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„Die meisten von uns kämpfen mit der Liebe“

Katja Lewina hat sich aktiv und intensiv mit den zehn wichtigsten Ex-Partnern ihres Lebens auseinandergesetzt und mit „Ex“ ein sehr aufschlussreiches Buch darüber geschrieben

Interview: Daniel Schieferdecker

 

SZENE HAMBURG: Katja, wie bist du auf die Idee zu „Ex“ gekommen?

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Katja Lewina: „Ex“, Dumont, 208 Seiten, 22 Euro

Katja Lewina: Einer von ihnen ist mir wieder in die Finger geraten, als ich gerade eine Trennung durchmachte und mich fragte, warum ich das mit der Liebe noch mit Mitte dreißig nicht hinbekomme. Wir sprachen über unser Scheitern und stellten fest, dass wir zwei völlig unterschiedliche Geschichten erzählten. Da fragte ich mich: Was, wenn das nicht nur dieses eine Mal so war? Was, wenn ich auch in anderen Beziehungen eine Menge übersehen habe? Und beschloss, alle wichtigen Typen meines Lebens anzurufen.

„Pobacken zusammenkneifen und auf Wohlwollen hoffen“

Es gibt vermutlich viele Menschen, die gerne mal eine:n Ex wiedertreffen würden, um eine Antwort auf die eine oder andere ungeklärte Frage zu bekommen. Die meisten wagen den Schritt aber nicht. Hat es dich Überwindung gekostet, deine verflossenen Lieben zu kontaktieren?

Gerade, wenn man gekränkt wurde oder selbst nur Schutt und Asche hinterlassen hat, ist es nicht leicht, wieder aus der Versenkung aufzutauchen. Da hilft nur: Pobacken zusammenkneifen und auf Wohlwollen hoffen.

Wie haben deine Ex reagiert, als du dich bei ihnen gemeldet hast? Und insbesondere, als du ihnen offenbart hast, dass sie Teil eines Buches werden?

Mir gegenüber gab es die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle: Freude,  Überschwang, Zagheit, Ablehnung, sogar eine Art von Liebe. Es war nicht alles, wie ich es mir vorgestellt hatte. Aber wann ist das schon so im Leben? Und die Sache mit dem Buch war, glaube ich, für uns alle ganz schön aufregend. Die Männer geben eine ganze Menge von sich preis. So was macht man ja auch nicht jeden Tag.

Dein Verlag kündigt „Ex“ an mit den Worten: „Persönlich, ehrlich, erhellend.“ Du schreibst am Anfang deines Buches hingegen: „Ja. Das ist alles passiert. Nur vielleicht ein kleines bisschen anders.“ Offenbar hast du also ein bisschen was verändert. Warum?

Weil „Ex“ kein Tatsachen-, sondern ein Erfahrungsbericht ist. Hätte ich mich allein an die Fakten halten müssen, gäbe es dieses Buch nicht. Namen, Berufe, Aussehen, Daten, Orte – ich habe vieles in Absprache mit den entsprechenden Männern geändert, damit ihre Anonymität halbwegs gewahrt bleibt. Daran, was zwischen uns vorgefallen ist und wie wir uns erlebt und entwickelt haben, ändert das alles aber rein gar nichts.

„Wir selbst sind es, die Beziehungen kaputtgehen lassen“

Du bist liiert und hast drei Kinder. Dennoch war insbesondere eine Frage der Ausgangspunkt und Auslöser deines Buches: „Was führt dazu, dass Beziehungen kaputtgehen?“ Hast du eine Antwort darauf gefunden?

Wir selbst sind es, die Beziehungen kaputtgehen lassen. Sei es, dass wir von vornherein die falsche Wahl treffen, sei es, dass wir nicht in der Lage sind, uns wirklich auf jemanden einzulassen oder dass wir uns abhängig machen. Die meisten von uns kämpfen mit der Liebe, und zwar immer in bestimmten Mustern. Die aufzudecken, ist das Klügste, was wir machen können.

Du lebst in einer offenen Beziehung und machst auch keinen Hehl daraus. Ich nehme an, dass du aber auch das gängige Model der Monogamie kennst. Nach deiner Erfahrung: Welches ist das „bessere“ Modell und woran machst du das fest?

Das beste Modell ist eins, in dem sich alle Beteiligten gut aufgehoben fühlen. Und mit „gut“ meine ich nicht lebenslange Glückseligkeit. Schwierig wird es so oder so werden, egal, wofür wir uns entscheiden. Und egal, was wir machen, wir sollten es nicht aus Angst oder Getriebensein heraus machen. Die beiden sind echt schlechte Ratgeber.

„Das hier war besser als jede Therapie“

Im Klappentext deines Buches steht, dass du dich auf einen „Roadtrip in die Vergangenheit“ gemacht hättest, um die zehn wichtigsten Männer deines Lebens zu treffen und in alten Erinnerungen zu wühlen. Hat dich das verändert?

Das hier war besser als jede Therapie. Erst durch die Auseinandersetzung mit der Sicht der anderen habe ich das Gefühl, mich so richtig kennengelernt zu haben – und meinen Affekten damit nicht mehr hilflos ausgeliefert zu sein. Es hätte tatsächlich nicht besser laufen können für mich.

Gibt es Ex-Freunde, bei denen du aus heutiger Sicht nicht mehr verstehst, was du mal an ihnen gefunden hast? Und umgekehrt auch welche, mit denen du dir theoretisch wieder eine Beziehung vorstellen könntest?

Wir alle machen über die Jahre eine Veränderung durch, im besten Fall jedenfalls. Die Männer, mit denen ich heute gesprochen habe, waren nicht mehr dieselben, in die ich damals verliebt war, sie trugen ihr damaliges Ich höchstens noch als Zitat. Und obwohl wir alle d’accord damit waren, dass die Vergangenheit Vergangenheit blieb, spürten wir meist sofort eine Verbindung zueinander. Aber in einen von ihnen habe ich mich tatsächlich direkt wieder verliebt. Wir waren einfach noch nicht fertig miteinander.

Die Ex-Freunde der Partnerin sind für viele Männer ein rotes Tuch. Wie war das bei dir/euch? Hat das deinen Mann gestört und Auswirkungen auf deine Beziehung gehabt?

Ex-Partner:innen sind Menschen, mit denen wir eine intime Beziehung hatten. Klar kann diese Intimität Unsicherheiten auslösen, vor allem, weil sie sich leichter wiederherstellen lässt als mit jemand neu dahergelaufenem. Wir setzen uns auch oft in Konkurrenz zu den Ex, gleichen ab und hoffen auf ein besseres Schicksal. Mein Mann ist da erfrischend uneitel. Er hat mich schon immer darin unterstützt, mich selbst weiterzuentwickeln. Und wenn das jetzt ein paar Dates mit meinen Ex bedeutet, warum nicht?

Dein Verlag schreibt, „Ex“ würde „die Liebe in Zeiten des Patriarchats“ beleuchten. Was muss man sich konkret darunter vorstellen? Welchen Einfluss hat das Patriarchat auf die Liebe?

Zunächst gibt es da die Vorstellung, eine Frau sei ohne einen Mann nichts wert, was in viele Frauen, inklusive mir, die fixe Idee wachsen lässt, nur in einer Beziehung endlich ganz zu werden. Das passiert natürlich auch Männern, aber deutlich seltener. Und darüber hinaus werden wir ganz generell von den ungesunden Strukturen, in denen wir aufwachsen, verhunzt. Wir werden schon als Kinder dazu angehalten, unsere Gefühle nicht zu zeigen, lieber gefallen zu wollen, als wir selbst zu sein, unsere Eltern nicht zu enttäuschen; Eltern, die oft selbst nicht wissen, wie Liebe geht, weil sie sie nicht erfahren habe

Die letzten beiden Sätze des Buches lauten: „Ruft eure Ex an! Ihr könnt nur gewinnen.“ Das scheint also die Quintessenz deines Roadtrips zu sein. Kannst du komprimiert zusammenfassen?

Wir alle sind gefangen in unseren Geschichten, und das einzige, das uns helfen kann, da rauszukommen, ist der Spiegel, den uns die Menschen, die dabei waren, vorhalten können. Wenn ihr also das Gefühl habt, immer wieder an euren Beziehungen zu scheitern, dann ist ein wenig in der Vergangenheit zu wühlen, das Beste, was ihr tun könnt.

Katja Lewina: „Ex“, Dumont, 208 Seiten, 22 Euro

 


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