Gisela: „Mir schauen immer noch Männer hinterher“

„Gisela klingt so altmodisch, nenn mich lieber Gila oder Gisella. Das nehme ich mir mit 79 Jahren noch heraus. Wenn ich Glück habe, werde ich nächstes Jahr im September 80. Ich will ja nicht angeben, aber: ist das nicht großartig? Und ich kann immer noch Fahrrad fahren, spazieren gehen, treffe Freundinnen. Erst heute bin ich elf Kilometer aus Niendorf bis an die Alster geradelt, letztens war ich mit einer Freundin auf der Dachterrasse des St. George Hotels in der Langen Reihe. Da gibt es diese leckeren Drinks, dieses Orangene, Aperol oder wie das heißt. So lang ich solche Dinge machen kann, muss ich das doch alles noch ausnutzen, oder nicht?

Viele Bekannte in meinem Alter haben dafür nicht mehr die Kraft oder das Interesse, aber dann mache ich meine Spaziergänge und Touren eben alleine. Ich bin sowieso eine Einzelgängerin, wie meine Mutter es war. Ich lebe alleine, habe keine Kinder oder Enkelkinder. Und das ist okay so. Ich habe viel Freude an Dingen, die nicht jeder empfindet. Trotzdem gibt es natürlich auch Momente, die ich gerne teilen würde. Ich war 20 Jahre lang verheiratet und hatte später eine Beziehung mit einem Segler. Daher kann ich ganz gut segeln. Ansonsten bleibt davon nicht viel. Der eine hat getrunken, der andere hat sich irgendwann mehr für andere Frauen interessiert. So ist es nun mal. Und trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass da noch etwas für mich kommt – auch mit 79.

Dabei gibt es durchaus noch Männer, die mir hinterhergucken, das kannst du mir glauben. Aber das will ich dann meistens nicht. Ein paar Schmetterlinge sollten schon unterwegs sein. Wer weiß, vielleicht treffe ich ja heute jemanden auf dem Heimweg, der dann auf seinem Fahrrad an mir vorbeifährt und sagt: „Mensch, Sie sind ja flott unterwegs.“ Es kommt, wie es kommt. Und wenn das eine nicht geht, geht eben das andere. Ganz ehrlich: Wenn ich heute die Möglichkeit hätte, in meinem Leben in den letzten Jahren etwas anders zu machen, ich würde es nicht tun. Gut, vielleicht ein bisschen besser an der Börse spekulieren.“

/ Max Nölke

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