Jakob: „Wir rennen Problemen hinterher“

„Das Bild ist etwas abgedroschen, aber stell dir mal einen Löwen vor, der in einem Käfig lebt. Dem geht’s gut, er kriegt Futter, wird umsorgt und lebt passabel vor sich hin. Guckt er aber raus, wird er traurig, weil da so viel mehr ist. So habe ich mich jahrelang gefühlt. Ich war festangestellt, hab jeden Tag im Büro gesessen, gutes Geld verdient, aber irgendwann bin ich beinahe durchgedreht und musste raus. Das hatte schon Anflüge einer Depression. Dann habe ich meinen Koffer gepackt und bin zwei Jahre gereist, war in Afrika, Japan, Südkorea, Kambodscha, Italien und Österreich. Ich glaube, ich weiß seitdem, worauf es wirklich ankommt.

Natürlich brauchst du Geld, um dein Leben vernünftig leben zu können. Aber nicht, weil du dir damit dein Netflix-Abo oder ein Auto leisten kannst. Sondern weil Geld Zeit bedeutet. Und Zeit bedeutet Leben. Wenn ich Geld habe, ist das für mich die Möglichkeit, meine Zeit gut zu nutzen, zu verreisen und schöne Dinge zu erleben.

Seitdem ich im März von meiner Reise zurückgekommen bin, arbeite ich wieder in Festanstellung. Und das ist okay so. Meine Freundin und ich haben geplant, noch eineinhalb Jahre richtig zu ackern und dann nach Afrika zu reisen, um dort eine Zeit zu leben. Da ist das Leben so viel einfacher, obwohl es so viel schwieriger ist. Das klingt paradox, ne? Es ist aber so. Wir rennen hier Problemen hinterher und wenn wir keine haben, dann suchen wir uns welche, weil alles immer perfekt sein muss. Ich denke mir auch, es geht immer noch ein Stückchen besser. Und in Afrika sind die Menschen glücklich mit dem, was sie haben und nicht unglücklich wegen dem, was sie nicht haben.

Die Menschen dort teilen ihre Freude. Hier bei uns teilt niemand etwas. Versuch mal, dir das Fahrrad deines Nachbarn zu leihen – der guckt dich dumm an. Ganz ehrlich: Es ist nicht besser, alles zu haben.

Wie du merkst, habe ich einen krassen Prozess hinter mir und unheimlich viel über mich gelernt. Du kannst Geld natürlich in Aktien investieren, kannst es aber auch in dich selbst investieren und reisen gehen – so wie ich. Dieses Erlebnis sich 35 Stunden in ein Flugzeug zu setzen, irgendwo hinzufliegen, dort auszusteigen und alles um dich herum ist neu: Das kann dir keiner nehmen. Ich könnte heute meinen Koffer packen und wieder abhauen.

Aber erstmal möchte ich mehr Zeit mit meiner Familie verbringen. Das habe ich in der Vergangenheit ziemlich schleifen lassen, habe nur gearbeitet, war ständig genervt von meiner Familie und habe irgendwie immer Streit gesucht. Mittlerweile bin ich gechillter und weiß, wie dumm das alles war.“

/ Max Nölke


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