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Nilson Pereira: Dieser Kämpfer schlägt mit Herz zu

Der gebürtige Brasilianer Nilson Pereira hat in Altona ein neues Zuhause gefunden – und einen Ring, den der herzliche Kämpfer zu seinem Lebensmittelpunkt macht

Rrrrring! Das schrille Glockenläuten schießt den Kämpfern in die müden Knochen. Schneller als jeder Feuerwehrmann beim Großbrandeinsatz schießen sie aus ihren Ecken, schütteln sich kurz, bevor es in die letzte Runde geht. Und die hat es in sich. Einer der beiden Jungs, die noch keine zwanzig sind, schlägt den anderen so hart, so genau zwischen die Augen, dass der sofort zu Boden geht. Und liegen bleibt. Fünf, zehn, fünfzehn Sekunden, die sich für Außenstehende anfühlen wie Stunden.

Der Sieger bejubelt den K. o. nur kurz. Nur, bis er wohl selbst zu bangen beginnt. Trainer und Mediziner knien auf dem Ringboden beim Bewusstlosen, leisten Erste Hilfe, streicheln ihm über den Kopf und sagen Sachen wie „alles gut“ und „komm schon, Digger, komm hoch“. Und dann kommt er, rappelt sich auf, sitzt kniend da und scheint die Welt nicht mehr oder gerade wieder zu verstehen. Aufatmen auf den bis auf den letzten Platz gefüllten Rängen. Und die Kämpfer umarmen sich wie beste Freunde.

 

Kämpfen im Spotlight: Ringaufbau für „A Fight Story“ im Delphi Showpalast

 

Das kleine Drama zwischen den Seilen ist Teil von „A Fight Story“, einer vom Altonaer Tough Gym organisierten Veranstaltung im Delphi Showpalast. 24 Kämpfe stehen auf dem Programm, auch verschiedene Kampfarten, von Muay Thai über K1 und Boxen bis MMA ist alles dabei. MMA, das ist kurz für Mixed Martial Arts. Es ist die spektakulärste Weise, wie zwei Menschen sich im Ring begegnen können. Boxen, Kickboxen, Ringen, Karate, Judo – alles ist erlaubt. Das Tough Gym schickt an diesem Abend sein Flaggschiff ins MMA-Rennen: Nilson Pereira bestreitet den Hauptkampf des Abends.

Der 38-jährige Brasilianer lebt seit zweieinhalb Jahren in Altona, trainiert und coacht in den Tough-Gym-Räumen in der Max-Brauer-Allee, direkt über einem Waschsalon und unter Mietwohnungen mit bunt bepflanzten Balkonen. Morgens kümmert er sich um sich selbst, abends um andere Kämpfer. Ein Glücksfall sei er für den Club, sagt Human Nikmaslak, der gemeinsam mit seinem Bruder Homayoun das Gym leitet. Speziell, weil Nilson in seiner Heimat den schwarzen Gürtel im BJJ, dem Brazilian Jiu-Jitsu (Fokus auf Bodenkampf, Anm. d. Red.) erhalten hat. Human: „Deutschlandweit gibt es niemanden, der so qualifiziert ist wie Nilson, diese Kampfkunst zu unterrichten.“

 

Mehr Action bitte!

 

Aufgewachsen ist Nilson in Florianópolis, Hauptstadt des Bundesstaates Santa Catarina im Süden Brasiliens, gelegen direkt an der Atlantikküste. Als Kind begann er mit dem Judo, blieb acht Jahre dabei, bis es BJJ sein sollte: „Etwas mehr Action.“ Es folgten Ausflüge ins Boxen und Thaiboxen und schließlich MMA, die Königsdisziplin. Nilson war 28, als er sich dafür entschied, Profi-Kämpfer zu werden. Die richtige Wahl, sagt er heute: „Dieser Sport ist mein Leben! Durch ihn bekomme ich die Chance, zu reisen, andere Länder und Kulturen kennenzulernen, und dann kriege ich auch noch Geld für das, was ich am liebsten mache: Kämpfen.“

Tatsächlich fanden Nilsons bisher 28 MMA-Fights, von denen er 17 gewann und elf verlor, nicht nur in Deutschland, sondern u. a. in Holland, Tschechien und natürlich Brasilien statt. Aktuell pendelt er regelmäßig zwischen Florianópolis und Hamburg. In der Heimat hat er drei Brüder und fünf Schwestern. Was sie von seinem Job halten? Nilson: „Meine Familie findet okay, was ich da mache. Niemand sagt mir, dass er es zu gefährlich findet. Vielleicht guckt aber auch einfach keiner meine Kämpfe.“ Er grinst. Im Ring ist ihm noch nie etwas Ernstes zugestoßen – seinen Gegnern schon. „Einer hat sich schwer verletzt, ist im Ring schlecht aufgekommen und hat sich den Arm gebrochen.“ Passiert, meint Nilson: „Ich will niemanden verletzen – aber so ist eben der Sport.“

 

„Ich merke das im Bauch, ich muss ständig aufs Klo“

 

Nilson wirkt tiefenentspannt, wenn er das sagt, und sein Grinsen wird nicht weniger. Noch zwei Stunden bis zu seinem Kampf, und „Feijao“, wie sein Kampfname lautet, also „Bohne“, scheint in etwa so viel Nervosität zu verspüren wie jeder Nicht-Boxer beim morgendlichen Gang ins Büro: null. „Manchmal, so kurz vorher, haue ich mich sogar noch ein halbes Stündchen hin, versuche, richtig zur Ruhe zu kommen.“ Wirklich gar keine Anspannung? Doch: „Wenn der Kampf immer näher rückt, merke ich das schon im Bauch, ich muss dann ständig aufs Klo.“ Wie es seinen Gegnern geht, wenn das erste Rrrrring! immer näher rückt, kann Nilson nur erahnen.

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Gürtel für die Glücklichen: Auch Titelkämpfe hielt „A Fight Story“ bereit

„Wir treffen uns beim Wiegen, begrüßen uns, meist ist alles gut. Manchmal sind die anderen aber auch aggressiv, wollen mir irgendwie Angst machen. Einige Kämpfer reden echt zu viel.“ Ob er sich davon beeindrucken lasse, beantwortet Nilson mit einem Fingerzeig auf seine Ohren: „Hier rein, da raus.“ Hasib Fatah, holländischer MMA-Meister und Nilsons heutiger Kontrahent, verhält sich bisher moderat, tigert ab und an durch die Halle, sieht sich ein paar Kämpfe an. Wie oft er zur Toilette geht, ist nicht bekannt.

Drei Runden zu je fünf Minuten – so der Zeitplan für Nilson und Hasib, als sie gegen 0.30 Uhr ins grelle Ringlicht treten. Die Betreuer in ihren Ecken, das sind bei Nilson Human und Homayoun, halten Motivationsreden, puschen, bis es los geht. An der Hallendecke des Delphis glitzern winzige Showsterne, und unten, auf dem graublauen, filzigen Ringboden, liegen noch die Schweißperlen derer, die ihr Kapitel der „Fight Story“ schon geschrieben haben. Eines der beiden Nummerngirls, gekleidet in ein superknappes, goldfarbenes Glitzertop und dazu passende High Heels, hält eine Tafel mit einer „1“ hoch. Es klingelt.

Die beiden Fighter tasten sich nicht lange ab, es geht sofort rund. Nilson versucht durch sogenannte Submissions, Hebeln und Würgen, auf Hasib einzuwirken. Das sieht nicht nur besonders versiert aus, sondern auch ungemein kraftvoll und wird von der Menge rund um die Seile lautstark honoriert. Hasib hält mutig dagegen. Zunehmend wird er aktiver, boxt und kickt pausenlos und, so viel scheint klar zu sein, entscheidet mindestens eine Runde für sich. Der Kampf geht über die volle Distanz, keinem der beiden gelingt ein K.-o-Schlag. Am Ende entscheiden die Punktrichter. Und die sehen Hasib vorne: zwei zu eins.

 

„Ich will den Titel“

 

Einige Tage später im Altonaer Tough Gym. Die Halle, in der Nilson an diesem Morgen trainiert, ist mit hellroten Filzmatten ausgelegt. Zwischen massiven, kantigen Betonsäulen hängen schwarze Boxsäcke. Sonnenlicht scheint durch die Fensterfront in den Ring, der im Gym- Zentrum angelegt wurde. Nilson sitzt an der kleinen Bar neben dem Eingang, sein Grinsen ist zurück. „Ich habe noch viel vor, viele gute Kämpfe“, sagt er. Im deutschen MMA-Ranking des Federgewichts belegt der 1,65 Meter große und 65 Kilo schwere Sportler momentan den sechsten Platz. Aber: „Ich will den Titel! Also auch einen Titel-Fight, und zwar gegen die Nummer eins, das ist Max Coga.“

Gegen ihn hat Nilson bereits einmal gekämpft, in Cogas Heimatstadt Frankfurt – und verloren. Human erklärt: „Eigentlich hatte Nilson gewonnen, Coga mussten sie am Ende raustragen. Aber er war eben der Lokalmatador – na ja.“ Bis es wieder zum Duell kommt, fliegt Nilson weiter zwischen Hamburg und Florianópolis hin und her, steigt regelmäßig in den Ring und vermittelt sein Können an andere weiter, vor allem auf den roten Matten in Altona.

Tough Gym: Max-Brauer-Allee 155 (Altona-Nord)


Szene-Hamburg-juni-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juni 2019. Titelthema: Was ist los, Altona?
Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel und zeitlos im 
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