Es ist Ende August, vielleicht der letzte echte Sommertag in Hamburg. Vom öffentlich zugänglichen Parkdeck von IKEA in Altona eröffnet sich der Blick auf die Skyline der Stadt – von den Docks über die Elphi bis zum Michel. Der Himmel ist strahlend blau. Ein Ort, den sich der Street Art Künstler für das Treffen mit SZENE HAMBURG ausgesucht hat – und er könnte kaum passender sein. So wie sich von hier die ganze Stadt überblicken lässt, finden sich auch seine markanten One-Liner in allen Ecken Hamburgs: mal als Graffiti an Hauswänden, mal mit Kreide, mal als Sticker auf Laternen. Wahrscheinlich hat jede Hamburgerin und jeder Hamburger diese Gesichter schon einmal in der Stadt gesehen – bewusst oder unbewusst.
Satisfied Guy ist nicht nur für die Gesichter bekannt. Auch andere Symbole, die längst Teil des visuellen Stadtbildes geworden sind, stammen aus seiner kreativen Hand. SZENE HAMBURG hat sich mit ihm getroffen, um den Künstler hinter der Kunst besser kennenzulernen – zumindest so weit, wie er es preisgeben möchte – denn Anonymität gehört in der Szene schließlich zum Selbstverständnis.
Street Art: vom ersten Strich zum inneren Drang
Satisfied Guy beschäftigt sich seit seinem 14. Lebensjahr intensiv mit Graffiti und Street Art, hat aber schon zuvor, lange bevor er genau benennen konnte, was er da macht, viel gemalt und Wände verschönert. Als ein Mitschüler auf seine Zeichnungen aufmerksam wurde, starteten die beiden ihre ersten gemeinsamen Aktionen. Aus dieser Zeit stammt auch sein Künstlername: „Satisfied Guy“ erinnert ihn an den Beginn seiner kreativen Laufbahn und knüpft zugleich an seinen damaligen Tagnamen an.
Es ist ein innerer Drang, der mich auf die Straße treibt und wenn ich ihm nicht nachgehe, fühle ich mich unproduktiv und unausgeglichen.
Satisfied Guy
Seit über einem Jahrzehnt zieht der Künstler seine kreativen Bahnen auf den Straßen. Auf die Frage, was ihn antreibt, stets weiterzumachen, erzählt er, dass es ein innerer Drang sei – ein Gefühl, das ihn immer wieder auf die Straßen treibt. Ignoriert er dieses Bedürfnis, fühlt er sich untätig und angespannt.
Inzwischen ist Satisfied Guy zu einem festen Teil des Hamburger Stadtbildes geworden – allgegenwärtig und doch unbekannt. Seine Gesichter tauchen überall in der Stadt auf, und es werden stetig mehr. Der Grund für diese Präsenz liegt in der Botschaft: Der Street Art Künstler möchte den Menschen zeigen, dass sie mit Engagement und Einsatz etwas bewirken können – sei es nur, indem sie das öffentliche Stadtbild mitgestalten. Für Satisfied Guy ist das Malen der One-Liner zudem eine Form der Meditation. Sobald er malt, versinkt er ganz im Moment. Für ihn symbolisieren Anfang und Ende einer Linie den Beginn und Abschluss einer Meditation. Aus dieser Haltung heraus entsteht eine Vielfalt, die sich in jedem einzelnen Gesicht zeigt – so wie auch bei uns Menschen. In beiden Fällen, so der Künstler, gehe es nicht um richtig oder falsch, sondern um Individualität.
Genau wie wir Menschen unterschiedlich sind, sind auch alle diese Gesichter unterschiedlich. Kein Richtig und kein Falsch.
Satisfied Guy
Viele Orte, an denen Satisfied Guy seine Gesichter und andere Werke hinterlässt, wählt er mit Bedacht aus. Oft sind es Plätze, die ihm im Alltag bereits aufgefallen sind – unscheinbar auf den ersten Blick, aber mit besonderer Wirkung bei genauerem Hinsehen. Für die Umsetzung ist eine gründliche Planung nötig, da viele Orte auch Herausforderungen und Risiken mit sich bringen, die sich durch sorgfältige Vorbereitung weitgehend minimieren lassen. Gleichzeitig entstehen manche Arbeiten aber auch spontan im Vorbeigehen – eine feine Balance zwischen durchdachter Vorbereitung und spontaner Inspiration. Die Frage nach Sachbeschädigung ist für den Künstler dabei stets eher zweitrangig, denn er empfinde nicht, dass er mit seiner Street Art etwas zerstöre.
Satisfied Guy: „Bleibe dir selber treu“

Die Werke von Satisfied Guy verbinden Aktivismus, Kreativität und persönliche Freiheit auf eine Weise, die sie zu mehr als reiner Kunst im öffentlichen Raum macht. Es sind kleine Impulse, die zum Hinschauen, Nachdenken und Fühlen einladen. Gelegentlich erlebt er direkt, wie Menschen auf seine Arbeiten reagieren – sei es durch Lob, neugierige Fragen oder auch wütende Kommentare.
Manchmal interagieren Passantinnen und Passanten sogar unmittelbar mit den Gesichtern: Sie machen Fotos, ergänzen Details oder versuchen, sie zu entfernen. Ein Beispiel für die Wirkung seiner Arbeiten ist die Geschichte eines kleinen Jungen, der zunächst Angst vor den markanten Gesichtern hatte. Zusammen mit seiner Mutter malte er Pupillen in einige Augen, um die Gesichter „zu entzaubern“ – ein Moment, der zeigt, wie Satisfied Guys Werke Menschen berühren und sie auf spielerische Weise in Kontakt mit der Kunst bringen.
Street Art als Ausdruck – nicht als Zerstörung
Viele setzen Street Art vorschnell mit Vandalismus gleich. Dabei zeigt Satisfied Guys Arbeit, dass es nicht um Zerstörung, sondern um künstlerische Gestaltung geht. Für ihn persönlich ist Street Art weit mehr: Sie ist eine Lebenseinstellung und Mission zugleich. Er möchte etwas aufbrechen, ein Statement setzen und Mut machen – nicht mit lautem Protest, sondern mit subtilen Botschaften, die das Hamburger Stadtbild prägen. „Bleibe dir selber treu“, lautet sein Prinzip, das ihn in der Szene leitet sich auch in seinen Werken widerspiegelt.
Wie sehr Hamburgs Straßenbild künftig noch von Satisfied Guy geprägt wird, bleibt offen. Sicher ist nur: Unbemerkt bleibt seine Kunst nicht.