Kinder sind unsere Zukunft – doch sie sind auch unsere Vergangenheit, blickt man einmal zurück auf die Kunstgeschichte der letzten Jahrhunderte. In verschiedenen Epochen hat man Kinder unterschiedlich dargestellt, mal im religiösen Kontext oder repräsentativ wie auf einem Mini-Herrscherporträt, mal im Kreis der Familie oder spielerisch eingebettet in die häusliche Umgebung. So könnte eine Zusammenschau diverser Kinderdarstellungen sicherlich auch Hinweise auf gesellschaftliche Normen, soziale Strukturen und alltägliche Gepflogenheiten im Wandel der Zeit liefern – und dadurch potenziell auch unsere Gegenwart kommentieren. Möglich wird ein solcher Rundumblick tatsächlich in der aktuellen Ausstellung „Kinder, Kinder! Zwischen Repräsentation und Wirklichkeit“ im Bucerius Kunst Forum, in der Werke vom 16. bis zum 21. Jahrhundert zusammenfinden, darunter ebenso Gemälde und Skulpturen wie Grafiken und Fotografien.
In vielen Darstellungen der Madonna mit Kind beispielweise kommen gewisse Imaginationen und Ideale von Mutter-Kind-Beziehungen zur Ansicht, während Vaterfiguren – zumindest in der christlich geprägten europäischen Bildgeschichte – visuell häufig in den Hintergrund treten oder abwesend sind. Auf frühneuzeitlichen Familienporträts wiederum beginnen sich Väter als stolze Oberhäupter mit ihren Stammhaltern ins Bild zu setzen, häufig werden die Thronfolger sogar in Rüstung gezeigt, um den Herrschaftsanspruch zu betonen. Die wohl gewichtigste gesellschaftliche Veränderung in der Auffassung von Kindheit aber, die sich auch bildlich niederschlug, erfolgte Ende des 17. und im Laufe des 18. Jahrhunderts: Das Kinderzimmer wurde immer bedeutungsvoller, Spielzeug und Kinderliteratur wurden als essenzielle Entwicklungselemente betrachtet, sodass Kinder auch abseits der Welt der Erwachsenen auf- und heranwachsen konnten.
„Kinder, Kinder!“: Fotografie im medialen Zeitalter
Viele Gemälde zeigen Kinder zum Beispiel beim Kostümieren, wie etwa Joshua Reynolds´ circa 1775 angefertigtes Porträt des Sohnes eines britischen Politikers, der als Heinrich VIII. verkleidet lächelnd vor einem Fenster posiert – und damit die frühneuzeitlichen Herrscherbildnisse keck pointiert. Unter welchen gesellschaftlichen und medialen Zeichen Kinder und Jugendliche heute dagegen aufwachsen, zeigt exemplarisch ein Porträt der niederländischen Fotografin Rineke Dijkstra, das eine Teenagerin vor neutralem Hintergrund im Schein ihres Smartphones zeigt, das wie ein unverzichtbares Attribut in ihrer Hand liegt und sie in ihren Bann gezogen zu haben scheint. Durch das reduzierte Setting entwickelt das Porträt eine ebenso intime Atmosphäre wie es auf das digitale Zeitalter und seine Auswirkung auf das Verhältnis von insbesondere jüngeren Menschen und sozialen Medien verweist.
Gerade durch das problemlose Anfertigen und Teilen von Bildern hat sich der Blick auf das Kindsein verändert – vor allem auch aus Sicht der jungen Menschen selbst. Denn während wir als historisch interessierte Besucherinnen und Besucher in der Schau einen distanzierten Blick auf die Kindheit anderer in vergangenen Zeiten werfen, wächst gegenwärtig eine Generation heran, die sich in einer durchdigitalisierten Welt gewissermaßen von klein auf selbst beim Aufwachsen betrachten kann: bereits wenn Mama und Papa jeden Meilenstein, etwa die ersten Worte oder Schritte, sofort als Foto oder Video parat halten.
Dieser Bericht ist zuerst in SZENE HAMBURG 01/26 erschienen.

