Bestickte Textilien, riesige Wandteppiche, zarte Zeichnungen und bunte Gemälde, auf denen sich Körper, Objekte, teils ganze Städte oft mittels nur weniger Striche aus abstrakten Formen herausbilden: Die libanesische Künstlerin Huguette Caland fühlte sich zeitlebens in vielen Medien zu Hause – und widmete der Kunst ihr ganzes Sein. Wie eng ihr sechs Jahrzehnte umspannendes Kunstschaffen mit ihrer Biografie und dem Leben an sich verbunden war, zeigen derzeit die Deichtorhallen in der großen Retrospektive „A Life in a Few Lines“.
Beirut, Paris, Los Angeles: In chronologischer Ordnung zeichnet die Schau mit circa 300 Arbeiten Calands Wirken und künstlerische Entwicklung nach, die sichtbar geprägt war von den Menschen und Kulturen, die sie auf ihrem Lebensweg, der sich über den ganzen Globus erstreckte, kennenlernte. So erzählen viele Arbeiten des Frühwerks ab den 60er-Jahren von der Beschäftigung mit ihrer Herkunft und Familie, ob in Form von Porträts ihrer Eltern oder geometrischen Farbfigurationen, die etwa Kaslik, eine Stadt in der Nähe Beiruts, darstellen. Immer wieder nahm sie aber auch sich selbst als eine junge Frau auf Identitäts- und Sinnsuche in den Blick, mit einem unbändigen Freiheitsdrang und einem Gehör für den Lockruf der weiten Welt – dem sie sich 1970 auch hingab.
Huguette Caland künstlerische Reise

Caland zog nach Paris, wo auf sie viele alltagsbezogene Herausforderungen, aber auch sinnliche Abenteuer warteten. Im gleichen Jahr etwa malte sie ihr eigenes Gesicht frontal, mit leeren, weißen Augenpartien, im Zentrum zweier Kussmünder im Profil: „Ich, Mustafa und Paul“, so der Titel der anspielungsreichen Darstellung des Dreiecksgeflechts aus ihr selbst, ihrem Liebhaber und ihrem Ehemann. In Paris begann sie auch eine Serie von Körperteilen auf Leinwand zu bannen, in großen abstrakten Farbflächen, die in verführerisch minimalistischer Manier durch feine Schattierungen ein üppiges Volumen erhalten. Viele Zeichnungen aus der Zeit durchzieht eine gewisse Erotik, mal latent über angedeutete Körper, die einander umspielen, mal explizit über Aktdarstellungen, zum Teil nur des Intimbereiches. Nach einem Schicksalsschlag, dem Tod ihres damaligen Partners und Weggefährten George Apostu, einem rumänischen Bildhauer, siedelte sie Mitte der 80er-Jahre nach Kalifornien um – wo sich auch eine Veränderung im Werk bemerkbar machte, insbesondere durch die Auseinandersetzung mit popkulturellen Entwicklungen und gesellschaftlichen Konventionen, wie etwa in der 366-teiligen Serie „Geld macht nicht glücklich, aber es hilft sicherlich dabei“ von 1994-1995.
Eine Konstante blieb hingegen die gegenseitige Durchdringung von allem, was das Leben und damit auch den Tod betrifft, und ihrer Kunst zwischen abstrakten Formen und konkreten Körpern – Linie für Linie, Atemzug für Atemzug. In einer Notiz von 1990 brachte sie diese Verbindung selbst, wenn auch indirekt, mit nur wenigen Worten radikal auf den Punkt: „Das Leben ist konkret, weil wir zu einem Körper gehören. Es ist abstrakt, weil wir wissen, dass wir sterben werden. Mehr nicht.“
Dieser Text zuerst in der SZENE HAMBURG 03/26 erschienen.

