Beiträge

Herbst-Oasen: Graue Tage? Gute Tage!

Es wird früher dunkel, immer kälter – und die Stimmung schon mal schlechter: Der Herbst ist da. Ein Herbst-Blues muss aber nicht aufkommen. Die Stadt bietet allerhand Orte, die von jetzt auf gleich stimmungsaufhellend wirken

Interview: Erik Brandt-Höge

 

Hygge Brasserie & Bar

 

Klein Dänemark in Nienstedten

Wer das Hygge betritt, weiß, warum das Wort Gemütlichkeit bedeutet (Foto: Nina Struve/Hygge)

Wer das Hygge betritt, weiß, warum das Wort Gemütlichkeit bedeutet (Foto: Nina Struve/Hygge)

Klar, eine Reise nach Dänemark lohnt sich immer. Schließlich gibt es dort diese kleinen, süßen, supergemütlichen Häuschen mit Kamin, in denen man sich von jetzt auf gleich geborgen fühlt. Genau dieses gute Dänemark-Gefühl gibt es aber auch in Hamburg, genauer: in Nienstedten. Die Hygge Brasserie & Bar bietet dort ein Wohlfühl-Ambiente der besonderen, weil eben dänischen Art. Fachwerk, Hängelampen, Ledersessel und -sofas, Kaminfeuer – alles da. Zudem eine feine Auswahl an Weinen und Cocktails sowie Essen aus aus hochwertigen, regionalen Zutaten.

Baron-Voght-Straße 179 (Nienstedten); hygge-hamburg.de

 

Komet

 

Versteckter Schuppen

Feiern auf dem Kiez ohne Touristen und Junggesellenabschiede, das Komet (Foto: Erik Brandt-Höge)

Feiern auf dem Kiez ohne Touristen und Junggesellenabschiede, das Komet (Foto: Erik Brandt-Höge)

Keine fünf Gehminuten weg vom Kiez-Gewimmel liegt ein kleiner, feiner Laden namens Komet. Etwas versteckt und deshalb nicht von Junggesellenabschiedssuffis überlaufen, können hier (aktuell nach 2G-Regel) die Abende und Nächte in alten Kinosesseln verbracht oder zu Blues, Soul, Rockabilly und Italo-Pop durchgetanzt werden. Zwischen Discokugel, gerahmten Filmstars an den Wänden und LeuchtGlobus finden übrigens auch regelmäßig Schallplattenauktionen statt.

Erichstraße 11 (St. Pauli); komet-st-pauli.de

 

Tropen-Aquarium Hagenbeck

 

Exotischer Kurzurlaub

Große Haie, kleine Fische und vieles mehr gibt es im Tropenaquarium bei Hagenbeck (Foto: Hagenbeck)

Große Haie, kleine Fische und vieles mehr gibt es im Tropenaquarium bei Hagenbeck (Foto: Hagenbeck)

Haien und Rochen ganz nah kommen, ohne sich dabei auch nur ansatzweise in Gefahr zu begeben: kein Problem – zumindest nicht im Tropen-Aquarium Hagenbeck. Durch die Sichtscheibe des Großen Hai-Atolls, einem 30 Meter langen Becken, können die genannten sowie viele weitere Meeresbewohner wie im Kino bestaunt werden. Neben dem Großen Hai-Atoll gibt es im Tropen-Aquarium unter anderem einen Krokodilsee, eine sattgrüne Dschungellandschaft und Hamburgs einzigen Wasserfall. Insgesamt sind im Tropen-Aquarium mehr als 14.300 exotische Tiere äquatorialer Gebiete zu Hause.

Lokstedter Grenzstraße 2 (Lokstedt); hagenbeck.de

 

Holthusenbad

 

Relaxen de luxe

Draußen Wind und Regen, drinnen im Holthusenbad relaxen (Foto: Bäderland)

Draußen Wind und Regen, drinnen im Holthusenbad relaxen (Foto: Bäderland)

Lust auf etwas Gesundes? Auf Tiefenentspannung? Auf Unterhaltung? Und nicht zuletzt auf hohe, teils sehr hohe Temperaturen? Das Holthusenbad bietet all das in seiner Saunalandschaft. Und zwar en masse. Nicht eine, nicht zwei, nicht drei, nein: ganze neun Schwitzangebote gibt es – von 45 °C bis 100 °C, von ruhig bis erlebnisreich. Unter anderem können in der Mediensauna (Foto) bei 90 °C-Aufgüsse ebenso genossen werden wie die dazu gelieferten Filme und Musiken.

Goernestraße 21 (Eppendorf); baederland.de

 

zeise kinos

 

Ab in den Sessel – und eine andere Welt

Eines der schönsten Programmkinos der Stadt, das zeise Kino (Foto: Jan Brandes)

Eines der schönsten Programmkinos der Stadt, das zeise Kino (Foto: Jan Brandes)

Kinos gibt es allerhand in der Stadt. Schöne Kinos auch. Besonders schöne sind die zeise kinos. In den Ottensener Zeisehallen, wo einst Schiffsschrauben produziert und in alle denkbaren Länder exportiert wurden, trifft heute Industrie-Charme auf moderne Glas-Stahl-Architektur. In den drei Kinos mit mehr als 523 Plätzen werden nationale wie internationale Top-Filme gezeigt, darunter viele Premieren mit Regisseuren, Schauspielern und Teams als Gästen. Auch Singer und Poetry Slams sowie Lesungen und Konzerte werden veranstaltet. Einmal in die gemütlichen Samtsessel gefallen, schon kann eine andere, faszinierende Welt erlebt werden. Übrigens können die Säle samt Film für ein Wunschkino auch gemietet werden.

Friedensallee 7–9 (Ottensen); zeise.de

 

Yu Garden

 

Oase südchinesischer Bauart

Das Yu Garden ist eine chinesische Oase mitten in der Stadt (Foto: Marc Sill)

Das Yu Garden ist eine chinesische Oase mitten in der Stadt (Foto: Marc Sill)

Schon gewusst: Hamburg und Shanghai sind Partnerstädte. 2006 wurde dieser Partnerschaft ein regelrechtes Denkmal im Hamburger Stadtbild gebaut: der Yu Garden. Das Teehausensemble nach südchinesischer Bauart ist außen wie innen ein absoluter Hingucker. Neben traditioneller chinesischer Küche wie gerösteter Ente mit Wokgemüse und Hoisin-Soße können hier zahlreiche Tees der Extraklasse genossen werden. Rund 13.000 Kilometer entfernt von Shanghai ist der Yu Garden eine Hamburger Oase, in der eine ferne Kultur durch ihre Küche kennengelernt werden kann.

Feldbrunnenstraße 67 (Rotherbaum); yugarden.de

 

Adolf-Jäger-Kampfbahn

 

Bierchen, Bratwurst, Fußball

Fußball wie früher, das ist Altona 93 (Foto: Erik Brandt-Höge)

Fußball wie früher, das ist Altona 93 (Foto: Erik Brandt-Höge)

Die Leidenszeit von Fußballfans und -spielern ist vorbei, sie sind wieder vereint. Tausende sind zurück in den Stadien und live dabei, wenn etwa der HSV und St. Pauli versuchen, in der 2. Bundesliga voranzukommen. Ein paar Nummern kleiner, deshalb aber nicht unspannender, sind die Spiele von Altona 93 auf der Adolf-Jäger-Kampfbahn. Bierchen, Bratwurst und ziemlich ansehnlichen Fußball gibt es nämlich auch hier – und das zu ziemlich fairen Preisen.

Griegstraße 62 (Ottensen); altona93.de

 

Hamburger Tierschutzverein

 

Gassigehen mit Tierheim-Hunden

Ehrenamtlich mit Hunden Gassi gehen? Jap, das geht beim Hamburger Tierschutzverein (Foto: Hamburger Tierschutzverein)

Ehrenamtlich mit Hunden Gassi gehen? Jap, das geht beim Hamburger Tierschutzverein (Foto: Hamburger Tierschutzverein)

Schon mal in die Augen eines Tierheim-Hundes geguckt, wenn er aus seinem Gehege herauskommt, einen Spaziergang im Grünen macht, herumtollt und überall schnüffelt, wo es etwas zu schnüffeln gibt? Das ist das pure Glück! Und eben dieses färbt auf denjenigen ab, der den Spaziergang ermöglicht. Das Gassigehen ist eine enorm dankbare Aufgabe und nur eines der zahlreichen Ehrenämter, die man beim Hamburger Tierschutzverein ausüben kann. Nach einer Schulung sowie Probespaziergängen wird ein Gassi-Geh-Ausweis erworben – damit können die Hunde ausgeführt werden. Voraussetzung ist zudem ein Mindestalter von 18 Jahren. Aktuell sucht der Verein speziell für die Gassi-Zeiten unter der Woche Unterstützung.

Süderstraße 399 (Hamm-Süd); hamburger-tierschutzverein.de

 

Kaffee Stark

 

Gemütlich, gemütlicher, Stark

Auf der Suche nach einem gemütlichen Café für jeden Anlass, dann ab ins Café Stark (Foto: Erik Brandt-Höge)

Auf der Suche nach einem gemütlichen Café für jeden Anlass, dann ab ins Kaffee Stark (Foto: Erik Brandt-Höge)

Rausgekämpft aus dem Gewühl auf der Wohlwillstraße und reingekommen ins Kaffee Stark, schon ist Entschleunigung angesagt. Uriges Holzmobiliar, allerhand warm-leuchtende Kunst an den Wänden, Kissen en masse: So geht Café- und Bar-Spaß. Es gibt Kaffee, Kuchen, Snacks und Kaltgetränke, und es ist immer gemütlich, immer entspannend. Und übrigens auch immer vegan.

Wohlwillstraße 18 (St. Pauli); kaffeestark.de

 

Blankeneser Leuchtturm

 

Pötte gucken

Durchs Treppenviertel an die Elbe, selbst im grauen Herbst wunderschön (Foto: Erik Brandt-Höge)

Durchs Treppenviertel an die Elbe, selbst im grauen Herbst wunderschön (Foto: Erik Brandt-Höge)

Immer und immer wieder bombastische Bilder: Wenn die ganz großen Pötte langsam in den Hamburger Hafen einfahren. Gerade die halbe Welt umschippert, sind die XXL-Containerschiffe ihrem Zielort schon sehr nah, wenn sie den Leuchtturm Unterfeuer Blankenese passieren. Der hat eine Aussichtsplattform, von der aus Besucher die Riesen auf dem Wasser besonders gut beobachten und fotografieren können. Selbst bei Regen und im tiefsten Nebel empfehlenswert.

Treppenviertel (Blankenese)


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Gefunden: Das Glück am Rand

Laut, quirrlig und manchmal ganz schön hektisch – das ist Hamburg City. Doch dort, wo die Stadt ausfranst, geht es sehr viel ruhiger zu. Manchmal fast schon dörflich, was Vor- und Nachteile haben kann. Drei Stadtflüchtige erzählen, wie es ist, Schanze, St. Pauli und Wilhelmsburg gegen Bergedorf, Niendorf Nord und Poppenbüttel einzutauschen

Protokoll: Erik Brandt-Höge, Ulrich Thiele & Anna Meinke
Fotos: Erik Brandt-Höge & Jérome Gerull

 

 

Jessica: Vom Kiez nach Niendorf

 

Jessica Ness hat es aus dem lauten, bunten St. Pauli ins beschauliche Niendorf Nord verschlagen. Was hat der Kulturschock mit ihr gemacht?

hamburg-bewohner-jessi-c-jerome-gerull

Einst war er „The King Of The Kiez“, jetzt stolziert Duke durchs Ohmoor (Foto: Jérome Gerull)

„Ich bin 2014 in eine WG auf ’n Kiez gezogen. Mein Mitbewohner war DJ in einer Strip-Bar, deswegen sind bei uns immer ziemlich viele lustige Sachen passiert. Die Stripperinnen haben oft bei uns übernachtet. Wenn ich von einer Nachtschicht nach Hause kam, kam es schon mal vor, dass eine mir wildfremde Person in Reizwäsche am Küchentisch saß. Da habe ich nur ‚Moin‘ gesagt und das war’s, ich war das ja gewohnt. Mein Hund Duke ist auf dem Kiez groß geworden und dort durch die Gegend stolziert wie der King Of The Kiez. In dem Stripclub haben sie sogar eine ‚Duke Box‘ mit Snacks für ihn installiert. Immer, wenn ich mit ihm unsere Abendrunde gegangen bin, wollte er deswegen direkt in den Stripclub. Ich habe direkt neben dem Moondoo gewohnt. Nachts hat man die Touristenansammlung auf dem Kiez, aber durch den Alltag ist St. Pauli doch wie ein Dorf. Man ist dann schnell per Du mit dem Dönermann von nebenan oder mit Olivia Jones.

Ich war jahrelang OP-Krankenschwester im AK Altona. Irgendwann geriet ich in einen ethischen Konflikt, als ich gemerkt habe, wie sehr es im Gesundheitswesen ums Geld geht. Deswegen wollte ich mein Geld mit etwas Positivem verdienen und meinen Beruf mit meiner großen Leidenschaft verbinden: Musik. Zuerst habe ich im Docks / Prinzenbar am Tresen gearbeitet, konnte mich aber schnell hocharbeiten und durfte mich weiterbilden und mich um die Abrechnungen und das Personalmanagement kümmern.

 

Aus dem Krankenhaus zur Musik

 

Im Docks waren sehr viele facettenreiche Konzerte. Von Skunk Anansie bis hin zu HipHop konnte ich da alles Mögliche sehen und manchmal auch die Stars im Backstage erleben. Zum Beispiel Liam Gallagher. Er war Secret Act beim Reeperbahn Festival, und alle hatten sie Angst, man kennt ja die Geschichten über ihn. Dass er schon mal alles stehen und liegen lässt, wenn ihm etwas nicht passt. Aber bei uns fand er’s wohl gut, er war ganz entspannt und hat sich einfach mal zu uns hingestellt und mit uns eine geraucht.

Woran ich momentan oft denken muss: Auf dem Kiez war ich jeden Tag mit dem Leid der Obdachlosen konfrontiert. Ich mache mir heute noch oft Gedanken, wie sie zurechtkommen, gerade jetzt in der Corona-Zeit. Neulich war ich auf dem Kiez und habe einen alten Bekannten wiedergesehen. Er sah echt übel aus. Die ganzen Touristen sind ja momentan nicht da, wie sollen sich die Obdachlosen da ihr Geld zusammenschnorren?

 

Loyalität und Nachtschichten

 

Meine Chefin im Docks war zum Glück sehr loyal und hat geholfen. Ich war ja wie gesagt für die Personaleinstellung zuständig. Einen Obdachlosen habe ich kennengelernt, weil unsere Hunde immer miteinander gespielt haben. Dem ging es ganz schlecht, deswegen habe ihn gefragt, ob er mal zur Probe arbeiten möchte bei uns. Letztlich hat er jahrelang im Docks gearbeitet und sich auch hochgearbeitet, er ist auf einen Bauplatz gezogen und konnte seinen Alltag regeln. Und er hat sogar noch einen obdachlosen Freund mit ins Boot geholt. Für diese beiden ging es zumindest gut aus.

Die Zeit im Docks war aufregend, aber auch anstrengend. Nachtschichten im Club sind wie im fünften Gang Auto zu fahren: Es macht Spaß, aber du merkst irgendwann gar nicht mehr, dass du nonstop im fünften Gang fährst. Die Nachtschichten gingen manchmal 18 Stunden. Wenn ich um 10 Uhr morgens nach Hause kam, war ich völlig platt, konnte mich aber kaum erholen, weil es um 17 Uhr wieder losging. An Wochenenden hatte ich das Gefühl, so viel zu arbeiten, wie andere in der gesamten Woche.

Auf dem Kiez habe ich meinen jetzigen Freund kennenlernt, er hat damals in der Villa Nova gearbeitet. Wir sind zusammen in eine Wohnung über dem Docks gezogen. Eines Tages hatten wir einen Schlüsselmoment. Wir sind zusammen mit Duke an einem Montag bei strahlendem Sonnenschein mit einem Eis in der Hand über den Hamburger Berg gelaufen. Duke ist die ganze Zeit durch Scherben gelaufen und wir hatten die Gerüche allermöglichen Exkremente in der Nase – da dachten wir uns plötzlich: Wollen wir das überhaupt noch? Wollen wir nicht zusehen, dass wir ins Grüne kommen, für den Hund und für uns? Außerdem sind die Mieten auf dem Kiez so hoch, aber wofür eigentlich? Für Lärm und Dreck?

 

Glück im Norden der Stadt

 

Niendorf Nord war Zufall. Wir haben uns in ganz Hamburg beworben, was nicht so einfach ist mit einem japanischen Akita-Husky-Mix. Ich wusste damals nicht mal, wo Niendorf liegt. Aber als ich hierherkam, habe ich mich sehr schnell wohl gefühlt, weil es so ein grüner, ruhiger Stadtteil ist. Im Vergleich zum Kiez ist hier alles entschleunigt und die Luft ist frischer. Egal in welche Richtung ich gehe, es gibt überall grüne Flächen, Wälder und dann ist da noch das Ohmoor.

2018 sind wir hierhergezogen. Ich habe zu der Zeit noch auf dem Kiez gearbeitet und bin immer 30 Minuten mit der U-Bahn gependelt. Irgendwann ergab sich die Möglichkeit, in meinen alten Beruf zurückzukehren. Jetzt arbeite ich in der ambulanten Pflege in Niendorf. Gerade jetzt, wo die Kulturlandschaft brach liegt, bin ich natürlich besonders froh über meine Entscheidung.

Manchmal fehlt es mir aber, nicht einfach um 22 Uhr kurz vor die Tür zu gehen und ein Bier zu trinken. Hier sagen sich Hase und Igel Gute Nacht. Hier ist es manchmal auch etwas spießiger. Auf dem Kiez ist das Leben sehr tolerant, man lässt sich so sein, wie man ist. In Niendorf habe ich mich schon mit meckernden Rentnern angelegt. Ich bin halt eher der Typ ‚Leben und leben lassen‘.“

 

Christian: Von der Schanze über Poppenbüttel nach Sasel

 

Nach Jahren in Szenevierteln zog es Christian, 52, raus nach Poppenbüttel, später nach Sasel. Der Kinder wegen. Mittlerweile genießt er den Dorfcharakter draußen – und findet die Schanze zu schnelllebig.

Die Anpassung an den Stadtrand ging schneller als gedacht; Foto: Erik Brandt-Höge

Die Anpassung an den Stadtrand ging schneller als gedacht; Foto: Erik Brandt-Höge

„Ich kam 1993 während des Studiums von Essen nach Hamburg. Studiert habe ich an der TU in Harburg, gewohnt habe ich zuerst in Ottensen, kurz darauf aber auch in allerhand anderen Stadtteilen. Chronologisch aufgezählt: Altona, noch mal Ottensen, St. Pauli, Hamm, Wilhelmsburg, Schanze. Irgendwann war ich verheiratet, hatte ein Kind, und als das zweite unterwegs war, wollten meine damalige Frau und ich raus aus der Stadt. Wir hatten keine Lust, vor jedem Spielen in der Buddelkiste im Schanzenpark den Sand zu durchkämmen und Spritzen rauszuholen. Nein, die Kinder sollten im Grünen aufwachsen. Wir haben auch relativ günstig ein großes Haus mit Garten in Poppenbüttel bekommen. Das war 2006. Die Anfangszeit dort war zugegebenermaßen nicht so leicht, einfach, weil ich mich schon noch als Städter fühlte – und als großer Fan von St. Pauli war der Weg zum Stadion auch nicht mehr der kürzeste. Die Anpassung an den Stadtrand ging dann aber doch schneller, als gedacht, allein, weil wir gesehen haben, wie wohl sich die Kinder in der neuen Umgebung fühlten. Für sie war es in Poppenbüttel von Anfang an super. Und ich fühlte mich auch immer mehr zu Hause.

Nach einiger Zeit, als ich mal wieder in die Schanze fuhr, hatte ich plötzlich dort Schwierigkeiten, zurechtzukommen. Ich konnte gar nicht mehr so schnell realisieren, was alles um mich herum passierte. Ich merkte, wie wuselig, hektisch und anstrengend es da eigentlich sein kann. Da fand ich das ruhigere, langsamere Leben oben am Rand doch besser. Und während ich in meinen ersten Hamburg-Jahren die Anonymität mitten in der Stadt voll genossen habe, habe ich draußen auf einmal den Dorfcharakter zu schätzen gelernt. Also, dass man auf der Straße oft Leute sieht, die man kennt, und mit denen man auch mal kurz schnacken kann. Brauche ich nicht unbedingt, mag ich aber.

 

Eine Trennung und es geht weiter

 

Nach der Trennung von meiner Frau bin ich nach Lemsahl-Mellingstedt gezogen, also am Rand geblieben, und später, mit meiner jetzigen Ehefrau, nach Sasel. Hier haben wir eine schöne Maisonette-Wohnung mit Balkon und Gemeinschaftsgarten. Wir wohnen unten, die Kinder oben. Die Gegend ist toll! Wir sind schnell in Bergstedt, auch im Naturschutzgebiet Hainesch-Iland. Es ist echt schön, wenn wir mit unserem Hund rausgehen und ziemlich fix in einem Waldgrundstück landen können. Einzig fehlt mir die Kneipenkultur. Es gibt hier keine gute Kneipe! Eine Handvoll Restaurants, ja, aber sonst: nichts.

Die Kinder hingegen vermissen nichts. Die haben noch nie gesagt, dass sie ins Zentrum wollen. Für sie ist das hier die Stadt. Sie haben hier ihre Schule, ihre Freunde, ihren Sportverein – und ihren Rechner. Und sie gehen ja auch noch nicht aus. Den Kiez kennen sie gar nicht. Wenn sie groß sind, könnte ich mir vorstellen, auch mal wieder weiter reinzuziehen. Aber mit ‚rein‘ meine ich dann eher einen Stadtteil wie Barmbek.“

 

Marlen: Von Wilhelmsburg nach Bergedorf

 

Mit Kind und Kegel zog Marlen, 30, vor etwa einem Jahr von Wilhelmsburg an den Stadtrand – nach Bergedorf. Trotz des kleinbürgerlichen Einheitsbrei-Charakters der neuen Nachbarschaft fühlt sich die junge Familie in ihrem nun größeren Zuhause wohl

Fühlt sich manchmal wie „in einer dieser Miniatur-Wunderland-Kulissen“ an: Marlen

Fühlt sich manchmal wie „in einer dieser Miniatur-Wunderland-Kulissen“ an: Marlen

„In Wilhelmsburg lebt die ganze Welt. Das habe ich so an unserem alten Wohnort geliebt. Da gibt es keinen Elitarismus, keine Blasenbildung. Menschen verlagern ihr Leben auf die Straße, es ist trubelig, bunt und laut. So schön es in Willi auch war – für meinen Sohn Piet wünsche ich mir ein geschützteres Umfeld und die bestmöglichen Startvoraussetzungen für sein Leben. Unser neuer Lebensmittelpunkt in Bergedorf ermöglicht ihm ein sicheres – und uns als Eltern ein entspannteres – Aufwachsen. Es gibt viele Spielplätze, es ist grün, der Wald ist in greifbarer Nähe, und wenn mein Kind vor die Tür tritt, muss ich nicht ständig Angst haben, dass es überfahren wird. Wenn ich so etwas sage, komme ich mir manchmal echt spießig vor. Wäre unsere Zweizimmerwohnung in Wilhelmsburg nicht so klein gewesen, hätte ich mir sogar vorstellen können, weiterhin dort zu leben. Auch mit Kind. Aktuell lerne ich, natürlich auch die Vorzüge des Stadtrands zu schätzen. Ich sage Stadtrand, fühle mich aber gar nicht unbedingt, als würden wir extrem weit außerhalb wohnen. Bis man so richtig auf der Kuhwiese steht, muss man von unserem Zuhause aus noch mindestens zwei bis drei Kilometer fahren. Unsere Wohnung in Bergedorf liegt in der Fußgängerzone und ist daher keineswegs ab vom Schuss.

 

Bergedorf: Eine Stadt am Stadtrand

 

Aus dem Fenster schaue ich auf einen kleinen Stadtkern. Ich bekomme manchmal das Gefühl, als befände ich mich in einer dieser Miniatur-Wunderland-Kulissen, so niedlich sieht es hier aus. Und das machen nicht nur die Häuser und Straßen, sondern auch die Menschen: Ständig entdecke ich Straßenmusiker. Die spielen hier nicht nur Gitarre, nein, sie spielen Cello, Querflöte oder Geige. Alles in allem lebt es sich hier in Bergedorf also sehr gut, wenngleich mir das Leben hier von Zeit zu Zeit ein wenig glatt gebügelt vorkommt. Auch sind die Menschen hier nicht sehr divers. Man bleibt unter sich und fühlt sich wohl in seiner ‚Bergedorf-Blase‘. Ich sehe diese Entwicklung jedoch kritisch, weil ich es schade fände, sollten irgendwann nur noch Menschen aus den gleichen sozialen Milieus in ihren jeweiligen Vierteln zusammenleben. Da bleiben der Austausch und das gegenseitige Kennenlernen komplett auf der Strecke. Und Wohnungen in der Innenstadt, in der Schanze oder in St. Georg, wären Menschen mit viel Geld vorbehalten. Zum Glück hatten wir nicht den Anspruch, im Zentrum zu wohnen. Denn eine solche Wohnung, wie wir sie jetzt in Bergedorf haben, hätten wir uns in besagten Stadtteilen niemals leisten können. Die Entscheidung, wohin wir umziehen, wurde uns dadurch sogar erleichtert: Aufgrund der Mietpreise kamen eben nur bestimmte Lagen infrage. Hier in Bergedorf zahlen wir für eine wunderschöne Altbauwohnung mit Stuck, Holzfußboden und hohen Decken gerade einmal zehn Euro pro Quadratmeter. Und wir haben so viel Platz!

Der Unterschied zwischen einer Zweizimmerwohnung und einer Viereinhalbzimmerwohnung ist schon erheblich. Sogar so erheblich, dass wir uns vorstellen könnten, die nächsten zehn Jahre hier am Stadtrand zu bleiben. Auch infrastrukturell ist Bergedorf gut aufgestellt: Vom Zahnarzt, über den Hausarzt, bis hin zum Frauenarzt gibt es alles in unmittelbarer Nähe. Da schneidet unser neuer ‚Rand-Wohnort‘ also vergleichsweise gut ab. Auch Kitas gibt es wie Sand am Meer – viele Kinder bedeuten eben auch viele Kitas. Für Piet haben wir sehr schnell einen Platz gefunden. Ja, wir haben uns hier gut eingelebt, würde ich sagen. Sollte es uns hier eines Tages zu langweilig werden, gehen wir halt zurück. Vorausgesetzt wir finden dann noch eine bezahlbare Wohnung.“


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Tierschutz: Tierheim Süderstraße zieht Bilanz

Das Tierheim Süderstraße nimmt Hunde, Katzen und Co. auf, die zu unbequem geworden sind oder regelrecht entsorgt wurden. Die Vorsitzende des Hamburger Tierschutzvereins, Sandra Gulla, fordert mehr Mut und Empathie.

Text:  Natalia Möbius
Foto: Jérome Gerull

 

Bittere Bilanz: Während der Sommerferien wurden in diesem Jahr insgesamt 301 Tiere mutmaßlich ausgesetzt oder im Tierheim Süderstraße abgegeben. Manche von ihnen, vor allem Kleintiere, wurden in oder neben Mülltonnen regelrecht entsorgt. Kein neues Phänomen – Hunde, Katzen und Co. sind häufig zu unbequem oder hinderlich, wenn es in den Urlaub geht.

Dabei ist das Aussetzen von Tieren nicht nur ordnungswidrig, sondern kann auch fatale Folgen haben. Eine Geldstrafe von bis zu 25.000 Euro erwartet den Halter, der sein Tier sich selbst überlässt. „Wer sein Tier aussetzt, beweist damit eine besonders große Empathie- und Charakterlosigkeit. Den Mut, das Tier bei uns im Tierheim Süderstraße abzugeben, muss man zumindest aufbringen“, so die erste Vorsitzende des Hamburger Tierschutzvereins (HTV) Sandra Gulla.

 

Knapp 1.350 Tiere leben im Tierheim

 

Wer sein Haustier persönlich abgibt, hilft außerdem bei der Weitervermittlung: Fundfristen von bis zu einer Woche, bevor es weitervermittelt werden darf, müssen nicht eingehalten werden und das Tier kann besser eingeschätzt werden. Das Tierheim ist die amtliche Annahmestelle für alle Tiere, die in Hamburg gefunden werden und wird vom HTV betrieben.

Derzeit leben dort knapp 1.350 Heimtiere. Um sie versorgen zu können, ist das Tierheim auf Spenden und Tierpatenschaften angewiesen. Zusätzlich entlasten ehrenamtliche Mitarbeiter die Tierpfleger beim Gassigehen oder bei der Nachkontrolle von bereits vermittelten Tieren.

Tierheim Süderstraße: Süderstraße 339 (Hamm-Süd)


Szene-Oktober-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Oktober 2019. Titelthema: Neu in Hamburg. Das Magazin ist seit dem 28. September 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

„Und wer nimmt den Hund?“: Eine Trennungsgeschichte

Schöner kann eine Ehe nicht scheitern: Rainer Kaufmann hat mit Martina Gedeck und Ulrich Tukur in den Hauptrollen eine kluge, humorvolle Trennungsgeschichte inszeniert

Text & Interview: Maike Schade

 

Georg und Doris sind seit 25 Jahren verheiratet. Er ist Direktor eines Aquariums, sie hat ihre künstlerische Laufbahn samt Traum von der eigenen Galerie aufgegeben und sich stattdessen um den Haushalt und die mittlerweile erwachsenen Kinder gekümmert. Leidenschaft? Schon lange nicht mehr. Klar, was dann passiert: Georg (Ulrich Tukur) verliebt sich in seine neue, 30 Jahre jüngere, ebenso hübsche wie intelligente Assistentin, die Doris (Martina Gedeck) vom Typ her durchaus ähnelt. Gefühle im Überschwang, die Liebe seines Lebens, das Aus für die Ehe.

Es ist eine auf den ersten Blick schon viel zu oft erzählte, ärgerlich stereotype Geschichte mit ebenso stereotypen Charakteren, die Drehbuchautor Martin Rauhaus sich ausgedacht hat. Das ist bei seinen Vorlagen häufig das Problem – zum Beispiel „Das Familienfest“, inszeniert vom wunderbaren Lars Kraume, krankte an zu grob gezeichneten Figuren und ebensolcher Handlungsentwicklung. Auch bei „Und wer nimmt den Hund?“ – übrigens komplett in Hamburg gedreht und produziert – wirkt der Plot stellenweise ein bisschen wie mit der Axt geschnitzt. Doch es gibt auch viele wunderbar pointierte, kluge Dialoge und den einen oder anderen überraschenden, humorvollen Twist. Zwei großartige Hauptdarsteller. Eine tolle Kamera (Klaus Eichhammer). Einen köstlich ironisch anmutenden, beschwingten Big-Band-Soundtrack (Jörn Kux, Jan-Peter Klöpfel). Und einen fähigen Regisseur.

 

Typische Beziehungsgeschichte

 

Schon vor 24 Jahren bewies Rainer Kaufmann mit „Stadtgespräch“ (mit Katja Riemann), dass er auch aus einer noch so typischen Beziehungsgeschichte etwas Mitreißendes herausholen kann. So auch hier. Fast dokumentarisch lässt er seine Protagonisten stellenweise frontal in die
Kamera erzählen, was denn in der Ehe so alles schiefgelaufen ist. Anlass hierzu bietet die Trennungstherapie, die Doris und Georg machen – eine feine Idee von Autor Rauhaus, mittels der er ohne große Verrenkung und erhobenen Zeigefinger den Dynamiken und Mechanismen einer langjährigen Ehe psychologisch auf den Grund gehen kann.

Denn Georg und Doris ist passiert, was vielen geschieht: Sie haben sich auseinandergelebt. Sich aus den Augen und das Interesse füreinander verloren. Als nun die hübsche Laura (Lucie Heinze) auftaucht und sich im bläulichen Licht vor den Quallen-Aquarien fast wortwörtlich dieselbe Kennenlernszene abspielt wie fast drei Jahrzehnte vorher mit Doris, ist Georg verzaubert, fühlt sich wieder lebendig und verrückt – so wie damals. Und so, wie er es mit Doris als Ziel auf der gemeinsamen Lebensliste notiert hatte, auf der die meisten Punkte aber immer noch unerledigt sind.

 

 

Im Laufe der Trennungstherapie kommen viele verschüttete oder nie gesagte Dinge ans Licht. Kein Wunder also, dass das, was eigentlich einen Rosenkrieg vermeiden sollte, zu einer aufwühlenden emotionalen Berg- und Talfahrt führt, bei der die Frage „Und wer nimmt den Hund?“ irgendwann gar nicht mehr so wichtig ist. Wie schon in „Gleißendes Glück“ ziehen Martina Gedeck und Ulrich Tukur alle Register ihres schauspielerischen Könnens. Und so entwickelt sich die scheinbar so uralte, langweilige Geschichte zu einer sehenswerten Komödie mit Tiefgang, die dazu einlädt, die eigene Beziehung mal wieder zu hinterfragen.

SZENE HAMBURG: Frau Gedeck, was halten Sie von einer Trennungstherapie?

Martina Gedeck: Ich finde eine therapeutische Begleitung für Paare grundsätzlich gut, weil das eine positive Auswirkung auf die Streitkultur und die Form des Umgangs miteinander haben kann. Das kann bei einer Krise helfen, aber bestimmt auch bei einer Trennung. Vor allem, wenn Kinder da sind, möchte man ja vielleicht so auseinandergehen, dass man trotzdem weiterhin in gutem Kontakt sein kann.

Wie steht es um Ihre eigene Streitkultur, sind Sie gut im Streiten?

Ich mag Konflikte nicht unbedingt, und ich bin auch kein großer Fan von Streitgesprächen – vor allem auf einer Ebene, bei der man außer sich gerät. Mir ist es lieber, wenn man sich anders einigt. Aber manchmal ist es eben doch notwendig, klare Fronten zu ziehen und dem Partner klarzumachen, dass irgendetwas für einen so nicht in Ordnung ist. Ich finde es allerdings gut, wenn man im Streitgespräch dann auch mal stoppt und eine kleine Pause einlegt, bevor die Fetzen allzu sehr fliegen.

Wenn das geht …

Ja, doch, das kann man willentlich unterbrechen. Man sagt „Moment, ich brauche eine Pause“ und geht aus dem Zimmer.

 

“Plötzlich darf man alles, was man sonst nicht darf“

 

Sie hatten jetzt zwei Mal eine schauspielerische Beziehung zu Ulrich Tukur. Welche hat Ihnen besser gefallen, die aufregende Affäre oder die vertraute Langzeitliebe?

Das kann man kaum vergleichen, das sind ja zwei ganz unterschiedliche Genres, ein Drama und eine Komödie. In „Gleißendes Glück“ waren wir eigentlich noch im Vorfeld einer beginnenden Liebe, eine sehr schöne, zarte Geschichte, und jetzt im „Hund“ sind wir dabei, die Liebe zu beenden. Den Mittelteil haben wir irgendwie ausgelassen … Beides war aber auf seine Art schön. Ich spiele sehr gerne mit Ulrich, und gerade jetzt hier beim „Hund“ war das auf einer schauspielerisch sehr virtuosen Ebene.

Was war daran so herausfordernd?

Wir mussten uns einen Schlagabtausch liefern und miteinander sozusagen Pingpong spielen. Es hat unheimlichen Spaß gemacht, sich in die Emotionen reinzuspielen, bis es sich anfühlte wie echt. Und man steht dann da und schreit sich an und darf plötzlich alles, was man sonst nicht darf. Ulrich ist ja ein sehr feinsinniger Spieler, er nimmt die Bälle gut auf und gibt sie gut retour.

Soll das heißen, Sie haben stellenweise auch improvisiert?

Nein. Wir haben die Dialoge perfekt aus dem Drehbuch umgesetzt. Das ist genau wie in der Musik: Wenn du Bach oder Mozart oder auch Jazz spielst, dann musst du die Noten und Harmonien draufhaben und dann miteinander im Musizieren emotional abheben. Genau das machen wir Schauspieler auch. Wir nehmen den Text, den wir gelernt haben, und füllen das dann mit Emotionen.

Apropos Emotionen. Ihre Doris ist recht impulsiv und zerstört gleich zwei Autos im Film. Würden Sie so etwas auch gerne mal im wahren Leben machen? Oder haben Sie es vielleicht sogar schon getan?

(lacht) Nein. Das höchste der Gefühle war mal, als ich das Telefon gegen die Wand geschmissen habe. Aber absichtlich jemandem Schaden zufügen könnte ich nicht. Wobei es natürlich sehr lustig war, das im Film zu tun. Und gar nicht so ungefährlich. Als ich das Auto gegen die Garagentür gefahren habe, musste ich die Hände auf ganz bestimmte Weise aufs Lenkrad legen, um mir nicht die Daumen zu brechen. Das ist wirklich ein gewaltiger Aufprall, man glaubt das gar nicht. Ein Auto angezündet habe ich noch nicht, ich wollte das auch noch nie. Obwohl ich verstehen kann, wenn heutzutage jemand solche Gedanken hat.

 

Boris-Laewen_Majestic

Die Jüngere an der Seite von Georg (Ulrich Tukur)

 

Doris wird im Film durch eine Jüngere ersetzt. Haben Sie manchmal auch deswegen Sorge, beruflich oder privat?

Nein, das geht ja gar nicht. Ich spiele Rollen gemäß meines Alters, die könnte eine Jüngere gar nicht spielen, insofern habe ich keine Angst vor der Konkurrenz durch eine 20- oder 30-Jährige. Ich weiß, dass die ältere Generation befürchtet, von der jüngeren aus dem Mittelpunkt der Gesellschaft gedrängt zu werden. Das sehe ich aber nicht so. Es ist Platz für alle da.

Haben Sie eine Lebensliste mit Dingen, die sie unbedingt erleben oder machen wollen, so wie Doris und Georg?

Nein. Auf gar keinen Fall. Dafür brauche ich doch keine Liste! Das Leben ist so reich, so vielseitig – das würde doch nie in drei, vier dürre Worte passen.

Gibt es nichts, das Sie unbedingt mal tun wollen?

Nein. Ich habe eigentlich immer genommen, was kam und geguckt, was sich daraus entwickelt. Das einzige, was ich wirklich wollte, ist, Schauspielerin zu werden. Und das habe ich dann relativ schnell in die Tat umgesetzt.

 

Über die Liebe

 

Glauben Sie an die Liebe des Lebens, die für immer ist?

Ja, natürlich gibt es das. Natürlich kann man gemeinsam durchs Leben gehen und sich miteinander weiterentwickeln. Daran glaube ich ganz fest. Ich selbst habe auch viele Langzeitbeziehungen: Freundschaften, die zum Teil bis in die Kindheit zurückreichen, eine sehr enge Beziehung zu meiner Familie und auch langjährige Beziehungen zu Männern.

Ich persönlich mag es sehr, wenn eine Beziehung sich entwickelt und weiterbewegt und man gemeinsam Dinge mitmacht. Ich bin aber dennoch sehr froh, dass wir in einer Zeit leben, in der es die Freiheit gibt zu sagen: Ich möchte mich noch mal neu orientieren.

Sie und ihr Partner, der Regisseur Markus Imboden, sind beide viel unterwegs und leben halb in Berlin, halb in Zürich. Ist das vielleicht besser für die Liebe als ein Nine-to-five-Alltag?

Es stimmt, wir sind zeitweise räumlich getrennt. Aber auch da haben wir Strukturen, die wir gemeinsam erarbeitet haben. Und ich kenne auch kaum Paare, die immer zusammen sind, mindestens einer ist in der Regel ja berufstätig und nur abends zu Hause, wenn überhaupt. Ist das so anders?

Grundsätzlich bin ich aber schon sehr gerne in einer strukturierten Alltagssituation mit meinem Mann. Wenn man sich da mal eingeengt fühlt, dann kann man das ja verändern. Mal Billard spielen gehen oder so.

Georg beklagt sich, dass Doris sich von einer lebendigen, aktiven Frau immer mehr in eine Haus- und Ehefrau verwandelt hat. Er sagt: Das ist nicht mehr die Frau, die ich geheiratet habe.

Was für ein beschissener Macho-Spruch. Natürlich ist sie nicht mehr die Frau, die er geheiratet hat, und er ist auch nicht mehr der Mann, den sie geheiratet hat. Zum Glück! Sie entwickeln sich und verändern sich. Warum soll man die Frau, die zu Hause die Kinder großzieht, ins schlechte Licht rücken und sagen: Das ist nichts wert?! Interessant, dass er solche fürchterlichen Sätze raushaut. Was für eine langweilige, hinterwäldlerische Denke steckt da dahinter. Aber ich glaube, er meint es auch gar nicht so. Er will sie verletzen. Wer so einen Satz wirklich meint, dem ist nicht mehr zu helfen.

Vervollständigen Sie mal: Liebe ist …

Liebe ist, wenn man das Wesen des anderen liebt. Nicht das, was er tut.

 

martina-gedeck-wer-nimmt-den-hund-©-Boris-Laewen_Majestic

Abserviert, doch noch strahlend: Doris (Martina Gedeck)

 

Georg hat sich angeblich zuerst in Doris’ Nase verliebt. Mögen Sie Ihre?

Meine Nase ist ganz interessant, weil sie von jeder Seite anders aussieht. Wenn man von der linken Seite draufguckt, ist sie krumm, und wenn man von der rechten Seite guckt, ist sie gerade. Und so sieht mein Gesicht aus unterschiedlichen Blickwinkeln auch ganz verschieden aus, wenn man mich filmt. Ich denke zwar nicht großartig über meine Nase nach, aber ich habe an ihr nichts auszusetzen.

„Und wer nimmt den Hund?“: Regie: Rainer Kaufmann. Mit Martina Gedeck, Ulrich Tukur, Lucie Heinze, Angelika Thomas. Seit 8.8. im Kino


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?