Ali Shibly bringt Kindern das Mandolinenspielen bei Foto: Jakob Börner

Instrument statt Waffe

Im Kulturladen in St. Georg gibt es Deutschlands einziges Kindermandolinenorchester. Seit elf Jahren bringt Ali Shibly dort Kindern verschiedener Nationalitäten das Instrument näher.

Musik ist Ali Shiblys Hobby seit der Kindheit. Der Ira­ker träumte schon früh von einem Kinderorchester: „Nach dem Krieg herrschte ganz viel Chaos. Ich dachte mir: In je­dem Haus im Irak sollte lieber ein Musikinstrument statt einer Waffe sein.“ Es sollte allerdings noch ein paar Jahre dauern, bis er diesen Traum umsetzen konn­te. Zunächst zog es ihn nämlich nach Mazedonien, wo er Archi­tektur studierte und als Schau­spieler und Musiker arbeitete. 17 Jahre blieb er schließlich dort, bevor es ihn 1998 als Musiklehrer und Jugendbetreuer nach Ham­burg zog.
Hier musizieren heute im Kulturladen St. Georg 35 Kin­der und Jugendliche aus 14 verschiedenen Ländern, darunter auch zehn Flüchtlinge aus Sy­rien mit Ali. Sie lernen bei ihm Mandoline, Gitarre oder Per­kussion. Dass das Kinderorches­ter existiert, ist dabei einem Zu­fall zu verdanken. Ein Freund hatte den Musiker um Rat ge­fragt: Seine vier Kinder wollten ein Instrument lernen, wussten aber nicht welches. Ali schlug Mandoline vor, da sie – anders als die Gitarre – nur vier Seiten hat und so leichter zu erlernen ist. Was noch fehlte, war ein ge­eigneter Unterrichtsraum. Der Kulturladen St. Georg bot sich unter der Voraussetzung an, dass auch andere Kinder bei Ali das Musikinstrument lernen dürften.

,,Viele Kinder machen später im Profiorchester weiter – das macht mich sehr stolz“

„Danach entwickelte sich alles von selbst: Kinder brach­ten andere Kinder. Schnell wur­den wir eine große Gruppe“, er­zählt der Eppendorfer. Seit­dem wird unterrichtet, ganz un­kompliziert, jeden Samstag und Sonntag von 11 bis 15 Uhr. Das Angebot ist kostenlos und auch eine Anmeldung ist nicht nötig.Nach einer Weile wurde das Mandolinenorchester immer öfter zu Konzerten eingeladen, so wie jüngst zum einjährigen Geburtstag des Flüchtling-Magazins. Manchmal sind Auftritte auch weiter weg: 2009 war die Gruppe zum Beispiel in Ägypten. Die Konsulin von Ägypten hatte die Gruppe bei einem Konzert in der Uni Hamburg gesehen und sie kurzerhand zu einem Kinderfestival eingeladen. Drei Einladungen nach Dubai dagegen musste das Orchester allerdings ablehnen – während der Schulzeit sind solche Besuche nicht möglich.
Meist sind es Festivals und Veranstaltungen in Hamburg und Norddeutschland, auf denen das Orchester spielt. Gagen gibt es oft keine, wenn doch, dann fallen sie gering aus. Für das Orchester steht ohnehin der Spaß im Vordergrund. Die Stadt Hamburg belohnte Alis Arbeit 2012 mit dem Bürgerpreis für herausragendes Engagement in der Integrationsarbeit.

Ein Instrument kann bei Ali jeder lernen, egal wie alt, ob blutiger Anfänger oder eingerosteter Gelegenheitsspieler. Wer erst mal ausprobieren möchte, ob ein Instrument überhaupt etwas für einen ist, dem stellt Ali auch gerne eines zur Verfügung. Schließlich weiß der Iraker noch zu gut, wie sich die Sehnsucht nach einem Instrument anfühlt: „Ich wollte als Kind unbedingt ein Instrument haben, aber meine Eltern hatten kein Geld. Und es war auch schwer, einen Musiklehrer zu finden“, erinnert sich der 56-Jährige. Er selbst hat heute 15 Mandolinen, der Kulturladen zehn. Alis älteste Schülerin ist eine 57-jährige Witwe. Ihr Psychologe hatte ihr empfohlen, ein Instrument zu erlernen. Eine andere Schülerin von ihm studiert jetzt Musik, nachdem sie sechs Jahre bei Ali Mandoline lernte. Zwei weitere waren zehn Jahre dabei, musizieren heute professionell in Berlin und London. „Über 300 Kinder haben Mandoline bei mir gelernt. Viele machen später im Profiorchester weiter. Das macht mich sehr stolz.“

www.kulturladen.com/english-mandolinenorchester

Text: Melina Seiler 
Beitragsfoto: Jakob Börner


Als Ali Shibly 1998 nach Deutschland kam, gründete er sehr bald die Shiblyband. Das deutsch-arabische Gemeinschaftsprojekt macht Orientjazz und hat bereits drei Alben veröffentlicht. www.shiblyband.de

 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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