Nachhaltigkeit

VG Bild_Kunst_Bonn 2022 Foto_ Filip Wolak

Atmen: Von wegen nur Luft!

Von biblischen Metaphern zu Black Lives Matter: „Atmen“ ist die erste große Ausstellung weltweit, die zu diesem Thema Werke der Alten Meister mit der Kunst der Gegenwart zusammenbringt. Ein Gespräch mit der Kuratorin Brigitte Kölle über die politische Dimension des Atmens, kontaminierte Seifenblasen und Pandemie – und warum es ein gutes Zeichen ist, wenn wir nicht auf unseren Atem achten

Interview: Sabine Danek

 

SZENE HAMBURG: Brigitte Kölle, die Ausstellung „Atmen“ spannt einen beeindruckend weiten Bogen. Wie ist er entstanden?

Brigitte Kölle: In den letzten Jahren habe ich eine Reihe von Ausstellungen an der Kunsthalle kuratiert, die sich mit gesellschaftlich relevanten, teils auch tabuisierten Themen beschäftigen. „Besser scheitern“ machte den Anfang, dann kam „Warten“, dann „Trauern“. Für „Atmen“ habe ich meine Kollegin Sandra Pisot, die in der Kunsthalle die Sammlung der Alten Meister betreut, gefragt, ob wir nicht die Ausstellung gemeinsam machen wollen. Ich finde es spannend zu untersuchen, wie sich Künstler:innen mit kollektiven Erfahrungen auseinandersetzen – und wie sie das über die Jahrhunderte hinweg tun.

Hat sich das Bild des Atems über die Jahrhunderte grundsätzlich verändert?

Vieles von dem, was unsere Sicht bestimmt, ist schon vor Jahrhunderten angelegt. Beispielsweise das Verständnis des Atmens als Lebensspender, als Zeichen der Kreativität und Inspiration, als Voraussetzung für Kommunikation und Sprache. Die Problematisierung des Atmens hat sich heute jedoch verschärft: Umweltverschmutzung, Industrialisierung, der ungleiche Zugang zu frischer Luft, die Luft als Medium der Kontrolle, der Disziplinierung und der rassistischen Gewalt und vieles mehr. Das Atmen hat eine gesellschaftspolitische Relevanz und diese tritt heute deutlicher zutage. Und natürlich haben sich die Medien und Formen der Kunst selbst verändert. Wo es früher Bilder und Skulpturen gab, gibt es jetzt Soundpieces, Videos, Fotografien, Rauminstallationen, performative Werke.

„Das Atmen ist unsere unmittelbarste Beziehung zur Welt“

Sie sagen, dass „Atmen immer eine – mehr oder weniger offensichtliche – gesellschaftspolitische Aussage trifft“.

Es ist entscheidend, ob die Atmung als ein allgemeines Recht aller verstanden wird oder ein ungleich verteiltes Gut ist. Das haben wir in der Pandemie in der Frage nach dem Zugang zu nötigen Beatmungsgeräten erfahren. Und nicht von ungefähr ist der Satz „I can’t breathe“ zu einer sprichwörtlichen Anklage von institutioneller, rassistischer Gewalt geworden.

atmen Kunst Markus Schinwald_Phoebe_2017

Markus Schinwald: Phoebe, 2017 (Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2022)

Gerade auch durch die Pandemie ist der Atem viel stärker in unserer Bewusstsein gelang. Gibt es Arbeiten, die das thematisieren?

Am stärksten – so finde ich persönlich – ist unsere Erfahrung von Corona in den Bildern von Markus Schinwald erlebbar, die er interessanterweise jedoch einige Jahre vor COVID-19 angefertigt hat. Es sind alte Porträts, in die Schinwald Masken, Zangen, Stützen malerisch eingefügt hat. Das Interessante dabei ist jedoch nicht die Parallele zu den Attributen der Pandemie, sondern der Riss in unserer Beziehung zur Welt, den Corona erzeugt hat und für den Schinwald eine Bildsprache entwickelt hat. Das Atmen ist, wie es der Soziologe Hartmut Rosa formulierte, unsere unmittelbarste Beziehung zur Welt. Diese unhinterfragte, und oft unbewusste Form der Wechselbeziehung ist nun infrage gestellt worden.

„Vielleicht versuchen manche sogar die Luft anzuhalten“

Die Ausstellung erstreckt sich durch weite Teile der Kunsthalle. Zentral ist die radikale Installation von Teresa Margolles.

„En el Air“ ist eine unglaublich bezaubernde und zugleich schockierende Arbeit. Sie besteht aus Seifenblasen, die im Lichthof der Galerie der Gegenwart auf die Besucher:innen fallen. Schillernd, leicht, verführerisch. Doch die Seifenlauge ist mit einem Stoff infiziert, der wiederum mit den Orten von Gewalttaten in Berührung gekommen ist. Plötzlich bekommen die schönen Seifenblasen etwas Bedrohliches, Kontaminiertes. Wir können ihnen jedoch nicht ausweichen, sie zerplatzen auf unserer Haut, unserer Kleidung. Vielleicht versuchen manche sogar die Luft anzuhalten, um sie nicht einzuatmen, aber wir spüren, dass wir uns nicht entziehen können. Dass alles miteinander zusammenhängt und nicht unabhängig voneinander existiert. Von jeher sind Seifenblasen ein Sinnbild für die Vergänglichkeit des Lebens. Teresa Margolles fügt dem eine zwingende Komponente hinzu, die uns keine Möglichkeit zur Flucht gibt.

Auch Forensic Architecture haben eines ihrer Werke auf die Schau zugeschnitten.

Mit ihrer Arbeit „Cloud Studies“ untersucht Forensic Architecture Formen der Kriegsführung von Staaten und Unternehmen durch die Luft. Herbizide, Tränengas, Phosphor – allesamt Substanzen, die sich schlecht nachweisen lassen, da sie ihre Form verändern und eh fast unsichtbar sind. Anhand von Wolkenformationen versucht Forensic Architecture diese bildlich „zu fassen“ und zieht hier Parallelen zur Tradition der Wolkenbilder in der Kunstgeschichte. Wir haben daher ganz bewusst romantische Wolkenstudien von Caspar David Friedrich und anderen daneben gehängt. Plötzlich sieht man die so vertrauten Bilder mit anderen Augen!

Andreas Greiner hingegen hat, wie manche andere, extra eine Arbeit entwickelt.

Auf dem Vorplatz der Hamburger Kunsthalle stehen zwei riesige Platanen. Letzten Herbst haben wir Samenkugeln gesammelt, die Andreas Greiner in seinem Berliner Atelier über einige Monate gehegt und gepflegt hat. Die inzwischen ungefähr 15 cm großen Setzlinge sind in schwarze NASA-Säcke gepackt, die von der Decke hängen und gleichsam im Raum schweben. Sie begrüßen die Besucher:innen und machen auf den Kreislauf von Sauerstoff- und Kohlendioxid-Produktion aufmerksam, auf das faszinierende, aber auch fragile Ineinandergreifen von Mensch und Natur.

Lee Ufan koppelt den Malprozess an seinen eigenen Atem

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Natalie Czech: True Fact, 2020 (Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2022)

Gibt es ein Werk, das Sie besonders überrascht hat?

Heute haben wir einen Raum mit Arbeiten von Lee Ufan eingerichtet. Er koppelt den Malprozess an seinen eigenen Atem: Beim Ausatmen setzt er einen Pinselstrich auf die Leinwand. Das sind sehr reduzierte und minimalistische, ja meditative Arbeiten, die eine enorme Präsenz im Raum entwickeln. Ungeheuer stark. Und es ist schon verrückt zu erleben, wie man intuitiv und emphatisch den eigenen Atemrhythmus dem des Künstlers angleicht.

In die Stadt hinein wird Jenny Holzers Arbeit „I can’t breathe“ leuchten, die an die Wand der Galerie der Gegenwart projiziert wird. Wie kam es dazu?

Jenny Holzer ist mit ihrem LED-Laufband, das sie bei Einrichtung der Galerie der Gegenwart vor 25 Jahren anbrachte, der Kunsthalle sehr verbunden. In der Ausstellung sind drei kleine bronzene Textarbeiten zu sehen. Und am 19. November wird sie eine riesige Außenprojektion auf die Galerie der Gegenwart werfen, die sie so noch nie realisiert hat: Es sind die letzten Worte von George Floyd und viele Namen der Opfer von rassistischer Gewalt. Das ist eine ephemere Arbeit, aber ein starkes Statement. Wegsehen geht nicht.

Wird man nach dem Besuch der Ausstellung anders auf seinen Atmen achten?

Ja, ganz bestimmt. Aber dann werden wir das Atmen auch wieder vergessen. Das ist doch gerade das Faszinierende: Wenn wir nicht auf unseren Atem achten, wenn er einfach so vonstattengeht ohne viel Beachtung oder Aufhebens, dann ist alles in Ordnung.

„Atmen“, noch bis zum 15. Januar 2023 in der Hamburger Kunsthalle


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Comicfestival 2022: Es wird bunt

In diesem Jahr findet das Comicfestival in Hamburg nach zwei Jahren Corona-Pause wieder in vollem Umfang statt – und widmet sich Themen wie Elternschaft, Identitätssuche und kulturelle Aneignung

Text: Marina Höfker

 

Es geht wieder los: Zum 16. Mal bietet das Comicfestival seinen Besuchern jede Menge spannende Geschichten von talentierten Künstler:innen – und endlich wieder ein prall gefülltes Programm. Vom 30. September bis zum 2. Oktober 2022 stellen Comiczeichner:innen an insgesamt 30 verschiedenen Orten auf St. Pauli, im Karoviertel und in der Neustadt ihre Arbeiten aus.

Dazu gibt es Lesungen, Gespräche, Signierstunden sowie zweistündige Spaziergänge. Hierbei werden Teilnehmende durch Ausstellungen geführt und erfahren mehr zu den Hintergründen der Werke. Bei Workshops können Comicbegeisterte selbst kreativ werden: Gemeinsam mit dem Zeichner Gabri Molist, der seine Arbeit „Walking Is A Form Of Drawing“ auf dem Festival präsentiert, kann jeder lernen seine eigenen Zeichnungen zu entwickeln.

 

Lokalmatadorin beim Comicfestival

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Die Hamburger Künstlerin Marijpol ist auf dem diesjährigen Comicfestival in Hamburg vertreten (Foto: Lisa Notzke)

Eine der diesjährigen Ausstellerinnen ist Marijpol (bürgerlicher Name: Marie Pohl). Die erste Teilnahme ist es für die erfahrene Zeichnerin nicht. Dennoch ist es jedes Mal etwas Besonderes, ihr kreatives Schaffen auf dem Hamburger Event vorzustellen. „Ich habe jetzt sechs Jahre an meinem aktuellen Comic gearbeitet. Ihn beim Comicfestival vorzustellen bedeutet mir viel, weil es da stattfindet, wo ich lebe und hier einzigartige und künstlerische Comics präsentiert werden“, sagt sie.

Ihre Leidenschaft für Comics kam während ihres Studiums der Visuellen Kommunikation und Illustration an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg. „Geschichten habe ich schon immer gern gezeichnet, das Comiczeichnen zu nennen kam aber erst im Studium. Die Kombinationsmöglichkeiten von Wort und Bild erscheinen mir unendlich und ich empfinde eine große Freiheit darin sie zu gestalten“, sagt sie.

 

Frauenbilder und alternative Lebensentwürfe

Das Comicfestival Hamburg findet nun zum 16. Mal statt

Das Comicfestival Hamburg findet zum 16. Mal statt (Foto: ComicfestivalI

Die Künstlerin verhandelt in ihrer jüngsten Arbeit „Hort“ viele Themen, die immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit rücken: Frauen- und Familienbilder, körperliche Selbstbestimmung und alternative Lebensentwürfe. „Als ich mit der Arbeit an dem Comic anfing, war ich Mitte 30 – und viele Leute um mich herum waren schwanger. Mir fehlten aber Geschichten von Frauen, die dem Kinderkriegen ambivalent gegenüberstanden“, sagt die Wahl-Hamburgerin.

In ihrem Buch erzählt sie die Geschichte dreier unkonventioneller Frauen. Sie nehmen drei verlassene Kinder bei sich auf und stehen den Themen Elternschaft und Fürsorge ganz unterschiedlich gegenüber. In jeder einzelnen Figur, die sie erschafft, findet sich die Autorin wieder. „Das Großartige am Geschichten erzählen ist, dass ich verschiedenen inneren Stimmen Gestalt geben kann. Dinge, die ich an mir und anderen beobachte, kann ich in Szenen umsetzen und dabei viele Aspekte zu einem Thema aufzeigen, ohne mich für eine Perspektive entscheiden zu müssen.“

 

Körperliche Selbstbestimmung

Drei unkonventionelle Frauen: Das Cover von Marijpols Comic "Hort"

Drei unkonventionelle Frauen: Das Cover von Marijpols Comic „Hort“ (Foto: Marijpol)

Gleichzeitig verhandelt Marijpol das Thema körperliche Selbstbestimmung. Ihre optisch surrealen Figuren zeichnen sich durch eine markante Körperlichkeit aus, wie zu m Beispiel ein Schlangenbein. „Mir geht es dabei thematisch um freigewählte körperliche Attribute. Auch zeichnerisch interessiert mich das: Wie geht eine Frau mit Schlangenbein eine Treppe runter? Und wie läuft eine 2,20 Meter große Riesin durch einen Türrahmen? Das zeichnerisch umzusetzen ist ein Riesenspaß.“

Doch geht es Marijpol nicht nur darum, ihre eigene Arbeit zu präsentieren, sondern auch für sich etwas mitzunehmen. „Ich freue mich darauf, die Arbeiten anderer Künstler:innen zu sehen. Solche Events sind super wichtig, um selbst neue Inspirationen zu bekommen“, sagt sie.

 

Comicfestival: Die Favoriten der Autorin

Was die Künstlerin auf keinen Fall verpassen will? Zum Beispiel die Ausstellung des Berliner Zeichners Nino Bulling, der sein Graphic Novel „Abfackeln“ als einer der wenigen Comickünstler überhaupt auf der „documenta fifteen“ in Kassel ausgestellt hat. Darin erzählt er eine Beziehungsgeschichte, die von Selbstzweifeln und Identitätssuche geprägt ist.

Marijpol freut sich auch auf die prämierte Arbeit von Sheree Domingo und Patrick Spät. Die Zeichnerin und der Szenarist erklären in einem Gespräch, wie ihr gemeinsamer Comic „Madame Choi und die Monster“ entstanden ist. Das Duo erzählt darin die Geschichte von zwei Filmemacher:innen, die in den Siebzigern von Kim Jong-Il nach Nordkorea entführt wurden und dort gezwungen waren Filme zu drehen.

 

Weitere Ausstellungs-Highlights

Ein Ausblick auf "Nami und das Meer" von Catherine Meurisse

Ein Ausblick auf “Nami und das Meer” von Catherine Meurisse (Foto: Catherine Meurisse)

Eines der Highlights des diesjährigen Festivals ist die Künstlerin Catherine Meurisse. Die Französin zeichnete und schrieb bis zum islamistischen Anschlag 2015 für das Satiremagazin Charlie Hebdo. Danach wurde sie mit ihrem autobiographischen Graphic Novel „Die Leichtigkeit“, in dem sie diese Geschehnisse verarbeitete, weltbekannt. Ihr neuestes Werk „Nami und das Meer“ ist ein Tribut der japanischen Kunst und Literatur.

Daneben ist auch die Hamburger Künstlerin Birgit Weyhe vertreten. Sie wurde für ihr aktuelles Buch „Rude Girl“ als beste Comickünstlerin des Jahres ausgezeichnet. Darin verhandelt Weyhe das Thema kulturelle Aneignung und erzählt die Geschichte einer US-amerikanischen Germanistikprofessorin, die als Schwarze nach ihrer Zugehörigkeit in der Welt sucht. Es wird also vielfältig dieses Jahr – da ist für jeden Geschmack was dabei.

 


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Kulturfestival arabesques: Woher kommt Freiheit?

Zum 11. Mal findet das deutsch-französische Kulturfestival arabesques 2022 statt. In diesem Jahr gibt es bis in den Dezember über 50 Veranstaltungen in und um Hamburg

Text: Erik Brandt-Höge

 

Corona-bedingt in die zweite Jahreshälfte verschoben, geht das deutsch-französische Kulturfestival arabesques vom 30. September bis 15. Dezember 2022 in die nächste, nunmehr elfte Runde. Thema dieses Mal: „Métamorphose II: Freiheit – Liberté“. Es soll versucht werden, herauszufinden, woher die Freiheit kommen kann, um einen gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben. Die Initiatoren bringen in einem Programm von mehr als 50 Veranstaltungen erneut französische und deutsche Künstler und Künstlerinnen in Hamburg zusammen. Von Theater über Literatur und Film bis Sport ist allerhand dabei.

So gibt es zum Beispiel am 1. Oktober Chanson von der aus Toulouse stammenden Sängerin Mélinée mit ihrer Band. Am 6. Oktober folgt mit dem Ensemble arabesques & Ariel Zuckermann und ihrer „Werkstatt des Lebens“ im Großen Saal der Elbphilharmonie eines der Highlights. Das Ensemble ist im November noch zweimal im Rahmen des Kulturfestival arabesques zu sehen: Einmal in der Laeiszhalle und einmal in Buchholz in der Nordheide. Den Abschluss bilden dann am 15. Dezember Clara Pazzini und ihre dreiköpfige Band mit „Pazzini’s Christmas Show“.


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