge noch Pulverschnee, um Winterspiel-Gefühl zu erzeugen. Es gibt eine Sportart, die unabhängig vom Wetter funktioniert – und die regelmäßig alle vier Jahre bei den Olympischen Spielen einen kleinen Hype auslöst: Curling – das Schach auf dem Eis.

Alle, die schon mal auf dem Eis versucht haben, einen Stein abzugeben und vermutlich ab und zu auf dem Hosenboden gelandet sind, ahnen: Hier geht es nicht um gemütliches Schieben, sondern um Präzision, Strategie, Athletik, Koordination und Teamgeist – und um einen Sport, bei dem Zuschauende sehr schnell einen Zugang finden. Selbst Fans von alpinen Rennen oder am Eiskanal bleiben hängen, wenn Steine millimetergenau ins „Haus“ wandern, wenn Teams rechnen, taktieren, kommunizieren – und am Schluss das „End“ an einem einzigen, perfekt gesetzten Stein hängt.

Matthias „Matze“ Steiner mit HSB-Präsidentin Katharina von Kodolitsch (©Witters)

Ein echter Curling-Botschafter in Hamburg ist Matthias Steiner. Der Sportchef vom NDR Landesfunkhaus im Ruhestand, begeisterter Curler und Vizepräsident im Curling Club Hamburg, war bei den Olympischen und Paralympischen Spielen in Cortina dabei – und schwärmt: „Das war das Beste bisher, was ich gesehen habe. Gerade, wenn die italienischen Teams gespielt haben, war die Halle mit etwa 3.000 Fans voll und die Stimmung wie in einem Fußballstadion.“ Dieser olympische Funke ist längst über die Alpen hinweg an die Elbe gesprungen. „Wir haben bereits viele Anmeldungen, die bei uns Schnupperkurse machen wollen.“

Jugendarbeit und Betriebssport-Liga

Dass Curling in Hamburg so gut andockt, liegt auch an einer Besonderheit, die selbst viele Sportfans überrascht: Der Hamburger Curling Club ist der größte Club in Deutschland. Aktuell zählt er 164 Mitglieder mit steigender Tendenz. Ein Fundament dafür ist die gute Jugendarbeit und eine seit 10 Jahren bestehende Betriebssportliga mit 15 Teams. Und der Blick nach vorn zeigt: Curling wächst weiter. „Für das nächste Jahr stehen bereits drei neue Bewerbungen in den Startlöchern“, freut sich Steiner. Für den Verein ist das mehr als eine nette Zahl – es ist Entwicklung: „Aus diesem Betriebssport-Pool können wir auch viele Mitglieder generieren.“

Curling erfreut sich in Hamburg an extremer Beliebtheit (©Witters)

Mehr Menschen heißt aber auch: mehr Organisation, mehr Betreuung, mehr Hände. Denn beim Hamburger Curling Club läuft alles über das Ehrenamt – und das hat Grenzen. Steiner bringt es auf den Punkt: „Die Halle gehört zwar uns und steht immer zur Verfügung, aber leider ist das Personal endlich.“ Gerade im Nachwuchsbereich braucht es Kontinuität. Im Club übernehmen gute, erfahrene Spieler das Kinder- und Jugendtraining – und das scheint sich auszuzahlen: „Wir haben Rohdiamanten, die sind 14 und 15 Jahre alt und sind damit auf dem richtigen Weg.“ Trotzdem wären weitere Trainer*innen sehr willkommen.

Ein weiterer Vorteil in Hamburg: Die Halle in der Hagenbeckstraße wird ausschließlich für Curling genutzt, während viele Clubs anderswo auf Eishockey-Eis spielen müssen. Das macht einen riesigen Unterschied, nicht nur fürs Spielgefühl, sondern auch für Trainingsqualität und Planbarkeit. Und planbar ist hier eigentlich alles: Die Saison läuft von Oktober bis März – die Zeiten in der Woche sind voll durchgetaktet.

Rund um den Sport gibt es allerdings auch ganz praktische Hürden. Turniere finden oft nicht vor der Haustür statt – die meisten sind im Süden Deutschlands. Und: Reisekosten müssen selbst bezahlt werden. Das ist für viele Teams und Familien ein echter Faktor, gerade im Nachwuchsleistungssport. Curling hatte lange den Ruf, ein eher geschlossener Sport zu sein. Die Antwort aus Hamburg ist klar: Dieses Bild gehört der Vergangenheit an. Auf die Frage „Ist Curling ein elitärer Sport?“ heißt es offen: „Das war mal.“ Als der Curling Club 1969 in Hamburg gegründet wurde, ging es noch sehr elitär zu. Unternehmer aus der Hamburger Hafenszene wollten ein kleiner abgeschlossener Kreis bleiben. Und selbst später war das noch spürbar: Als Matthias Steiner 2002 anfing, wurde noch überlegt, wen man in den Kreis aufnehmen würde. Heute klingt das ganz anders: „Das hat sich total gewandelt. Wir sind ein ganz normaler Sportverein und freuen uns über alle neuen Mitglieder.“

Curling inklusiv

Während der Sport wächst, bleibt die Infrastruktur ein Thema – vor allem energetisch und perspektivisch auch inklusiv. Die Halle stammt aus den 70er Jahren, die Außenhaut wurde 2010 energetisch saniert. Mit finanzieller Unterstützung durch den Hamburger Sportbund (HSB) wurden alle Beleuchtungsmittel durch LED-Lampen ersetzt. Trotzdem steckt die große Herausforderung unter dem Eis: Da ist nur Sand. Das hat Folgen für den Verbrauch: „Wir kühlen im Grunde genommen in der Saison halb Eimsbüttel, da geht sehr viel Energie verloren.“ Deshalb schaut Steiner nach vorn – Richtung Sportpark Eimsbüttel, wo auch eine Curling-Fläche entstehen könnte. Steiner nennt es ein reines Zukunftsprojekt und spricht über mehrere Vorteile lieber im Konjunktiv: „Wir könnten extrem viel Energie einsparen, die Halle auch im Sommer für andere Sportarten nutzen und wir könnten die Fläche endlich barrierefrei bauen.“ Und hier wird Curling plötzlich mehr als Leistungssport – es wird ein Thema von Teilhabe. Steiner formuliert ein klares Ziel: „Ich möchte auch Rollstuhlcurling in Hamburg etablieren.“

Curling als Leistungssport

Eine weitere Perspektive steht zwar auch noch in den Sternen, Hamburg könnte aber auch eine Schlüsselrolle spielen. „Der Deutsche Curling Verband würde sein Bundesleistungszentrum unter Umständen sogar nach Hamburg verlegen“, sagt Steiner, „weil wir so gute Eisverhältnisse haben.“ Gleichzeitig bleibt die Frage offen: Wie soll das finanziert werden? Denn damit es für Athlet*innen bezahlbar wird, bräuchte es finanzielle Unterstützung. Die Stadt müsste Hunderttausende dazu geben. Dabei wäre ein Standort für den Leistungssport in der Großstadt Hamburg attraktiv – mit dualem Studium oder Ausbildung etc. Bis dahin stemmt der Club die laufenden Kosten aus eigener Kraft. „Die Energiekosten werden derzeit durch Mitgliedsbeiträgen, Schnupperkurse und Mitgliederspenden gezahlt. Wir kommen immer gerade so hin.“

Für Steiner geht es nach einem kurzen Break in Hamburg auch gleich schon wieder neben das Eis, diesmal zu den Paralympischen Spielen in Cortina. Unter anderem weitere Infos und Anregungen zum Rolli-Curling holen. Und weil wir gerade bei dem Thema sind: Er wünscht sich für Hamburg ein positives Voting für die Spiele. Das würde ein Boost für die Stadt und den gesamten Sport geben. „Da sehe ich mich nicht nur als Curler, sondern als Sportler.“

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