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Kraftwerk Bille: Gemeinschaftlich kaufen, sanieren und betreiben 

Ein Gespräch mit Nina Manz und Julia Marie Englert vom HALLO: e.V. über Geschichte, Problematik und Lösungen für das Projekt Kraftwerk Bille

Text & Interview: Kevin Goonewardena
Fotos: Jérome Gerull

 

Mit dem Festival HALLO: Festspiele und dem experimentellen Stadtteilbüro Schaltzentrale hat sich das ehemalige Kohlekraftwerk an der Bille in den letzten Jahren zum wichtigen Kulturstandort im Osten Hammerbrooks entwickelt. Nun soll sich der für die Aufwertung des einst brach liegenden Industriekomplexes maßgeblich verantwortliche HALLO: e.V. den Interessen des neuen Eigentümers beugen. Der will das Areal zu Büros umbauen, die weitere sekundäre kulturelle Nutzung des Geländes müsste als Feigenblatt des Projekts herhalten. Die Künstler:innen sollen auch ihre Programmhoheit und zugesagte Fördermillionen abgeben – die jedoch wollen das Gelände lieber gemeinschaftlich kaufen und ihre gemeinwohlorientierte Arbeit fortsetzen. 

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SZENE HAMBURG: Die HALLO: Festspiele – ein mehrtägiges Festival für experimentelle Kunst unterschiedlicher Disziplinen – fand erstmals 2015 statt, der HALLO: e.V. gründete sich kurz zuvor. Worum ging es euch damals?

Nina Manz: Julia und ich waren damals noch gar nicht dabei, wir sind erst 2018 dazu gekommen. Als 2015 dieses Gelände hier vom HALLO: e.V entdeckt wurde, ging es erstmal vorrangig um die Umsetzung der HALLO: Festspiele, mit denen es hier angefangen hat und dem Hintergedanken, verschlossene Räume der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dass die Festspiele eine Vorhut für eine dauerhafte Nutzung sein sollen, war von Anfang an das Ziel. Relativ schnell hat sich dann durch die künstlerische Forschung vor Ort ein Verständnis für den Raum und die Besitzverhältnisse ergeben.

Die da waren?

Nina Manz: Damals gehörte der Komplex der MIB, genauer der MIB Kraftwerk Bille GmbH, einem Privatinvestor, dessen Entwicklungsgesellschaft MIB Colored Fields GmbH beispielsweise auch die Baumwollspinnerei in Leipzig entwickelt. Sie ist spezialisiert darauf, Industrieliegenschaften durch kulturelle Umnutzung wieder zu reaktivieren. 

Die Aufwertung ehemals brachliegender Gebäude durch kulturelle Pioniernutzer:innen gehört zum Geschäftsmodell der MIB. Auf einem so reaktivierten Gelände können mit anderen Nutzungen dann höhere Mieten erzielt werden – oder die Immobilie lässt sich wie in unserem Fall für ein Vielfaches des ursprünglichen Kaufpreises weiter verkaufen.

 Nach der ersten Ausgabe der HALLO: Festspiele seid ihr geblieben. Wie kam es dazu?

Nina Manz: Es gab nach den ersten HALLO: Festspielen 2015 das Bedürfnis nach einem dauerhaften Standort für die kulturellen Aktivitäten, die nicht nur einmal im Jahr zum Festival durchgeführt werden sollten. 

Von Beginn an haben Mitglieder des Vereins Konzepte für dauerhafte Nutzungen für die Hallen des Kraftwerks konzipiert und der Eigentümergesellschaft vorgeschlagen. Daraufhin wurde uns von MIB die Räumlichkeiten der Schaltzentrale zur Nutzung angeboten: Mit einem jährlich kündbaren Mietvertrag von Seiten der MIB, ohne Miete, gegen Zahlung der Nebenkosten und relativer inhaltlicher Freiheit für den Verein.

 

Mangel an Räumen

 

Dass hinter dem Projekt Kraftwerk Bille eine Gmbh steht, habe ich vor Jahren bei einem offenen Treffen erfahren. In diesem Kontext wirkte das befremdlich, aber solange ein gemeinsames Ziel verfolgt wird, sollte eine solche Trägerschaft eigentlich kein Problem darstellen. Es muss ja auch nicht jeder Impuls zur Veränderung von unten kommen…

Julia Marie Englert: Die Entscheidung in einer privat besessenen Immobilie kulturelle Nutzungen zu initiieren, wurde notgedrungen akzeptiert – aus dem auch in Hamburg vorhandenen Mangel an Räumen für nicht-kommerzielle Tätigkeiten. Ebenso die prekären, temporären Konditionen der Nutzung. Darum war es uns auch so wichtig, die Aufwertung, die wir zwangsläufig mit in die Nachbar:innenschaft bringen, dauerhaft für diese zu sichern. 

Mit MIB sah es so aus, als ob dies gemeinsam möglich wäre, bis diese das Kraftwerk ohne unser Wissen verkauften, während wir zeitgleich eine Zusicherung von ihnen bekamen, im Rahmen der Förderung, einen Kraftwerksteil als Gemeingut zu sichern.

 Was ist da passiert?

Julia Marie Englert: Die MIB hatte jahrelang betont, dass Kraftwerk selbst entwickeln zu wollen. Warum es dann doch plötzlich zu einem Verkauf kam, wissen wir nicht. Bis heute bleibt das intransparent. Bisher wissen wir, dass die Anteile an der Gesellschaft Kraftwerk Bille Hamburg GmbH an neue Anteilseigner:innen verkauft wurden. Es wurde also nicht das Gebäude und der Grund verkauft, sondern die GmbH, die diese hält. 

Diese Art von Immobilientransaktionen werden häufig genutzt, um die Grunderwerbssteuer zu sparen. Die neuen Eigentümer:innen sind ein Immobilienunternehmer aus Berlin, sowie Arzt und ein weiterer Investor, die beide aus München kommen.

Und das passierte dann über Nacht?

Nina Manz: Über Nacht beziehungsweise parallel dazu, dass wir zusammen mit MIB und dem Bezirk Mitte eine Förderung für WERK beim Bund für ‘Nationale Projekte des Städtebaus’ beantragt haben. Die Förderzusage kam, als das Kraftwerk bereits neue Eigentümer hatte. 

Bei der Förderung geht es, mit einer Kofinanzierung der Stadt Hamburg, um neun Millionen Euro. Seitdem spitzt sich die Situation zu. Dadurch, dass der aktuelle Eigentümer nun nicht mehr verkaufen möchte, können wir das Geld der Förderung nicht annehmen, weil die Förderung an die gemeinwohlorientierte Eigentums- und Betriebsform unseres Konzeptes geknüpft ist. Unter diesen Umständen kommen wir natürlich unter wahnsinnigen Zugzwang: Wie können diese Bundesgelder A, nicht in die Taschen von profitorientierten Akteuren fließen und B, der Realisierung und Sicherung von bezahlbaren, dauerhaften Räumen für Kunst und Kultur, Produktion, Forschung und soziale Infrastruktur zugute kommen?

Häuser und Boden, in denen ihr arbeitet gehören jetzt also einer Firma, die das Gelände anders entwickeln möchte als der vorherige Eigentümer und ihr und das ohne euch?

Nina Manz: Hier sollen vor allem hochpreisige Büros entstehen. Wie sie an vielen Orten in Hammerbrook leer stehen. Die Gebäude des Areals – bei denen es Statik und Denkmalschutz zulassen – sollen aufgestockt und saniert werden, inklusive Teppichboden. Die Kesselhalle soll eine Art Kunst-Mall werden, so nennt es der Investor. Der neue Geschäftsführer kommt aus der klassischen Projektentwicklung und hat unter anderem Infrastrukturprojekte und Shopping Malls entwickelt. Also was sehr anderes als das Kraftwerk jetzt ist – und wofür es seit Jahren mit den erprobten Nutzungen steht. Es geht hier klar um ein Investment, was möglichst hohe Renditen erwirtschaften soll.

 

„Zeit, fair zu verkaufen“

 

Und wie sehen eure Pläne für die Entwicklung des Geländes aus?

Julia Maria Englert: Unser Konzept sieht vor das Grundstück mit Hilfe der Schweizer Stiftung Edith Maryon zu kaufen. Das ist eine gemeinwohlorientierte Stiftung, die Immobilien dem Markt entzieht und an gemeinnützige Organisationen wie z.B. eine Genossenschaft  verpachtet um deren Projekte zu ermöglichen. Sie ist auch ein Garant dafür, dass das Grundstück nicht weiter verkauft werden kann und zukünftiger Spekulation entzogen wird.  Über unsere  Genossenschaft WERK eG planen  wir dann den eigenständigen Kauf des Gebäudes, welches auf dem Grundstück steht.

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Eurem Konzept zufolge sollen die jetzigen Besitzer:innen das Grundstück der Stiftung und das Gebäude eurer Genossenschaft verkaufen. Nur zu einem geringeren Preis als dieser durch die Vermarktung als Bürostandort durch Mieteinnahmen erzielen könnte.

Julia Maria Englert: Genau. Mit den zugesagten Fördermittel in Höhe von rund neun Millionen Euro von Stadt und Land könnte das Gebäude dann saniert werden, ebenso wird die gemeinschaftliche Entwicklung finanziert – denn wir finden, dass alle mitbestimmen sollen, wie dieser einzigartige Ort zukünftig genutzt wird.

Diese Geldsumme braucht es auch, denn die Bausubstanz wird mit jedem Jahr schlechter. Die Fördermittel sind allerdings an unser Konzept geknüpft – ohne WERK gibt es demnach auch keine Förderung. Wir lassen uns aber nicht für die geplante kulturelle Zwischennutzung einspannen, um den Eigentümer:innen diese Fördermillionen zu ermöglichen.

 Was würde sich ändern?

Julia Maria Englert: Eigentum und Betrieb wäre durch die Genossenschaft anders organisiert: Jede:r könnte Teil davon sein und als aktives Mitglied die Zukunft des Kraftwerks mitbestimmen. Für WERK sehen wir eine Nutzungsmix zu je einem Drittel Kunst/Kultur, sozialem und produzierendem Gewerbe vor. Das garantiert die Vielfalt, die der Ort und der Stadtteil Hammerbrook brauchen. 

Wie ist die Position der Stadt Hamburg?

Nina Manz: Sehr positiv. Die Stadt hat mit uns den Förderantrag gestellt. Gleichzeitig zeigt sich hier, was wir bereits wissen: städtisches Grundeigentum sollte nicht verkauft werden, die Steuerungsinstrumente und Einflussnahmen auf gemeinwohlorientierte Nutzungen sind sehr gering, sobald sich die Immobilien in privater Hand befinden.

Mit der Kampagne „Zeit, fair zu verkaufen“ fordert ihr die Eigentümergesellschaft Kraftwerk Bille Hamburg GmbH nun zum Verkauf eines Gebäudeteils an die zu gründende Genossenschaft zu einem fairen Preis auf.

Julia Maria Englert: „Mit der Kampagne wollen wir auf die Situation aufmerksam machen und den Druck erhöhen, dazu finden auch im Rahmen des Kultursommers zahlreiche Veranstaltungen statt. Wie wichtig dieses und ähnliche Projekte für ihre Umgebung, aber auch die Stadt selbst sind, sieht man auch an unseren Erstunterzeichnerr:innen – darunter befinden sich sowohl Einzelpersonen und Organisationen aus Hamburg, Deutschland und darüber hinaus. Nicht nur Künstler:innen, sondern auch Wissenschaftler:innen, Forscher:innen, Menschen aus unterschiedlichen Bereichen, die an Stadtentwicklung beteiligt sind.

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Mehr Infos und zu den über 150 Erstunterzeichner:innen. Mit unter anderem Mundhalle, Hallo: Radio, Gängeviertel, Golden Pudel, Papiripar Galerie 21, Kampnagel – Internationales Zentrum für schönere Künste, Fux Genossenschaft, Elbphilharmonie, Recht auf Stadt Hamburg, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Kunstverein. Hier geht’s zur Petition.


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