SZENE HAMBURG: Jegana, du bist 1992 in Jekaterinburg in Russland geboren, lebst aber seit vorletztem Jahr in Hamburg. Es stand zu lesen, dass du „gezwungen warst, Russland zu verlassen“ – inwiefern?
Jegana Dschabbarowa: Aufgrund meiner politischen Ansichten – insbesondere meiner Ablehnung des Krieges – und meines Engagements in feministischen und dekolonialen Projekten wurde es für mich zu gefährlich: Ich habe Morddrohungen erhalten; diverse Kriegsbefürworter haben versucht, alle meine Konten zu hacken, und schließlich hat eine mir unbekannte internationale orthodoxe Organisation Anzeige gegen mich bei allen wichtigen russischen Sicherheitsbehörden erstattet. Anwälte und Menschenrechtsverteidiger, die mit meinem Fall vertraut waren, haben mir geraten, so schnell wie möglich das Land zu verlassen. Hamburg war keine bewusste Entscheidung meinerseits; die Stadt hat gewissermaßen mich gewählt. Es war der Ort, der mir mit meinem humanitären Visum zugewiesen wurde.
Man darf wohl annehmen, dass sich dein Leben seither stark verändert hat.
Ja, und zwar radikal – von zehn Monaten in einem Containerlager für Geflüchtete bis hin zum kompletten Erlernen der deutschen Sprache. Dank der Unterstützung der sozialen Organisation Abrigo haben wir aber endlich eine Wohnung gefunden, unsere Katze mit nach Hause genommen und versuchen nun, wieder ein Gefühl von Normalität zu entwickeln. Die Erfahrung der Obdachlosigkeit war zutiefst traumatisch, ebenso wie die Unfähigkeit, die Sprache zu sprechen. Die Sprachbarriere macht einen extrem verletzlich; es fühlt sich an, als könnte man seine Gedanken nie wieder vollständig ausdrücken.

„Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt“ ist dein Debütroman. Verkürzt zusammengefasst geht es darin um eine junge Frau, die in einer konservativen, patriarchalen aserbaidschanisch-russischen Community aufwächst, gegen gesellschaftliche Zwänge ankämpft, mit Krankheit konfrontiert wird und ihren eigenen Körper und ihre Stimme erobert. Wie viel Autobiografisches steckt da drin?
Viel. Das liegt in der organischen Natur meines Schreibens. Ich glaube auch nicht, dass sich Literatur vollständig vom Leben lösen kann; selbst Belletristikautor:innen verweben, bewusst oder unbewusst, Teile ihrer eigenen Erfahrung in ihre Werke. In meinem Fall scheint das reale Leben fast durch die Erzählung hindurch. Ich denke, das hängt damit zusammen, dass ich ein Trickster bin – jemand, dessen Subjektivität oft geleugnet wurde. In gewisser Weise wird mein Körper selbst zum Beweis meiner Existenz für eine Welt, die mich ständig auszulöschen versucht.
Die Sprachbarriere macht einen extrem verletzlich; es fühlt sich an, als könnte man seine Gedanken nie wieder vollständig ausdrücken.
Jegana Dschabbarowa
Gewalt (an Frauen): keiner Kultur inhärent, sondern immer eine Form von Macht
Bereits im ersten Absatz deines Buches steht: „Das wichtigste Ereignis im Leben eines jeden aserbaidschanischen Mädchens ist zweifellos die Hochzeit, nur sie schenkt einem das Recht auf Veränderung, selbst wenn Allah diese Veränderung missbilligt.“ Da steckt nicht nur drin, dass die Religion es verbietet, seinen Körper zu verändern, sondern auch, dass das erst recht nicht ohne Zustimmung eines Mannes geschehen darf. Als aserbaidschanische Frau steht man also stets unter der Knute, darf nie selbst entscheiden. Wann hast du zum ersten Mal mitbekommen, dass Frauen anderswo auf der Welt mehr Freiheiten haben?
Ich kann nicht für alle aserbaidschanischen Frauen sprechen, nur über Situationen, die ich persönlich miterlebt und beobachtet habe. Ich glaube, dass die Stellung der Frau stark vom politischen System und den Mechanismen der Machtausübung abhängt: Je autoritärer das Regime, desto wahrscheinlicher ist es, dass Frauen zu den Ersten gehören, deren Rechte beschnitten werden. Das zeigt sich deutlich im heutigen Russland, wo die Möglichkeit zur Abtreibungen zunehmend schwindet und Frauen lediglich als Gebärmaschinen behandelt werden. Aber das Verständnis von Freiheit ist eben auch relativ. In manchen Kontexten mag das, was uns als Unterdrückung erscheint, von den Menschen innerhalb dieses kulturellen oder politischen Rahmens nicht so empfunden werden. Ein eindrückliches Beispiel ist der Hidschab als politische Geste des Widerstands gegen koloniale Gewalt in Algerien.
In deinem Buch beschreibst du den weiblichen Körper als „Austragungsort sozialer Unterdrückung“. Wann ist dir das zum ersten Mal bewusst geworden?
Mir wurde schon früh im Leben bewusst, dass Frauen viel häufiger Kontrolle und Unterdrückung ausgesetzt sind – auch in meiner eigenen Familie. In meiner Jugend, als die Anzahl der mir auferlegten Verhaltensbeschränkungen drastisch zugenommen hat, habe ich angefangen, mich intensiver damit auseinanderzusetzen. Oft wird behauptet, Gewalt sei eine Frage der „Tradition“, doch in Wirklichkeit ist Gewalt keiner Kultur inhärent. Sie ist immer eine Form von Macht.
Frauen, die sich kritisch über konservative, patriarchale und/oder muslimische Denk- und Lebensweisen äußern, haben häufig mit heftiger Kritik bis hin zu Diffamierungen und Drohungen aus eben jenen Reihen zu kämpfen. Warst du auch schon Opfer dessen?
Ja – eine extrem traumatische Erfahrung. Ich wurde gleichzeitig von mehreren Gruppen belästigt und bedroht: von rechtsextremen Nationalisten, Kriegsbefürwortern und Mitgliedern der aserbaidschanischen Diaspora. Unter ständiger Bedrohung zu leben, ist heftig; irgendwann verliert man jedes Sicherheitsgefühl, man hat Angst, das Haus zu verlassen, Angst vor anderen Menschen und Fremden. Ich habe mich von dieser Erfahrung noch immer nicht vollständig erholt.
Mir wurde schon früh im Leben bewusst, dass Frauen viel häufiger Kontrolle und Unterdrückung ausgesetzt sind
Jegana Dschabbarowa
Andererseits gibt es bestimmt auch viele Mädchen und Frauen, denen du damit aus der Seele geschrieben hast, die sich darin wiederfinden – und auch Leute, denen du hinsichtlich dieser Unterdrückung möglicherweise die Augen geöffnet hast. Wie sah das Feedback dahingehend bisher aus?
Ich weiß, dass dieses Buch für viele Frauen aus Aserbaidschan, Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan und anderen Ländern von großer Bedeutung geworden ist – und das berührt mich jedes Mal zutiefst. Ich erhalte viele Nachrichten und Briefe von Leserinnen, lese sie alle und bin sehr dankbar dafür.
Du hast nun den Hamburger Literaturpreis gewonnen. Welche Bedeutung hat der Gewinn dieses Preises für dich?
Als ich den Anruf des Hamburger Preiskomitees erhalten habe, konnte ich es zunächst gar nicht fassen. Nach dem Gespräch bin ich in Freudentränen ausgebrochen. Diese Auszeichnung bedeutet mir unglaublich viel, zumal sie mich gewissermaßen als Schriftstellerin bestätigt. Migration ist immer ein beängstigender Neubeginn; in gewisser Weise verlieren wir alles und werden zu Geistern. Einst voll entwickelte Persönlichkeiten, existieren wir nur noch als Schatten und müssen uns von Grund auf neu erschaffen. Meine Identität als Schriftstellerin ist für mich ungemein wichtig, und diese Auszeichnung erinnert mich daran, dass ich auch in diesen schwierigen Zeiten immer noch Schriftstellerin bin. Für mich gleicht diese Anerkennung meiner Arbeit einem Wunder. Und ich bin froh, dass selbst in unserer chaotischen und kriegsgeplagten Welt noch Wunder geschehen.

