Jafar Panahi ist ein Phänomen: Obwohl der unbequeme iranische Regisseur und Drehbuchautor in seiner Heimat unter Hausarrest gestellt, mit einem Berufsverbot belegt und zwischenzeitlich ins berüchtigte Evin-Gefängnis gesperrt wurde, dreht er im Geheimen unerschrocken weiter, übt fortlaufend Kritik an Politik und Gesellschaft. Auch sein neues, von eigenen Erfahrungen inspiriertes Werk „Ein einfacher Unfall“, der diesjährige Goldene-Palme-Gewinner in Cannes, entstand unter höchst schwierigen Bedingungen und wirft kein besonders positives Licht auf Panahis Geburtsland. Die Ausgangslage erinnert an Roman Polańskis um Schuld, Rache und Gerechtigkeit kreisende Bühnenadaption „Der Tod und das Mädchen“ (1994). Im Iran der Gegenwart trifft der Automechaniker Vahid durch Zufall auf einen Mann, der ihn mutmaßlich während eines Knastaufenthalts gefoltert hat. Seine spontane Reaktion: Er folgt ihm, kidnappt den vermeintlichen Peiniger und will ihn irgendwo im Nirgendwo lebendig begraben. Als dann aber leise Zweifel aufkommen, verfrachtet Vahid den Entführten kurzerhand wieder in seinen Lieferwagen.
„Ein einfacher Unfall“: Keine Sekunde langweilig
Der Beginn einer Odyssee, in die schon bald andere Ex-Gefangene verwickelt werden. Kann blutige Vergeltung erlittenes Leid lindern? Begibt man sich im Racheeifer auf eine Stufe mit dem Täter? Fragen wie diese stehen im Zentrum der Handlung, werden von Panahi jedoch nicht allzu tiefschürfend ergründet. „Ein einfacher Unfall“, als Thriller vermarktet, nimmt erstaunlich oft die Abzweigung zur absurden Komödie, in der die Beteiligten mit der Situation heillos überfordert sind. Das alles ist schwungvoll gespielt, abwechslungsreich inszeniert und keine Sekunde langweilig. Irgendwann fragt man sich allerdings schon, ob so viel Humor dem Thema wirklich angemessen ist. Den Schrecken des Foltertraumas vermittelt der Film jedenfalls weniger intensiv als das ähnlich gelagerte Spannungsstück „Die Schattenjäger“, das im März 2025 leider in den deutschen Kinos viel zu wenig Aufmerksamkeit bekam.
Hier gibt’s den Trailer zum Film:
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