Eine tolle Idee vom Ernst Deutsch Theater, die Märchenkomödie „Der Drache“ von Jewgeni Schwarz aufzunehmen. Sein Drama hat eine Haltung, der Dramatiker hatte Rückgrat – leider fehlt in der Inszenierung beides. Von der großartigen, kritischen Parabel über ein Terrorregime und dem Duckmäusertum der Untertanen bleibt auf der Bühne vor allem Klamauk und eine stark verwässerte Message übrig. Als Schwarz sein Stück 1943 schrieb, konnten sich sowohl der Nationalsozialismus als auch der Stalinismus gemeint fühlen; nach einer ersten Aufführung in Moskau wurde „Der Drache“ umgehend abgesetzt. Denn in der Geschichte über eine Stadt, die von einem Untier ausgebeutet und in Angst gehalten wird, erkannten Sowjet-Funktionäre sich und das eigene System wieder: Menschen verzichten auf eigenständiges Denken, gehorchen stattdessen einem Drachen und dessen Schergen. Seit Jahrhunderten opfert sich jährlich ein Mädchen dem Monster – bis zu jenem Tag, als sich ein Fremder als Drachentöter anbietet. Doch statt den Helden zu feiern, will man ihn loswerden, notfalls durch Mord. Tatsächlich erwischt es das fiktive dreiköpfige Ungeheuer, das sich entsprechend in drei verschiedene Männer verwandeln kann, doch das System aus Dummheit und Korruption überlebt. Sich über Diktaturen lustig zu machen, ist eine bewährte Methode, sie zu entlarven. Im Stück von Jewgeni Schwarz steckt eine ganze Palette an scharfsinnigen Humor-Nuancen; dreidimensional auf der Bühne mutiert selbst feiner Witz durch völlig überzogene Karikaturen zum schlichtesten Schenkelklopfer. Mona Kraushaar entwarf das Konzept und sollte inszenieren, doch aus Krankheitsgründen übernahm Intendant Daniel Schütter die Regie des zweieinhalbstündigen Abends. Wahllos eingebaut erscheinen die teilweise platten Gags, die hier oder auch in einem beliebigen anderen Stück Lacher provozieren.
Theater
2. Februar 2026
Theaterkritik: Der Drache
‘Systemkritik ohne Biss’ findet unsere Redakteurin

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