Laura: „Darf ich dir etwas vorlesen?“

„Ich habe noch keinen Plan, wie es weitergeht. Schule war für mich wie ein Gefängnis, zum Glück habe ich das seit letztem Jahr hinter mir. Manchmal habe ich das Gefühl, ich habe jetzt erst richtig leben können. Dann kam plötzlich Corona und ich habe gemerkt, wie schnell ich in letzter Zeit gelebt habe. Es war auf eine Weise verstörend, mich der Situation anzupassen und dem Gefühl des Alleinseins zu stellen.

Auf der anderen Seite hatte ich aber plötzlich viel Zeit darüber nachzudenken, was ich eigentlich machen will. Und ich glaube, ich will weg aus Hamburg, mal etwas Neues kennenlernen. Ich bin vor neun Jahren mit meiner Familie aus Polen hergezogen. Meine Eltern hängen noch sehr an Polen, die schauen immer noch polnische Nachrichten und Wetterberichte. Dann analysieren sie anhand der Windrichtung, wie das Wetter in Hamburg wird. Ich vermisse es nicht mehr so sehr wie sie.

Zurzeit habe ich zwei Jobs, weil ich zu Hause ausziehen will. Einen bei Edeka, was irgendwie ganz witzig ist, weil die Kinder, als ich damals nach Deutschland gekommen bin, immer gesagt haben: ,Geh doch zu Edeka klauen‘ und jetzt, na ja, sitze ich da an der Kasse. Diese Sprüche verletzen mich nicht großartig, weil es ja immer die gleichen sind. Ich komme aus Polen, also klaue ich – ein solches Klischeedenken ist ja nicht mal lustig, viel eher ist das der Ursprung von Rassismus. Aber da trifft es andere deutlich schlimmer als mich. Verstehen tue ich es trotzdem nicht.

Das Zeichnen hilft mir dabei, Dinge zu begreifen und meine Gefühle auszudrücken. Kennst du Jean-Michel Basquiat? Seine Bilder sind voller Angst und Traurigkeit, paradoxerweise aber auch voller Harmonie. Und seine Arbeiten sind so toll. Da denke ich manchmal, vielleicht muss erst eine Angst entstehen, damit etwas Tolles daraus hervorgeht. Seit Kurzem schreibe ich auch viel mehr. Ich bin nämlich jemand, der viel erzählt und im Nachhinein merke ich manchmal, dass ich einige Dinge gar nicht sagen wollte. Jetzt habe ich verstanden, dass ich vieles ja auch aufschreiben kann. Denn, wenn man es sagt, dann ist es fest und bleibt in den Köpfen. Schreibe ich es aber auf, ist der Gedanke bei mir, ich kann noch mal drüber schauen, etwas verändern und die Idee vielleicht nutzen. Darf ich dir etwas von mir vorlesen?“

/ Max Nölke

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