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Hau- und Stossfechten: Sport wie vor 200 Jahren

In Billstedt wird Hau- und Stossfechten nach einem Fechtbuch von 1838 unterrichtet. Eine absolute Nischensportart stellt sich vor

Text: Andrea Marunde

Der Regen, der am Abend auf das Dach tröpfelt, ist gut zu hören. Es ist leise in der Sporthalle der Grundschule Archenholzstraße in Billstedt. Konzentriert. Trainer Stefan Panek erklärt die einzelnen Grundtechniken, da werden Handgelenke bis zum Anschlag gedreht. Rechts, links, einen Fuß nach vorne setzen, in die Knie gehen. „Achtung, Stellung!“, ist das einzige, was immer wieder zu hören ist. Und ein wenig Stöhnen, wenn die Schultern endlich wieder zur Entspannung fallen gelassen werden dürfen.

Ein Schüler beschreibt seinen Zustand: „Der Schmerz wandert erst langsam in den Oberarm, dann in den Unterarm.“ Hier wird historisches Hau- und Stoßfechten unterrichtet, beim Verein ANNO 1838 – Hau = Stoßfechten e.V.. Theorie und Praxis liegen hier ganz nah beieinander. Denn gelehrt wird nach einem Fechtbuch von Franz Conrad Christmann, Professor der Fechtkunst, verfasst 1838 in Offenbach. Die Vorstellung vom Fluch der Karibik oder den drei Musketieren kann man da allerdings gleich vergessen. Da wird nicht über Tische, Stühle oder Schiffsplanken gefochten, martialisches Gebaren ist auch nicht angesagt.

„Natürlich sind wir eine absolute Nischensportart“

„Mit dem olympischen Sportfechten hat das auch nichts zu tun“, sagt Marcus Hampel, „hier wird ausschließlich Breitensport betrieben. Der Spaß ist, anhand eines Dokuments herauszulesen, wie man sich vor 200 Jahren in dem Bereich bewegt hat.“ Wichtig ist auch zu erwähnen: „Der Autor betont in dem Buch, dass Fechten auch für die Freizeit betrieben wird.“ Im Original heißt es: Körperertüchtigung wird klar von der Selbstverteidigung abgesetzt. „Natürlich sind wir eine absolute Nischensportart“, beschreibt der 46-Jährige seine Sorgen, was die Mitgliederanzahl angeht. 

„Mit dem olympischen Sportfechten hat das nichts zu tun, hier wird ausschließlich Breitensport betrieben.“

Marcus Hampel

Der Verein wurde 2014 gegründet und hat momentan 25 Mitglieder. Deswegen hat er sich an den Hamburger Sportbund gewendet. „Ich habe gelesen, dass der HSB eine Vereinsberatung zu verschiedenen Themen anbietet. Auch zum Thema Mitgliedergewinnung.“ Dabei ging es dem Verein aber nicht um Gelder. „Die Gruppen sind einfach viel zu klein, um allen Leistungsansprüchen gerecht zu werden“, beschreibt Hampel die Misere. „Die Gruppendynamik beginnt mit 5 Leuten, bei 7 geht den Trainern das Herz auf. Da kann man schon ganz anders trainieren.“ Von zweistelligen Gruppengrößen spricht man hier erst gar nicht.

Vereinsberatung beim HSB

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„Der Schmerz wandert erst langsam in den Oberarm, dann in den Unterarm“, denn das Säbel wiegt ganze 800 Gramm (Foto: Johannes Trostdorf)

„Die Beratung war da sehr hilfreich. Nach einer Bestandsaufnahme mit der Vereinsberaterin haben wir die Ratschläge des HSB selbst in die Hand genommen: Wir haben beispielsweise unsere Mitglieder befragt, was ihnen an der Sportart gefällt und wie sie uns gefunden haben, das werden wir noch auswerten.“ Die Homepage wurde aktualisiert und andere Kanäle zur Informationsverbreitung genutzt. Ein virtueller Gästeabend findet regelmäßig statt. „Vielleicht gehen wir auch mal bei älteren Sportfechtern wildern, die keine Lust mehr haben, Wettkämpfe zu bestreiten, ihre Kenntnisse hier bei uns einbringen und auch bereit sind, Neues zu lernen.“ Was dann noch in der Zukunft passiert – man wird sehen. Hampel selbst ist ganz zufällig an das historische Hau- und Stoßfechten gekommen. „Ein Kollege, damals in Mönchengladbach machte Säbelfechten. Im Lager, wo wir gerade arbeiteten, hat er mir einen Besenstil in die Hand gedrückt und wir haben gefochten.“

Auch bei Trainer Stefan Panek (26) war es eher eine zufällige Geschichte: „Auf dem Weg zur Uni habe ich einen ehemaligen Klassenkameraden getroffen, der Säbelfechten machte. Ich bin ein Fantasy-Fan, aber Sportfechten sah mir zu gekünstelt aus. Da bin ich dann mit zum Säbelfechten gegangen, dabeigeblieben und mache nun meine Übungsleiter-C-Ausbildung.

Angebote für Anfänger:innen

Nun hat ja nicht jeder einen Freund, der zum Säbelfechten geht und das schmackhaft macht. Dabei gehört, neben der Lust, eigentlich gar nicht viel dazu. “Wer zum Probetraining kommen möchte, bringt Sportbekleidung und Hallenschuhe mit“, sagt Panek. „Die restliche Ausrüstung für den Anfang, sprich: den Säbel und den Gürtel, stellen wir zur Verfügung“. Für Neueinsteiger:innen und erfahrene Fechter:innen wird ein Wochenende angeboten, an dem man von den Grundlagen bis zu den Umgangsformen das Säbelfechten kennenlernt.

Es gibt aber auch einen vierwöchigen Einsteigerkurs. Danach ist es grundlegend möglich, die Stellung, Paraden und acht Haupthiebe draufzuhaben und sich in einem freien Kampf zu behaupten. Der nächste Kurs startet am 5. September 2022. Keine Angst. Das Fechtbuch, mit rund 95 Paragraphen, bestehend aus Lektionen, Beschreibungen und Übungen ist keine Pflichtlektüre, sondern es soll eine Hilfestellung sein, aber: „Wir ermutigen die Mitglieder reinzugucken“, sagt Panek. „Ich selbst habe den Christmann aber auch noch nicht durch.“ Der Fechtprofessor wird`s verkraften. 


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