Die Bretter, die die Welt bedeuten, sind am Ohnsorg-Theater aus Schellack. Denn die Drehbühne hat sich in einen rotierenden Plattenteller verwandelt, darüber hängt ein gigantischer Grammophontrichter, der bei Bedarf auch als Projektionsfläche dient (Bühne: Yvonne Marcour). In dieser schon an sich beredten Szenerie erzählt die Revue „Jungs vun de Waterkant“, geschrieben und inszeniert von Ingo Putz, die bewegten Biografien der Gebrüder Wolf: jener Hamburger Ausnahme-Gesangshumoristen, die mit ihren volkstümlichen Couplets und Döntjes von 1895 bis 1933 äußerst erfolgreich waren.
Live begleitet von der Band Mahoin (Saxofon, Tuba, Akkordeon und Schlagzeug), die sich am Rand der Bühne mit ihr dreht, machen Stephan Möller-Titel als Ludwig Wolf sowie Jannik Nowak als Leopold Wolf und später als dessen Sohn James Iwan Wolf ihre gesangskünstlerische Sache sehr gut. Mit viel Witz und Charme intonieren sie ein Dutzend Hamburg-Hits von „Snuten un Poten“ über „Twüschen Elvchaussee un Stadtparksee“ und „Im Himmel ist’s herrlich“ bis „An de Eck steiht ’n Jung mit ’n Tüdelband“; Satire ist immer inklusive.
Zwischen Heiterkeit und Verfolgung: Humor als Überlebenskunst
Dazwischen werden Episoden aus den Künstlerleben beschwingt und dynamisch von Rabea Lübbe und Caroline Kiesewetter geschildert, die auch weitere Rollen übernehmen. Unter anderem tritt Lübbe beängstigend überzeugend als Gestapo-Beamter auf, der die Lieder der Brüder zum Deutschen Volksgut erklärt: Damit ist den jüdischen Schlachtersöhnen aus der Neustadt, die am Spielbudenplatz ein Operettenhaus besaßen, die Darbietung der eigenen Werke ab 1933 untersagt. Putz hält im Stück gekonnt die Waage zwischen unbeschwerter Heiterkeit und zeitbedingter Düsternis. Auch angesichts des Ersten Weltkriegs und des in den 1920er-Jahren erstarkenden Antisemitismus feiern die Gebrüder Wolf den Humor, der zum Garant wird für Würde und Menschlichkeit. / Julika Pohle
Hoffmanns Erzählungen
Fest der Stimmen und der FantasieDicht gedrängt sitzt und steht das Publikum im Bistro des Allee Theaters. Der ovale Tresen in der Mittes des Raums gehört zu Kathrin Keglers Bühnenbild, denn den ersten Akt seiner Inszenierung von Jacques Offenbachs fantastischer Oper „Hoffmanns Erzählungen“ lässt Intendant Marius Adam außerhalb des Zuschauerraums spielen. Tenor Berus Komarschela ertränkt hier als Dichter Hoffmann die unerfüllte Liebe zu vier Frauen und seine künstlerische Schaffenskrise im Alkohol, während seine Saufkumpane ihm sangesfreudig zuprosten. Der unsympathische Graf Lindorf entpuppt sich indes als Hoffmanns Rivale in amourösen Dingen. Als durchtriebener Teufel mit markerschütterndem Bass-Bariton wird Titus Witt noch in drei weiteren diabolischen Personifikationen an diesem Abend für Unbehagen sorgen. Umzug in den Theatersaal, wo ein Zerrspiegel an der Decke, perspektivische Verschiebungen und ein seitlich des Zuschauerraums eingerichteter Arkadengang die Traumwelt eröffnen, in der Hoffmann seine gescheiterten Liebesabenteuer memoriert. Begleitet wird er von seiner Muse in Gestalt des Niklas (mit flexiblem Mezzosopran: Feline Knabe), die ihn von seinen Qualen erlösen und wieder auf die Seite der Kunst ziehen möchte. Für wahre Glückmomente sorgt indes der prachtvoll strahlende Sopran von Luminita Andrei, die nicht nur als ferngesteuerte Puppe Olympia die Zielpunkte ihrer Koloraturen treffsicher ansteuert, sondern auch in den Rollen der todkranken Sängerin Antonia und der Kurtisane Giulietta die Emotionen auflodern lässt. Ettore Prandi hat als musikalischer Leiter Offenbachs rauschhafte Orchesterpartitur klug für sechs Musizierende eingerichtet, während Marie-Theres Cramers genderfluide Kostüme das fantastische Element ebenso aufgreifen, wie den Humor, der – trotz aller Dramatik – diesen kurzweiligen dreistündigen Abend auszeichnet. / Sören Ingwersen
Der Überläufer
Pflicht oder Gewissen?Sommer 1944: Wehrmachtssoldat Walter Proska überlebt als Einziger die Explosion eines Zuges an der bereits bröckelnden deutschen Ostfront. Ein Trupp von sechs Soldaten, der die Eisenbahnstrecke sichern soll, nimmt ihn auf, geführt von einem schikanösen Unteroffizier. Das ist die Ausgangslage in Siegfried Lenz’ 2016 posthum entdeckten Roman „Der Überläufer“, der jetzt in einer Bearbeitung fürs Theater von Axel Schneider von Kai Hufnagel an den Hamburger Kammerspielen inszeniert wurde. Die Landser haben in der sumpfigen Gegend mit polnischen Partisanen und Stechmücken zu kämpfen, finden Abwechslung im nahen See. Proska und Wolfgang „Milchbrötchen“ Kürschner sprechen über ihre Rolle in diesem Krieg: Steht Pflichterfüllung über dem eigenen Gewissen? Sie sind sich sicher: Entscheidungen bleiben auch im Krieg „die Sache des Einzelnen“. Milchbrötchen läuft zu den Partisanen über. Nachdem Proska mit den anderen von den Partisanen festgenommen wird, wird auch er zum Überläufer, versucht deutsche Soldaten an der Front per Lautsprecher zum Überlaufen zu bewegen, trifft die Partisanin Wanda wieder, in die er sich verliebt hat. Bis dahin gelingt es Hufnagel, auf von Metall dominierter Bühne – Fässer, Stangen ein Podest – den Roman mit schnellen Rollenwechseln des sehr guten Ensembles in kurzen Szenen überzeugend zu erzählen. Dann wird’s rasant. Im Schnelldurchlauf erleben wir Proska nun als zunehmend renitenten DDR-Funktionär, der schließlich gemeinsam mit einer Frau in den Westen flieht: minikurze Szene unterbrochen von unzähligen Blackouts, gefühlt per Wimpernschlag. Da ist es wieder: das Problem, einen Roman auf die Bühne zu bringen. Dabei könnte die nur knapp zweistündige Inszenierung angesichts der Aktualität des Themas durchaus etwas mehr Länge vertragen. / Christian Hanke

