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HSV Handball: Mit Torsten Jansen zurück in die Bundesliga

Torsten Jansen (44) leistete als Linksaußen von 2003 bis 2015 als Spieler einen immensen Beitrag zur großen Zeit des Handball Sport Verein Hamburg, sowohl in der Bundesliga als auch international. Mit Jansen wurde der Club Deutscher Meister, Pokalsieger und Supercup-Gewinner, holte den Europapokal der Pokalsieger und als Krönung 2013 die Champions-League. Mit der deutschen Nationalmannschaft wurde Jansen Europa- und Weltmeister. Mit Jansen als Trainer steht der in der Saison 2015/16 aufgrund einer Insolvenz bis in die Dritte Liga abgestürzte Handball Sport Verein Hamburg kurz vor der Rückkehr in die Bundesliga

Interview: Mirko Schneider

 

SZENE HAMBURG: Herr Jansen, Sie haben als Spieler einschließlich des Weltmeistertitels alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Ab welchem Zeitpunkt haben Sie an eine Karriere als Trainer gedacht?

Torsten Jansen: Erst relativ spät. In den letzten ein, zwei Jahren meiner Karriere habe ich mir Gedanken darüber gemacht, was ich danach machen möchte. In diesem Prozess hat sich immer mehr herauskristallisiert: Das, was ich über lange Jahre auf dem Feld sozusagen praktisch gelernt und studiert habe, möchte ich nun mal auf eine andere Art und Weise erleben.

In Ihrer Trainerausbildung hatten Sie statt mit dem Hamburger Handball-Verband sogleich mit dem Deutschen Handballbund zu tun. Wie kam das?

Der Deutsche Handballbund bot damals für langjährige Bundesligaspieler die Möglichkeit an, sofort den B-Schein in kompakter Form zu absolvieren. Insgesamt waren es 100 Lehreinheiten. Ich wurde ja dann am 15. Juli 2016 A-Jugendtrainer beim HSV Hamburg und übernahm am 29. März 2017 die Herren, mit denen wir im Sommer 2018 in die Zweite Bundesliga aufstiegen. Parallel dazu machte ich über insgesamt ein Jahr den A-Schein.

hsv-handball-trainer-torsten-jansenWas hat Ihnen die theoretische Ausbildung gebracht? Sie hatten ja praktisch alles auf dem Feld erlebt.

Grundsätzlich hat sie mir sehr viel gebracht. Alle Verbände, die Trainerausbildungen organisieren, erfüllen eine wichtige Aufgabe. Mir hat die Ausbildung einen gewissen Rahmen gegeben. Ich bin dadurch noch strukturierter geworden. Habe für mich herausgefunden, wie ich gewisse Sachen umsetzen will. Beispielsweise wie ich ein Training plane oder ganze Trainingswochen. Über Trainingslehre habe ich dort sowieso viel gelernt. Es ist eben etwas anderes, ob man als Spieler auf dem Feld steht oder als Trainer an der Seitenlinie.

Wie nehmen Sie Ihr Trainerdasein wahr?

Als sehr umfangreich. Als Trainer denkt man sehr viel an die Mannschaft. Dazu gehört die Vorbereitung auf den nächsten Gegner, das Spiel, die Entwicklung der einzelnen Spieler, das Zusammenspiel als Mannschaft, die Kommunikation mit den Spielern und dem Trainerteam und natürlich die Punktspiele. Eigentlich ist man die Anlaufstelle für jeden. Auch für vieles, woran man nicht sofort denkt oder was man nicht sofort sieht.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel dieses Gespräch hier. Auch die Presse möchte ja regelmäßig von einem etwas wissen. Oder eine Spielerverpflichtung. Natürlich unterhalte ich mich mit dem Spieler, den ich möchte und zeige ihm seine möglichen Perspektiven bei uns auf. Eigentlich bin ich da ein bisschen wie ein Verkäufer, der etwas verkaufen möchte.

Es kann aber sein, dass ich erst einmal neun Absagen von Spielern erhalte. Bis dann im zehnten Gespräch eine Zusage kommt. Die zehn Gespräche haben aber eben auch viel Zeit in Anspruch genommen.

Zum Thema Presse: Zu welchem Umgang mit den Medien raten Sie jungen Trainer:innen?

Ich kann da keinen pauschalen Rat geben. Es kommt ja auch auf den Standort an. Hamburg ist zum Beispiel eine Medienstadt. Da wächst man rein. Für mich ist Vertrauen ganz entscheidend. Natürlich will ich nichts in der Zeitung lesen, was ich gar nicht gesagt habe. Das passiert aber in aller Regel auch nicht.

Grundsätzlich halte ich es so: Wenn ich mit den Medien spreche, will ich nicht ständig sagen: `Das dürft ihr aber nicht schreiben.` Ich sage die Dinge so, wie ich sie sehe. Und wenn ein Journalist einen Vorsprung hat und weiß, dass wir diesen oder jenen Spieler holen, bin ich der Letzte, der sagt: `Das ist nicht so`.

Dass im Boulevardjournalismus manche Aussagen etwas größer gemacht werden, ist sicherlich auch so. Damit kann ich aber leben.

 

„Ich sehe mich als jemanden, der den Spielern Hilfestellungen gibt“

 

Macht Ihnen Ihr Beruf als Trainer Spaß?

Klar macht er mir Spaß. Würde er mir keinen Spaß machen, würde ich ihn nicht schon seit vier Jahren ausüben. Ich genieße es ohne Frage, Trainer beim HSV Hamburg zu sein. Es ist der Verein, bei dem ich fast meine gesamte Karriere verbracht habe. Als Spieler hatte ich hier eine super Zeit, die ich auch mitprägen durfte. Deshalb ist das schon etwas Besonderes für mich, hier Trainer zu sein.

Wie ist Ihr Stil als Trainer?

Schwierig zu beantworten. Autoritär bin ich in der Regel nicht. Wenn ich Spieler kritisiere, versuche ich dies stets auf eine konstruktive Weise zu tun. Wenn ein Spieler Dinge absolut nicht einsieht, kann ich auch deutlich werden. Aber eher nicht vor der ganzen Mannschaft, sondern im Gespräch unter vier Augen. Menschen stecken andere Menschen gerne in Kategorien. Ich finde aber: Es gibt viele Zwischenkategorien. Und Zwischen-Zwischen-Kategorien.

Sind Sie stolz auf Ihre Arbeit, wenn Spieler sich gut entwickeln?

Ich sehe mich eher als jemanden, der den Spielern Hilfestellungen gibt. Der sie ermutigt, Dinge besser zu machen und ihnen Wege dahin zeigt. Aber letzten Endes ist jeder Spieler für seine Leistung im Teamverbund selbst verantwortlich. Jeder Spieler ist seines eigenen Glückes Schmied.

Zum Zeitpunkt dieses Interviews sind Sie mit dem HSV Hamburg Tabellenführer der Zweiten Bundesliga. Glückt der Aufstieg und damit die Rückkehr auf die große Bühne?

Wir sind optimistisch, dass wir es schaffen können und wir wollen es schaffen. Doch jeder weiß: Es kann viel passieren. Wir haben gerade daheim 27:28 gegen den TV Großwallstadt verloren. Das zeigt uns: Wir müssen bei jedem einzelnen Spiel total fokussiert sein.

Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus? Wollen Sie Ihr Leben lang Trainer sein?

Eine Prognose ist in diesem Geschäft eigentlich nicht möglich. So lange mir das Trainerdasein Spaß macht, will ich Trainer sein. Ich plane nicht so weit in die Zukunft. Ich lebe im Hier und Jetzt und konzentriere mich auf das, was ist.


 SZENE HAMBURG Sport, Mai 2021. Das Magazin ist seit dem 29. April 2021 als Heft im Mai-Heft im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Volleyball: Das Wunder von Eimsbüttel

Die ETV-Damen sind das beste Team der Stadt – und sie wollen sich ohne viel Geld im Profibereich etablieren

Text: Mirko Schneider

 

Ein Sonntagnachmittag in der Sporthalle Hoheluft. Eine stimmungsvolle Musikauswahl mit unüberhörbarem 90er-Jahre-Touch dröhnt aus den Boxen. In 30 Minuten beginnt die Volleyball-Partie der Damen des Eimsbütteler TV gegen den VC Allbau Essen in der Zweiten Bundesliga. Und was machen die ETV-Damen beim Aufwärmen? Bauen „I want it that way“ von den Backstreet Boys in ihre Übungen ein. Als der Hallensprecher die Spielerinnen beider Teams einzeln vorstellt, stürmt Libera Ines Laube mit einem kleinen Krönchen auf dem Kopf auf die Platte. Sie feiert heute ihren 31. Geburtstag.

„Mein Team besteht aus vielen fröhlichen, spontanen und aufgeschlossenen Damen, die viel Spaß miteinander haben“, hat Trainer Ulrich Kahl, 58, im Vorgespräch gesagt. Das ist in jeder Sekunde zu spüren. Was er auch gesagt hat: „Unser Teamspirit ist riesig und alle haben große Lust darauf, Leistung zu bringen und gemeinsam guten Volleyball miteinander zu spielen.“ Das wiederum beweisen die ETV-Damen ab dem ersten Ball. Sie machen es dem Tabellendritten so schwer wie möglich und unterliegen erst nach tapferem Kampf in vier Sätzen.

Dennoch ist der Klassenerhalt so gut wie gesichert. Und das ist eine erneute Überraschung, nachdem der erstmalige Aufstieg in den Leistungsbereich der Zweiten Liga einem Wunder gleich kam.

 

„Wollen wir aufsteigen oder nicht?“

Ulrich Kahl

 

Denn zum einen ließ der Absturz des VT Aurubis (mittlerweile Volleyball-Team Hamburg; Anm. d. Red.) von der Bundesliga in die Dritte Liga große Zweifel aufkommen, ob Damen-Volleyball sich in Hamburg als Profisportart überhaupt dauerhaft etablieren lässt. Zum anderen schreibt sich mit dem ETV nun ein typischer Breitensportverein dieses Ziel auf die Fahnen.

Der dafür entscheidende sportliche Moment spielte sich Anfang 2020 bei einer Mannschaftssitzung ab. Kahl, seit 19 Jahren Coach der Volleyball-Damen beim ETV, stellte seine Spielerinnen vor die Wahl. „Wir waren Tabellenführer der Dritten Liga und hatten gerade unser erstes Spiel verloren. Gegen den Zweiten. Das ärgerte uns mächtig. Da habe ich meinen Spielerinnen gesagt: ‚Jetzt Butter bei die Fische! Wollen wir aufsteigen oder nicht?‘“ Einstimmig wurde der Beschluss gefasst: Wir wollen hoch.

Ab diesem Zeitpunkt rauschten die ETV-Volleyball-Damen durch die Dritte Liga. Sie gaben in der Rückrunde keinen Satz mehr ab. Nur war da ja noch der zu stemmende Etat. 10.000 Euro betrug er in der Dritten Liga, 50.000 Euro waren für die Zweite Liga nötig. Wohlgemerkt ohne Zahlungen an die Spielerinnen wie in anderen Clubs mit wesentlich höherem Budget. „Das ist leider einfach nicht drin. Damit sind wir sicher eine Ausnahme in der Zweiten Liga“, sagt Kahl. Trotzdem konnte sogar Außenangreiferin Saskia Radzuweit, 30, Ex-Bundesliga- und Ex-Nationalspielerin, von einem Comeback überzeugt werden, nachdem sie ihre Karriere 2018 schon beendet hatte. „Was der ETV hier gerade aufbaut, sehe ich genauso positiv wie das Team selbst. Dass kein Geld gezahlt wird, hat mich nicht gestört“, sagt Radzuweit.

 

„Träumen ist erlaubt“

Ulrich Kahl

 

Ebenso erfolgreich verlief die intensive Sponsorensuche. Mit der Top-motive-Gruppe als Hauptsponsor und der Pizzakette Smiley’s wurden schließlich namhafte Unternehmen von einem Engagement überzeugt. So konnte das Abenteuer Zweite Bundesliga starten. Dreimal die Woche Balltraining in der Halle, dazu ein- bis zweimal Krafttraining in Eigenregie. 14 Damen im Kader, die meisten Anfang 20 und Studentinnen. Der ETV ging nicht gerade als Favorit in die Saison. Doch das eingeschworene Team fand seinen Platz im unteren Mittelfeld der Zweitligatabelle mit Puffer auf die Abstiegsränge.

Nun stellt sich die Frage: Ist sogar noch mehr drin? „Eine Sportstadt wie Hamburg muss natürlich das Ziel haben, auch im Damen-Volleyball in der Ersten Bundesliga vertreten zu sein“, sagt Kahl. „Doch unter 250.00 Euro Etat würde da gar nichts gehen. Und das wäre das absolute Minimum. Wenn wir irgendwann die Chance haben, wirtschaftlich verantwortbar aufzusteigen, werden wir uns nicht wehren. Bis dahin müsste allerdings unglaublich viel passieren. Träumen ist aber erlaubt.“


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2021. Das Magazin ist seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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