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Matthias Günther: „Theater ist eine Glücksmöglichkeit“

30 Fragen, 30 Antworten: Matthias Günther, Dramaturg am Thalia Theater, über seine persönlichen Lieblingsstücke, die nicht anerkannte Systemrelevanz von Kultur und warum Tocotronic die passenden Worte zur aktuellen Lage gefunden haben

Fragebogen: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Welches kulturelle Ereig­nis hat Sie geprägt?

Matthias Günther: Seit frühester Kindheit die documenta in meiner Heimatstadt Kassel und insbesondere die Aktion „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ von Joseph Beuys 1982 (documenta 7).

Welches Theaterstück hat Sie als erstes zum Weinen gebracht?

Im Kasperltheater die Entführung der Großmutter im „Räuber Hotzenplotz“.

Und welches zuletzt?

Die erste Probe von „Ode an die Freiheit“ zwei Monate nach der Theaterschließung.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Thea­ terbesuch? Welches Stück haben Sie gesehen und was hat es in Ihnen aus­ gelöst?

Der Besuch des Weihnachtsmärchens „Der gestiefelte Kater“ im Staatstheater Kassel Anfang der 1970er Jahre und meine Empörung über die Pappkulissen. Aus dem Fernsehen kannte ich mehr Wirklichkeit.

Welches Theaterstück hat bei Ihnen vermeintliche Gewissheiten über den Haufen geworfen?

Christoph Marthalers Paraphrase „Goethes Faust Wurzel aus 1+2“ 1993 am Deutschen Schauspielhaus und der grandiose Faust-Monolog von Sepp Bierbichler aufgelöst in Vokale.

Was war Ihre schönste Theatererfahrung?

„Das achte Leben (Für Brilka)“ und „Die Katze und der General“ von Nino Haratischwili in den Adaptionen von Jette Steckel und ihrem Team am Thalia Theater. Diese beiden Arbeiten zeigen großes Menschentheater.

 

 

Und die schlimmste?

Keine. Theater ist für mich ganz großes Zuschauerglück. Selbst, wenn es mal nicht so gut ist. Ich komme immer gerne wieder.

Dieses Stück sollte jeder einmal in seinem Leben gesehen haben:

„Krippenspiel“ von Kindergartenkindern in der Weihnachtszeit.

Über welche Inszenierung haben Sie zuletzt heftig mit jemandem gestritten?

Immer wieder über die großartigen Arbeiten von Florentina Holzinger, die mit ihrem radikalen Körpertheater verstört. Performance, Porno, Provokation?

Die Welt geht in einem Jahr unter und Sie können nur noch ein Stück inszenieren: welches wäre das?

Das neue Stück, das Elfriede Jelinek dann schreibt: „Besser wird’s nicht“ – ein Abgesang!

Mein/e Lieblingsschauspieler:

Ich verliebe mich immer wieder und immer wieder neu. Max Reinhardt schrieb über Schauspieler: „Ihre Aufnahmefähigkeit ist beispiellos, und der Drang zu gestalten, der sich in ihren Spielen kundgibt, ist unbezähmbar und wahrhaft schöpferisch. Sie verwandeln alles in das, was sie wünschen. Und dabei das klare, immer gegenwärtige Bewusstsein, dass alles nur Spiel ist, ein Spiel, das mit heiligem Ernst geführt wird.“

Mein/e Lieblingsdramaturg/en:

Ivan Nagel.

Was bedeutet Kultur in diesen Tagen für unsere Gesellschaft?

Es wird uns klar, was fehlt. Sehr viel!

Was bedeutet Theater grundsätzlich für unsere Gesellschaft?

Eine Glücksmöglichkeit! „Verweile doch! du bist so schön!“ (Goethe).

Gibt es unpolitisches Theater?

Kunst- und Kultureinrichtungen sind offene Räume, die vielen gehören. In der „Erklärung der Vielen“ heißt es: „Demokratie muss täglich neu verhandelt werden – aber immer unter einer Voraussetzung: Es geht um Alle, um jeden Einzelnen als Wesen der vielen Möglichkeiten!“

Das perfekte Stück zur aktuellen Lage:

Die Stücke, die gerade von Dramatikern wie Thomas Köck, Enis Maci, Bonn Park, Felicia Zeller und vielen anderen geschrieben werden.

Was ist die beruflich größte Herausfor­derung für Sie während der Corona­-Krise?

Die bittere Erkenntnis, dass Kultur nicht als systemrelevant eingestuft wird und die Frage, wie wir unsere wunderbare Kunst in Krisenzeiten erhalten und weitermachen können, denn sie ist lebensrelevant.

Was stimmt Sie momentan hoffnungs­froh?

Die Solidarität des Publikums mit den Theatern.

Was stimmt Sie pessimistisch?

Diese miesen völkisch nationalistischen Zusammenrottungen.

 

„Wir forschen und erfinden das Theater der Zukunft.“

 

Werden virtuelle Möglichkeiten auch in Zukunft eine größere Rolle in der Kul­turlandschaft einnehmen?

Die Digitalisierung ist schon jetzt ein wichtiger Bestandteil für das „Storytelling“ von Kulturinstitutionen, kann aber das direkte Live-Erlebnis nicht ersetzen. Theater sind Orte kollektiver Erfahrung. Das Besondere des Theaters hat der Choreograf Jérôme Bel zusammengefasst in dem Satz: „Some people sitting in the darkness, watching other people sitting in the light.“

Wie wird sich die aktuelle Lage auf das Theater nach Corona auswirken?

Wir machen weiter. Wir forschen und erfinden das Theater der Zukunft. Hugo Ball, der erste Dramaturg der Münchner Kammerspiele und später berühmter Dadaist in Zürich schrieb: „Europa malt, musiziert und dichtet in einer neuen Weise. Das neue Theater wird wieder Masken und Stelzen benützen. Es will Urbilder wecken und Megaphone gebrauchen. Sonne und Mond werden über die Bühne laufen und ihre erhabene Weisheit verkünden.“ Das könnte ein Weg sein.

Wem sind Sie in diesen Zeiten beson­ders dankbar?

Den vielen Künstlern, die versuchen weiterzumachen.

Wer hätte mehr Dankbarkeit verdient?

Eltern, die in dieser Zeit eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe übernommen haben: die Schulpflicht ihrer Kinder durch Homeschooling zu gewährleisten.

Worauf freuen Sie sich in den nächsten drei Jahren am meisten?

Ich freue mich auf jeden neuen Tag und hoffe eine „Handbreit“ weiterzukommen.

Ich mag Hamburg, weil …

… es für mich die schönste Stadt Deutschlands ist.

Ich mag das Thalia Theater, weil …

… es ein Ensembletheater ist.

Die Hamburger Theaterlandschaft ist so besonders, weil …

… sie so vielfältig ist von A–Z (Altonaer Theater bis Theater das Zimmer).

Allgemein gesprochen: Sind Sie lieber dafür oder dagegen?

Meine politische Sozialisation ist eng verbunden mit der Friedenbewegung der 1980er Jahre. Damals war der Slogan: „Aufstehn“.

Wann haben Sie sich das letzte Mal ge­irrt?

„Kluge Irrtümer sind wichtiger als banale Wahrheiten“, hat Heiner Müller gesagt.

Welche Hoffnung haben Sie aufgege­ben?

Ich halte es mit Tocotronic: „Aus jedem Ton spricht eine Hoffnung auf einen Neuanfang.“

 


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