Hajusom e. V.:Widerstand in Bewegung 

Das Zentrum für transnationale Künste Hajusom e. V. ist weit mehr als nur ein Theaterprojekt. Es ist ein lebendiges Archiv von Fluchtgeschichten, ein Labor für ästhetische Innovation und ein kraftvolles politisches Statement. Seit über 25 Jahren
Hajusom e. V.: Das Zentrum für transnationale Künste im Bunker an der Feldstraße
Hajusom e. V.: Das Zentrum für transnationale Künste im Bunker an der Feldstraße (©Alexandra Polina)

In einer Welt, die oft von Grenzen, Papieren und Kategorisierungen geprägt ist, hat sich in Hamburg lange schon ein Ort etabliert, der diese Schranken konsequent unterläuft. Hajusom e. V., ein Zentrum für transnationale Künste. Es ist ein lebendiges Archiv von Fluchtgeschichten, ein Labor für ästhetische Innovation und ein kraftvolles politisches Statement. Seit über 25 Jahren beweist das Ensemble, dass Migration kein „Problem“ ist, das gelöst werden muss, sondern ein fundamentaler Bestandteil menschlicher Existenz, der die Kunst und die Gesellschaft bereichert.

Die Geschichte von Hajusom e. V. begann im Dezember 1998 mit einem Theater-Workshop. Drei junge Geflüchtete – Hatice, Jusef und Somid – suchten gemeinsam mit den Künstlerinnen Ella Huck und Dorothea Reinicke nach Ausdrucksformen für ihre Erlebnisse. Aus ihren Namen setzte sich das Akronym zusammen, das heute für eines der erfolgreichsten transnationalen Kunstprojekte Deutschlands steht. Was als Experiment mit 20 Jugendlichen begann, wuchs schnell zu einem professionellen Performance-Kollektiv heran, das unter anderem die Bühnen von Kampnagel eroberte. Hajusom e. V. ist Träger der Freien Jugendhilfe und Mitbegründerin des bundesweiten Netzwerkes Post-Heimat. Aus der Gruppe Hajusom wurde ein bundesweit anerkanntes Performance-Ensemble, mit dem über vierhundert junge Menschen mit und ohne Fluchterfahrung auf der Bühne standen.

Hajusom e. V.: Die Deutungshoheit über Themen wie Flucht, Rassismus und Identität zurückzugewinnen

Bilder einer Performance des Vereins Hajusom (©Alexandra Polina) 

Während in der Politik oft von Integration gesprochen wird, ein Begriff, der häufig eine Anpassung an eine dominante Mehrheitsgesellschaft impliziert, setzt Hajusom e. V. auf Transnationalität. Hier begegnen sich Menschen als Expertinnen und Experten ihrer eigenen Geschichte. Es geht darum, Sehgewohnheiten zu hinterfragen und die Deutungshoheit über Themen wie Flucht, Rassismus und Identität zurückzugewinnen.

Das Besondere an dem Verein ist die Verschränkung von hoher künstlerischer Qualität mit sozialem Empowerment. Die Produktionen sind komplexe, interdisziplinäre Kunstwerke. Sie verbinden Tanz, Musik, Video und Performance zu einer eigenen Ästhetik, die oft zwischen Humor, Ironie und tiefer Ernsthaftigkeit schwankt. In Stücken wie „Hajusom in Bollyland“ oder „Paradise Mastaz“ werden globale Machtverhältnisse und europäische Abschottungspolitik messerscharf seziert – und das stets mit einer beeindruckenden künstlerischen Präzision.

Im Verein Hajusom können sich auch Jugendliche mit und ohne Flucht- und Migrationshintergrund austauschen

Dieses Teamfoto entstand im Zusammenhang mit dem Projekt „Jajaja – Jump into the void“ das 2024 auf Kampnagel aufgeführt wurde (©Alexandra Polina) 

Über die Jahre ist der Verein zu einem generationsübergreifenden Netzwerk angewachsen. Ein fester Kern aus professionellen Performenden, die teilweise seit Jahrzehnten dabei sind, bilden das Gesicht von Hajusom e. V. nach außen und gastieren weltweit. Das LAB, der Nachwuchsbereich, bietet jungen Menschen einen geschützten Raum. In Gruppen wie „G. Connection“ (HipHop) oder „Mama Move“ (für junge Mütter und Kinder) können sie sich ohne Leistungsdruck ausprobieren.

In den Kursen und Workshops von Hajusom e. V. können Jugendliche und junge Erwachsene mit und ohne Flucht- oder Migrationshintergrund zusammenkommen, sich ausprobieren, experimentieren und wachsen: Hier werden Erlebnisse zu Texten, Gedanken zu Melodien und aus einer Laune heraus entstehen ganze Choreografien. Erfahrene Künstlerinnen und Künstler unterstützen die jungen Menschen dabei, künstlerische Werkzeuge wie Urban Dance, Gesang oder Videokunst zu entdecken und diese zum Ausdruck ihrer ganz eigenen Persönlichkeit werden zu lassen. Dieser partizipative Ansatz ermöglicht es den Teilnehmenden, sich fernab von Leistungsdruck in einem geschützten Rahmen künstlerisch zu entfalten und neue Perspektiven zu entwickeln.

In Workshops und Seminaren vermittelt der Verein seine Methoden zudem an Schulen und Universitäten. Gleichzeitig bietet das Mentoring-Programm praktische Unterstützung im Alltag – vom Umgang mit Behörden bis zur Ausbildungsplatzsuche. So ist eine Gemeinschaft entstanden, in der Wissen und Solidarität von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Der Verein Hajusom e. V. zeigt, dass Kunst die Kraft hat, politische Diskurse zu verschieben

Hajusom e. V. wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Innovationspreis Soziokultur, dem Max-Brauer-Preis und dem Preis der Initiative „The Power of the Arts“. Diese Ehrungen würdigen nicht nur die ästhetische Kraft der Arbeiten, sondern auch das modellhafte Konzept der kulturellen Teilhabe. In einer Zeit, in der Debatten über Migration oft von Angst und Ausgrenzung dominiert werden, bildet Hajusom e. V. ein notwendiges Gegengewicht. Die Bühne dient hier als utopischer Raum, in dem bereits gelebt wird, was in der Gesellschaft oft noch als unmöglich gilt: ein solidarisches Miteinander auf Augenhöhe, das Differenzen feiert, statt sie zu einebnen.

Der Verein zeigt, dass Kunst die Kraft hat, politische Diskurse zu verschieben. Für die Performenden ist es ein Ort der Selbstermächtigung; für das Publikum eine Einladung, die Welt durch andere Augen zu sehen. Wer eine Vorstellung von Hajusom e. V. besucht, erlebt eine Weltgesellschaft, die ihre Grenzen längst im Kopf überwunden hat. Das Projekt ist und bleibt damit ein unverzichtbarer Pfeiler der Hamburger Kulturlandschaft. 

Beheimatet ist der Verein Hajusom im Bunker an der Feldstraße 66 im 2. Stock (©Wolfgang Weiser / Unsplash)

Dieser Artikel ist zuerst in SZENE HAMBURG 03/26 erschienen. 

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