Reeperbahn Festival: Ja, es findet statt

Vom 16. bis 19. September wird es auch in diesem Jahr internationale Live-Musik beim Club-Festival geben. Pandemie-bedingt anders, aber immerhin. Ein Gespräch mit RBF-Geschäftsführer Alexander Schulz über die Durchführung der Veranstaltungen und die damit verbundenen Chancen für eine ganze Branche.

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Alexander, vier Tage Live-Kultur stehen mit dem diesjährigen Reeperbahn Festival an. Welches Gefühl begleitet dich im Vorfeld am ehesten: Euphorie? Skepsis? Angst? Oder alles zusammen?

Alexander Schulz: Angst habe ich keineswegs, und skeptisch bin ich auch nicht. Ich spüre eher so eine Melancholie, wenn ich an die notgedrungen schlecht besetzten Clubs und Säle denke. Andererseits kribbelt es bei mir auch schon sehr, weil Musik wieder auf Bühnen kommt und man sie mit allen Sinnen wahrnehmen darf. Es ist also ein merkwürdiger Gefühlsmix, der mich momentan begleitet. Ich bin gespannt, wie alles wird, für mich ganz persönlich und für alle anderen, die dabei sein können.

Da klingt eine Zuversicht durch, dass schon alles klappen wird. Was macht dich denn so sicher: allein euer Konzept? Oder auch das Vertrauen in ja immerhin Tausende Besucher?

Die Besucherzahl ist für unsere Verhältnisse sehr übersichtlich, bis zu 2.500 Leute, aufgeteilt auf zwanzig Spielorte können es am Tag werden. Speziell in dieser Zeit bietet uns die Überschaubarkeit ganz neue Möglichkeiten: Wir kennen jeden einzelnen Gast in jedem Club mit Namen. Und für jeden gibt es zahlreiche Regeln, die auf unserer Homepage in den FAQs erklärt werden. Sollte tatsächlich eine Infektion ausbrechen, gelingt es uns sofort, nur diejenigen zu informieren, die mit der betroffenen Person im selben Raum waren, und das weitere Infektionsrisiko enorm klein zu halten. Darum geht es, und darum wird es auch in Zukunft gehen. So lange kein Impfstoff da ist, müssen wir einen gesunden Mittelweg finden zwischen dem Weiterführen von kultureller Rezeption und der Pandemie. Mag sein, dass Kulturentzug nicht so schlimm ist wie zum Beispiel Bildungsentzug, aber es müssen Spielräume gelassen werden, damit Kultur auch in einer Zeit wie dieser möglich bleibt, um eventuelle Kollateralschäden zu vermeiden. Und was wir fürs Reeperbahn Festival vorbereitet haben, ist wirklich sehr vernünftig.

Andere Zeit, anderes Bild: Festival Masse auf dem Spielbudenplatz (Foto: Michael Rathmayr)

Klingt nach kontrollierter Offensive.

Total! Es ist ein Wiedereinstieg mit ruhiger Hand.

Und was entgegnest du Kritikern, die dennoch sagen, dass es gerade jetzt, da eine Angst vor einer zweiten Welle besteht, vielleicht keine gute Idee ist, ein internationales Festival durchzuführen, so sehr es sich auch an die Richtlinien hält?

Dass wir ja gar nicht entscheiden, dass das Festival stattfinden kann. Wir haben nur ein Konzept auf Basis des geltenden Erlasses der Stadt Hamburg entwickelt. Und ich glaube an unsere Gesetzgebung und an diejenigen, die die Erlasse verfassen. Wenn sie morgen sagen würden, dass Veranstaltungen mit mehr als 100 Leuten bis zum 30. September nicht stattfinden dürfen, dann wäre das so, und dann müssten wir uns überlegen, ob wir uns anpassen und weiterhin das Reeperbahn Festival durchführen wollen.

Es heißt, ihr würdet euch schwerpunktmäßig sehr um den Diskurs über Kulturwirtschaft und ihre Rolle in Krisenzeiten kümmern. Wie siehst du die Rolle der Branche in der aktuellen Krise?

Corona war bisher ja wie eine Lupe, unter der wir viel gesehen haben. Zum Beispiel, welche Missstände es gibt, Stichwort Spaltung der Gesellschaft – und das nicht nur in Deutschland, sondern global. Es sind viele Baustellen sehr deutlich geworden, zu denen sich die Kulturwirtschaft mal zu Wort melden könnte, und zwar als verbindendes Element. Ich weiß, es ist schwierig für viele Künstler, sich nicht nur durch ihr Werk, sondern zusätzlich theoretisch zu äußern. Aber speziell in diesem Jahr werden wir in unseren musiktheoretischen Angeboten beim Reeperbahn Festival daran arbeiten.

Es ist nun eine Art Versuch. Was genau könnte denn das bestmögliche Outcome dessen sein?

Dass Künstler und Besucher nicht völlig abgeturnt sind von der Situation, in der eben nur sehr wenig Publikum möglich ist. Es ist auch ein Atmosphäre- Test: Wie fühlt sich das jetzt an für die Beteiligten? Wir fänden es schön, wenn am Ende alle sagen würden, dass es auf diese Weise immer noch besser ist, Kultur zu genießen, als es seit April war. Auch wäre es wünschenswert, wenn Konzertbesucher dazu bereit wären, künftig drei oder vier Euro mehr für einen Auftritt zu bezahlen, weil sie verstehen, dass es sich sonst – außerhalb des Reeperbahn Festivals – ökonomisch nicht für Clubs und Künstler ausgeht. Und: Wenn wir das jetzt mal alle zusammen so durchhalten, wie es eben ist, können wir irgendwann auch noch mal geschlossen an die Politik herantreten und sie bitten, jedem Solo-Selbstständigen, jedem Ton- und Bühnentechniker, jedem Monitor-Mann, jedem Security- Mitarbeiter unter die Arme zu greifen. Das wäre mein Traumergebnis des diesjährigen Reeperbahn Festivals.

Befasst du dich auch mit einem Worst-Case-Szenario?

Es kann schon sein, dass alle sagen werden: „Das ist doch atmosphärischer Murks!“ Aber selbst dann werden wir die Politik um weitere Hilfen für die Branche bitten.

 

Das Festival wird im Rahmen der Möglichkeiten und Notwendigkeiten durchgeführt

 

Wie hoch sind denn aktuell die Hilfen von Land und Bund fürs Reeperbahn Festival?

Wir bekommen weitere 500.000 Euro vom Land und 800.000 Euro vom Bund, um unser Konzept auszuprobieren.

Hat der Hamburger Senat auch auf die Wichtigkeit des Festivals für die Stadt gepocht und euch mitgeteilt, dass es in diesem Jahr auf jeden Fall stattfinden sollte?

Nicht, dass es auf jeden Fall stattfinden sollte. Uns wurde nur gesagt: „Guckt euch die Erlasse an, die zum Festivalzeitraum gelten, und überlegt euch, ob ihr eine plausible, die Eindämmungsmaßnahmen gegen die Pandemie respektierende Lösung findet. Wenn ihr eine habt, könnt ihr gerne noch mal fragen, ob wir euch zusätzlich unterstützen können.“ Das haben wir gemacht. Normalerweise kriegen wir vom Land 410.000 Euro im Jahr, jetzt wurden noch mal 500.000 draufgepackt.

Wenn wir schon bei Zahlen sind: Bis Mitte Juni hieß es noch, dass bis zu 4.000 Besucher pro Tag möglich wären an 30 Spielstätten. Dann seid ihr aber noch mal runtergegangen auf nur bis zu 2.500 Besucher pro Tag an 20 Spielstätten.

Genau, zum 1. Juli gab es ja einen neuen Erlass, mit verschärften Abstands- und Getränkeausschankregeln. Wir haben uns alle geplanten Spielorte angeschaut, auch wie die einzelnen Clubs nach dem Reeperbahn Festival weitermachen würden – bestuhlt oder nicht, mit Getränkeausschank oder nicht – und danach hat sich diese neue Kapazität ergeben.

Die Spielorte unterliegen streng dem Hygienekonzept, werden nach jeder Veranstaltung gesäubert und desinfiziert. Aber Festival-Gänger, so wenig es dieses Jahr auch sein werden, wollen drum herum auch feiern, trinken, ausgelassen sein. Besteht auch in diesem Punkt keine Angst, dass das Reeperbahn Festival zum Anstieg der Infektionszahlen in Hamburg betragen könnte?

Ich gehe davon aus, dass wir sehr gut abliefern werden und dass unsere Besucher sich an die Vorgaben halten. Wenn nicht, werden sie des Hauses verwiesen, da werden wir knallhart durchgreifen. Zudem werden wir uns immer darauf berufen können, dass wir das Festival im Rahmen der Möglichkeiten und der Notwendigkeiten durchgeführt haben.

reeperbahnfestival.com

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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