Es ist Mitte Februar, Samstagvormittag 10 Uhr, der Schnee vor der Julius-Leber-Schule in Schnelsen ist mehr oder weniger geräumt. Lea ist 13 Jahre, es ist ihre Schule, hier geht sie in eine Integrationsklasse. Den Weg zur Sporthalle kennt sie im Schlaf, natürlich kommt sie da zum Training – trotz Schnee, und zu einer Zeit, wenn andere gerade ihre zweite Tasse Kaffee einschenken. Mit Lea haben es sich noch sieben Mitspielende nicht nehmen lassen ebenfalls dem Wetter zu trotzen. Obwohl heute beim Team von Freiwurf Hamburg Zirkeltraining auf dem Plan steht. „Das passt gut, wenn nicht so viele da sind, sagt Trainerin Stefanie Schulze. Normalerweise sind bis zu 20 Handballerinnen und Handballer in der Halle. Hier spielen Menschen gemeinsam – unabhängig von körperlichen oder geistigen Voraussetzungen, Alter oder Vorerfahrung.
Inklusiver Handball: Von der Idee zum Vorbild
Was 2010 als Gedanke einiger handballbegeisterter Trainierender startete, ist heute ein bundesweit anerkanntes Modell für inklusiven Vereinssport – fest verankert im Hamburger Handball und weit darüber hinaus. Bei Freiwurf Hamburg geht es nicht um „Sonderfälle“. Es geht um das Selbstverständliche. Da ist es eben auch völlig normal, dass bei der Ansage: „Heute machen wir Zirkeltraining“, einige Augen rollen und man hier und da Gestöhne hört. Lea freut sich derweil mega und ist an den Stationen beim Springen, Werfen, Seil schlagen oder bei den Situps immer vorne dabei. Grundsätzlich ist der Freudefaktor beim Training bei allen riesengroß. Die Trainerinnen und Trainer bilden für die unterschiedlichen Anforderungen einen Rahmen. „Schön und wichtig ist, dass von vorne herein niemand ausgeschlossen wird“, sagt Schulze, „es gibt keine Voraussetzungen.“
Es gibt auch eine offiziell vom Deutschen Handball-Bund (DHB) anerkannte inklusive Handball-Liga im regulären Spielbetrieb – seit 2013, von Freiwurf Hamburg organisiert. Seitdem treten jedes Jahr bis zu acht Teams aus Hamburger Sportvereinen gegeneinander an – mit offiziellem Schiedsgericht, festen Hallenzeiten und Ergebniserfassung wie in jeder anderen Liga. Gemeinsam mit dem DHB wurden gezielte, bundesweit gültige Regelergänzungen entwickelt.

Freiwurf Hamburg versteht sich bewusst nicht als isolierter Spezialverein, sondern als zentraler Knotenpunkt für inklusiven Handball in der Hansestadt. Unter diesem Dach haben bislang fünf Hamburger Sportvereine inklusive Handballteams aufgebaut. In diesen Mannschaften, die in den Vereinen FC St. Pauli, SVE Hamburg und Elmshorner HAT Bestandteil der Handballabteilung sind, bilden Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam ein Team. Trainierende werden fachlich und organisatorisch begleitet. „Uns ist wichtig, dass jeder, der Handball spielen will auch eine Plattform dafür bekommt“, Martin Wild ist Gründer und Vorstand der inklusiven Idee. „Wir wollen das Auffangbecken sein, für alle diejenigen, die irgendwo durch das Raster fallen.“
Ausgezeichnet, erforscht, bestätigt
Freiwurf Hamburg wurde über mehrere Jahre durch Forschungsgruppen der Universität Hamburg begleitet; mehr als 30 wissenschaftliche Arbeiten beleuchten Wirkung, Gelingensbedingungen und Übertragbarkeit des Modells. Dazu kommen Auszeichnungen – unter anderem der Sonderpreis der Bundeskanzlerin bei start social sowie die Ehrung durch den Hamburger Senat als „Wegbereiter der Inklusion“ oder der 2. Platz bei den Sternen des Sports auf Hamburger Ebene. Und selbst im Kontext der Hamburger Bewerbung um Olympische und Paralympische Sommerspiele 2024 tauchte Freiwurf Hamburg als Beispiel dafür auf, dass inklusive Sportstrukturen in Hamburg gelebt werden.
Die Freibeuter Hamburg: Rollstuhl-Handball mit Perspektive
Und wenn die Liga nicht schon ein Erfolg für sich wäre, gründete der Verein 2021 mit den „Freibeutern“ zudem das erste Rollstuhl-Handballteam. Entstanden aus einem offenen Turnierformat, wurde daraus in kurzer Zeit eine feste Trainings- und Wettkampfgruppe von Menschen zwischen 20 und 60 Jahren.
Auch hier kann jeder Erwachsene teilnehmen. Sport-Rollstühle werden gestellt – akquiriert aus Spenden oder Fördermitteln. Ausstellungsstücke oder ausrangierte Geräte wurden wieder aufgemotzt und mit Fahrrad- oder Gartenschläuchen als Prallschutz gepuffert. Aktuell stehen zehn Sportrollstühle zur Verfügung. Die Alexander-Otto-Sportstiftung, die im Rahmen der Olympia-Bewerbung Hamburgs mit dem Programm „104 Projekte für 104 Stadtteile“ gezielt Sportprojekte fördert, stellte nach einem Antrag der Freibeuter 20.000 Euro zur Verfügung. Davon können jetzt weitere vier bis fünf wettbewerbsfähige Rollstühle angeschafft werden.
Katrin (50) geht regelmäßig freitagsabends zum Training. Sie musste als „Fußgängerin“ auch erst den Umgang mit dem Rolli lernen: „Das Fahren an sich bekommt man relativ schnell hin, man muss das dann aber mit Ball koordiniert bekommen.“ Fangen und werfen können ist von Vorteil. Ein Wunsch für die Zukunft: Mindestens zwei Mannschaften zu haben – eine Freizeitgruppe und eine wettkampforientierte Gruppe. „Oftmals sind wir einen Tick zu wenig beim Training, um Spielsituationen richtig nachstellen zu können“, beschreibt Katrin die derzeitige Situation. Gespielt wird sechs gegen sechs. „Da wäre es schon super, wenn wir das dann auch wettkampfnah trainieren könnten.“
Apropos Wettkampf: Jährlich wird das Drei-Königs-Turnier ausgerichtet, das Rollstuhl-Handballerinnen und -Handballer aus ganz Deutschland nach Hamburg holt. In diesem Jahr findet das Turnier am 28. März, in der Halle am Landesleistungszentrum Handball, Eulenkamp 75 (11 bis 18 Uhr) statt. Zuschauen ist erlaubt. Und vielleicht kommt dann ja auch Lust auf mehr.
Alles zum inklusiven Handball bei Freiwurf Hamburg.

