Hamburger Fußball: HSV versus St. Pauli

Warum man nicht beide Hamburger Vereine liebhaben kann. Oder doch?
Immer ordentlich Andrang: HSV-Fans kurz vor einem Heimspiel
Immer ordentlich Andrang: HSV-Fans kurz vor einem Heimspiel (©Erik Brandt-Höge)

Kürzlich sagte Hamburgs Sport- und Innensenator Andy Grote in seiner Rede auf dem Jahresempfang des Hamburger Fußball-Verbandes einen treffenden Satz: „Hamburg ist Deutschlands Fußball-Hauptstadt!“ Stimmt spätestens seit diesem Sommer absolut. Nicht München, nicht Berlin, nicht Frankfurt – nein, nur Hamburg darf sich über zwei Vereine in der Bundesliga freuen. Doch die meisten Fans des HSV und des FC St. Pauli würden diesen Zustand gerne schnell wieder ändern. Die Lösung: Der Stadtrivale möge bitte wieder absteigen.

Das Wappen des FC St. Pauli (©FC St- Pauli) 

Die Rivalität beider Fanlager fängt schon bei der Diskussion um Tradition an. Je nach Sichtweise ist der HSV 23 Jahre oder der FC St. Pauli neun Jahre älter. Der HSV beruft sich stets auf sein Gründungsjahr 1887, während der FC St. Pauli erst 1910 entstanden sei. Am Millerntor merkt man dazu gerne an, 1887 sei nur einer der HSV-Vorgängervereine, der SC Germania von 1887, gegründet worden. Der HSV selbst entstand als Fusion 1919 aus drei Vereinen, der FC St. Pauli in seiner heutigen Form eben schon 1910. Wer in seiner Historie mehr Titel gesammelt hat und darunter auch wirklich bedeutende wie die Deutsche Meisterschaft (sechsmal), den DFB-Pokal (dreimal) sowie den Europapokal der Pokalsieger (1977) und der Landesmeister (1983), ist zwar unumstritten.

Das Wappen des HSV (©HSV)

Die Antwort lautet: nur der HSV. Ergo wird ihr Verein laut HSV-Anhängern traditionell bedingt immer die Nummer eins der Stadt sein. Oder als Schlachtruf im Volksparkstadion gerne gesungen: „Die Nummer eins der Stadt werdet ihr nie – Scheiß St. Pauli!“ Aber die „Die Nummer eins der Stadt sind wir“-Vertreter in Braun-Weiß fühlen sich seit einiger Zeit trotzdem als Hamburgs sportlich bester Verein. Ihr Club stieg 2024 – zum sechsten Mal übrigens – in die Bundesliga auf, während der früher als unabsteigbar geltende Ex-Bundesliga-Dino HSV (wer erinnert sich noch an die Uhr?) noch eine siebte Saison in Liga zwei kickte. Außerdem war St. Pauli in den meisten Derbys gegen den HSV seit 2010 erfolgreicher, verbuchte sieben Siege bei vier Remis und vier Niederlagen. Jüngst wurde wieder am zweiten Spieltag der Bundesliga mit einem 2:0 im Volksparkstadion die Stadtmeisterschaft errungen. In einen ebenfalls wenig schmeichelhaften Fankurven-Schlachtruf übersetzt: „Schwarz, Weiß und Blau mag keine Sau, FC St. Pauli ist euer Super-GAU – der HSV ist scheiße!“

Über den Sportgedanken hinaus: Streit um Kapitalismus

Bleiben da noch Fragen offen? Klar, jede Menge. Denn egal, ob man sich sportlich vom Trophäenschrank oder von der Aktualität auf dem Rasen mehr beeindrucken lässt, wäre da ja noch der böse Kapitalismus. St. Paulis Positionierung ist klar. Der in den Medien stets als der „etwas andere Verein“ firmierende Club steht linksalternativ auf der guten Seite der Macht und verzichtet im kapitalistischen Fußball-Business auf ins Spiel blökende Stadionsprecher mit schrecklichen Animations-Vibes. Auch Eckbälle oder Freistöße werden nicht sponsorentechnisch an der Anzeigentafel vermarktet. Dazu grätscht der Club ständig dazwischen, wenn die Deutsche Fußball-Liga mal wieder den Einstieg von Investoren plant. St. Pauli ist also Fußball pur, eine Oase im deutschen Profifußball. Oder wie am Millerntor geschrieben steht: „St. Pauli ist die einzige Möglichkeit.“ Der durchaus nicht völlig unpolitische HSV, der als Verein mit seinen Fans sein Problem mit einigen rechten Sprücheklopfern in der Kurve Ende der 80er-Jahre sehr intensiv angegangen ist und diese erfolgreich aus dem Volksparkstadion verbannt hat, hält St. Paulis Darstellung für Quatsch. HSV-Fans betitelten den FC St. Pauli gerne als „Merchandising-Verein mit angeschlossener Fußballabteilung“.

St. Pauli ist also Fußball pur, eine Oase im deutschen Profifußball.

Motto: Wer angeblich antikapitalistisch denkt, soll nicht so viel Kohle mit Merchandising machen. Aus einem 2:1 gegen die Bayern ein „Weltpokalsiegerbesieger“-Trikot mit einem fiktiven Titel zu basteln und teuer an den Fan zu bringen, ist für HSV-Fans ebenso verlogen wie einst „Die Retter“-Kampagne, die St. Pauli 2002 vor der Insolvenz bewahrte. Da half Bürgermeister Ole von Beust beim Verkauf von Dauerkarten und Retter-Shirts wurden bei McDonald’s verkauft. Fans des Regionalligisten Altona 93 kreierten damals den Schlachtruf „St. Pauli, McDonald’s und die CDU“. HSV-Fans nickten begeistert. Auch HSV-Fans heißen nicht jede kommerzielle Entwicklung gut. Aber wer als Proficlub im Business dabei ist, sollte aus ihrer Sicht nicht künstlich in zwei Welten leben. Daher halten HSV-Fans antikapitalistische Vorgehensweisen des FC St. Pauli (zwei Beispiele: kein Verkauf des Stadionnamens, zehn Minuten vor Anpfiff keine Werbung im Stadion) für fadenscheinig.

Wer angeblich antikapitalistisch denkt, soll nicht so viel Kohle mit Merchandising machen.

St. Paulis Anhänger wiederum kultivieren die „Stachel im Fleisch“-Attitüde. Selbst ein Verein geblieben nennen sie die in eine Aktiengesellschaft ausgegliederte Profiabteilung des HSV genüsslich HSV AG. Einen Unternehmer wie den milliardenschweren, 88 Jahre alten Klaus Michael-Kühne, der sich immer wieder mal in die Vereinspolitik einmischte und unter anderem die Rechte am Namen Volksparkstadion gekauft hat, würden sie niemals als Geldgeber akzeptieren. Wobei St. Pauli in seiner Historie mit Heinz Weisener („Papa Heinz“) ja auch einen Präsidenten und Mäzen hatte, der patriarchalisch daherkam. Doch Pläne wie die 1990 präsentierte Idee eines multifunktionellen Sport Dome konnte Weisener gegen die sehr aktive St.-Pauli-Fanszene nicht durchsetzen.

Bei all den Differenzen: Im Kampf gegen Rechts vereint

Selbst im Musikgeschmack sind die Besuche des Volksparkstadions und des Millerntors zwei Welten. „Hells Bells“ von AC/DC versus „Wir sind der HSV“ von Abschlach beim Einlauf sowie beim Torjubel „Song 2“ von Blur versus „Always Hardcore“ von Scooter. Rockig und Indie-Punkig gegen Volksfeststimmung und Feierlaune. Stellt sich die Frage: Haben beide Fanlager eigentlich etwas gemeinsam? Gegen Nazis stellen sich beide. Die hartgesottenen Fans in beiden Kurven, vor allem die Allesfahrer, die auch auswärts dabei sind, sehen die Polizeimaßnahmen rund um Fußballspiele kritisch (die Polizei sieht das naturgemäß anders). Das war’s schon? Nein! Sowohl der HSV als auch der FC St. Pauli haben Hamburg schon unvergessliche sportliche Erlebnisse geschenkt und sind für den Ruf dieser Stadt mindestens so wichtig wie Elphi, Michel, Hafen und Alster zusammen. Und es gibt sie ja tatsächlich, diese Menschen, die beide Vereine mögen. „Weil ich Hamburger bin“ lautet die Begründung aus ihren Mündern. Einerseits haben sie recht. Andererseits: Gäbe es die Rivalität zwischen dem HSV und dem FC St. Pauli nicht, müsste man sie erfinden. In diesem Sinne: Viel Glück beim Bundesliga-Klassenerhalt in Deutschlands Fußball-Hauptstadt Hamburg!

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