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Literaturpunks

Um kommerzielle Zwänge fernzuhalten und künstlerisch frei zu sein, haben die Schriftsteller Klaus Ungerer und Andreas Baum eine eigene Buchreihe gegründet: die edition schelf

Text: Ulrich Thiele

Mit großen Verlagen ist das so eine Sache. Sie haben die Mittel, um Literatur in großem Stil unter die Menschen zu bringen, doch sie müssen sich an Verkaufszahlen orientieren. Mit der Verkaufszahlenorientierung beginnt das Sicherheitsdenken, worunter die Kreativität leiden kann. Cover und Buchtitel sind oft im Sinne der Vermarktbarkeit, nicht im Sinne des Autors, und „Roman“ muss auf jeden Fall draufstehen, Novellen verkaufen sich nicht.

„Wir haben uns letztes Jahr im Frühjahr zusammengesetzt und gesagt: Wenn die Verlage unsere Herzensprojekte nicht machen wollen, dann machen wir den Scheiß eben selbst“, sagt der Schriftsteller Klaus Ungerer. Mit „Wir“ meint er sich und seinen Schriftstellerkollegen Andreas Baum. Im Herbst 2021 haben die beiden eine Buchreihe im Eigenverlag gegründet: Die edition schelf versammelt Erzählungen in klassischer Novellenlänge, ungefähr 100 Seiten. Zusammen mit der Grafikerin Anusch Thielbeer werden die Bücher in enger Zusammenarbeit und zur Zufriedenheit aller erstellt. Die Produktionskosten sind gering, Ungerer und Baum haben das Lektorat selbst übernommen, zudem müssen sie keine hohen Auflagen drucken, da alles nach On-Demand-Prinzip abläuft.

Zwei eigene Novellen

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Klaus Ungerer: „Das Fehlen“, 108 Seiten, 8,99 Euro, erschienen bei edition schelf

Den Anfang machten die Gründer im Herbst mit zwei eigenen Novellen. Klaus Ungerers „Das Fehlen“ ist eine Geschichte über Einsamkeit im Großstadtgetriebe, die nicht von einem Plot, sondern von Atmosphäre getragen wird. Ein namenloser Erzähler schlendert durch Berlin und denkt nach über das, was fehlt: Mutterliebe, erotische Liebe, gesellschaftliche Utopie, verstorbene Menschen. Ungerers Flanierstil ist heiter-melancholisch, manchmal zum Loslachen komisch, dann wiederum tieftraurig, etwa in der Erinnerung an die Freundin Sylvia, die an Krebs erkrankte und „nach und nach Dinge und Personen aus ihrem Leben“ verabschiedete: „Nun war ich dran.“ Wie wahrhaftig Ungerer in wenigen Passagen der ganzen wehmütigen Wucht der letzten gemeinsamen Tage bis zum Abschied Raum gibt, gehört zu den Höhepunkten seiner Einsamkeitsnovelle.

Ganz woanders ist Andreas Baums „Hier bist du sicher“ angesiedelt. Die „afghanische Novelle“ spielt im Herat des Jahres 2004. Nach den Unruhen haben fast alle Ausländer die Stadt verlassen. Der Erzähler, ein deutscher Lehrer, ist geblieben. Die Amerikaner haben sich zurückgezogen, Aufständische übernehmen die Stadt, die Straße zum Flughafen ist gesperrt. In seiner Pension mit dem grünen Innenhof sei der Lehrer sicher, sagen die Wachen am Tor und sein Dolmetscher Karim.

„edition schelf ist wie eine Bandgründung

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Andreas Baum: „Hier bist du sicher“, 96 Seiten, 8,99 Euro, erschienen bei edition schelf

Wie Ungerers Novelle prägt Baums „Hier bist du sicher“ eine ungeheuer dichte Atmosphäre, an der Baum, der 2004 selbst einige Monate in Herat verbrachte, jahrelang gefeilt hat. Dies zeigt sich zum einem in der poetisch-präzisen Beschreibung kultureller Riten und der staubigen Stadtlandschaft. Zum anderen im Gefühl der Bedrohung: „Ich habe das Gefühl, dass ich, solange ich in der Stadt bin, in großer Gefahr bin. Jemand hat mir eine Schlinge um den Hals gelegt. Und irgendwann zieht er zu“, sagt der Lehrer. Im Laufe der Geschichte zieht die Schlinge sich weiter zu, die ihm ohnehin nicht verständliche Umgebung wird für den Lehrer immer bedrohlicher. Kann er seinen Freunden trauen? Gehört er zu den Geiseln, ohne es zu merken? Ein Kommentar zu westlichen Interventionen bei gleichzeitigem Unvermögen, die afghanische Kultur zu verstehen, schwingt unaufdringlich mit.

Wie geht es nun weiter mit der edition schelf? Im Frühjahr soll eine Liebesnovelle von Ungerer erscheinen, eine weitere Novelle von Baum liegt ebenfalls bereit, andere Autoren folgen. Alles weitere ist offen. „Wenn zwei oder drei Leute gut miteinander funktionieren, dann braucht man erst mal keinen großartigen Plan, wie es weitergeht“, sagt Ungerer. „edition schelf ist wie eine Bandgründung – wir nehmen die Instrumente in die Hand und spielen drauf los.“

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