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Der Wasismitmus, wo jeder mit muss

Markus Gölzer ist textender Exil-Bayer und lebt seit über 20 Jahren auf St. Pauli. Für SZENE HAMBURG schreibt er monatlich seine Kolumne „Offen gesagt“

 

Auf-ein-Wort-mit-Markus-Goelzer„Du verzichtest auf Plastik. Aber was hilft’s, wenn sich der Rest der Welt darin suhlt?“ Jeder kennt ihn. Keiner mag ihn: den Whataboutismus. Dein Anliegen ist Umweltschutz, dein Diskussionspartner kontert mit einem Thema, das damit so viel zu tun hat wie Julia Klöckner mit Tierschutz. Und doch verbindet den rhetorischen Gesprächstöter mehr mit Umweltschutz, als es scheint. Whataboutismus – die verkannte Ressource.

Whataboutismus ist nachhaltig: Schon die Nazis nutzten ihn, um von ihren Taten abzulenken. Selbst die schlimmsten Despoten gehen irgendwann ein. Whataboutismus bleibt. Whataboutismus ist recycelbar: Greta verzichtet aufs Flugzeug nach Davos, isst aber auf der langen Zugfahrt aus Plastikgeschirr aus dem Bordrestaurant, statt 30 Stunden zu fasten. Solche Geschichten nutzen sich nicht ab. Sie werden mit jeder Wiederholung stärker.

 

Diskussionsklima

 

Whataboutismus wider die thematische Monokultur: Eben ging es noch um regionale Erzeugnisse, schon bist du bei der Diskriminierung von ausländischen Produkten. So kommt Vielfalt in die Diskussion. Ob du willst oder nicht. Leider ist der Whataboutismus die Plastikflasche unter den rhetorischen Kniffen. Er zerstört jedes Diskussionsklima und taucht überall auf. Du weist auf der Familienfeier auf die Bedeutung von Umweltschutz hin, Onkel Klaus lacht dich aus, weil deine Schüssel Eiersalat mit Frischhaltefolie abgedeckt ist. Geh zum Gegenangriff über – per Whataboutismus. Weis Onkel Klaus auf die Gefahren des Passivrauchens hin und erkläre, dass du immerhin nicht versuchen würdest, ihm die Frischhaltefolie in den Mund zu stopfen. Fährt er einen SUV, mach klar, dass nichts umweltschädlicher sei als Männer mit kleinem Ego, denn sie brauchen große Autos.

In den asozialen Medien versuchen „Freunde“, vom Thema abzulenken? Biete an, bei anderer Gelegenheit über ihr Anliegen zu sprechen. Dann blockiere sie, denn nichts verschwendet mehr wertvolle Lebenszeit als Menschen, die mit Whataboutismen argumentieren.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2021. Das Magazin ist seit dem 29. April 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Offen gesagt – Künstliche Intelligenz oder natürliche Dummheit?

Was werden künstliche Intelligenzen von der menschlichen Spezies halten? Unser Kolumnist hat sich dazu Gedanken gemacht.

Text: Markus Gölzer

Gemobbte, Geknickte, Gebückte, Gefickte! Zeit, aufzuatmen: Die Denkmaschinen kommen, um uns von der Mühsal der Arbeit zu befreien. Gut, Kulturpessimisten werden jetzt ihren Sermon anstimmen, dass uns die rasant dazulernende KI erst als Arbeitskräfte, dann als Chefspezies eliminieren wird. Eben noch Krone der Schöpfung, jetzt schon brabbelnder Bonobo, aus dem wohl kein Schachgroßmeister mehr wird. Früher oder später werden wir wegen Dummheit mit drei m aus der Evolution entlassen. So so.

Ist es nicht eher affig, anzunehmen, eine neue Superintelligenz würde unser Wertesystem aus Unterwerfung, Ausbeutung und Vernichtung übernehmen? Ich denke, sie wird in einer trilliardstel Nanosekunde unseren speziesspezifischen Unterhaltungswert berechnen und uns so weitermachen lassen. Wenn auch nicht in freier Wildbahn, sondern in artgerechten Menschenzoos: Im Karrieristenkäfig gibt es Arbeitstiere zu bestaunen, deren natürlicher Lebensraum der Schreibtisch ist.

 

Ich sage: Frühstückswein statt früher Wurm!

 

Sie balzen Tag und Nacht mit Überstunden und unnatürlich guter Laune um ihre Silberrücken. Ihr Duftstoff heißt Angstschweiß. Der Weg vom Balztanz zum Burnout ist kurz, was man niemanden wünscht. Außer dem gesamten Team. Bis auf den Neuen. Nee, dem auch. Im Kiezkäfig brusttrommeln Primaten, die einander am Hintern erkennen und in kürzester Zeit den aufrechten Gang verlernen. Warum nicht? Den nächsten Schnaps kann man auch auf allen Vieren ordern. Dann erleichtern sie sich mit Kraft ins Nachbargehege, um olfaktorisch mit ihrem Alphastatus zu bestechen.

Wie reagieren auf die Herausforderungen der Zukunft, die wir nicht mehr haben? Ich sage: Frühstückswein statt früher Wurm! Wir haben es überstanden. Endlich.

Markus Gölzer ist textender Exil-Bayer und lebt seit über 20 Jahren auf St. Pauli.


 Dieses Interview stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2019. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Auf ein Wort mit: Markus Gölzer

Markus Gölzer ist textender Exil-Bayer und lebt seit über 20 Jahren auf St. Pauli. Sein Ratschlag für ein besseres Leben: Entdiszipliniere dich endlich!

Selbstdisziplin ist der Schwarze Tod unter den Tugenden: hochinfektiös und das Ende allen bunten Lebens. Wo sich früher heiter-letharge Kneipenbrüder, Punks und pizzaversehrte Kreative tummelten, sind es heute Asketen, die Yogamatten tragen wie Waffenköcher, Kinderwagen führen wie Räumpanzer und außer beim Hechelnden Flamingo nie lachen. Wer einmal von diesen Todernst-Schwadronen auf seinem Rad vom jahrelang benutzten Gehweg verdrängt worden ist, der weiß, was Verlust bedeutet.

Wo es im Musikerleben vor nicht allzu langer Zeit noch zum guten Ton gehörte, mindestens einmal an einer Überdosis über den Jordan zu gehen, laufen Stars von heute Gefahr, an Land zu ertrinken, so penetrant wie sie ihre Wasserflaschen in die Kameras halten. Auch wenn man täglich zwei Liter pumpen soll − muss es immer Wasser sein? Und wer würde ernsthaft behaupten, dass die grassierende Klarheit der aktuellen Musik gut getan hat?

 

Dokumentiere deinen Vollrausch in sozialen Medien

 

Wir sollten die preußische Tugend Selbstdisziplin da hinkicken, wo sie herkommt: in die Vergangenheit. Und dazu kann jeder seinen Teil beitragen. Auch du: Erkläre Freunden und Kollegen, dass du dir fest vorgenommen hättest, nächste Woche mit dem Rauchen anzufangen. Wirf bei wichtigen Meetings die Frage in den Raum: „Was würde Justin Bieber tun?“ Antworte auf die Frage nach Urlaubsplänen: „Schrank vor die Tür und mit ner Kiste Schnaps erstmal Urlaub von mir selbst.“ Dokumentiere deinen einwöchigen Vollrausch dann live in sozialen Medien. Zeit, dass die Undisziplinierten aufstehen. Oder vielleicht doch noch mal umdrehen? Mal schauen.

Text: Markus Gölzer



 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2018. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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