Inklusive Events: Die Partyrollers erobern Hamburgs Kulturszene

Die Partyrollers sind ein inklusives Teamprojekt, bei dem Menschen mit Beeinträchtigung in Workshops gezielt auf ihre Aufgaben im Party- und Festivalbetrieb vorbereitet werden
DIe Partyrollers bei der Planung von Hamburgs inklusiver Partyreihe im Zwick
DIe Partyrollers bei der Planung von Hamburgs inklusiver Partyreihe im Zwick (©ALIVE!KULTUR)

Beim Hafengeburtstag wurde dieses Jahr verstärkt auf Inklusion und Barrierefreiheit geachtet. Die Haupt­bühne des „An den Landungsbrücken Open Air“ wurde 2025 bereits zum dritten Mal von der Eventcrew MyDearCaptain kuratiert. Unter dem Motto „ALOA Inklusiv“ wurde der Sonntag von 12 bis 21 Uhr nicht nur barrierefrei, sondern auch von Menschen mit Beeinträchtigung aktiv mitgestaltet – auf, hinter und neben der Bühne. Möglich machten das der Verein Hilf Helfen Hamburg e. V. und ALIVE!KULTUR e. V., die gemeinsam mit einem inklusiven Team den gesamten Festivaltag stemmten – von der Technik über die Gastro bis zum Booking. Möglich machten das auch das Gemeinschaftsprojekt der Eventteams der Hafenrollers und der Partyrollers.

SZENE HAMBURG hat sich mit Vanessa Wilms, zum Interview getroffen. Sie arbeitet in der größ­ten Werkstatt Deutschlands für Menschen mit Beeinträchtigung, ist Leitung des ALIVE!­KULTUR e. V. und Gruppenleitung der Partyrollers.

Entstehung aus einer deutschlandweiten Kooperation: Die Geburtsstunde der Partyrollers

Vanessa, was ist die Idee hinter den Partyrollers?

Vanessa Wilms: Die Idee ist, Menschen mit Beeinträchtigung Arbeitsangebote im Kulturbereich zu eröffnen. Das Recht auf Selbstbestimmung aller Menschen, ob mit oder ohne Beeinträchtigung, ist im Grund­gesetz verankert. Das Recht auf Teilnahme am gesellschaftlichen Leben geht damit einher. Das setzen wir mit unserer Arbeit für den Kulturbereich um.

Es gibt offiziell zehn Millionen Menschen mit Beeinträchtigung in Deutschland. Auch heutzutage sind – insbesondere im Kultur­leben – viele Türen immer noch verschlossen. Das ändern wir gemeinsam. Bei uns können die Teilnehmenden kostenlos nach eigenen Interessen und Tempo das lernen, was sie wirklich interessiert und an der Seite von Profis in anleitende Rollen wachsen. Jeder einzelne in unserem Team ist eine große Bereicherung und trägt seinen Teil zum Erfolg der Partyrollers bei. Selbstwirksamkeit, eine starke Vertrauensbasis und Beziehungsebene sind tragende Pfeiler unserer Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigung.

Wir wollen, dass es endlich normal ist, dass ALLE auf Augenhöhe zusammen feiern. Egal, wer welche Besonderheit hat 

Vanessa Wilms, Leitung des ALIVE!KULTUR e. V.

Wie ist die Idee zu dem Projekt Partyrollers entstanden?

Die Partyrollers sind im Anschluss an eine sehr erfolgreiche Kooperation mit dem Verein Handiclapped Berlin, bei den deutschlandweiten Events namens „Inklusion rockt und rollt“, entstanden, nach welchem wir städteübergreifend weiter zusammenarbeiten wollten. Während des Lockdowns gab es einige digitale Bemühungen des Vereins Grenzen Sind Relativ e. V., neue inklusive Formate zu entwickeln. Über den digitalen Zusammenschluss haben wir die Spaceship-Inklusionsparty der Lebenshilfe Berlin kennengelernt. Wir haben uns gefragt, warum es so etwas nicht auch in Hamburg gibt und kurzerhand das Konzept aus Berlin mit den Worten „Macht was draus“ erhalten. In einem Team aus Menschen mit und ohne Beeinträchtigung konnten wir für Hamburg dann die Partyrollers entstehen lassen.“

Was für Aufgaben übernimmt das Team der Partyrollers bei Veranstaltungen?

Die Mitglieder der Partyrollers übernehmen zahlreiche Aufgaben in unterschiedlichsten Bereichen von Events. Das geht vom Cocktailmixen über die Organisation der Technik bis zur Musik-Akt-Planung. Ursprünglich waren zwei mit den Partyrollers durchgeführte Events pro Jahr in unserer Homebase, dem ZWICK St. Pauli, geplant. Der Erfolg war dann aber überwältigend. Nach den ersten Events kamen immer mehr Clubs und Veranstalter auf uns zu, sodass wir viel mehr gemacht haben und inzwischen die Partyrollers sogar anderen Vereinen und Veranstaltern helfen, ähnliche Projekte ins Leben zu rufen und größere, inklusive Events zu realisieren.

Bei welchen Veranstaltungen haben die Partyrollers bisher schon die Planung und Betreuung übernommen?

Die Partyrollers haben zum Beispiel mehrere Events und Konzerte im ZWICK St. Pauli organisiert und durchgeführt sowie einen Tag des Knust2Go Hammer Park Festivals, des Hafengeburtstags, Events zum Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Beeinträchtigung oder auch ein Wrestling-Event.

Hafenrollers mit den Partyrollers gemeinsam on Stage bei der Band Rudolf Rock & die Schocker beim Hafengeburtstag. Sängerin Susi Salm ist 2. Vorsitzende bei ALIVE!KULTUR. (©ALIVE!KULTUR)

Türen öffnen im Kulturbereich: Individualität ist eine Bereicherung   

Was läuft bei der Einarbeitung und Umsetzung eines inklusiven Partyservices vielleicht anders als bei Partyservices mit Menschen ohne Beeinträchtigung?

Wir halten uns in unserer Arbeit an päda­gogische Anwendungsmodelle und gehen dabei auf jede Art von Beeinträchtigung ein. Hierzu nutzen wir verschiedene Lernmodelle in Form von Piktogrammen, Videos oder Flipcharts, je nachdem, mit was unsere Mitglieder gut zurechtkommen. Im Vorfeld eines Events werden die Aufgaben nach individuellen Vorlieben und Stärken verteilt und im ZWICK St. Pauli geprobt. Ein Beispiel wäre das Cocktailmixen, bei dem die Gruppe selbst entscheidet, welche Drinks beim Event angeboten werden, und diese dann lernt zuzubereiten. Schon bei kleinsten Bestand­teilen wie den Eiswürfel wird deutlich, dass Besonderheiten in Bezug auf von der Norm abweichendem, individuellen Kälte- und Wärmeempfinden oder Klangempfinden bei Sehbeeinträchtigungen ins Gewicht fallen. 

Helft, wo es geht, und behandelt alle Menschen gleich! 

Vanessa Wilms, Leitung des ALIVE!KULTUR e. V.

Gab es Herausforderungen, die ihr gemeinsam im Team besonders gut gemeistert habt?

Wenn wir uns treffen, wird es immer besonders für uns. Wir sind so was wie eine große, bunte Kulturfamilie geworden. Herausforderungenn, die beispielsweise durch die Anforderungen der Veranstalter entstehen, können wir durch gute Planung wunderbar bewältigen. Am wichtigsten ist uns die selbstbestimmte Entscheidung der Menschen mit Beeinträchtigung in allen Bereichen.

Welche Wünsche habt ihr für die Zukunft der Partyrollers?

Wir wünschen uns barrierefreie Köpfe und dass die Menschen ihre Berührungsängste verlieren. Denn Vielfalt ist eine Stärke!

Wir sind zudem Kooperationspartner eines spannenden neuen Projekts: KIEZKLUSION von unserem Partnerverein Kinder und Jugend Hamburg e. V. Zusammen wollen wir ganz St. Pauli nach Vorbild der Partyrollers inklusiv machen, sodass sich alle überall willkommen fühlen, wie im ZWICK St. Pauli. Dort schmückt jetzt auch ein „inklusiver Betrieb“ Schild der Stadt Hamburg den Eingang. Wir sind stolz, beim Inklusionspreis der Stadt ausgezeichnet worden zu sein.

Neben unserer Inklusionsarbeit sind wir auch ehrenamtlich in vielen Notunterkünften aktiv, helfen den neu ankommenden Menschen bei den größten Sorgen und bieten kostenlose Freizeitprogramme und Ausflüge für die schutzsuchenden Kinder, die oft lange dort aushalten müssen und auf Schulplätze warten. Sie sind trotz der traumatischen Erlebnisse noch so positiv und dankbar für alles, was ihnen das Leben verschönert und ihnen die Sorgen des bedrückenden Alltags nimmt. Auch diese Menschen dürfen wir nicht im Stich lassen. In Hamburg halten wir zusammen! 

Wie kann man bei Interesse bei euch mit­machen? Können Leser das Projekt Party­rollers unabhängig von einer Mitarbeit unterstützen? Wenn ja, wie?

Bei unseren vielseitigen Projekten können alle lieben, kulturinteressierten Menschen mitmachen – egal, welche Besonderheit. Bei Interesse einfach eine Mail an info@alivekultur.de oder eine PM an Instagram.com/alivekultur. Ansonsten macht es uns nach und lebt Inklusion. Helft, wo es geht, und behandelt alle Menschen gleich!

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