Von 1974 bis 1981 präsentierte die Hamburger Kunsthalle unter der Leitung des damaligen Direktors Werner Hofmann die bis heute viel beachtete Ausstellungsreihe „Kunst um 1800“. In neun Teilen beschäftigte sie sich mit der bewegten Übergangszeit zur Moderne zwischen Aufklärungstendenzen und revolutionären Kräften – und stellte vor dem Hintergrund industrieller und gesellschaftlicher Umbrüche und Widersprüche gewichtige Fragen nach der Wirkmächtigkeit von Kunst, die auch heute noch relevant sind. In diesem Sinn greift die aktuelle Schau unter gleichnamigem Titel und der kuratorischen Leitung von Petra Lange-Berndt und Dietmar Rübel diesen Ausstellungszyklus explizit auf und kommentiert, aktualisiert und ergänzt ihn. Insgesamt 50 der damals ausgestellten Gemälde, Bücher und grafischen Arbeiten aus der hauseigenen Sammlung kommen nun mit 70 ausgewählten Leihgaben zusammen, die sowohl historische als auch zeitgenössische Positionen zeigen, sodass sich neue Kontextualisierungsmöglichkeiten bieten. Strukturiert durch eine ortspezifisch angelegte Ausstellungsarchitektur des Künstlers Marten Schech finden an zehn verschiedenen Themenstationen auch Aspekte Raum, die vor rund 50 Jahren noch gefehlt hatten oder nur in Ansätzen zum Tragen kamen, wie etwa Feminismus, jüdische Aufklärung, Sklaverei oder die Haitianische Revolution. Zahlreiche Arbeiten von circa 100 Künstlerinnen und Künstlern, darunter Größen wie Angelika Kauffmann, William Hogarth, Philipp Otto Runge, Caspar David Friedrich oder Francisco de Goya, entfalten dabei ein vielseitiges, teils ungeahntes Bedeutungs- und Wirkungspotenzial – so etwa das Gemälde „Die Göttin der Toleranz“ von Daniel Chodowiecki, angefertigt um 1791. Im Zentrum des Bildes breitet eine weiße, in antikem Gewand erscheinende Figur mit Rüstung und Lanze ihren hellroten Mantel vor einem riesigen Strahlenkranz aus – wohl als Schutzgeste für die Personen um sie herum, die als Vertreter verschiedener Religionen identifiziert werden können. Toleranz wird hier als ein geteiltes Gut vorgestellt, das erkämpft und verteidigt werden muss. Dass aber die Göttin eben dieser Toleranz durch ihre antikische Gestalt, den Harnisch und die Waffe Züge der Göttin Athene aus der griechischen Mythologie trägt, wirft wiederum die Frage auf, ob die Religionen der Welt – in einer anderen Lesart des Bildes – nur unter europäischer Schirmherrschaft zusammenkommen können. Ohnehin eröffnen viele Werke in der Schau ein breites Deutungsspektrum und erfordern einen zweiten, dritten, vierten differenzierenden Blick, der sich häufig erst mal seinen Weg durch die eindrucksvollen, teils überwältigenden Darstellungen spektakulärer Vulkanausbrüche, dunkler Albträume oder drastischer Gewalt bahnen muss. Um eine bewusste Reflexion besonders sensibler und kontextbedürftiger Inhalte zu fördern, hat das kuratorische Team selbst auch sichtbare Vermittlungsmarker im Raum gesetzt: So ist etwa auf einem Label an der Wand zu lesen, dass sich in der Schau historische Dokumente mit rassistischer Sprache befinden und bestimmte Begrifflichkeiten durch gezielte Textfärbung schwerer lesbar gemacht wurden – eine gestalterische Barriere als Basis für eine kritische Auseinandersetzung. So wird „Kunst um 1800“ zu einer experimentellen Ausstellung für Auge und Geist, die gleichzeitig zurückblickt und doch in die Zukunft weist, da sie neben der Beschäftigung mit den Werken auch den Prozess des Kuratierens als forschende Kulturpraxis zum Thema macht – und damit bestenfalls sogar eine Grundlage geschaffen hat, um selbst mal zum Referenzpunkt oder Untersuchungsgegenstand einer anderen Ausstellung zu werden.
Museum
7. Februar 2026
Hamburger Kunsthalle: Selbst ist die Schau
Mit „Kunst um 1800“ setzt sich das Museum kritisch mit dem gleichnamigen Ausstellungszyklus auseinander, der vor circa 50 Jahren dort gezeigt wurde

