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„Femme Fatale“: Sexistische Mythen entlarvt

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„Femme Fatale. Blick – Macht - Gender“, noch bis zum 10. April 2023 in der Hamburger Kunsthalle (©Ronja Güldner)

Die neuste Ausstellung „Femme Fatale. Blick – Macht – Gender“ der Hamburger Kunsthalle setzt sich kritisch mit der Darstellung von Frauen als die bösen Verführerinnen auseinander und macht damit auf den Sexismus im kunstgeschichtlichen Kanon aufmerksam

Text: Ronja Güldner

Im zweiten Stock der Galerie der Gegenwart lädt die Hamburger Kunsthalle mit der Ausstellung „Femme Fatale. Blick – Macht – Gender“ vom 09. Dezember bis zum 10. April 2023 dazu ein, Weiblichkeitskonstruktionen in der Kunst kritisch zu betrachten. Die von Dr. Markus Bertsch kuratierte Ausstellung beschäftigt sich mit dem Mythos der „Femme Fatale“, eine dämonisierende, sexualisierende und nicht selten auch sexistische Darstellung der Frau als die böse Verführerin des wehrlosen Mannes, der von ihr ins Unglück gestürzt wird. Die Ausstellung führt die Besucher:innen chronologisch durch die Genesis des Mythos seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart und ordnet diesen dabei stets kritisch ein und stellt Gegenwartsbezüge her.

Ein sexistischer Mythos entsteht und gedeiht

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Circe offering the cup to Ulysses, 1891, John William Waterhouse (©Gallery Oldham)

Die Ausstellung zeigt die Wandlungen und Transformationen der Darstellungen der „Femme Fatale“ über verschiedene Epochen hinweg: Beginnend bei der klassischen Darstellung, die von englischer Literatur, antiker Mythologie und biblischen Erzählung geprägt ist, über erste Kehrbilder, die die „Femme Fatale“ auf absurde Weise, aber nicht weniger abwertend darstellen. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts beziehen sich die Darstellungen dann auch zunehmend auf reale Personen. Künstlerinnen fangen an, sich selbst als „Femme Fatale“ darzustellen. So verschwimmen die Grenzen zwischen Projektion und Selbstinszenierung. Nach Jahrzehnten der Abwertung, Stereotypisierung und Erotisierung von Weiblichkeit entstehen mit den Künstler:innen der neuen Sachlichkeit erste Neuartikulationen des Frauenbildes, als emanzipierte Frau, die am politischen und sozialen Leben teilnimmt.

Neue Perspektiven liefern Gegenentwürfe

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Mann und Medusa, 1910–1914, Jeanne Mammen von der Stiftung Stadtmuseum Berlin (© VG Bild-Kunst, Bonn 2022 Reproduktion: Dorin Alexandru Ionita, Berlin)

Spätestens ab den 1960-Jahren wird die „Femme Fatale“ dann dekonstruiert. Arbeiten wie „Women Power“ von Maria Lassnig zeigen Frauen als mächtig, selbstbestimmt und weniger sexualisiert. Außerdem wird die Binärität von Geschlechtern in Frage gestellt und verabschiedet. Gegenwärtige Arbeiten von Betty Tompkins lassen die „Femme Fatale“ gänzlich zurück. Stattdessen setzten sie sich unter anderem mit #metoo-Bewegung auseinander oder setzen, wie Zandile Tshabalala, der weißen, von Männern erschaffenen „Femme Fatale“ etwas entgegen. „Femme Fatale. Blick – Macht – Gender“ in der Hamburger Kunsthalle endet schließlich mit viel Raum für kritische Stimmen von Gegenwartskünstler:innen.

Feministische Vermittlung und Begleitung der Ausstellung

Ein Großteil der Ausstellung zeigt die problematischen Weiblichkeitskonstruktionen rund um den Mythos „Femme Fatale“. Trotz der Gefahr der Reproduktionen dieses Mythos glaubt Dr. Andrea Weniger, Leiterin für Bildung und Vermittlung in der Hamburger Kunsthalle, „dass eine gute Vermittlung und Ausstellungskonzeption in der Lage sind die Bilder zu entlarven.“ Alle Medien der Ausstellung setzen sich deswegen auch kritisch mit den Darstellungen auseinander. So auch das Begleitheft der Ausstellung „Doing Feminism – with Art!“, das in Zusammenarbeit mit dem „Missy Magazine“ entwickelt wurde.

Konfrontation statt „Cancel Culture“

Dr. Alexander Klar, Direktor der Kunsthalle, erklärt, dass das Haus sich, angestoßen von der viel diskutierten Ausstellung #MakartNow, in den letzten Jahren zunehmend mit der Frage auseinandersetzt, wie mit einem männerdominierten, sexistischen Kanon der Kunstgeschichte umgegangen werden könne. Es ginge ihnen dabei allerdings nicht darum, „Cancel Culture“ zu betreiben und Bilder abzuhängen, sondern vielmehr darum sich mit den Geschlechterkonstruktionen und dem Sexismus auseinanderzusetzen. Auch der Kurator Dr. Markus Bertsch betont, es sei wichtig, sich mit der Blickordnung und beispielsweise der Sexualisierung und der Binarität früherer Werke auseinanderzusetzen und die Darstellung der „Femme Fatale“ dadurch angemessen zu kontextualisieren. Gerade in Krisenzeiten sei es wichtig, Dinge neu zu denken, sich wenn nötig von Altem zu verabschieden und nach vorne zu sehen.

Die Hamburger Kunsthalle zeigt Haltung

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Woman Power, 1979 von Maria Lassnig aus der ALBERTINA WIEN – The ESSL Collection (©Peter Kainz (Inv. EDLSB4306); VG Bild-Kunst, Bonn 2022)

„Ich finde es wichtig, dass man als öffentliche Einrichtung, das Thema Sexismus in der Kunst thematisiert und auch kritisch beleuchtet“, sagt Dr. Andrea Weniger. Dr. Markus Bertsch bemängelt darüber hinaus die konformistischen Züge innerhalb der  Kunstlandschaft und wünscht sich mehr Auseinandersetzung mit kritischen Themen. Damit meint er nicht nur das Thema Sexismus, sondern beispielsweise auch Kolonialismus. Der Kurator zeigt sich offen und plädiert für einen sensibleren Umgang miteinander. In dieser Ausstellung zeigt die Kunsthalle, dass sie der Gegenwart nicht hinterherhinken, sondern aktiv daran mitarbeiten wollen.

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