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Max Frisch fragt … Norbert Gstrein

Autoren der Gegenwart antworten auf den berühmten Fragebogen von Max Frisch. Dieses Mal antwortet der Autor Norbert Gstrein. In seinem neuen Roman „Der zweite Jakob“ (Hanser, 448 Seiten, 25 Euro) wird der Protagonist mit einer unangenehmen Frage konfrontiert: „Was ist das Schlimmste, das du je getan hast?“

 

Sind Sie ein Moralist?

Das würde mich und andere überfordern. Mein Problem ist, dass ich mir selbst in der Rolle nicht einmal die Wahrheit glauben würde.

Wissen Sie, woher Sie die moralischen Gesichtspunkte haben, d.h. wessen Interessen die betreffende Moral schützt?

Mit der entsprechenden Hardware auf die Welt gekommen, von Schulen, Literatur und wohl auch Religion mit Software versorgt. Wenn ich alles glauben würde, was man mir gesagt hat, und alle Vorgaben erfüllen würde, wäre das ein Problem. Dann denke ich aber immer, dass ich niemanden darum gebeten habe, geboren zu werden, und allein dadurch das Recht auf ein paar kräftige Verstöße gegen die guten Sitten habe.

Wenn Sie erkennen, dass Sie in einer amoralischen Gesellschaft leben: befriedigt es Sie, dass wenigstens Sie sich moralisch verhalten?

Es geht mir eher umgekehrt: Wenn ich erkenne, dass ich in einer Gesellschaft mit hohen moralischen Ansprüchen lebe, bin ich froh, dass ich wenigstens in der Literatur dagegen verstoßen kann. Aber manchmal geht es selbst da nicht mehr, und Sie werden für Gedanken haftbar gemacht, die nicht einmal Ihre Gedanken sind, sondern die Ihrer Figuren.

 

„Zu wenig zu leben, zu wenig zu lieben“

 

Haben Sie amoralische Einfälle?

Ich habe als Achtzehnjähriger „Atlas wirft die Welt ab“ von Ayn Rand gelesen. Das ist ein durch und durch amoralisches Buch. Die „Starken“ beschließen, die Welt zu verlassen und die „Schwachen“ in ihrem Elend zurückzulassen. Es gibt Tage, an denen ich die Zeitungen lese und vom Stillstand mancher Diskussionen so betrübt bin, dass ich denke, ich würde mit ihnen kommen, und mich selbstverständlich im nächsten Augenblick für diesen Gedanken geisele.

Angenommen, Sie entwickeln eine Erfindung, die das öffentliche Lügen unmöglich macht: wen können Sie sich als Geldgeber für Ihre kühne Forschung vorstellen?

Karl Lauterbach und die noch zu gründende Lauterbach Foundation, aber nur, falls die ein paar kleine Notlügen erlauben.

Was könnten Sie sich nicht verzeihen?

Zu wenig zu leben, zu wenig zu lieben. Schlechte Bücher zu schreiben. Zugeben zu müssen, dass mir Max Frisch, dem ich einmal begegnet bin und den ich als sehr gewitzten, sehr generösen, sehr klugen Menschen erlebt habe, inzwischen manchmal sehr auf die Nerven geht mit seiner schweizerischen Schülermoral.

Max Frisch: „Fragebogen. Erweiterte Ausgabe“, Suhrkamp, 127 Seiten, 10 Euro


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Max Frisch „Fragebogen“: Christian Baron antwortet

Autoren der Gegenwart antworten auf den berühmten Fragebogen von Max Frisch. Dieses Mal antwortet Christian Baron, Autor des preisgekrönten Romans „Ein Mann seiner Klasse“ 

Wenn Sie einen Menschen in der Badehose treffen und nichts von seinen Lebensverhältnissen wissen: woran erkennen Sie nach einigem Gespräch (nicht über Geld) trotzallem den Reichen?

Gehen wir von einem Menschen fortgeschrittenen Alters aus: Je glatter das Gesicht, umso wahrscheinlicher ist es, dass es sich um eine Person ohne materielle Sorgen handelt. Denn Falten kommen vom Nachdenken und Grübeln, wozu Reiche in der Regel keinen Anlass haben.

Da zwar ein Recht auf Eigentum besteht, aber erst in Kraft tritt, wenn Eigentum vorhanden ist: könnten Sie es irgendwie verstehen, wenn die Mehrheit Ihrer Landsleute, um ihr Recht in Kraft zu setzen, Sie eines Tages enteignen würde?

Nicht, wenn es um „der Oma ihr klein Häuschen“ geht. Zu mehr Reichtum will und werde ich es nie bringen. Es gibt auf Erden eine obszöne Ungleichheit. Die 85 reichsten Milliardäre besitzen genau so viele Vermögenswerte wie 3,5 Milliarden Personen. Das muss sich ändern. Ich würde da aber nicht von Enteignung sprechen, weil konzentrierter Reichtum bereits auf einer Enteignung der Gesellschaft beruht. Es wäre also eher eine Vergemeinschaftung.

Gibt es einen klassenlosen Humor?

In einer Klassengesellschaft macht es einen Unterschied, wer über wen lacht. Ich halte es mit Harald Schmidt: „Keine Witze über Leute, die weniger als 10.000 Euro im Monat verdienen.“ Kurt Tucholsky schrieb, Satire gewinne ihre Daseinsberechtigung dadurch, dass sie es wage, „dem dicken Kraken“ an den Leib zu gehen. Damit meint er den Kapitalismus. Guter Humor funktioniert also „von unten nach oben“, niemals aber „von oben nach unten“.

Was bezeichnen Sie als männlich?

Meine erste Assoziation: mit hinter dem Rücken verschränkten Armen spazieren zu gehen. Ansonsten habe ich meiner lebensklugen Tante zu verdanken, dass ich mich lieber damit beschäftige, was „menschlich“ ist als mit dem, was als „männlich“ gilt. Und noch etwas hat sie mich gelehrt: Viele gemeinhin als „unmännlich“ und „Schwächen“ titulierten Eigenschaften sind aus humanistischer Sicht große Stärken.

Wen, der tot ist, möchten Sie wiedersehen?

Meinen Vater habe ich damals nicht auf dem Sterbebett besucht. Diesen verpassten Abschied würde ich für ihn und für mich gern nachholen – und bei dieser Gelegenheit meinen Frieden machen mit diesem Mann.

Wenn Sie an Verstorbene denken: wünschten Sie, daß der Verstorbene zu Ihnen spricht, oder möchten Sie lieber dem Verstorbenen noch etwas sagen?

Ich wüsste unheimlich gern, was meine viel zu früh verstorbenen Eltern an mir als Erwachsenem zu kritisieren hätten.

Max Frisch: „Fragebogen“, Suhrkamp, 96 Seiten 

Christian Baron: „Ein Mann seiner Klasse“, Claassen, 288 Seiten 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Max Frisch fragt… Sascha Leirich

In unserer Reihe „Max Frisch fragt…“ kommt der alte Meister der Literatur mit den Wortkünstlern der Gegenwart ins Gespräch. Diesmal mit Sascha Leirich, der gerade seinen Debütroman „Adrians Auftrag” über einen freiberuflichen Hamburger Werbetexter herausgebracht hat.

Max Frisch: Was bezeichnen Sie als männlich?

Sascha Leirich: In solchen Kategorien denke ich persönlich nicht. Aber meine Romanfigur Adrian weist gewisse machoeske Züge auf – bis er mit der hässlichen Fratze der Realität konfrontiert wird.

Wenn Sie an Verstorbene denken, wünschten Sie, dass der Verstorbene zu ihnen spricht, oder möchten Sie lieber dem Verstorbenen noch etwas sagen?

Wenn ich tot bin, möchte ich meine Ruhe haben! Deshalb sollen mich die Toten zu Lebzeiten gefälligst in Ruhe lassen.

Wie stellen Sie sich Armut vor?

Teuer!

Warum müssen wir die Frauen nicht verstehen?

Weil dieses Verständnis Liebe voraussetzt. Und die Liebe ist der fünfte Reiter der Apokalypse.

Interview: Jenny V. Wirschky

Foto: Tanja Leirich

Sascha Leirich: Adrians Auftrag, Saga Egmont, 180 Seiten, 9 Euro. 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Dezember 2017. Das Magazin ist seit 28. November  2017 am Kiosk und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!