Filmkritik: La Grazia

Ein Film über melancholische Reflexion, Identität, Verantwortung und mehr
Toni Servillo als italienischer Präsident in „La Grazia“
Toni Servillo als italienischer Präsident in „La Grazia“ (© Andrea Pirrello)

„La Grazia“: Zwischen politischer Verantwortung und persönlicher Einsamkeit

Das Ende der Amtszeit von Mariano De Santis (berührend: Toni Servillo) als Präsident der italienischen Republik rückt näher. Der katholische Jurist, Witwer und Einzelgänger muss über zwei Gnadengesuche entscheiden. Er grübelt, schiebt die Entscheidungen immer wieder hinaus. Persönliches und Politisches überschneiden sich. Die Trauer um seine vor acht Jahren verstorbene Frau Aurora quält ihn Tag für Tag, aber mehr noch die Tatsache, dass sie fremdgegangen ist und er nicht weiß, mit wem. Dieser Verrat hat seine Beziehung zu Macht und Vergebung erschüttert. Konflikte verbirgt er in seinem tiefsten Inneren. Diskretion wie auch seine unaufdringliche Eleganz sind längst unverzichtbarer Teil der Persönlichkeit geworden. Regisseur Paolo Sorrentino („La Grande Bellezza“) konzentriert sich auf die Verlorenheit des Protagonisten, die Kamera verwandelt in atemberaubenden Totalen die großen weitläufigen Räume des Amtssitzes zu düsteren Bastionen der Einsamkeit und formaler Strenge. Draußen beim offiziellen Empfang vor dem Quirinale-Palazzo beäugt De Santis misstrauisch, wie sich das betagte portugiesische Staatsoberhaupt bei strömendem Regen und Sturm über den roten Teppich schleppt, taumelt, stürzt. Tragik verkommt zur Farce, während der konservative Moralist sich sorgt, ob die Spuren des Alters auch ihn schon der Lächerlichkeit preisgegeben haben. Die Ironie ist dieses Mal sanfter, voller Wehmut, spürbar die respektvolle Zärtlichkeit für den alternden Helden. Ähnlich wie in „Ewige Jugend” besitzt die poetische Parabel bei aller Tragik eine unglaubliche Leichtigkeit.

Zeit, Schuld und Gnade: Die zentralen Themen in Sorrentinos „La Grazia“

Filmplakat zum Film „La Grazia“

In „La Grazia“ dreht es sich immer wieder um Zeit, jene, die unweigerlich verloren ist und jene, über die der Protagonist entscheiden muss – wie das von seiner Tochter Dorotea ausgearbeitete Gesetz über Sterbehilfe, ein für ihn fast unlösbares moralisches Dilemma. Die Frage „Wem gehören unsere Tage?“ zieht sich wie ein roter Faden durch Sorrentinos 15. Kinofilm. Mariano De Santis ist ein fiktiver Charakter im Gegensatz zu den auf realen Vorbildern basierenden Politsatiren wie „Il Divo – Der Göttliche“. Kostbar sind dem ehemaligen Richter die Momente der Freiheit, wenn er auf dem Dach des Palazzos mit Blick über Rom ungestört eine seiner geliebten Zigaretten rauchen kann. Abgesehen davon schwärmt er für den Gangsta-Rap von Gué, liebt das Strafrecht wie seine Kinder und findet am Ende in der Chefredakteurin von „Vogue“ eine wirkliche Vertraute. / Anna Grillet

Trailer zum Film: 

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Abonniere unser
"Heute in Hamburg"
Update per E-Mail oder WhatsApp!

Die spannendsten Events in der Stadt und das Neueste aus der Hamburger Gastro- und Kulturszene. Wir halten dich auf dem Laufenden. 😃

👉 Stattdessen via Messenger abonnieren

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Abonniere unseren Newsletter!

Erhalte jeden Tag die besten Empfehlungen für deine Freizeit in Hamburg.

Unsere Datenschutzbestimmungen findest du hier.

#wasistlosinhamburg
für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf