Reza Memari: „Was machen wir mit dem, was wir haben?“

Mit „Der letzte Walsänger“ verpasst der Regisseur dem Animationsfilm aus Deutschland einen neuen Boost. Ein Gespräch über Leidenschaft, Herausforderungen und die finanzstarke Konkurrenz aus den USA
Von tänzerischer Majestät vor tiefstehender Sonne: die animierten Meeressäuger von „Der letzte Walsänger“
Von tänzerischer Majestät vor tiefstehender Sonne: die animierten Meeressäuger von „Der letzte Walsänger“ (©Telescope Animation)

SZENE HAMBURG: Wie bist du dazu gekommen, Regisseur von Animationsfilmen zu werden?

Reza Memari: Ich war als Kind relativ introvertiert und habe sehr viel Zeit mit Videospielen, Kino und TV verbracht. Besonders Adventure-Games von Sierra und LucasArts mit exzellenten Storylines, klassische Achtzigerjahre-Hits wie „Star Wars“ und „E.T.“, Animationsfilme wie „Das Schwert im Stein“ und „König der Löwen“, aber auch Serien wie „Heidi“ und „Transformers“ haben meine Fantasie beflügelt und in mir den Traum aufkeimen lassen, auch einmal solche Geschichten zu erzählen.

Der Regisseur Reza Memari (©Marcus Höhn)

Konsequenterweise waren alle Filme, die du bisher als Regisseur umgesetzt hast, Familienfilme – Kinderfilme, wie man umgangssprachlich oft sagt. Bist du selbst noch Kind geblieben?

Absolut. Ich glaube, dass man diesen Job nur machen kann, wenn man sein inneres Kind noch griffbereit hat und sich wirklich von Herzen mit Filmen für die ganze Familie beschäftigen möchte. Gute Familienfilme zu machen ist die erzählerisch größte Herausforderung, denn man möchte ja bestenfalls alle Altersschichten begeistern. Das ist eine extrem schwere Aufgabe, weswegen die Amerikaner mit ihren unfassbar großen Budgets meistens auch so erfolgreich sind, weil sie ihre Stoffe mehrmals mit ihren Zielgruppen testen und immer wieder überarbeiten, bis die perfekte Mischung aus Humor, Action, Spannung und Gefühl für Groß und Klein erreicht ist.

Also ist es nur eine Frage des Geldes?

Nicht nur, auch eine Frage des Mutes der beteiligten Finanzierer, Sender und Förderer, denn immer wieder werden Animationsfilme zu bloßen Kinderfilmen herunterkategorisiert und somit unnötig verniedlicht. Nicht falsch verstehen: Kinderfilme sind wichtig und haben ihre eigene Zielgruppe, aber die Filme, die ich machen möchte, wollen breiter gehen und nicht nur Kinder ansprechen.

Animation: mehr als Kinderfilm 

Wie steht es generell um den Animationsfilm aus Deutschland?

Deutsche Animationsfilme sind technisch hochwertig und wirtschaftlich gesehen international sehr stark. Sie erscheinen weltweit in Kinos und bei Streamern, landen regelmäßig auf der Exporthitliste der deutschen Filmindustrie, weil sich Animation gut für andere Länder adaptieren lässt und Familienfilme sehr beliebt sind. Andererseits stehen wir vor großen Herausforderungen, denn das Publikum scheint sich immer mehr auf große, internationale Marken zu fokussieren – wenn es sich vor lauter Handys und Ablenkung überhaupt noch für lange Kinofilme interessiert –, an die wir mit unseren vergleichsweise kleinen Budgets kaum rankommen. Ab und zu passiert es auch, dass manche Kritiker deutsche Animation visuell mit Pixar und Disney vergleichen und abwerten, obwohl ihnen die Geschichte an sich gefällt. Das ist ein bisschen so, als würde man einen Indie-Film dafür kritisieren, dass er nicht aussieht wie ein Marvel-Blockbuster. Pixar hat das Zehnfache unseres Budgets, das ist bekannt. Die Frage sollte eher sein: Was machen wir mit dem, was wir haben? Ich will mit meinen Filmen zeigen, dass wir auch mit kleineren Budgets Originalstoffe herstellen können, die den Giganten trotzen.

Wie schwierig ist es hierzulande, einen Animationsfilm zu machen und ins Kino zu bekommen?

Sehr schwierig! (lacht) Ich würde sogar behaupten, dass Animationsfilmemachen die schwierigste Form des Filmemachens ist, nicht nur in der Herstellung, sondern auch in der Stoffentwicklung und Finanzierung. Was mich bei „Der letzte Walsänger“ überrascht hat: Wie schwer es trotz beachtlicher Unterstützung von Förderern und Sendern war, einen Verleiher zu finden, der noch für Originalstoffe offen ist, die nicht auf erfolgreichen Kinderbuchhits, Marken oder Stars basieren. Ich drücke alle Flossen und Daumen, dass unser Film vom Publikum gut angenommen wird, damit sich dieser Trend wieder wendet und mehr Originalstoffe eine Chance kriegen. Denn seien wir ehrlich: Wollen wir im Kino nur noch Prequels, Sequels und Spin-offs von den immer selben Marken sehen?

Um mehr Originalstoffe umzusetzen, hast du 2018 die Telescope Animation GmbH in Berlin gegründet. Woran habt ihr in den vergangenen acht Jahren vor allem gearbeitet?

Zuerst muss ich sagen: Hinter Telescope stehe nicht nur ich, sondern auch meine Geschäftspartnerin und enge Freundin Maite Woköck sowie ein megastarkes, engagiertes Team. So einen Buckelwal auf die große Leinwand zu hieven, braucht sehr viel Kraft, also haben wir seit unserer Gründung vor allem am „Walsänger“-Story-Universum gearbeitet, das ja nicht nur den Kinofilm umfasst, sondern auch in eine Fernsehserie mit 52 Episoden, ein digitales Kinderbuch und ein Videospiel mündet – und das mit einem zweiten Teil weitergeht, den ich aktuell schon mit meiner großartigen Co-Autorin Jytte-Merle Böhrnsen schreibe. Wir haben es aber auch geschafft, noch den wunderbaren 2D-Animationskurzfilm „Epifania“ der kolumbianischen Regisseurin Mila Useche zu machen und unser nächstes Action-Fantasy-Story-Universum „Children of Gaea“ zu starten, bei dem es um schamanische Teenager geht, die Mutter Erde vor Dämonen beschützen.

Filme gucken für den Umweltschutz: Jeder Kinobesuch hilft den Walen 

Filmplakat zu „Der letzte Walsänger“ (©Telescope)

Ihr habt beim „Walsänger“-Projekt also offenbar von Anfang an ganz groß gedacht. Warum?

Zum einen muss man heutzutage, wenn man mit einem Originalstoff gegen die großen Marken ankommen will, schon fast diesen transmedialen Weg gehen, denn es wird immer schwieriger, mit „nur“ einem originären Projekt nachhaltigen Erfolg zu haben. Andererseits wussten wir recht früh, dass wir mit unserem Grund-Set-up „Singende Wale, die die Ozeane magisch beschützen“ noch sehr viel mehr Geschichten erzählen können, auch weil die Meere schier unendliche Möglichkeiten und Geheimnisse bieten. Noch dazu sind Wale weltweit beliebt, und Animationsproduktionen, die in den Meeren stattfinden, erstaunlich rar.

Der Ozean ist einer der faszinierendsten Lebensräume, aber auch einer der gefährdetsten. Euch war von Anfang an wichtig, auch den Umweltschutzgedanken im Film aufzugreifen.

Weil gerade Wale und die Meere so gefährdet sind, wollte ich den Film nutzen, um Aufmerksamkeit für ihren Schutz zu schaffen. Roger Payne gelang das 1970 mit einer Schallplatte, die erstmals Walgesänge in die Öffentlichkeit brachte und eine globale Bewegung gegen den kommerziellen Walfang auslöste. Genauso möchte ich mit unserem Film Interesse am Schicksal dieser Tiere wecken. Den erhobenen Zeigefinger wollten wir aber unbedingt vermeiden, und so finden Umweltverschmutzung und Walbedrohung im Film zwar statt, aber auf unterschwellige Weise, die nicht belehrt. Der Blick ist grundsätzlich positiv und hoffnungsvoll, so schlecht es den Ozeanen auch geht. Und wir belassen es nicht bei Worten: Von jedem Kinoticket in Deutschland geht ein Teil an Whale & Dolphin Conservation (WDC), also hilft jeder Kinobesuch direkt den Walen und Meeren!

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