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Max Frisch fragt … Michael Göring

Autoren der Gegenwart antworten auf den berühmten Fragebogen von Max Frisch. Dieses Mal antwortet der Literaturwissenschaftler und Autor Michael Göring – sein aktueller Roman „Dresden. Roman einer Familie“ ist im Osburg Verlag erschienen

Genießen Sie moralische Entrüstungen?

Nur sehr selten. Ich erlebe bei denjenigen, die sich entrüsten, immer häufiger Selbstüberschätzung, Selbstgefälligkeit und Unehrlichkeit.

Wie viel Heimat brauchen Sie?

Sehr viel. Den Menschen, den Musikwerken und den Orten, die mir Heimat bieten, bleibe ich unbedingt verbunden. Da bin ich äußerst treu.

Kann Ideologie zu einer Heimat werden?

Ja, aber es kann dabei gefährlich eng werden. Besser ist es, wie Hesses Siddharta sich von vorgegebenen Ideologien zu befreien und offen den eigenen Weg zu finden mit allen Höhen und Tiefen, aber voll von eigenen Erfahrungen. Ich habe mit Sigmund, dem Protagonisten in „Hotel Dellbrück“, eine Person zeigen wollen, die über ihr Tun zur Identität findet, sich die Heimat selbst erschafft.

„Religionen sind wichtig für unsere emotionale Balance“

Muss eine Hoffnung, damit Sie in ihrem Sinn denken und handeln, nach Ihrem menschlichen Ermessen erfüllbar sein?

Nicht unbedingt. Religionen wie allgemeine spirituelle Sehnsüchte leben mit und von Hoffnungen, deren Erfüllbarkeit vage bleibt und vor unserem Verstand nicht standhält. Dennoch sind Religionen, also das Streben nach Rückbezug, nach Verankerung, und Spiritualität wichtig für unsere Balance von Ratio, dem emotionalen Wunsch nach Sinn und der Freude am Tag.

Was stört Sie an Begräbnissen?

Nichts. Begräbnisse sind kulturell verschieden ausgeprägt, durchlaufen auch bei uns einen Wandel, konfrontieren uns aber mit dem Endgültigen, dem Abschied. Begräb­nisse gehen mir schrecklich nahe, wenn sehr junge Menschen begraben werden.

Überzeugt Sie Ihre Selbstkritik?

Am meisten dann, wenn sie sich allmählich im Gespräch mit anderen bei mir herausschält.

Autoren der Gegenwart antworten auf den berühmten Fragebogen von Max Frisch

Michael Göring liest am 20. Mai 2022 im kleinen Michel und am 19. Juni um 11.30 Uhr auf der Sonntags-Matinée im Heine Haus aus seinem Buch „Dresden. Roman einer Familie“

Max Frisch: „Fragebogen. Erweiterte Ausgabe“, Suhrkamp, 127 Seiten, 10 Euro


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Max Frisch fragt … Bjarne Mädel

Autoren der Gegenwart antworten auf den berühmten Fragebogen von Max Frisch. Dieses Mal antwortet der Schauspieler Bjarne Mädel. Am 7. April 2022 um 20 Uhr liest er im Schauspielhaus aus Sven Strickers „Sörensen am Ende der Welt“. Für die Verfilmung des ersten Teils der Sörensen-Reihe, „Sörensen hat Angst“, übernahm Mädel Regie und Hauptrolle.

Welche Erfahrungen, die Sie unter Alkohol gemacht haben, möchten Sie keinesfalls missen?

Den Salto damals und mit geschlossenen Augen Motorrad fahren, aber ich kann mich nur dunkel erinnern …

Irritieren Sie die Leute, die nichts trinken?

Mich irritieren eher die Leute, die trinken und nicht merken, dass sie keinen Alkohol vertragen und dann Dinge tun, an die sie sich später nicht erinnern können.

Möchten Sie lieber mit Bewusstsein sterben oder überrascht werden von einem fallenden Ziegel, von einem Herzschlag, von einer Explosion usw.?

Sollte ich schmerzvoll sterben, gern schnell und ohne Vorankündigung. Sollte ich das große Glück haben, friedlich zu gehen, dann stelle ich mir das Ableben vor, wie das Einschlafen nach einem extrem langen und anstrengenden Tag, das kann dann in Ruhe zwei Minuten dauern … und gern mit Applaus.

Wissen Sie, was Sie brauchen?

Oft. Mehr Zeit.

Wenn Sie spüren, dass Ihnen jemand mit Antipathie begegnet: was gelingt Ihnen dann eher, Witz oder Humor?

Bei grundloser Antipathie bin ich ratlos und mir fehlt der Humor. Ich erlebe das zum Glück sehr sehr selten. Ich nehme das dann aber auch nicht persönlich, da bei den Hassern dann ja oft große Mengen Alkohol im Spiel sind.

Was ertragen Sie nur mit Humor?

Interview-Fragebögen im Speziellen und das Leben im Allgemeinen.

Bjarne Mädel liest am 7. April 2022 um 20 Uhr im Schauspielhaus aus Sven Strickers „Sörensen am Ende der Welt“

Max Frisch: „Fragebogen. Erweiterte Ausgabe“, Suhrkamp, 127 Seiten, 10 Euro


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Max Frisch fragt … Mia Oberländer

Autoren der Gegenwart antworten auf den berühmten Fragebogen von Max Frisch. Dieses Mal antwortet die Autorin Mia Oberländer. In ihrem zuletzt erschienenen Comic „Anna“ (Edition Moderne, 220 Seiten, 25 Euro) erzählt sie eine Geschichte über drei Generationen außergewöhnlicher Frauen in einem Dorf und wurde dafür sogar mit dem Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung 2021 ausgezeichnet

Text: Ulrich Thiele

 

Kennen Sie Tiere mit Humor?

Ich habe lange darüber nachgedacht und leider gibt es kein humorvolles Tier, das ich persönlich kenne. Ich glaube aber, dass Papageien Humor haben. Die lernen doch oft Türklingeln und Handy-Klingeltöne zu imitieren und sehen dann zu, wie ihre Besitzer:innen zur Tür rennen oder nach dem Handy suchen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die das nicht lustig finden.

Möchten Sie das absolute Gedächtnis?

Auf keinen Fall.

Möchten Sie unsterblich sein?

Vielleicht. Aber eigentlich nur in Begleitung meiner Freunde und meiner Familie. Das Problem ist, dass die dann sicher auch ihre Familie dabeihaben wollen usw. und dann müsste im Endeffekt über sieben Ecken die gesamte Weltbevölkerung unsterblich sein. Das würde wohl nicht klappen.

Träumen sie moralisch?

Ich denke schon. Schade eigentlich.

Wem empfehlen Sie, sich zu betrinken?

Menschen, die verliebt sind.

Wofür sind Sie dankbar?

Für alle Tage, an denen man zufrieden einschläft.

Mia Oberländer ist künstlerische Leiterin des Comicfestivals Hamburg. Das Festival existiert seit 2006 und fand vom 1. bis 3. Oktober 2021 nach einer Corona-bedingten Pause wieder statt.

Max Frisch: „Fragebogen. Erweiterte Ausgabe“, Suhrkamp, 127 Seiten, 10 Euro


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Max Frisch fragt … Norbert Gstrein

Autoren der Gegenwart antworten auf den berühmten Fragebogen von Max Frisch. Dieses Mal antwortet der Autor Norbert Gstrein. In seinem neuen Roman „Der zweite Jakob“ (Hanser, 448 Seiten, 25 Euro) wird der Protagonist mit einer unangenehmen Frage konfrontiert: „Was ist das Schlimmste, das du je getan hast?“

 

Sind Sie ein Moralist?

Das würde mich und andere überfordern. Mein Problem ist, dass ich mir selbst in der Rolle nicht einmal die Wahrheit glauben würde.

Wissen Sie, woher Sie die moralischen Gesichtspunkte haben, d.h. wessen Interessen die betreffende Moral schützt?

Mit der entsprechenden Hardware auf die Welt gekommen, von Schulen, Literatur und wohl auch Religion mit Software versorgt. Wenn ich alles glauben würde, was man mir gesagt hat, und alle Vorgaben erfüllen würde, wäre das ein Problem. Dann denke ich aber immer, dass ich niemanden darum gebeten habe, geboren zu werden, und allein dadurch das Recht auf ein paar kräftige Verstöße gegen die guten Sitten habe.

Wenn Sie erkennen, dass Sie in einer amoralischen Gesellschaft leben: befriedigt es Sie, dass wenigstens Sie sich moralisch verhalten?

Es geht mir eher umgekehrt: Wenn ich erkenne, dass ich in einer Gesellschaft mit hohen moralischen Ansprüchen lebe, bin ich froh, dass ich wenigstens in der Literatur dagegen verstoßen kann. Aber manchmal geht es selbst da nicht mehr, und Sie werden für Gedanken haftbar gemacht, die nicht einmal Ihre Gedanken sind, sondern die Ihrer Figuren.

 

„Zu wenig zu leben, zu wenig zu lieben“

 

Haben Sie amoralische Einfälle?

Ich habe als Achtzehnjähriger „Atlas wirft die Welt ab“ von Ayn Rand gelesen. Das ist ein durch und durch amoralisches Buch. Die „Starken“ beschließen, die Welt zu verlassen und die „Schwachen“ in ihrem Elend zurückzulassen. Es gibt Tage, an denen ich die Zeitungen lese und vom Stillstand mancher Diskussionen so betrübt bin, dass ich denke, ich würde mit ihnen kommen, und mich selbstverständlich im nächsten Augenblick für diesen Gedanken geisele.

Angenommen, Sie entwickeln eine Erfindung, die das öffentliche Lügen unmöglich macht: wen können Sie sich als Geldgeber für Ihre kühne Forschung vorstellen?

Karl Lauterbach und die noch zu gründende Lauterbach Foundation, aber nur, falls die ein paar kleine Notlügen erlauben.

Was könnten Sie sich nicht verzeihen?

Zu wenig zu leben, zu wenig zu lieben. Schlechte Bücher zu schreiben. Zugeben zu müssen, dass mir Max Frisch, dem ich einmal begegnet bin und den ich als sehr gewitzten, sehr generösen, sehr klugen Menschen erlebt habe, inzwischen manchmal sehr auf die Nerven geht mit seiner schweizerischen Schülermoral.

Max Frisch: „Fragebogen. Erweiterte Ausgabe“, Suhrkamp, 127 Seiten, 10 Euro


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Max Frisch „Fragebogen“: Christian Baron antwortet

Autoren der Gegenwart antworten auf den berühmten Fragebogen von Max Frisch. Dieses Mal antwortet Christian Baron, Autor des preisgekrönten Romans „Ein Mann seiner Klasse“ 

Wenn Sie einen Menschen in der Badehose treffen und nichts von seinen Lebensverhältnissen wissen: woran erkennen Sie nach einigem Gespräch (nicht über Geld) trotzallem den Reichen?

Gehen wir von einem Menschen fortgeschrittenen Alters aus: Je glatter das Gesicht, umso wahrscheinlicher ist es, dass es sich um eine Person ohne materielle Sorgen handelt. Denn Falten kommen vom Nachdenken und Grübeln, wozu Reiche in der Regel keinen Anlass haben.

Da zwar ein Recht auf Eigentum besteht, aber erst in Kraft tritt, wenn Eigentum vorhanden ist: könnten Sie es irgendwie verstehen, wenn die Mehrheit Ihrer Landsleute, um ihr Recht in Kraft zu setzen, Sie eines Tages enteignen würde?

Nicht, wenn es um „der Oma ihr klein Häuschen“ geht. Zu mehr Reichtum will und werde ich es nie bringen. Es gibt auf Erden eine obszöne Ungleichheit. Die 85 reichsten Milliardäre besitzen genau so viele Vermögenswerte wie 3,5 Milliarden Personen. Das muss sich ändern. Ich würde da aber nicht von Enteignung sprechen, weil konzentrierter Reichtum bereits auf einer Enteignung der Gesellschaft beruht. Es wäre also eher eine Vergemeinschaftung.

Gibt es einen klassenlosen Humor?

In einer Klassengesellschaft macht es einen Unterschied, wer über wen lacht. Ich halte es mit Harald Schmidt: „Keine Witze über Leute, die weniger als 10.000 Euro im Monat verdienen.“ Kurt Tucholsky schrieb, Satire gewinne ihre Daseinsberechtigung dadurch, dass sie es wage, „dem dicken Kraken“ an den Leib zu gehen. Damit meint er den Kapitalismus. Guter Humor funktioniert also „von unten nach oben“, niemals aber „von oben nach unten“.

Was bezeichnen Sie als männlich?

Meine erste Assoziation: mit hinter dem Rücken verschränkten Armen spazieren zu gehen. Ansonsten habe ich meiner lebensklugen Tante zu verdanken, dass ich mich lieber damit beschäftige, was „menschlich“ ist als mit dem, was als „männlich“ gilt. Und noch etwas hat sie mich gelehrt: Viele gemeinhin als „unmännlich“ und „Schwächen“ titulierten Eigenschaften sind aus humanistischer Sicht große Stärken.

Wen, der tot ist, möchten Sie wiedersehen?

Meinen Vater habe ich damals nicht auf dem Sterbebett besucht. Diesen verpassten Abschied würde ich für ihn und für mich gern nachholen – und bei dieser Gelegenheit meinen Frieden machen mit diesem Mann.

Wenn Sie an Verstorbene denken: wünschten Sie, daß der Verstorbene zu Ihnen spricht, oder möchten Sie lieber dem Verstorbenen noch etwas sagen?

Ich wüsste unheimlich gern, was meine viel zu früh verstorbenen Eltern an mir als Erwachsenem zu kritisieren hätten.

Max Frisch: „Fragebogen“, Suhrkamp, 96 Seiten 

Christian Baron: „Ein Mann seiner Klasse“, Claassen, 288 Seiten 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Max Frisch fragt… Sascha Leirich

In unserer Reihe „Max Frisch fragt…“ kommt der alte Meister der Literatur mit den Wortkünstlern der Gegenwart ins Gespräch. Diesmal mit Sascha Leirich, der gerade seinen Debütroman „Adrians Auftrag” über einen freiberuflichen Hamburger Werbetexter herausgebracht hat.

Max Frisch: Was bezeichnen Sie als männlich?

Sascha Leirich: In solchen Kategorien denke ich persönlich nicht. Aber meine Romanfigur Adrian weist gewisse machoeske Züge auf – bis er mit der hässlichen Fratze der Realität konfrontiert wird.

Wenn Sie an Verstorbene denken, wünschten Sie, dass der Verstorbene zu ihnen spricht, oder möchten Sie lieber dem Verstorbenen noch etwas sagen?

Wenn ich tot bin, möchte ich meine Ruhe haben! Deshalb sollen mich die Toten zu Lebzeiten gefälligst in Ruhe lassen.

Wie stellen Sie sich Armut vor?

Teuer!

Warum müssen wir die Frauen nicht verstehen?

Weil dieses Verständnis Liebe voraussetzt. Und die Liebe ist der fünfte Reiter der Apokalypse.

Interview: Jenny V. Wirschky

Foto: Tanja Leirich

Sascha Leirich: Adrians Auftrag, Saga Egmont, 180 Seiten, 9 Euro. 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Dezember 2017. Das Magazin ist seit 28. November  2017 am Kiosk und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!