„Wunsch der Verwüstlichen“ ist der neue Roman von Mesut Bayraktar (Foto: privat)

Klassenfrage: Die unsichtbar Belagerten

Der in Hamburg lebende Autor Mesut Bayraktar hat einen neuen Roman veröffentlicht: „Wunsch der Verwüstlichen“ ist eine Reflexion über die menschliche Begegnung in einer sozial gespaltenen Gesellschaft – und ein Lob der Konfrontation

Text: Daniel Polzin

 

Es ist keine rhetorische Frage, aber eine, in der mehr Resignation als die Hoffnung auf ihre Beantwortung liegt. „Womit hättest du mir also helfen können?“, will Can von seinem Bruder Karl wissen. Wer diese Worte je aus dem Munde eines nahestehenden Menschen gehört hat, weiß, wie schwierig eine Erwiderung ist. Hundert Dinge können einem in den Kopf kommen und doch weiß man insgeheim, dass keines davon die Frage beantwortet. Als Can sie seinem Bruder stellt, sitzen die beiden auf der Treppe des Baptisteriums in Florenz, blicken auf die wuchtige Schönheit der Kathedrale Santa Maria del Fiore. Sie trinken Wein, rauchen, reden. Dreizehn Jahre hatten sie sich nicht gesehen, bevor sie nach dem Tod der Mutter auf ihren Wunsch hin eine gemeinsame Reise durch Italien antraten, die sie nun auf diese Treppe, zu diesem Gespräch – und zu dieser Frage brachte. Die lange, intensiv erzählte Szene in der Mitte des Buches, die gleichsam einen Wende- wie Höhepunkt darstellt, ist in vielerlei Hinsicht charakteristisch für Bayraktars jüngsten Roman. Es ist ein Moment der unmittelbaren Konfrontation, ein Moment menschlicher Begegnung, die, wenn sie wirklich ist, immer auch einen Moment des Konflikts in sich trägt, den die Menschen mal besser und mal schlechter aufzulösen wissen. Es ist diese Immanenz des Konflikthaften, des Konfrontativen im menschlichen Zusammenleben, und damit im Menschen selbst, an der sich die Handlung wie ein Bergsteiger an seinem Sicherungsseil anhakt.

 

Nur wo es Konflikte gibt, ist auch Annäherung möglich

 

Mesut Bayraktar, geboren 1990, ist Mitgründer des Literaturkollektivs „nous - konfrontative Literatur“ (Foto: privat)

Mesut Bayraktar, geboren 1990, ist Mitgründer des Literaturkollektivs „nous – konfrontative Literatur“ (Foto: privat)

Was entfremdet Menschen voneinander? Wie kann diese Entfremdung aufgehoben werden? Das sind die Fragen, denen sich der junge Autor, der 2018 seinen Debütroman vorlegte, anhand der Geschichte einer deutsch-türkischen Arbeiterfamilie und eines Roadtrips durch Italien widmet. Dabei verliert er die Dialektik menschlicher Beziehungen nie aus dem Blick: Nur wo es Konflikte gibt, ist auch Annäherung möglich und nur in der Konfrontation kann diese Möglichkeit zur Wirklichkeit werden. Angelehnt an den vor drei Jahren erschienenen Roman des französischen Schriftstellers Édouard Louis, „Wer hat meinen Vater umgebracht“, könnte der Hauptkonflikt des Buches in diese Frage gegossen werden. Bayraktar wie Louis machen sich beide auf die Suche nach den gesellschaftlichen Kräften, die das Alltagsleben in einfachen Verhältnissen beherrschen, die unermüdlich ihre Spuren in die Körper und Köpfe arbeitender Menschen und ihrer Familien zeichnen. Dabei zeigen die Einblicke in die Kindheit des Protagonisten, die Bayraktar dem Lesenden in Form von Erinnerungen Karls während der Italienreise gewährt, dass vieles „klassischen“ Familienverhältnissen entspricht.

 

„Gesiegt hat immer diese Gewalt“

 

Zwei Brüder, die sich oft in den Haaren liegen, aber am Ende wieder zusammenraufen. Eine Mutter, die häufig leise und manchmal bestimmt die kleine Familie zusammenzuhalten versucht. Ein Vater, der streng seine Vorstellungen für das Wohl der Söhne durchsetzt, aber wenn es darauf ankommt, hinter ihnen steht. Doch allem Anschein der „Normalität“ zum Trotz, ist da noch etwas anderes. Eine „unbestimmte Kraft“, die den Körper der Mutter auszehrt, eine „fremde Gewalt“, die den Vater die Mutter anschreien lässt. Die wirklichen Ursachen von Streit, resümiert der Protagonist, gingen „von einem anderen Ort, außerhalb der Familie“ aus. Wo dieser Ort gewesen sei, hätte niemand von ihnen gewusst: „Gesiegt hat immer diese Gewalt.“

 

Reproduktion von Gewalt

 

Bayraktars Charaktere werden häufig von ihren Gefühlen beherrscht, sind wütend, trauern, schämen sich. Karl bezeichnet die Scham gar als das „Gravitationsgesetz“ seiner Existenz. Doch dem Autor geht es nicht darum, große Gefühle zu zeigen oder solche beim Leser hervorzurufen, es geht ihm um die Frage, woher die Gefühle kommen, auf welchem Boden Wut und auf welchem Mitgefühl gedeiht, auf welchem Scham und auf welchem Selbstbewusstsein. Seien es Arbeit, Schule oder Studium, ist ein System gewaltvoll, so die These des Autors, dann reproduziert es diese Gewalt im gesellschaftlichen Leben und darüber vermittelt im Denken, Fühlen und Handeln der Menschen. Die zunächst äußere Gewalt des Systems richten sie nach innen, gegen sich selbst, gegen ihre Familie. „Wir werden gebrochen, von Anfang an“, hält Can in einem Moment vollkommen desillusioniert fest. Freilich sollte dieser scheinbare Fatalismus nicht den Blick dafür trüben, dass der eigentliche Appell, der das Aufzeigen dieser Zusammenhänge begleitet, ein anderer ist: Schämt euch nicht. Lasst euch nicht brechen. Lebt.

 

Suche nach Wahrheit

 

Das neue Buch „Wunsch der Verwüstlichen“ von Mesut Bayraktar ist im Autumnus Verlag erschienen

Das neue Buch „Wunsch der Verwüstlichen“ von Mesut Bayraktar ist im Autumnus Verlag erschienen

Die Verkörperung dieses Appells, einer unstillbaren Lebenslust, ist die junge ukrainische Schauspielerin Nastasja, welche die beiden Brüder seit dem ersten Stopp in Verona auf ihrem italienischen Roadtrip begleitet. Mit ihrer offenen, zwanglosen Art bringt sie nicht nur das mühsam aufgebaute Selbstbild Karls, der aus seinem proletarischen, bildungsarmen Zuhause in die Hörsäle der Universität floh und Richter wurde, zum Wanken, sie fungiert auch als perfekte Vermittlerin für den komplexen Annäherungsprozess zwischen ihm und Can. Dramaturgisch verleiht ihr Auftreten der Handlung insbesondere in der zweiten Hälfte des Buches ein höheres Tempo, indem sie vorhandene Zweifel aufgreift und in buchstäblich wilden Tänzen ihre Entwicklung hin zu neuen Erkenntnissen vorantreibt. Ist die historische, wunderbar metaphorische Kulisse der italienischen Kulturstädte der Ruhepol der Handlung, so ist sie die Spannungsquelle, in deren Nähe sich die Konflikte entladen – wobei auch sie selbst alles andere als konfliktfrei ist.

 

„Wer Wahrheit sucht, darf nicht nach Glück fragen“

 

Dass Bayraktar mit Nastasja, die vor dem Bürgerkrieg in ihrem Land geflohen ist, auch das Thema des damals aktuellen Ukraine-Konfliktes, auf das er immer wieder zurückkommt, einflicht, unterstreicht seinen Anspruch auf Universalität. Armut, Ausbeutung, Entfremdung, Krieg – die Erscheinungen dieser Welt und die sich dahinter verbergenden Widersprüche gehören zusammen, ist die klare Aussage zwischen den Zeilen. Beschäftigt euch mit diesen Zusammenhängen, die implizite Herausforderung an den Lesenden. Aber: „Wer Wahrheit sucht, darf nicht nach Glück fragen“, gibt Bayraktar ihnen durch den Munde Natasjas mit auf den Weg. Bleibt nur noch die Frage: Muss denn nach Wahrheit fragen, wer nach Glück sucht?

 

Die sichtbare ist der unsichtbaren Gewalt gewichen

 

Bayraktar ist längst kein Neuling mehr auf der literarischen Bühne. 2018 erschien sein Stück „Die Belagerten“, in dem es um eine Gruppe junger Menschen geht, die im Südosten der Türkei Widerstand leistet und sich in einem kleinen Keller vor den Fängen der Armee verstecken muss. Auf den ersten Blick thematisch völlig verschieden, greift der Autor diesen Faden bei genauerer Betrachtung mit seinem neuen Roman wieder auf. Nur ist die sichtbare Gewalt der unsichtbaren gewichen, die sichtbare militärische Belagerung der unsichtbaren „zivilen“ Belagerung.

 

Der Wirkliche Reichtum

 

Der gedankliche Fixpunkt Bayraktars ist in beiden Fällen der gleiche: die Suche nach einem Weg, den Belagerungsring zu durchbrechen. Der Gegenstand seiner Suche ebenfalls: der leidende, der ängstliche, der kämpfende, kurzum: der reale Mensch und seine wirklichen Beziehungen. Sie sind der „wirkliche Reichtum des Menschen“, wie es einst Karl Marx so treffend formulierte. Die Richtigkeit dieses Satzes wird in „Wunsch der Verwüstlichen“ mal auf spannende, mal auf tragische und mal auf aufregende Weise deutlich. „Keine Akte der Welt vermag die Zerbrechlichkeit des Lebens festzuhalten“, stellt Karl an einer Stelle fest. Richtig, aber zum Glück ist ein guter Roman keine Akte.

Mesut Bayraktar: „Wunsch der Verwüstlichen“, Autumnus, 244 Seiten, 18,95 Euro.
Am 25. November um 19 Uhr feiert das von Mesut Bayraktar geschriebene Stück „Gastarbeiter-Monologe“ Premiere am Schauspielhaus


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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