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Kristen Stewart als Lady Diana in „Spencer“

„Spencer“ ist ein fulminantes Psychogramm von Prinzessin Diana mit Kristen Stewart in der Hauptrolle – eine Kritik

Text: Anna Grillet

 

Sandringham, Dezember 1991. Ein Militärkonvoi hält vor dem königlichen Landsitz, Soldaten im Marschritt schleppen Richtung Küchentrakt, was in den nächsten drei Tage der Queen und ihrer Familie an Köstlichkeiten aufgetischt wird. Christmas bei den Royals verlangt maximale Disziplin, alle sind versammelt, nur Prinzessin Diana (grandios: Kristen Stewart) hat sich verspätet, und sie wird es immer wieder tun. Rebellion oder Angst? Ihre Ehe mit Charles ist auf dem Tiefpunkt angelangt. Der Zuschauer spürt vom ersten Moment an die Kälte, das Misstrauen, die Lady Di umgeben: bewacht, gegän­gelt, isoliert, der Lächerlichkeit preisgegeben.

 

Von Spencer zu Lady Di

 

Spencer, ihr Mädchenname steht für Identität, Selbstbestim­mung. Unweit von hier ist sie aufgewachsen. Die Vogelscheu­che auf dem Feld trägt noch die Jacke ihres Vaters. Bilder einer glücklichen Kindheit verdrän­gen oft die Gegenwart. Die Ver­zweifelte will heim, doch das ver­lassene Elternhaus ist verbarri­kadiert mit Stacheldraht wie eine Sperrzone.

Die Paranoia wächst, Lady Di glaubt zu ersticken, reißt sich beim Dinner das Perlencol­lier vom Hals, die Perlen kullern in die Suppe, sie schluckt sie be­tont gleichmütig hinunter. Die Kette ist das Weihnachtspräsent des Gatten, die Geliebte bekam die Gleiche. Dianas Perspektive wird zu unserer. Der Geist von Anne Boleyn verfolgt sie, jene Königin, geköpft wegen angeb­licher Untreue.

 

Wahnsinn auf Großleinwand

 

Regisseur Pablo Larraín be­freit die Protagonistin von ihrer Rolle als Prinzessin, eine Frau sein aus Fleisch und Blut, muss nicht um Sympathie buhlen, kann stör­risch sein, zornig, un­gerecht, nahe dem Wahnsinn. Sie darf sich verlieren, um sich dann neu zu definieren.

„Spencer“ ist das Gegenstück zu „Jackie“ (2016), ein mitreißendes Drama zwischen Fiktion und Realität, Horror, Sehnsucht und Satire: poetisch, bizarr, ästhe­tisch, überbordend an Assozia­tionen. Wie ein Pfauengefieder umgibt das Abendkleid die Pro­tagonistin, wenn sie sich kniend über der Toilette erbricht. Die endlosen Korridore erinnern an Kubricks „Shining“, nur für die königliche Familie ist sie, Dia­na, das Monster. Larraín schenkt ihr und den beiden Söhnen ein wundervoll opti­mistisches Finale.

„Spencer“, Regie: Pablo Larraín. Mit Kristen Stewart, Sally Hawkins, Timothy Spall. 111 Min. Ab dem 13. Januar 2022 in den Kinos.

 

Seht hier den Trailer zu „Spencer“:


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