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Smarte Hamburger Start-Ups

Die Start-Up Branche an Alster und Elbe boomt – und das nicht nur seit der Pandemie. Aus den zahlreichen Ideen der enthusiastischen Hamburger Gründer:innen entstehen smarte Start-Up Unternehmen mit großem Potential. Ein wichtiger Fokus der zahlreichen innovativen Ideen liegt darauf, das Leben umweltbewusster und nachhaltig(er) zu gestalten. Wir stellen euch zehn Hamburger Start-Ups vor, die ihr verfolgen solltet

Text: Katharina Stertzenbach

Plazy: Reiseplanung für Faulpelze

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Kathrin und Inka die beiden Gründerinnen von Plazy (Foto: playzy/instagram)

Die beiden Hamburgerinnen Kathrin und Inka haben mit Plazy eine App entwickelt, die einem die Reiseplanung abnimmt. Kostenlos werden User:innen passende und nach den persönlichen Vorlieben gestaltet Restaurants, Freizeit- und Kulturangebote des Urlaubsziels vorgeschlagen. Wie das funktioniert? Bevor die App genutzt werden kann, müssen Fragen beantwortet werden und dann geht‘s los.

Plan3t: Cashback für nachhaltige Einkäufe

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Kasper, Lukas und Christian, die drei Gründer von Plan3t (Foto: Pla3t / instagram)

Wer umweltbewusst einkauft, sollte die Plan3t-App downloaden und so zu einem Planteteer werden, denn diese werden durch ihr nachhaltiges Shoppen mit nützlichen Tipps, Gutscheinen und Gewinnspielen belohnt. Mittlerweile sind mehr als 50 Unternehmen Partner von Plan3t. Den eigenen Co2 Fußabdruck durch umweltbewussteren Konsum minimieren und cashback erhalten in einer App.

Strandbutler: Vom Sofa in den Strandkorb

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Hinter der App stecken die Köpfe von Jens, Christian, Bernhard (Foto: Strandbutler/instagram)

Jens, Bernhard und Christian, die Gründer von Strandbutler, haben eine Mission: Die Vermietung von Strandkörben revolutionieren. Das passiert bereits mit der eigens entwickelten App, mit der Strandkörbe schon vor dem Strandbesuch reserviert werden können. Wer einen ganzen Tag am Meer im Strandkorb verbringt ist nach einer gewissen Zeit hungrig und durstig. Wie gut, dass man über die Strandbutler-App Getränke und Essen bestellen und zum Strandkorb ordern lassen kann.

Vulvani: Wissenslücken schließen  

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Das Team von Vulvani: Britta und Jamin (Foto: vulvani/instagram)

Vulvani ist eine digitale Bildungsplattfrom made in Hamburg, die sich mit den Themen Menstruation, Zyklusgesundheit und Sexualität beschäftigt. 2019 starteten Britta und Jamin, die beiden Gesichter hinter der Plattform, das Projekt. Die Vulvani-Online-Kurse, Artikel und der Social-Media-Content sorgen dafür, dass einstige Tabu-Themen keine bleiben. So kann jede:r nötiges und wichtiges Wissen über den weiblichen Körper erlangen.

entire stories: Mode mit transparentem Background

Mode online zu shoppen ist heute das Normalste der Welt. Viele von uns möchten aber auch nachhaltig und fair produzierte Mode online kaufen – und das ist meistens nicht so leicht. Wie gut, dass es mit entire stories eine Plattform gibt, bei der ausschließlich nachhaltige und faire Mode angeboten wird. Das Erfolgskonzept von entire stories heißt: Transparenz. Die Gesichter hinter den Labels stellen sich vor und erzählen über die Produktion ihrer Marken. Außerdem informiert das Hamburger Start Up redaktionell aufbereitet mit einem Magazin und einem Podcast über nachhaltige Mode.

boomerrang: Grüner Onlinehandel  

Wer kennt es nicht, der Papiercontainer des Vertrauens quillt mal wieder über – der Hauptgrund dafür ist, dass das Onlineshopping immer mehr Anhänger:innen findet. Übrig bleiben die Pappkartons in denen die neuen Sneakers, T-Shirts und Taschen geliefert wurden. Dieser Papp Müll verbraucht Ressourcen und CO2. Mit Versandtaschen aus recyceltem Material hat das Team von boomerrang ein Mehrwegsystem für Verpackungen erschaffen. Die Versandtaschen können bis zu 50 mal wiederverwertet werden. Boomerang sorgt so für eine nachhaltigere Lösung im Onlinehandel.

unown: Der 60/40 Kleiderschrank  

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Linda und Tina gründeten das nachhaltige Mode-Leasing-Konzept (Foto: unown/ instagram)

Ein Auto für einen begrenzten Zeitraum zu leasen ist mittlerweile für viele eine ideale Alternative um immer wieder die neusten Auto-Modelle für eine bestimmte Zeit zu fahren. Warum also nicht das gleiche Konzept für Mode etablieren? Das dachten sich auch die beiden Gründerinnen Linda und Tina und starteten 2019 das Start-Up unown. Die Idee hinter unown: Der 60/40 Kleiderschrank. Das heißt im Klartext: 60 Prozent im Kleiderschrank sind hochwertige Basic-Teile, die in jedem Kleiderschrank bereits vorhanden sind. Die anderen 40 Prozent sind Highlight-Pieces, die über unown ausgeliehen werden können. So werden abwechslungsreiche, nachhaltige und günstige Styles garantiert.

Jetlite: Gesundes Licht

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Das Team von Jetlite sorgt nicht nur für gute Laune sondern auch für gutes Licht (Foto:Jetlite/instagram)

Schon gewusst: Wir verbringen fast 90 Prozent des Tages mit künstlichem Licht. Dieses hat auch immer Auswirkung auf unseren Biorhythmus. Daher sind wir oft schneller müde, wenn wir alltäglich künstlichem Licht ausgesetzt sind. Das Team des Hamburger Start-Ups Jetlite hat ein intelligentes Beleuchtungssystem entwickelt, welches unseren Biorhythmus unterstützt.

traceless: Die nachhaltige Plastik-Alternative  

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Anne und Johanna gründeten traceless 2020 in Hamburg (Foto: traceless / instagram)

Anne und Johanna verfolgen mit ihrem Start-Up traceless die Version einer Welt ohne Verschmutzung und Müll. Zusammen haben sie ein Basismaterial in Granulatform, das als umweltfreundliche Alternative zu  herkömmlichen Kunststoffen und Biokunststoffen dient, entwickelt. Dafür gab es für das Hamburger Start-Up sogar den Wissenschaftspreis 2022.

rabot.charge: Smarter Strom tanken  

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Die Gesichter hinter rabot.charge: Jan und Maximilian (Foto:rabot.charge / instagram)

Das Hamburger Start-Up rabort.charge ist in diesen turbulenten Zeiten der steigenden Energiepreise wohl besonders gefragt. Denn das Team von rabot.charge hat mit Hilfe von künstlicher Intelligenz einen Algorithmus entwickelt, der genau dann Strom für die Ladung aktiviert, wenn diese vom Auto gebraucht wird und günstig ist.


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Clima matt(e)rs

Klima und Konsum sind untrennbar miteinander verbunden. Denn jeder Kauf hat Folgen für die Umwelt. Ob diese gut oder schlecht sind, hat nicht nur der Verbraucher in der Hand. Die Markenmacher der Hamburger Agentur mattrs wollen ihre Kunden auf den Weg zu mehr Nachhaltigkeit bringen gegenüber den Menschen, den Prozessen und Produkten sowie der Umwelt. Denn nur ressourcenschonend können sie vor allem eines sein: ready for future

Text: Ilona Lütje

 

Mattrs. Eigentlich ist der Name der Agentur aus den Initialen ihres Inhabers entstanden. Doch seit die Bewegung Black Lives Matter mit dem gewaltsamen Tod von George Floyd 2020 mit neuer Kraft um die Welt ging, gewann der Agenturname auch für Mathias Rüsch noch einmal mehr an Bedeutung. Denn Gewalt gehört nicht in die Welt des Hamburgers, für den andere Dinge zählen: Rücksicht zum Beispiel. Auf Mitmenschen. Und auf die Welt.

Diese Haltung ist auch eine der Grundfesten seiner Agentur und die Motivation seiner Mitgründer und Kollegen. Für andere Unternehmen entwickeln die Kommunikationsprofis Marken und Ideen für eine bessere Welt. Social Design nennt sich das dann und ist weit mehr als nur ein marketingträchtiger Werber- Slogan. „‚Social Design‘ ist nicht das Umfärben eines Logos auf grün, um es dann auf braunen Karton zu drucken“, sagt Mathias Rüsch. „‚Social‘ heißt für mich: Nicht heute auf Kosten von morgen; nicht hier auf Kosten von woanders. ,Design‘ steht für einen Prozess, der zu einem innovativen Ergebnis führt. ‚Social Design‘ steht also für zeitgemäße Lösungen.“ Das Ziel: ein ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltiger Effekt.

 

Der erste Schritt

 

69 Prozent der Bevölkerung sehen der Studie „Nachhaltiges Leben 2020“ zufolge Marken und Unternehmen zukünftig nämlich in der gesellschaftlichen Verantwortung. „Der erste Schritt ist wichtiger als das perfekt zu Ende gedachte Nachhaltigkeitskonzept“, heißt es bei mattrs. Dass Kunden es in der Agentur dabei mit Idealisten zu tun haben, liegt auf der Hand. „Nachhaltigkeit gehört zum guten Ton“, sagt Mathias Rüsch.

Mit der eigenen Kampagne „10 Schritte zur nachhaltigen Agentur“ stellt sich mattrs darum auch selbst auf den Prüfstand. „Wir wollen schauen, welche Stellschrauben wir drehen können, um komplett nachhaltig zu agieren“, sagt Mathias Rüsch. Die 10 Schritte will er anschließend als Leitfaden über Social Media rausgeben. „Wir wollen Nachhaltigkeit vorleben“, so Rüsch.

 

Dieser Müll tut dem Klima gut

 

Wie gut ihm das gelingt, wird schnell klar. Denn statt über sich selbst zu reden, seine Erfolge mit kleinen und großen Unternehmen bis hin zu Klinikkonzernen in den Mittelpunkt zu rücken, erzählt Mathias Rüsch lieber leidenschaftlich von seinem aktuellen Hoffnungsträger bei dem Versuch, das Klima und damit die Welt zu retten: nOa.

Aus Überzeugung hatte er das Start-up als Kunden pro bono ins Boot geholt und erst den Namen und dann die Marke entwickelt. Als er die beiden Südafrikaner in Hamburg kennenlernte, war schnell klar, dass sie eine grandiose Idee und allerhand Erfahrung mit nachhaltigen Lösungen, netzunabhängigen Lösungen, organic waste management und nicht vorhandenen Infrastrukturen aus der Heimat im Gepäck hatten. Heute produziert nOa Heimbiogasanlagen, die Biomüll und andere organische Substanzen in Biogas und flüssigen Biodünger verwandeln – zum Kochen, Heizen oder zur Stromgewinnung. Wer eine dieser Biogasanlagen betreibt, könne damit jedes Jahr seinen gesamten CO2-Fußabdruck kompensieren. „Ich hatte sofort das Potenzial in dieser Idee gesehen“, sagt Mathias Rüsch. Denn nicht nur für private Haushalte sei nOa attraktiv. „Das Start-up leistet einen Riesenbeitrag zur Müllentsorgung“, betont er. Dass dabei CO2 kompensiert wird und somit eigene Zertifikate veräußert werden können, sei auch für die ganz großen Konzerne interessant, die ihre CO2- Emissionen in den Griff bekommen müssen.

Mittlerweile sind sogar große Projekte mit der UN in Planung. „Auch in abgelegenen Regionen und Flüchtlingscamps oder Siedlungen ohne Versorgungsnetz eröffnen sich durch die netzunabhängige Energieversorgung ganz neue Möglichkeiten – das wird ein großes Ding“, ist Rüsch überzeugt.

 

Sauberes Trinkwasser und klimaneutrale Rucksäcke

 

Und dass Überzeugung eine große Rolle spielt, zeigt auch ein anderes Beispiel. Mitte der 2000er, als der damalige St. Pauli-Spieler Benny Adrion in Kuba ein Trinkwasserprojekt starten wollte, war Rüsch auch sofort mit Begeisterung dabei. Als Vorstand kümmerte er sich um die Entstehung der Marke Viva con Agua, die heute international bekannt und aktiv ist. Die Non-Profit-Organisation setzt sich weltweit für einen sicheren Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitärer Grundversorgung ein. Längst wurden weitere Social Businesses in den Bereichen Kunst und Klopapier aufgebaut.

Diese altruistische Haltung habe er einfach in sich, sagt Rüsch. Er wolle Kunden zum Umdenken und Andersdenken anregen. „Es ist heute unabdingbar, Marken zukunftsfähig auszurichten.“ Dogmatisch wolle er das Thema Nachhaltigkeit aber nicht angehen, betont er. Jeder solle tun, was er tun kann. Bei Rüsch ist es halt immer ein bisschen mehr. Und so wundert es auch nicht, dass seine Agentur mit einer sozial und ökologisch nachhaltigen Strategie für einen klimaneutralen Schulrucksack für den German Brand Award nominiert ist.

Ab Juni 2021 soll er auf dem Markt sein und nicht nur das Klima schonen. „Mit einem Teil des Erlöses wollen wir sozial benachteiligten Kindern die universelle Sprache der Kunst näherbringen“, sagt er. Ein Verein befindet sich bereits in Gründung. Womit wir wieder am Anfang wären. Denn schließlich ist das Soziale eine der tragenden Säulen der Nachhaltigkeit. Let’s mattr!

letsmattr.de


 Sondermagazin SZENE HAMBURG NACHHALTIGKEIT, 2021. Das Magazin ist seit dem 7. Mai 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Shopping: 5 nachhaltige Adressen in der Sternschanze

Besonders in der Sternschanze gibt es einige Läden, die sich einem ökologisch-nachhaltigen Lebensstil verschrieben haben. Einen Mix aus fünf klimaschonenden Adressen hat SZENE HAMBURG hier gesammelt:

 

GLORE HAMBURG

 

Im bunten und vielfältigen Karoviertel findet sich seit Mai 2010 die Hamburger Filiale von Glore, einem Unternehmen, das sich auf Bio- und Fairtrade-Mode spezialisiert hat. Das Sortiment richtet sich sowohl an Frauen und Männer und wird nach hohen ethischen Ansprüchen ausgesucht.

Jedes Kleidungsstück wurde fair gehandelt und ökologisch nachhaltig produziert, einen Extrastempel gibt es noch für Stücke die vegan sind, also keinerlei tierische Bestandteile beinhalten.

Glore Hamburg
Marktstraße 31

 

LOCKENGELÖT

 

Schränke und Kommoden aus Ölfässern, Leuchten aus LPs, Eierbecher aus Skateboards und Kleiderleisten aus Büchern – Lockengelöt praktiziert Upcycling in seiner schönsten Form. Die Teile sehen nicht nur extrem stylish aus, sondern schenken Dingen, die sonst auf dem Müll gelandet wären, ein neues Leben.

Lockengelöt
Marktstraße 114

 

MERIJULA STORE

 

Merijula ist eine moderne und nachhaltige Lifestylemarke aus Hamburg. Kleidung und Accessories sind fair und nachhaltig produziert und leben von ihrem bunten und ungewöhnlichen Look.

Die einzelnen Buchstaben des Namens stehen für Werte, für die die beiden Founder Sarah und Julian einstehen: Magic, Education, Respect, Independence, Justice, Unity, Love, Art.

Merijula Store
Wohlwillstraße 24

 

GRÜNE FLORA

 

Das Team der grünen Flora macht sich regelmäßig auf die Suche nach neuen, ungewöhnlichen Pflanzen und verkauft nur regionale Blumen, die gerade Saison haben. Schön und nachhaltig!

Grüne Flora
Schulterblatt 79

 

MIMULUS NATURKOSMETIK

 

Eine besondere Auswahl an Naturkosmetik findet man in diesem stilvollen kleinen Laden mitten in der Schanzenstraße. Nicht nur die großen Marken, sondern auch kleine weniger bekannte Label und andere Schätze werden in das Sortiment aufgenommen, wie zum Beispiel plastikfreie Bio-Zopfgummis oder recycelbare Zahnbürsten für Kinder.

Nicht nur sind die Produkte biozertifiziert, aus nachhaltigem Handel und/oder vegan, man macht sich auch viele Gedanken um die Vermeidung von Plastikmüll und die Schonung von Tier und Umwelt. So ist unter einigen Produkten ein kleines Schild an das Regal geklebt, „No bad waste“, damit sofort ersichtlich ist, dass diese keinen oder nur recycelbaren Müll produzieren. Unbedingt mal reinschauen, sich beraten lassen oder einen Gutschein für eine besondere Person erstehen (die übrigens sehr niedlich bedruckt sind).

Mimulus Naturkosmetik
Schanzenstraße 39a


SZENE HAMBURG KAUFT EIN 2020 SZENE HAMBURG KAUFT EIN! 2020. Das Magazin ist seit dem 19. November 2020 im Handel und auch im Online Shop erhältlich! 

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Heldenmarkt zeigt: So geht umweltbewusster Konsum

Die Verbrauchermesse „Heldenmarkt“ kommt dieses Wochenende nach Hamburg und zeigt, wie einfach und spaßig umweltbewusster Konsum geht

Text: Ulrich Thiele

 

Neue Helden braucht das Land, nein, die Welt. Nachhaltigkeit ist das Schlagwort des Heldenmarkts, Deutschlands größter Verbrauchermesse für umweltbewussten Konsum, die am 25. und 26. Januar 2020 in Halle A2 der Hamburger Messehallen ihre ökologisch korrekten Pforten öffnet. Das Motto: #fuerallediewasmerken. Nein, keine Angst, der Hashtag steht nicht für Verurteilungsgestus und Konsumanprangern. Der Heldenmarkt will lediglich zeigen, wie einfach es ist, nachhaltig und gesund zu leben, ohne sich in strenger Askese üben zu müssen. Damit jeder zum Helden des Alltags werden kann, jenseits industrieller Massenproduktion.

 

Vom Plattenladen zum Heldenmarkt

 

Ins Leben gerufen wurde die Messe, die neben Hamburg auch in Großstädten wie Berlin, Nürnberg, München und Stuttgart stattfindet, von Lovis Willenberg aus Berlin. Der ist eigentlich studierter Landschaftsplaner, wollte dann aber lieber DJ werden und einen Plattenladen aufmachen. Eines Tages las er im Greenpeace-Magazin einen Artikel über Turnschuhe aus gänzlich recyceltem Material und fand sie so cool, dass er sie haben musste.

Da der Schuhproduzent aber nicht in Deutschland, sondern in Großbritannien saß und sein Produkt nur in großen Mengen verkaufte, bestellte er kurzerhand eine große Ladung und bot sie in seinem Plattenladen an. Bald kamen fair produzierte T-Shirts dazu – Willenberg hat die Ökomode für sich entdeckt, die Idee einer großen Messe schlummerte damals wohl schon in der weichen Biobaumwolle der Babystrampler, die ebenfalls im Sortiment standen.

 

Konsum sollte Spaß machen

 

Willenbergs seitdem unveränderte Botschaft: Konsum sollte Spaß machen, ohne dass sich das schlechte Gewissen meldet. Und zwar in allen Lebensbereichen, wie die mehr als 80 Aussteller auf dem Heldenmarkt zeigen: Von Ökostromanbietern über ethische Geldanlagen bis hin zu bio-fairer Streetwear und Accessoires, Naturkosmetik und Bio-Lebensmitteln. In den Bereichen Wohnen und Lifestyle, Urlaub und Reisen, Freizeit und Mobilität gibt es diverse Angebote, die sich dem fairen Handel und einer ressourcenschonenden Produktion verschrieben haben. Sei es durch die Verwendung von recycelten Materialien oder durch die Förderung von Klimaschutzprojekten. Über 50 Prozent an jedem Standort sind zudem regionale Aussteller.

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Gummistiefel, 100 Prozent ökologisch korrekt? Ja, das geht! (Foto: Forum Futura)

Damit niemand schummelt, man weiß ja nie, müssen alle Aussteller nachweisen, dass ihre Lebensmittel biologisch produziert worden sind. Recycelte Materialien dürfen nur zu einem Viertel aus neuen Stoffen bestehen, Entwickler von Geldanlagen müssen beweisen, dass sie in ökologische Projekte investieren. Zudem erhalten die Besucher auch einen Blick hinter die Kulissen der Produktion. Wer wissen will, woher sein Produkt kommt, welchen Weg es gegangen ist und welche Menschen dahinterstehen, kann die Hersteller hinter dem Markenzeichen in persönlichen Gesprächen kennenlernen.

Ein reine Konsumveranstaltung ist der Heldenmarkt nicht, dafür sorgt das umfangreiche Rahmenprogramm zum Thema Nachhaltigkeit. Workshops, interaktive Ausstellungen, Podiumsdiskussionen, Vorträge, eine Tombola, DIY-Bastelaktionen, Modenschauen, Kochshows – puh, Moment, kurze Atempause – und Angebote für Kinder stehen auf der Liste. Sozusagen nachhaltige Nachhaltigkeit, denn für nachhaltigkeitsbewusste Generationen muss ja schließlich vorgesorgt sein.

Heldenmarkt: 25.1., 10-19 Uhr und 26.1., 10-18 Uhr, Messehallen (Halle A2)


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2019. Das Magazin ist seit dem 20. Dezember 2019 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Gewalt, Geld – und Glück

Warum die erste Ausstellung in den neuen Räumen des Bucerius Kunst Forums von Krieg, Katastrophen und Konsumterror handelt und trotzdem glücklich macht

Text: Karin Schulze
Foto (o.): Peter Piller: Zungen / Tongues (10), 2002–2004

 

Mit dicken schwarzen Kopfhörern auf den Ohren und auf einem Wall aus Sandsäcken hockend – so hat man den Besucher des Bucerius Kunst Forums bisher noch nicht gesehen. Der Titel der aktuellen Ausstellung „Here We Are Today“ verweist denn auch gleich dreifach auf neues Terrain: Er lädt stolz ein in das von Gerkan, Marg und Partner hinter der alten Fassade neu gebaute Haus am Neuen Wall. Er deutet auf eine programmatische Öffnung des bislang eher dem Altehrwürdigen zugeneigten Hauses auch für Gegenwartskunst. Und er benennt das Thema, das die Arbeiten der 18 ausgestellten Künstler skizzieren: den heutigen Zustand unserer Welt.

So sitzt man also mit Kopfhörern auf Sandsäcken und lauscht dem Videovortrag von Hito Steyerl, die – nicht erst seit ihrer diesjährigen Ausstellung im New Yorker Park Avenue Armory – weltweit zu den inhaltlich entschiedensten und zugleich ästhetisch überzeugendsten Künstlern zählt. Ihre Lecture Performance mischt Fakten mit absurden Scheinargumenten, wichtigtuerischen Enthüllungsgestus mit schelmischen Blicken.

 

Kunst und Krieg

 

So gelingt ihr das Kunststück, eine Fake-Argumentation von nahezu Trump’scher Perfidie abzuliefern und doch ihren Gegenstand – den Zusammenhang von Kunst und Krieg, von Museumssponsoring und Rüstungsindustrie – ernsthaft zu beleuchten und über die Augen, die Ohren und die barrikadenartige Sitzfläche in den Betrachter einsickern zu lassen.

Ein paar Meter weiter in dem luftig mit Arbeiten bestückten Ausstellungsraum trifft man auf die S/W-Porträtfotos von Samuel Fosso. Sie zeigen stets ihn selbst – aber im Outfit und der Pose von Malcolm X, Patrice Lumumba, Nelson Mandela oder Angela Davies. Als African Spirits vermitteln sie durch das Verkleidungs- und Verkörperungsspiel hindurch ein würdevolles Bild dessen, was Aimé Césaire als „Négritude“ bezeichnete.

 

bucerius-Erkan_OEzgen_Wonderland_2016

Erkan Özgen: Wonderland (Filmstill), 2016

 

Den stärksten Eindruck aber hinterlässt die Videoarbeit „Wonderland“ des türkischen Künstlers Erkan Özgen. Die Kamera fokussiert einen dreizehnjährigen gehörlosen Jungen, der mit seiner Familie aus dem nordsyrischen Kobanê in die Türkei geflohen ist. Gestisch und mimisch berichtet er von den Taten des Islamischen Staats, von Bomben, Folter und Enthauptungen. Tief verunsichernd sind die Intensität des erlebten Terrors, die Fassungslosigkeit im Blick des Kindes, aber auch die bange Frage, welcher vielleicht unheilbare Schaden in seiner von Gräueln und Granaten perforierten Seele angerichtet wurde.

 

„Sie sieht hin, wo es weh tut“

 

Kathrin Baumstark, der neuen Direktorin des Hauses, ist mit der Auswahl der Projekte von 18 Künstlern eine starke Schau geglückt. Mit den Kapiteln „Verbrechen“ „Heimat“ (dort etwa Eva Leitolfs fotografische Erkundungen rassistisch motivierter Gewalt) oder „Kapital“ (mit Andreas Gurskys Konsumhorror-Collage „Amazon“) wird klug ein Panorama der Bruchstellen gezeichnet, an denen sich unsere Zukunft entscheidet. Dabei ist vor allem realistisch-dokumentarisch agierende Kunst zu sehen.

Selbst dort, wo man vor abstrakten monochromen Bildtafeln zu stehen meint, schaut man in Wirklichkeit auf Abbilder des Schreckens: Johanna Diehl hat die farbigen Einbände der Tagebücher aufgenommen, in denen ihre Großmutter die Verdrängungsleistung erbrachte, alle historischen oder familiären Katastrophen auszublenden, die sich zwischen 1936 und 2009 ereigneten.

Ausblenden – genau das macht die Ausstellung nicht. Sie sieht hin, wo es weh tut. Und beglückt damit. Denn sie sieht die Welt durch die Augen und die widerständige Anverwandlungskraft der Künstler. Nicht resignierend, sondern als Form handelnden Einspruchs.

Bucerius Kunst Forum: Here We Are Today. Das Bild der Welt in Foto- & Videokunst, 7.6.-29.9.19, Alter Wall 12 (Altstadt)


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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