Filmkritik: Blue Moon

Letzte Zuflucht: Tresen
Kein Mann von Größe: Ethan Hawke als Lorenz Hart neben Margaret Qualley
Kein Mann von Größe: Ethan Hawke als Lorenz Hart neben Margaret Qualley (© Sony Pictures Entertainment)

Ein singender Mann torkelt im Vollsuff durch strömenden Regen und kollabiert neben einer Mülltonne. Kurz darauf erliegt er im Krankenhaus einer Lungenembolie. „Singin’ in the Rain“, Desasterversion. Lorenz Hart (1895–1943), Sohn deutsch-jüdischer Immigranten, war Pionier der New Yorker Musical-Szene. In den Dreißigern schrieb er die Songtexte für Evergreens wie „My Funny Valentine“, „The Lady Is a Tramp“ oder das titelgebende „Blue Moon“. Sein Partner Richard Rodgers komponierte die Melodien dazu. Rodgers & Hart waren echte Big Player am Broadway. Die Mülltonnenszene bleibt der einzige Outdoor-Shot, der gesamte Rest der Handlung ist als Kammerspiel in der legendären Bar Sardi’s in Manhattan inszeniert. Hier fand am 31. März 1943, ein halbes Jahr vor Harts Tod, die Premierenfeier des Erfolgs-Musicals „Oklahoma!“ statt.

Das Filmplakat zu Blue Moon (©Sony Pictures et. al.)

Die Musik dazu stammt von Rodgers. Diesmal arbeitete er allerdings mit einem Ersatz-Songtexter, Harts ewige Alkoholexzesse waren nicht mehr tragbar. Der Duo-Split hindert den Geschassten aber nicht daran, als ungebetener Gast auf der Feier herumzugeistern. Der Anblick von Ethan Hawke mit Fake-Glatze und übergroßem Anzug ist erst einmal gewöhnungsbedürftig. Der echte Lorenz Hart war eher ein Zwerg, weshalb der stattliche Hauptdarsteller in vielen Einstellungen aus einer Off-Kamera-Mulde agiert, um neben seinen Mitstreitern als halber Meter durchzugehen. Dass Regisseur Richard Linklater ihn trotzdem unbedingt für die Rolle wollte, zahlt sich aber aus: Hawke liefert eine unvergessliche Performance. Der Film ist im Grunde ein einziger, nicht enden wollender Lorenz-Hart-Laberschwall. Mal in Zwiesprache mit einer viel zu jungen Angebeteten (super: Margaret Qualley), dann wieder im Gespräch mit dem abtrünnigen Rodgers (wie immer toll: Adam Scott) pendelt Hart unablässig zwischen Scharfzüngigkeit und Selbstmitleid. Ein in Auflösung begriffenes Genie feuert ein verzweifeltes Bonmot-Bombardement ab. Das ist nervig, übergriffig, zum Fremdschämen – und extrem unterhaltsam. 

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